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Die Wahrheit · 1934-10-26 · Heft 43 (26.10.1934) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 43 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Will Ihr Kind alchl essen? Sieht es schlecht aus? Langweilt «s sieht Ist es nervös! Dann schicken Sie es In Tonte Juln's Spiel- und EBstube WIEN XIX., SGHEOARGASSE18 Telephon A 15-8-51 In fröhlicher Kindergemeinschaft unter Führung einer tüchtigen, erfahrenen, psychologisch geschulten Kindergärtnerin wird es sich zu einem heiteren, gesunden Kinde entwickeln Xrztliche Aufsicht — Erstklassige Referenzen — ZeltgentSBe Preise Jugoslawien nicht vorgekommen seien; es hätten sich nur kleine Ausschreitungen von nicht mitteilenswertem Umfang ereignet. Auch sei es nicht richtig, daß das Grandrabbinat Jugoslawiens erklärt hätte, der Attentäter sei nach mohammedanischem Ritus beschnitten; das Grandrabbinat habe sich mit der Sache überhaupt nicht befaßt. Nazis umwerben die Saarjuden. Ein führender Kopf der nationalsozialistischen Gruppe innerhialb der Deutschen Front hat in dieser Woche der Meinung Ausdruck gegeben, es sei nun an der Zeit, daß sich die saarländischen Juden durch den Mund ihrer Führer — genannt wurden zwei bekannte jüdische Juristen — rückhalt- und bedingungslos für die Rückgliederung an Deutschland erklärten. Denn das Judentum sei doch deutsch. Die Unbedingtheit eines solchen Bekenntnisses würde die Situation klären und der Führer werde sich gegebenenfalls durch gewisse Sonderkonzessionen gegenüber den saarländischen Nichtariern zu revanchieren wissen. Die Großmut des Führers (Hitlers) sei bekannt aber die saarländischen Juden müßten sich darüber Rechenschaft geben, was sie erwartet, falls nicht die 97 Prozent der Stimmen, mit denen die Reichsregierung rechnet, für die Rückgliederung in die Urne fallen. Dazu nimmt die bekannte Saarbrückener Wochenschrift „Westland" u. a. wie folgt Stellung: „Die Juden an der Saar sind deutsch, so deutsch wie die Juden im Reich. Sie sind es seit undenklichen Zeiten, sie tragen deutsche Namen und nicht französische wie Herr Pirro und Herr Levacher, die saarländischen Nazifühirer, sie sind auf deutschem Boden geboren, nicht in Aegypten wie Herr Hess oder in Buenos Aires wie Herr Darre, sie sind in Deutschland erzogen, in deutscher Kultur aufgewachsen und nicht in Moskau wie Herr Rosenberg, sie haben für Deutschland vier Jahre lang im Graben gelegen und haben sich nicht von der Front distanziert wie Herr Frick, Herr Goebbels und Herr Kube ... Für die Juden an der Saar hat es weder vor noch nach dem 1. AprU 1933 ein Problem für oder wider Deutschland gegeben. Aber sie stehen vor der Frage: Für oder wider Hitler. Sie sind und bleiben Deutsche. Aber sie wären Narren, wollten sie mit dem Stimmzettel für Deutschland ihr eigenes Todesurteil unterschreiben. Sie wissen, daß Goering für den Fall des Sieges seinen S.A.-Leuten die Straße freigeben wird. Und vielleicht nicht nur für einen Tag. Sie wissen, daß das Konzentrationslager bereits existiert, auf dem Papier sowohl wie in der Person des Kommandanten und der zugehörigen Folterknechte. Sie wissen, daß das Dritte Reich sich bei Katholiken und Juden die Gelder wieder holen wird, die es an der Saar für Propagandazwecke aufwenden mußte. Sie wissen, warum die deutsche 3?eichsregierung schon jetzt erklären läßt, daß sie keine Garantien anerkennen und keine Verpflichtungen eingehen wird. "Die Souveränität des Deutschen Reiches an der Saar bedeutet das freie Spiel der braunen Kräfte mit