Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 44 (2.11.1934)
- Date
- 1934-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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„FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wie» II-, A8pernbrückenqa88e 2_ Tel. R 43-500 Durch Monatsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Stadienbeiträge für Töchter und Söhne Ausstattungsbeitrige für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hobe Versicherungssummen. 3. Keine Wattezeit, daher soiortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unveifallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMtUENSCaUTZ" wird voa der Wiener Kultusgemelnde befürwortet Kompetenz zu einem wirklich sachverständigen Urteil in der Frage der .Protokolle" abgehe. Prof. Dr. Haller betonte dabei, daß seine Demission keineswegs so aufgefaßt werden möge, daß ihm irgendwelche Zweifel aufgestiegen wären an der Tatsache, daß die „Protokolle" eine Fälschung darstellen. Er sei im Gegenteil überzeugt, daß der Beweis der Fälschung der Protokolle geliefert werden könne und müsse. Die Klägerschaft bezeichnete daraufhin als ihren Experten den Professor an der juristischen Fakultät der Universität Basel Dr. Arthur Baumgarten, der das Amt annahm. Hingegen konnte der von den Beklagten genannte Experte Pastor Münchmeyer in Oldenburg durch die deutsche Post nicht aufgefunden werden. Trotz der Bemühungen des Gerichtspräsidenten konnte für die Angeklagten bis zum Beginn des Prozesses von Amts wegen kein Experte gefunden werden. Am Montag begann das Gericht mit der Vernehmung aer von der Klägerschaft geführten Zeugen. Als erster wurde Prot Dr. Chaim Weizmann. früher Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, vernommen. Seine Bekundungen machten tiefen Eindruck auf die Zuhörerschaft Weizmann schilderte die Lage und die Stimmung der Weltjudenheit in der Epoche vor dem I. Zionistenkongreß 1897 und die Umstände, die Herzl und die anderen zionistischen Führer veranlaßten, den Kongreß nach Basel einzuberufen. Wie weit entfernt waren die Gedanken und Interessen der Juden der damaligen Zeit von den irrsinnigen Plänen, wie sie in dem Machwerk „Protokolle der Weisen von Zion" entwickelt werden! Weizmann gab einen kurzen Abriß der auf dem Zionistenkongreß in Basel 1897 diskutierten Fragen und angenommenen Beschlüsse und erklärte, daß ein Plan zur Erringung der Weltherrschaft durch die Juden in keiner wie immer gearteten Weise zur Sprache kam. Niemals je hat es ei ne internationale Judenorganisation mit machthaberischen Plänen gegeben. Nichts sei lächerlicher, als den vornehmen Denker Achad Haam, den er, Weizmann, persönlich gut gekannt hat, mit der Autorschaft der „Protokolle" in Zusammenhang zu bringen, wie dies in der Einleitung zu den „Protokollen" geschieht Der Zeuge erklärte weiters, er kenne sehr gut das Verhandlungsprotokoll von 1897, das von jedem in der schweizerischen Landesbibliothek eingesehen werden könne. Weizmann schloß, es sei eine grausame Ironie, die Juden als die Urheber des russischen Bolschewismus zu bezeichnen, wo doch die Juden im heutigen Rußland zu den deklassierten Volksschichten gehören. Der zweite Zeuge, Comte du ChayJa. der früher in der. russischen Armee kämpfte, machte 1909 die Bekanntschaft des „Professors" N i 1 u s, der als der russische Herausgeber der „Protokolle" fungierte. Der Zeuge hatte Einsicht in die „Protokolle" genommen, bevor sie gedruckt waren. Nilus hatte seinerseits das angebliche französische Original auf indirektem Wege vom Chef der russischen Ochrana (zarische Geheimpolizei zur Verfolgung der Revolutionäre), General Rachovsky, erhalten, der erklärte, das Manuskript von Paris nach Rußland gebracht zu haben. Der Zeuge hatte den Eindruck, daß NilusoftselbstZweifel an der Echtheit der „Protokolle" hatte. Zweck der Verbreitung der „Protokolle" war, Nikolaus II. zu einer antijüdischen und reaktionären Politik zu bewegen. AI dritter Zeuge erschien der in Paris lebende russische Schriftsteller und Historiker Sergius Svatikow. Der Zeuge las die „Protokolle" im Jahre 1905 in der russischen Ausgabe des Sergius Nilus. 