Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 43 (26.10.1934)
- Date
- 1934-10-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRIBEiT Seitg 5 Die Ziele der „Antijüdischen Weltunion". Die Leitung des kürzlich in der Schweiz bei geschlossenen Türen abgehaltenen antisemitischen Weltkongresses hatte es vorderhand abgelehnt, einen Bericht über die Beschlüsse des Kongresses der Presse zu übergeben. Um so merkwürdiger mutet "es an, daß nun die Katholische Presse-Agentur, der Presse- Dienst des polnischen Epispokats, es als ihre Aufgabe betrachtet, die Welt über die Arbeit und die Ziele des Weltbundes der Antisemiten zu informieren. Dadurch bekundet die als antisemitisch bekannte Katholische Presse-Agentur, daß sie mit dem antisemitischen Weltbund offiziell zusammenarbeitet. Der Bericht lautet u. a.: Vom 22. bis 26. September d. J. tagte in Belli n z o n a, Schweiz, der antijüdische Kongreß, der über eine so brennende Frage, wie es die Judenfrage ist, beriet. Repräsentiert waren 27 Staaten. Die seit 1923 arbeitende Studienkommission des Kongresses beschloß folgendes: Die Zeit des Studiums der Judenfrage ist vorbei, jetzt muß die Arbeit zur Lösung dieser Frage beginnen. Die Studienkommission beschloß deshalb, sich in eine „Gesellschaft für Propaganda und Tat" unter dem Namen „A n t i j ü d i s c h e Weltunion" umzuwandeln. Das Ziel ist die Lösung der Judenfrage. Die neilgegründete Union wendet sich an alle Völker mit der Ankündigung desantijüdischenWeltkongresses, der folgende Aufgaben hat: 1. Festsetzung eines Tätigkeitsprogramms zur Beseitigung des parasitären Lebens des Judentums durch Aussonderung der Juden aus den Ländern und ihre Ansiedlungaufeinemfreien Territorium, das groß genug sein muß, um das ganze Judentum aufzunehmen. Ein solches Territorium kann Palästina nicht sein. 2. Schaffung eines ständigen Zentralbüros der Union. 3. Herausgabe eines Monats-Journals als Organ der Union. 4. Erlassung einer Proklamation an alle Völker des Inhalts, daß jedes Volk ein Recht hat auf freie Entwicklung in seinem eigenen Territorium, das darum von jüdischem Parasitentum und jüdischen internationalen Intrigen, die den Weltfrieden bedrohen und die zivilisatorische Bruderschaft der Menschheit vernichten, gereinigt werden muß. 5. Die Union wird sich bemühen, alle jüdischen Praktiken, die sich gegen die allgemeinen Interessen der Menschheit wenden, zu beseitigen. Die Union hat ein Zentralbüro geschaffen, welches der Reihe nach bald in dem einen, bald in dem anderen der der Union angeschlossenen Länder seinen Sitz haben wird. Im Zentralbüro sind vertreten: England, Holland, Frankreich, Deutschland, Schweiz und Ungarn, sowie Delegierte aus der Türkei und aus Polen. (Wo bleibt der „Antisemitenbund" des Herrn Jerzabek?) Das Leben für Staat und Heimat! Staatssekretär GM. Zehner an den Bund jüdischer Frontsoldaten. Der Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs hat anläßlich der Widmung von hundert Grabsteinen für jüdische Krieger auf dem Wiener Zentralfriedhof eine hochinteressante Festnummer seines offiziellen Organs „Jüdische Fron t" herausgegeben. Für diese Festnummer, in der die Heldengedenkfeier ausführlich geschildert wird und prominente militärische Persönlichkeiten sich lobend über die Tapferkeit der österreichischjüdischen Soldaten im Weltkrieg äußern, hat der Staatssekretär für Landesverteidigung, Generalmajor Zehner, folgendes Geleitwort geschrieben: In begrüßenswerter Weise hat es sich der Bund jüdischer Frontsoldaten seit jeher angelegen sein lassen, der Helden des Weltkrieges zu gedenken. Im Wirken für die eigenen Glaubensgefährten stellte sich der Bund die hohe und lobenswerte Aufgabe, seinen 100 Gefallenen, deren Gräber des Schmuckes entbehrten, die verdienten Grabsteine zu errichten. Kurz nachdem die jüdischen Frontsoldaten in aller Verbundenheit an der Enthüllung des österreichischen Heldendenkmals teilgenommen hatten, konnten diese Grabsteine im Rahmen einer