Gummiknüppel, Ochsenziemer, mit Brandbomben und Maschinengewehren . . . ." Trauerfeier für König Alexander I. Im Türkiseben Tempel veranstaltete am Tage des Begräbnisses des meuchlerisch hingemordeten jugoslawischen Königs die Kolonie der jugoslawischen Juden in Wien -eine Trauerfeier für den «dien Monarchen. Zu dieser solennen Peier waren aber nicht nur die Mitglieder der genannten Landsmannschaft erschienen, sondern auch die Wiener Judenschaft bekundete durch zahlreiches Erscheinen ihre innige Anteilnahme an dem Heimgang des Königs, der seinen jüdischen Untertanen ein wahrer Freund gewesen ist So war denn das wunderschöne Ootteshaus in der Zirkusgasse bis ■auf >das letzte Plätzchen gefüllt. Der Feier wohnte der jugoslawische Gesandte Minister a. D. Dr. Na- ■sta-si-e v ic mit den Herren der Gesandtschaft bei: Für die israelitische Kultusgemeinde erschien Dr. -O-rns-t-ein mit dem Amtsdirektor Reg;-Rat Fuchsgelb und mehreren Vorstandsmitgliedern. Alle namhaften österreichisch-jüdischen Organisationen hatten Vertreter, entsandt. Im Mittelpunkt der Feier stand die überaus würdige Trauerrede des Herrn Oberrabbiners Dr. Taglicht, der den hingemordeten Monarchen als Vater seines Landes und aller Bewohner desselben schilderte und namentlich seinen Gerechtigkeitssinn lobte, der ihn zu einer wahrhaft loyalen Behandlung der Um hochverehrenden jüdischen Bürger Jugoslawiens veranlaßte. Die Trauerfeier wurde nach beiden Riten, dem sephardischen und askenasischen abgehalten. Oberkantor Heinrich F i s c h e r war deshalb um seine Mitwirkung ersucht worden, die wesentlich zu der Würde der solennen Feier beitrug. Nach sephardischem Ritus fungierte Oberkantor Asseo. Die Feier fand ihren Abschluß mit einer schönen Trauerrede des Vizepräsidenten Baruch in serbokroatischer Sprache. Besonders starken Eindruck machten die Vorträge des großen Chors, der unter der hingebungsvollen Leitung des Herrn Oberkantor I. Löwit stand, dem Kurt Fuchsgelb ausgezeichnet an der Orgel assistierte. Hofrat Prof. Dr. S. Frankfurter, der langjährige Direktor der Universitätsbibliothek, feierte dieser Tage sein 25jähriges Jubiläum als Konsulent des Unterrichtsministeriums und war aus diesem Anlaß Gegenstand besonderer Ehrungen. Hofrat Frankfurter, dessen Verdienste um die jüdische Sache allbekannt sind, wurde 1909 vom Unterrichtsminister Grafen Stürgkh als Konsulent des Ministeriums für Angelegenheiten der Mittelschule, das Bibliothekswesen sowie für" jüdische Kultusangelegenheiten berufen. Diese Funktion bekleidet er noch bis heute. Staatssekretär Dr. P e r n t e r hat an den Gelehrten folgendes. Gratulationsschreiben gerichtet: Es sind bereits 25 Jahre verflossen, seit Sie im h. o. Ministerium in der Eigenschaft eines Konsulenten in außerordentlicher Verwendung stehen. Ihren Wirkungskreis als Berater des Ressorts auf verschiedenen Fachgebieten haben Sie infolge ihres umfassenden Wissens und Ihrer großen Sachkenntnis stets zum Besten des öffentlichen Dienstes versehen. Es ist mir daher eine gerne erfüllte Pflicht, Ihnen gelegentlich dieser sich nunmehr auf ein Vierteljahrhundert erstreckenden Dienstleistung den besten Dank und die vollste Anerkennung namens der Unterrichtsverwaltung auszusprechen. Ich verbinde hiemit meüie persönlichen Glückwünsche zu diesem?Jubiläum und verleihe meinem aufrichtigen Wunsche Aüsdrück, daß Sie ein gütiges Geschick in bisheriger körperlicher und geistiger Frische noch länge dem hiSrörtlgeri Ressorf erhalten möge. ,! ' I nofrat Dr. Benjamin nappoport | Am Mittwoch wurde ein hervorragender