1917 hatte er als Mitglied der provisorischen Regierung den Auftrag, die Ochrana zu liquidieren. Da erfuhr er weitere Details über die „Protokolle" von einem Kenner der russischen Geheimpolizei namens Heinrich Bind, der früher unter General Rachovsky arbeitete. Bind bekam von Rachovsky verschiedene Befehle, falsche Dokumente herzustellen, insbesondere gefälschte Texte revolutionärer Schriften. Bind wußte es bestimmt daß Rachovsky auch die „Geheimnisse der Weisen von Zion" vorbereitet hatte. Die „Protokolle" verfolgten antisemitische Zwecke. Der Urheber ist nach der Aussage Heinrich Binds ein gewisser Golowinsky, ein enger Mitarbeiter Rachovskys. Von Beruf Journalist, arbeitete Golowinsky viel in der Nationalbibliothek, wo er auch die antinapoleonische Schrift des arischen französschen Arztes J o 1 y „Dialogue aux enfers entre Machiavelli et Montesquieu" vorfand und sie bei der Herstellung der „Protokolle" als Rahmen benutzte. Golowinsky hat die gegen Napoleon gemünzten satirischen Uebertreibungen Jolys (Joly mokierte sich über die Weltherrschaftspläne Napoleons III.) in ernsthafte Pläne der Juden umgefälscht. Die „Protokolle" wurden in der russischen Ausgabe des Nilus in großer Auflage verbreitet. Zweck dieser Aktion war, die Schuld an den Oktober-Unruhen und am Bürgerkrieg den Juden zuzuschreiben. Der Zeuge Svatikow erklärte, er habe früher der menschewistischen Fraktion angehört, jetzt sei er republikanischer Demokrat. Der vierte Zeuge, Wladimir Burzew. einer der besten Kenner der russischen revolutionären Bewegung, erhielt vor 30 Jahren Kenntnis von den „Protokollen", er hielt sie sofort für eine Fälschung. Rachovsky selbst, sagte Burzew, kannte ich nicht, doch wußte ich von seiner Fälschertätigkeit. Heinrich Bind kannte ich persönlich. Lpbuchin, früher Polizeidirektor, erklärte mir, wie die ,jPrötokolle" gefälscht wurden. Lobuchin wurde darauf be.s t na f t und seines Amtes enthoben. Die Kollegen Lobuchins. bestätigten dessen Aussagen in vollem Umfange. Urheber der gefälschten „Protokolle" waren nach einer Version Rachovsky und Golowinsky. Nilus war ein Mittelding zwischen Fälscher und Fanatiker, er wußte um die Fälschung, machte aber dennoch Gebrauch von ihr. Der Zar hat, als er von der Fälschung erfuhr, den Gebrauch der „Protokolle" verboten. Sie wurden aber dennoch weiter verbreitet Ueber die Haltung des Zaren informierte mich General GIobitschow, der behauptete, die „Protokolle" seien in den Jahren 1896 bis 1900 gefälscht worden. In einer amtlich angestellten Untersuchung hat Rachovsky selbst zugegeben, daß die „Protokolle" gefälscht seien. Jugendgruppe der Union österreichischer Juden. Sekretariat: IX., Berggasse 4. _ Tel A19-2-77 Einladung , zu dem am" Dienstag, den 6. November, 8 Uhr abends, im Festsaal des Handelsmuseums, IX., Berggasse 4 stattfindenden LICHTBILDERVORTRAG des Herrn Prof. Dr. Max Eisler über „Das jüdische Jahr und die Kunst." Achtung! Samstag, den 10. November, ^9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, I., Schwedenplatz 1. Unterhaltungsabend der Jugendgruppe, Akademie mit hervorragenden Kunstkräften und Tanz (erstklassige Jazz). Gäste willkommen! Karten im Vorverkauf zu S 1.50 bei allen Komiteemitgliedern und im Sekretariat der „Union" erhältlich. Um zahlreichen Besuch unserer Veranstaltungen