würdevollen und ergreifenden Feier geweiht werden. •" ' - Die bewaffnete Macht Oesterreichs bückt ehrfurchtsvoll auf die neuerrichteten Grabsteine und grüßt mit Dankbarkeit die Manen aller dieser Tapferen, die für Staat und Heimat ihr Leben zum Opfer gebracht haben. Jüdische Bevölkerungsbewegung im Deutschen Reich. Von der deutschen Volkszählung von 1933 liegen interessante Zahlen vor, die sich mit der Bevölkerungsbewegung der Juden im Deutschen Reiche befassen. Im Deutschen Reiche wurden im Jahre 1933 nur noch 499.682 Juden gezählt. Diese Zahl dürfte sich naturgemäß durch die Abwanderung und durch den Sterbeüberschuß seit dem Stichtag der letzten Zählung, dem 16. Juli 1933, bis heute wesentlich verringert haben. Für 1933 -stellt sich damit der jüdische Bevölkerungsanteil im Deutschen Reich auf 0,77 Prozent, während er im Jahre 1925 noch 0,9 Prozent betrug. In dem Zeitraum zwischen 1925 und 1933 nahm die Gesamtbevölkerung im Deutschen Reiche um 4,5 Prozent zu; die jüdische Bevölkerung aber verminderte sich um 11,46 Prozent. Diese Abnahme wird sich zu einem kleinen Teil aus dem Sterbeüberschuß erklären lassen. Allein in Preußen betrug der Sterbeüberschuß in dieser Zeit mehr als 15.000 jüdische Seelen. Es kommen einige tausend Austritte aus dem Judentum hinzu. Der restliche Bevölkerungsverlust verteilt sich auf die Auswanderung und nicht zuletzt auf die Rückwanderung der Ausländer, die bereits mit dem Beginn der Wirtschaftskrise in den Jahren 1927 bis 1929 eingesetzt Hat. Von bisher nicht veröffentlichten Länderergebnissen dürfte insbesondere die Zahl der Juden in Bayern interessieren. Sie stellte sich im Jahre 1933 auf 41.939 Personen, was einem Anteil von 0,55 Prozent an der Gesamtbevölkerung entsprach. Die Bevölkerungsabnahme bei den Juden betrug hier 14,66 Prozent. In Hessen lebten bei der Volkszählung im Jahre 1933 nur noch 17.888 Juden. Damit stellte sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der gesamten Einwohnerschaft Hessens auf 1.25 Prozent. Er la? damit über der Quote der jüdischen Bevölkerung im Reiche. Das gleiche gilt von Hamburg, wo der Bevölkerungsanteil 1,39 Prozent betrug. Es lebten dort im Jahre 1933 16.973 Juden. Die stärkste Abnahme der jüdischen Bevölkerung war besonders in den kleineren Ländern und in Ländern mit einer ohnehin kleinen jüdischen Bevölkerung festzustellen. So ging in Braunschweig die Zahl der Juden um- 33,03 Prozent zurück; in Mecklenburg verminderte sie sieb um 28,71 Prozent. GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL WIEN Dt* BEROOASSS NR. 1» ■ xvhi., wAmiNdi Ttlepboo Nr. A 17-349 und A 18-9-34 Ltafarant für Hotlanstafte» 99 AbteilungenfflrKoscherfleisch JtateiaM ter. Kultus«! Sämtliche Fleischiorten von auwchlleßUcb. Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreis« Von den preußischen Großstädten interessiert besonders Berlin, dessen jüdische Bevölkerung im Jahre 1933 nur noch 160.564 betrug. Damit lebten in Berlin mehr als 40 Prozent sämtlicher, preußischer Juden und mehr als 30 Prozent aller Juden im Reiche: demgegenüber wohnte von der Gesamtbevölkerung Preußens nur ein Zehntel in Berlin, von den des Reiches nur etwa 6'A Prozent. Die Bevölkerungsabnahme der Juden in Berlin betrug 7,01 Prozent. Diese relativ geringe Bevölkerungsabnahme geht augenscheinlich auf die starke Binnenwanderung der Juden nach Berlin zurück. Breslau verlor 13,86 Prozent seiner jüdischen Bevölkerung. Es zählte im Jahre 1933 20.202 Juden. An der Gesamtbevölkerung Breslaus waren die Juden mit 3,23 Prozent beteiligt. In Frankfurt a. M. ging die Zahl der jüdischen Einwohner um 11,80 Prozent auf 26.158 zurück. Der Bevölkerungsanteil der Juden betrug in Frankfurt a. M. 4,71 Prozent. In Köln ging die jüdische Bevölkerung von 16.093 auf 14.816 Seelen, d. h. um 7,94 Prozent zurück. In diesem Zeitraum zwischen 1925 bis 1933 sank der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamteinwohnerzahl Kölns von 2,3 auf 1,96 Prozent. — In einigen