Mensch und Jude zu Grabe getragen. Hofrat Rappaport, der ein Alter von mehr als neunzig Jähren erreichte, war ein Mann von ungemein glänzenden Fähigkeiten, diel er im österreichischen Staatsdienst bewährte. Er, der Jude, brachte es bis zu dem verantwortungsvollen Amte eines Vizepräsidenten der Finanzprokuratur. Trotz dieser grandiosen Karriere blieb er seiner jüdischen Gemeinschaft innig verbunden und leistete gerne dem an ihn ergangenen Rufe, für sie zu arbeiten, Folge. Im Wiener Kultusvorstand, dem er 23 Jahre lang angehörte, fand er das seinen gediegenen Qualitäten entsprechende Betätigungsfeld, er war Mitglied des Vörtreterkollegiums, dann Vizepräsident, und schließlich Präsident unserer Gemeinde. Sein Wirken in diesen Ehrenämtern sichert ihm ein ehrendes Andenken in der Wiener Judenschaft, deren innigen Dank Präsident Dr. D. Friedmann in kurzen Worten — der immer bescheidene Hofrat Rappaport hatte sich auf seinem letzten Wege jede Ansprache verbeten — verdolmetschte. Auf diesem letzten Weg begleiteten den Heimgegangenen viele prominente Vertreter jüdischer Korporationen, u. a. das gesamte Präsidium der Kultusgemeinde und Prof. Dr. A. Pick. Die kantonale Funktion versah Oberkantor M. Matyas in ergreifender Weise. Der Name Hof rat Rappaport wird in der Geschichte unserer Gemeinde in leuchtenden Lettern festgehalten bleiben. Sprech-Kurse der „Union". Die „Union" veranstaltet auch' heuer Sprechkurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Ausbildung für die freie Red« und für den Sprechchor, Kurslei t er; Regisseur Georg Wolf. Interessenten mögen sich melden im Sekretariate der „Union- (Telephon A 19-2-77), IX, Berggasse '4. Maurus Bloch gestorben. In Prag verstarb dieser Tage im 74. Lebensjahre Sektionschef Maunis Bloch, Leiter des Presse-Departements des Ministerratspräsidiums und als solcher oberster Chef aller Regierungsblätter, die nicht in das Ressort des Außenministeriums gehören. Sektionschef Bloch wurde am 14. Mai 1861 in Ckync bei Prachatitz geboren, widmete sich früh dem Journalistenberuf, gab eine Anzahl Zeitungen in Böhmen heraus, trat 1908 in den Staatsdienst und wurde dem Presse-Departement des Wiener Ministerratspräsidiums zugeteilt, wo er zahlreiche wichtige politische Enunziationen, u. a. das berühmte Manifest Kaiser Franz Josef 1. „Anmeioe Völker" verfaßte. Nach Entstehen der Tschechoslowakischen Republik ging er in seine Heimat zurück und wurde 1919 als Chefredakteur und Stellvertreter des Leiters des Presse-Departements im Ministerratspräsidium eingestellt. In dieser Funktion gab er die „Tschechoslowakische Korrespondenz" heraus. 1932 wurde er Leiter des Presse- Departements. In Presse-Kreisen erfreute er sich hoher Achtung und Sympathie. Von der Begräbnishalle des Prager jüdischen Friedhofes Na OlSanech aus fand am Montag das Begräbnis des Leiters des Pressedepartements des Ministerpräsidiums Moritz Bloch unter zahlreicher Beiteilihmg offizieller Persönlichkeiten, unter ihnen des Ministerpräsidenten Malypetr, der Minister Dr. Meissner und D. Spina, der Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses Stivin und Spatni, des Vizepräsidenten des Senats Dr. Heller, zahlreicher hoher Beamter und Parlamentarier, auch des Sektionschefs der Kanzlei des Präsidenten der Republik, Dr. SchieszU statt. Die Begräbniszeremonien vollzogen Oberrabbiner Doktor Deutsch und Rabbiner Schrecker, der die Trauerrede hielt Senator Pichl und Obersektionsrat Schmoranz Welten Gedenkreden. Versammlungen der „UNION" Am 18. Oktober hielt die Bezirksorganisation