ersucht das Exekutiv-Komitee der Jugendgruppe. Dar fünfte Zeuge, der 50jährige hervorragende Historiker Boris Nikolajewsky. befaßte sich mit der in der Einleitung zu den „Protokollen" aufgestellten Behauptung, daß ein Jude namens Schapiro die „Protokolle" aus einem Archiv einer französischen Freimaurerloge in Paris gestohlen habe und daß die „Protokolle" durch Vermittlung einer russischen Agentin nach Rußland kamen. Nikolajewsky war als Historiker der Sache nachgegangen und könne diese Behauptungen als Hirngespinste bezeichnen. In jüdischen Kreisen war keine besondere Sympathie für den Bolschewismus vorhanden. In der neuesten Zeit gibt es unter den Bolschewisten nur zwei bis drei jüdische Führer. Von der russischen Fälschung wurden Ausgaben in deutscher Sprache und in anderen Sprachen gedruckt. Aber alle diese Uebersetzungen seien noch mehr gefälscht. Eine deutsche Urausgabe gibt es nicht. Der Zeuge erklärte auf Befragen des Vorsitzenden, er sei nicht Jude, sondern Russe. Am Dienstag, dem zweiten Verhandlungstag, wurden weitere hervorragende jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten als Zeugen vernommen. Dr. Henri Sliosberg, ehemaliger juristischer Beirat im früheren russischen Innenministerium, sagte aus, die „Protokolle" seien ihm um die Jahrhundertwende in Petersburg als Manuskript zu Gesicht gekommen; er sollte über sie ein Gutachten abgeben. Der Zeuge hatte den Eindruck, die „Protokolle" seien eine lächerliche Fälschung, verfaßt zu dem Zwecke, nicht nur die Juden, sondern auch die für Feuilleton Vom französischen Judentum. Von Felix Stössinger. Vom französischen Judentum hört man wenig. Erst seit einigen Jahren kommen ab und zu Berichte in die deutsch geschriebene Presse, durch die man an seine Existenz erinnert wird. Das ist eine schwere Unterlassung; denn das französische Judentum hat dem mittel- und osteuropäischen viel zu sagen. Es ist aber auch eine Unterlassung Frankreich gegenüber, in dem das Judentum und die Beziehung der Geistigen zum Juden eine ganz besondere Bedeutung haben. Von all dem hört man gewöhnlich nur im negativen Sinne, wie in bezug auf Frankreich überhaupt der Ton einer freundlichen Herablassung immer wieder anzutreffen ist Wenn Undank zu den schwersten Sünden gehört, weil er in einem unversöhnlichen Gegensatz zu dem Gctte steht, der Gutes bis ins tausendste Geschlecht also ewig lohnt so ist er ein umso schwereres moralisches Vergehen einem Lande gegenüber, das den Juden der ganzen Erde die Menschenrechte ohne Einschränkung und Bedingung! gebracht hat. In keinem Lande der Welt sind diese Rechte so restlos gegeben und belassen worden wie in Frankreich. Es gibt aber auch nirgends eine geistige Elite, die dem Judentum ein solches Interesse und ein solches Miterleben bezeugt wie die französische. Franzosen haben in den letzten Jahren die schönsten Bücher über das Judentum geschrieben. Aim6 Pailiiere hat in •dem Unbekannten Heiligtum sich mit wahrer Inbrunst zum Judenrum als Religion bekannt. Das unsagbar elende Leben der Ghetti im Osten, besonders das Leben der Juden in Karpathorußland haben die Brüder That a u d „Im Schatten des Kreuzes" mit einer magischen Versenkung in den Alltag, sein Elend, seine Heiligkeit beschrieben. Die Tharaud sind; besonders den ungarischen und österreichischen Juden gegenüber Antisemiten. Aber die scheuten sich nicht, in die elendsten Dörfer zu gehen, um das gesetzestreue Leben zu beschreiben und verstehen zu können. Sie zogen aus, etwas Häßliches und sogar Abstoßendes zu suchen: aber sie fanden, wie ihr wunderschönes Buch bezeugt, ein geheimes Königtum. Auch Allbert LondTes Buch „Le Juif errant" ist das Zeugnis einer Judenliebe eines Nichtjuden, zu dem ich in keiner Sprache ein