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Die Wahrheit · 1934-11-02 · Heft 44 (2.11.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 44 (2.11.1934)
Date
1934-11-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 die demokratische Freiheit in Rußland kämpfende Partei zu diskreditieren. Nach seinen Kenntnissen über Rußland müßten die „Protokolle" als Machenschaft der geheimen politischen Polizei (Ochrana), die sich mit derlei Fälschungen zu politischen Zwecken befaßte, bewertet werdea Der Zeuge hat seinerzeit in Paris eine Liga zur Bekämpfung des nissischen Antisemitismus gegründet. Es folgte die Einvernahme des Führers der bürgerlich-demokratischen Bewegung in der Zarenzeit und Ministers des Aeußern in der Revolutionsregierung Kerenski, Professor Paul Miliukow. Miljukow lebt gegenwärtig als Journalist und Wissenschaftler in Paris und gibt dort die russische demokratische Tageszeitung „Posledni Novosti" heraus. Miljukow erklärte: Keineswegs organisierten die Juden etwa die russische Revolution. Sie machten etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung Rußlands aus und beteiligten sich in entsprechendem Maße an russischen politischen Bewegungen. Die Quelle der „Protokolle" ist nachweisbar der Dialogue aux enfers von Maurice Joly, der arischer Abstammung war und angebliche Weltherrschaftspläne Napoleons III. dialogisch karikierte. Die „Protokolle" wurden mehrmals niedergeschrieben. Das Niveau der satirischen Schrift von Joly ist etwas zu hoch für das Publikum, für das die „Protokolle" bestimmt waren, und auch für die Fälscher selbst. Deshalb wurden Stil und Darstellung vergröbert. An die Stelle Napoleons traten die „Weisen von Zion". Der Text stamme nicht von Nilus. Der nächste Zeuge, der frühere rumänische Deputierte und Senator, Dr. Mayer Ebner, Czernowitz, hat als Delegierter dem I. Zionistenkongreß 1897 in Basel beigewohnt und hat ausnahmslos an allen Verhandlungen teilgenommen. Erörtert wurde die Lage der Juden in der ganzen Welt Man verhandelte über die Ansiiedlung von Juden in Palästina und die Schaffung eines öffentlich-rechtlich geschützten Gemeinwesens. Geheime Sitzungen und geheime Protokolle gab es nicht. Sodann wurde Erster Justizrat Dr. Bodenheimer (früher Köln, jetzt Amsterdam) verhört. Er hat am ersten Zionistenkongreß teilgenommen und erklärt, daß dem Kongreß, der im städtischen Kasino abgehalten wurde, eine Beratung in der Burgvogtei voranging. Diese Beratung war vertraulich. Es handelte sich dabei um einen Streit zwischen der Richtung, die Palästina besiedeln wollte, und Theodor HerzI, der das Gebiet für die Juden auf politische Weise erhalten wollte. Der Oberrabiner von Stockholm, Dr. Markus Ehrenpreis, tritt als Zeuge auf. Er war Teilnehmer am I. Zionistenkongreß vom Jahre 1897 in Basel und war auch bei den Vorbereitungsarbeiten durch Theodor HerzI in Wien zugegen. Auf dem Kongreß fungierte er als Schriftführer. Er gibt das Originalprotokoll des Kongresses von 1897 zu den Akten und erklärt, ein anderes Protokoll habe es nie gegeben. Man habe im übrigen beschlossen, das gesamte stenographische Protokoll zu veröffentlichen. Weder Theodor HerzI, noch Achad Haam könnten ein so schäbiges Machwerk wie die „Protokolle" geschrieben haben. Dieser Prozeß, schloß Ehrenpreis, sei nicht bloß ein Prozeß des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes gegen die Nationalsozialisten, sondern ein Prozeß der sechzehn Millionen Juden gegen ihre Ehrabschneider. Der schweizerische Nationalrat Dr. Farbstein. Zürich. war ebenfalls Teilnehmer am Zionistenkongreß in Basel 1897. Er bestätigt die Echtheit des von der schweizerischen Landesbibliothek seitens des Gerichtes ausgeliehenen offiziellen Protokolls; andere Protokolle habe es nicht gegeben. Direktor Tobler. Bern. ein Nichtjude, gibt Auskunft über die den Freimaurern in den „Protokollen" unterschobenen Absichten. Die Freimaurerei, erklärte er, habe in keiner Weise Beziehung zur zionistischen Bewegung. Die nächsten zwei Zeugen, zwei christliche Stenographen auf dem ersten Zionistenkongreß, Herr Sieber und Dr. Hermann Dietrich, wissen nichts von Geheimsitzungen. Beide haben die ganze Zeit mitstenographiert und müßten