VI der „Union" im Cafe Mariahilf unter Vorsitz ihres Obmannes, Herrn Nathan P o 11 a k, eine gut besuchte Versammlung ab, bei welcher Herr Oberbaurat Ing. Ludwig Fischer über „Die Umschichtung durch jüdische Lehrwerkstätten" sprach. Der Redner, der auf eine langjährige Tätigkeit als Fachlehrer an Wiener städtischen Gewerbeschulen zurückblickt, erörterte in fachkundiger und überzeugender Weise die Notwendigkeit, die jüdische Jugend in den bestehenden 60 Gewerben auszubilden und zu diesem Zwecke gewerbliche Lehrwerkstätten zu errichten. Selbst in. einer abwärts gehenden Wirtschaft sei das Gewerbe — im Gegensatz zur Erzeugung und zum Handel — ein unbedingt notwendiger Faktor und bestehe schon jetzt in Oesterreich in vielen Gewerben Mangel an geschulten und vorgebildeten Handwerkern. Aber auch' in Palästina mache sich der Mangel an tüchtigen jüdischen Handwerkern sehr bemerkbar, wofür als Beweis dient, daß die englische Regierung für gewerblich ausgebildete junge Leute die Einreisegebühr auf 250 Pfund ermäßigt hat. Durch die vielen leerstehenden Betriebe und unbenützten Werkzeugeinrichtungen wäre es derzeit leicht möglich, die Errichtung von Lehrwerkstätten für die wichtigsten Gebiete, Tischlerei, Spenglerei, Schlosserei, Wasser- und Lichtinstallationen, Mechaniker usw. zu erwerben und liegt ein diesbezüglicher Plan dem Vorstand der Kultusgemeinde vor. Der Redner verstand es, das Publikum für seine Idee lebhaft zu interessieren, und ist dieser Plan als zweites Geleise für die Berufsumschichtung unserer Jugend — neben dem der Landwirtschaft und Siedlung — wärmstens zu begrüßen. Als zweiter Redner sprach Reg.-Rat Dr. Lenk über „Die Scbulverordnung und ihre allgemein-politische Bedeutung" und legte den Standpunkt der „Union" bezüglich der neuen Schulverordnung dar. Seine Ausführungen sind in folgenden grundlegenden Sätzen zusamT mengefaßt: Die Worte unserer neuen Verfassung sind vollkommen klar und weisen den richtigen Weg. Wir Juden waren immer und sind auch heute eine Religionsgemeinschaft, die nach dem geltenden Gesetze die gleichen Rechte mit jeder anderen anerkannten Religionsgemeinschaft genießt Die mit dem österreichischen Boden seit jeher fest verwurzelten Juden lehnen mit alter Entschiedenheit die nationale Landespolitik der Zionisten ab. Wir Juden werden wie in alter Vergangenheit als treue und loyale Bürger unter jedem Regime zu leben suchen, das man höheren Orts für zeitgemäß und richtig hält. Aber nie und nimmer und unter keiner Bedingung werden wir zu Vereinbarungen mit einem Partner bereit sein, der uns unsere österreichische Heimat abspricht und uns als fremdes Gastvolk betrachtet * Die Bezirksorganisation Neubau der „Union" hielt am 22. d. M. unter dem Vorsitze des Rechts-1 anwaltes Dr. Gottfried eine Bezirksversammlung ab, in der Reg.-Rat Dr. Lenk ebenfalls zur Schulfrage spracht Es wurde nach lebhafter Diskussion einstimmig folgende Resolution angenommen: Die „Union österreichischer Juden" beharrt auf Grund ihrer Erfahrungen und ihrer Einschätzung der gegenwärtigen aligemeinai Verhältnisse bei ihrem -bisherigen Widerstand gegen alle Absonderungsbestrebungen, gleichviel, ob sie aus jüdischem oder nichtjüdischfem Lager stammen. Sie verfällt nicht der durch den neu entflammten Rassenantisemitismus hervorgerufenen Psychose, noch gibt sie sich angesichts der gegnerischen Strömungen der Illusion hin, daß ein nationales Minderheitsregime die jüdische Situation irgendwie zu erleichtern vermöge. Sie ist vielmehr

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