Städten war sogar eine, wenn auch nur verschwindend geringe, Zunahme der Juden festzustellen; so in Erfurt und Remscheid um je 12 Personen. Die Zunahme dürfte auf Binnenwanderung zurückzuführen sein. Die stärkste Abnahme der jüdischen Bevölkerung in preußischen Städten weist Altona mit 24,3 Prozent auf. Weiter zeigt Wiesbaden einen Rückgang von 21,66 Prozent. Hier könnte eine Wanderung nach Frankfurt a. M. in Frage kommen, während der Rückgang der Juden in Altona anscheinend auf eine Konzentration der Juden nach Hamburg zurückzuführen ist. Wiener Jüdischer Gesangverein! Jeder Jude und Jede Jüdin kommt in den Wiener Jüdischen Gesangverein singen. Die Proben unter der Leitung von Israel Brandmann Boden jeden Dienstag, J48 Uhr abends, im Konzerthaus, Holländersaat, statt. Trauer um Poincare. In die Trauer um den im Alter von 74 Jahren verstorbenen ehemaligen Präsidenten der französischen Republik und Ministerpräsidenten Raymond Poincare, in der das französische Judentum mit der übrigen Bevölkerung Frankreichs vereint ist, klingt als besondere Note die Erinnerung an die Stellung des Verstorbenen zu jüdischen Problemen und sein Eingreifen in Ereignisse, die das Leben der französischen Judenheit zu tiefst betrafen. Zur Zeit der Dreyfus-Affäre hatte Poincare zunächst eine äußerst reservierte Haltung eingenommen, um später einer der eifrigsten Vorkämpfer für den Nachweis der Unschuld des Hauptmanns Dreyfuszu werden. In zahlreichen Parlamentsreden hat er sich in diesem Sinne mit dem Fall Dreyius beschäftigt. Für die zionistischen Bestrebungen in Palästina hatte Poincare zu wiederholtenmalen seine Sympathie bekundet. Anderseits betrachtete aber Poincare die Juden Frankreichs als endgültig der französischen Nation eingegliedert. In einer 1928 abgegebenen öffentlichen Erklärung sprach - er die Ansicht aus, daß die zionistische Bewegung etwas Selbstverständliches für die Juden gewisser Länder sei, in Frankreich aber seien die Juden seit langem mit der französischen Nation verschmolzen und hätten nicht das Bedürfnis flach einer anderen Heimstätte. Zur Zeit, da Poincare Präsident der Republik war, besuchte er, der selbst Elsässer war, das wieder an Frankreich angeschlossene Elsaß-Lothringen. In der großen Synagoge von Straßburg wurde ihm ein feierlicher Empfang bereitet. 1923 interveniertet Poincare erfolgreich gegen die geplante Einführung eines Numerus clausus für Juden an den Hochschulen in Polen. Auf diese Intervention konnten sich auch späterhin die jüdischen Vertreter berufen, so oft ähnliche Anschläge gegen die Juden Polens geplant waren. Noch im Jahre 1932 wies der Sprecher des Klubs der jüdischen Abgeordneten im polnischen Sejm, Abgeordneter Doktor Sommerstein, auf diese Intervention bei der Bekämpfung eines von den Nationaldemokraten eingebrachten antisemitischen Antrags hin. Keine Judenfeind liehen Unruhen in Jugoslawien, Kurz nach der Ermordung des Königs Alexander I. von Jugoslawien in Marseille brachte die französische offiziöse Agentur Hav a s — von ihr übernahmen es die anderen offiziellen Agenturen — die Mitteilung, daß bei Untersuchung der Leiche des Mörders, dessen Identität damals noch nicht feststand, festgestellt wurde, daß er beschnitten sei und demnach entweder ein Jude oder ein Muselmann wäre. In Verbindung damit brachten englische und französische Zeitungen Mitteilungen aus Jugoslawien, daß es in einigen Städten zu j udenf eindlichen Kundgebungen gekommen wäre, die namentlich in Ossiek (Essegg) einen größeren Umfang angenommen hätten. Die Jüdische Telegraphen-Agentur nahm vorerst von allen diesen Meldungen Kenntnis, war aber schon kurz darauf in der Lage, auf Grund eigener Recherchen mitzuteilen, daß die Meldungen über judenfeindliche Unruhen übertrieben waren und daß Jugoslawien eines jener Länder sei, in denen antijüdische Stimmungen und Unruhen zu den Selten-. heiten gehören. Nunmehr wird uns von jüdischer .'Seite in Belgrad bestätigt, daß judenfeindhehe Unruhen ta