etwas von Geheimsitzungen gemerkt haben. Der nächste Zeuge, früher Redakteur der „Baseler Nachrichten", Dr. Zoller, ein alter Herr, sagt aus, er sei mit vielen Kollegen Berichterstatter für den damaligen Zionistenkongreß gewesen. Er und seine Kollegen waren klug genug, um feststellen zu können, ob es Geheimsitzungen gegeben habe. Schließlich wäre dies auch unmöglich.gewesen, denn es sollen 24 geheime Sitzungen stattgefunden haben, also acht an jedem Tag, da der erste Zionistenkongreß nur drei Tage gedauert habe. Als nächster Zeuge wird nochmals Swiatikow verhört und ihm Originalakte aus dem Petersburger und Moskauer Polizeiarchiv vorgelegt, die dem Gericht zur Verfügung stehen und offenbar jetzt aus Sowjetrußland gebracht wurden. Swiatikow, der diese Dokumente studierte, bezeichnete sie als echt und aus dem Polizeiarchiv der zaristischen Regierung stammend. Er erklärt hierzu, daß bis zum Jahre 1905 jedes in Rußland erscheinende Werk einen Zensurvermerk bezüglich der Erlaubnis des Erscheinens des Buches tragen mußte. Auch das Werk von Nilus unterlag der Zensur. Der Beamte, der das Buch zu prüfen hatte, hegte Bedenken gegen seine Veröffentlichung, die seiner Meinung nach Pogrome im Gefolge haben konnten. Ser Leiter der Zensur hatte aber aus Petersburg die Weisung erhalten, das Buch ver öffentlichen zu lassen. Es wurde lediglich folgender Satz gestrichen: „Wir müssen Künstlerinnen und Tänzerinnen jüdischer Abstammung dazu veranlassen, daß sie die nichtjüdische Welt bezaubern und so Einfluß üben Solche Künstlerinnen sind z. B. Sarah Bernhard und die Tänzerin Saharet" Dieser Satz wurde gestrichen und die Veröffentlichung des Buches gestattet. Der letzte Zeuge Alfred Zander, ehemals Redakteur der nationalsozialistischen Zeitung „Der eiserne Besen", meint, daß die Protokolle doch echt sein müssen, weil bisher noch kein richterliches Urteil sie als falsch erklärt habe. Aus der Bemerkung des Experten, die Protokolle seien doch dem Buch des Maurice Joly nachgebildet, meint Zander, Joly sei vielleicht auch Jude gewesen. Darauf nun legt der Rechtsanwalt der Privatbeteiligten den Taufschein des Joly vor. Der Prozeß abgebrochen und vertasrt Der Prozeß wurde am Mittwoch, den 31. Oktober, nach der Einvernahme des gerichtlich bestellten Sachverständigen C. A. Loosli, auf dessen sensationelles Gutachten wir. wie auf den Prozeß überhaupt noch zurückkommen werden, abgebrochen und vertagt. Das Gericht hatte einem Beweisergänzungsantrag der Beklagten stattgegeben, obwohl von seiten der Privatklägerschaft festgestellt wurde, daß die Beklagten schon nach dem ersten Termin Gelegenheit gehabt hätten, einen Experten zu bestimmen. Die Forderung der Beklagten sei unter diesen Umständen eine Verschleppung. Der Experte Prof. Dr. Baumgarten bedauerte mit Recht lebhaft, daß dieser Prozeß nun denn doch nicht zu Ende geführt werden könne. Der frische Eindruck der Beweisaufnahme sei verloren. Der Vorsitzende schlug dem Anwalte der Beklagten vor, dem Gerichte binnen vier Tagen die Verbindlichkeit des Expertenvorschlages zu melden. Für den Fall, daß der Experte annimmt, sol- Das bestbekannte T£2 Restaurant Hotel Stefanie II., TabarstraBe 12 - Tal. R 46-5-5? «mpfieblt seine reichhaltige Speisenauswahl. Meuü von S 1.6 0 a Speisen am Rost. Täelich Irische Fische. Erstklassige Bedienunga len ihm die Akten während einer einmonatigen Frist zur Verfügung gestellt werden. Damit wurden die Verhandlungen abgebrochen. * * * Von geschätzter Seite gehen uns anläßlich des sensationellen Prozesses folgende Hinweise zu: Die eine Quelle der „Protokolle der Weisen von Zion", der Roman „B i a r r i t z", ist nicht das Werk eines englischen Autors, sondern stammt von Hermann Goedsche, einem deutschen Literaten und ist 1868 erschienen; dieser Goedsche schrieb unter dem Pseudonym „Sir John Retc 1 iffe". Undankbar wäre es, bei dieser wichtigen Gelegenheit nicht auch zu erwähnen, daß Binjamin Segel einer derjenigen war, denen das Hauptverdienst an der Entlarvung der Fälschung beizumessen ist. Segel, der auch Mitarbeiter unseres Blattes war, hat bekanntlich in den letzten Jahren seines Lebens in Wien gelebt. Jüdische Vertreter im Staats- und Bundeskulturrat. Der