Gegenbeispiel kenne. Londres reiste durch die Ghetti der Welt und verfolgte die Juden "bis zu ihrem Ziele am Jordan. Aber schon Georges Clemenceau suchte das Judentum in Galizien auf und beschrieb es in seinen Contes juifs „Am Fuße des Sinai". Heute gibt es eine große französische und französisch-jüdische Romanliteratur, die das Problem des Juden behandelt. Den Roma'nzyklus von Jacques de Lacretelle um die Figur Silbermanns; die Liebesromane von Sarah Levy „Oh mon Goye", in denen eine Jüdin einen Franzosen liebt und sich ihm ganz assimiliert Umgekehrt die Romane von Edmond C a h e n. Eine französische antisemitische Aristokratin verliebt sich im Krieg als Krankenschwester in einen verwundeten Offizier. Da erfährt sie von ihm, daß er Jude ist Sie wird eine Frau Levy. wie jede andere. Aber allmählich entdeckt die Komtesse, daß ihr Mann sich immer mehr assimiliert Daran geht ihre Liebe zu Grunde. Im übrigen ist diese Beziehung des Franzosen zum Juden nicht von gestern. Seit je war sich der Franzose des mediterranen, daher auch jüdischen Ursprungs seiner Gesamtkultur bewußt. Auf der Bühne der Comedie franpaise erscheint in R a c i n e s Athalie der Erste Tempel. Der Dichter Mistral forschte nach allen jüdischen Resten im Provencalischcn und sorgte für die Errichtung einer jüdischen Abteilung im städtischen Museum von Arlätan. Das hohe Niveau des modernen französischen Judentums repräsentieren zwei - neue jüdische Zeitschriften. In Paris erscheinen die „C a h i e r s Juifs" als Zweimonatshefte, eine Gründung des Rabbiners von Alexandria David Prato. Auch hier wie überall1 die ganz bewußte Tendenz zum Orient hin. Unter der Redaktion von Maxime Piha sind sie die modernste und kultivierteste jüdische Zeitschrift geworden, die es gibt, äußerlich großen Kunstzeitschriften ähnlich — und übrigens auch sehr gut mit Werken modferner jüdischer Maler und Plastiker illustriert. Ihre Tendenz drückt der Satz Pihas vollständig aus: Vivre la tete haute. Kopf hoch! Eine von Albert Einstein eingeleitete Sondernummer von fast 300 Seiten Umfang stellt den Anteil der deutschen Juden an der deutschen Zivilisation dar. Alle Wissenschaften und Künste werden von Autoren verschiedener Länder, auch von Nichtjuden, dargestellt Das Resultat ist überwältigend. Was mögen sich die Deutschen denken, wenn sie die Kapitel Mathematik, Naturwissenschaften. Sport lesen? Vor einigen Jahren gab ein Revuechanson darauf die Antwort: „So genau wollen wir das gar nicht wissen". Dann erfährt man von geradezu sensationellen Entdeckungen. Der Jesuitenpater Marcel J o u s s e, ein Schöpfer der anthropologischen Linguistik, hat zu seinem SpezialStudium das Verhältnis des Körperrhythmus zum Sprachstil gemacht. Er entdeckt die Parallelismen zwischen dem Wiegen und Schütteln des jüdischen Lernens mit dem Stil von Thora und Talmud. Er erklärt den Parallelismus der Bibelpoesie aus dem Körperrhythmus der erschütterten Propheten und Rabbi und findet ihn wieder fortgesetzt in der psalmodischen Melodie der jüdischen Rezitation. Wort, Ton, Rhythmus, Gestikulation sind eine Einheit. Ein modernes rhythmisch pädagogisches Institut einer Nichtjüdin in Paris verwendet bereits nach dieser Methode antike jüdische Psalmodien zu einem modernisierten „Lernen". Nicht weniger reichhaltig ist die andere moderne Zeitschrift „La. Revue Juive de Geneve". Ihr Herausgeber Josue J i h o u d a verkündet programmatisch, daß Paris das Weltzentrum des Judentums außerhalb Palästinas werden wird. Und ein katholischer Dichter ruft dort in einem Gedicht in Prosa den Lesern zu: „Israel, erwache!" Dieser Appell aus dem Lande der Menschenrechte enthüllt die besondere geistige Bedeutung «erade der französischen Kultur für ein neues Judentum.