Bundespräsident hat mit Entschließung vom 31. Oktober 1934 berufen: In den Staatsrat den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Desider Friedmann; in den Bundeskulturrat Hof rat Dr. S. Frankfurter. „Im Auslegen seid frisch und munter!" Aus Altmeisters Goethe „Zahme Xenien*4 kennen wir das sarkastische Wort: „Im Ausle- 1 egen seid frisch und munter! Legt ihr's nicht aus, so legt was unter". Im allgemeinen erfreut sich der humanistische Weltbürger Goethe durchaus nicht der Sympathien der nationalsozialistischen Macher, denn nichts widersprach dem Geiste eines Goethe mehr als engstirniger Nationalismus oder gar rassistischer Blutmythos. Doch seine obzitierte Empfehlung an Verleumder und Verdreher haben sie sich gründlich zu eigen ge- Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern macht, nach dem glorreichen Vorbilde der zünftigen Antisemiten aller Zeiten. Man braucht erst gar nicht auf die ebenso lächerlichen wie erfolgreichen Verleumdungen zu verweisen, die die von den Nazis ausgegrabenen „Protokolle der Weisen von Zion" enthalten. Es genügt doch ein Hinweis auf unsere zeitgenössische „Literatur", ja auf die antisemitische Tagespresse. So oft sie hiezu Gelegenheit hat — Gott sei dank hat sie sie verhältnismäqig nur selten — beweist sie ihr Talent, „was zu unterlegen". Eine Notiz über einen Juden, der sich gegen das Sittengesetz vergeht, wird in Balkenlettern überschrieben: „Der jüdisuche Moralsumpf", eine Gerichtsverhandlung über einen jüdischen Kridatar erhält die „unterlegende" Charakterisierung durch die ■M^^H^M^^^^^^MH^^H^^M^MM^^^^H^^^^^^^M^^MMm^ Sprech-Kurse der „Union". Die „Union" veranstaltet auch heuer Sprechkurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Ausbildung für die i r e i e R e d e und für den Sprechchor. Kursleiter: Regisseur Georg Wolf. Interessenten mögen sich melden im Sekretariate der „Union'« (Telephon A 19-2-77), K„ Berggasse 4. Ueberschrift „Jüdische Geschäftspraktiken", die polizeiliche Meldung der Verhaftung eines jüdischen Geschäftemachers wird den hiefür so empfänglichen Lesern signalisiert als „Jüdischer Wuchergeist". Es gibt natürlich nur unter den Juden Leute, die gegen die Gesetze verstoßen. Wie gering, wie tief müssen doch die Schriftleiter dieser Zeitungen, die Kritikfähigkeit, die Urteilskraft ihrer Leserschaft einschätzen! Doch sie scheinen ihre Papen-Heimer (Anmerkung des Setzers: Kein Setzerteufel!) zu kennen, sie scheinen zu wissen, daß die Aussaat ihrer Verleumdungen und „Unterlegungen" auf fruchtbaren, aufnahmsfähigen Boden fällt. Da hat z. B. in der vergangenen Woche in einer Bezirksversammlung der „Union" ein in kommerziellen Fragen besonders versiertes Mitglied des Zentralvorstandes der „Union", Kommerzialrat Alexius Salzer, einen instruktiven Vortrag, den er bereits in einer früheren Veranstaltung gehalten hatte, wiederholt. Sein Vortrag führte den seine vaterländische Tendenz vorweg bezeichnenden Titel: „Arbeit der Juden am wirtschaftlichen Wiederaufbau Oesterreichs". Er zeigte an Hand amtlicher statistischer Daten, in welch hervorragender, hingebungsvoller Art jüdische Fabrikanten und Kaufleute einiger Branchen mit anerkanntem Erfolg sich bemühen, der Geschmacksrichtung ausländischer Märkte Rechnung zu tragen und den Export zu fördern. Er wies nach, daß gerade jene Branchen, in denen jüdische Geschäftsleute in einem verhältnismäßig hohen Prozentsatz tätig sind, die Handelsbilanz in günstigstem Sinne beeinflussen. Er zollte unter lebhaftem Beifall der zahlreichen Versammelten diesen jüdischen Mitbürgern Lob und Anerkennung für ihre Energie und Tüchtigkeit, die in so hohem Maße unserer heimischen Wirtschaft zugute kommen. Der Vortragende zog allerdings aus seinen Darlegungen einen Schluß,, der uns und wohl jedem gerecht Denkenden als selbstverständlich erscheint, der aber, wie nicht anders zu erwarten, einem „betont nationalen" (lies: nationalsozialistisch gesinnten) Wiener Blatte die erwünschte Gelegenheit bot, wieder einmal etwas zu „unterlegen". Komm.-Rat Salzer resümierte seine Ausführungen dahin, daß Infolge des Feiertags erscheint ein Teil unserer heutigen Auflage etwas verspätet

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