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Die Wahrheit · 1934-10-26 · Heft 43 (26.10.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 43 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 NEU! Wien IX., Porzellane. 16 Feinwürste und Selchwaren aus der Fabrik Klsen & Hönlgsber und Ida Lasar Protokolle der Weisen von Zion" gestellte Sachverständige, ist eine bekannte Figur des Vor-Hitlerwie des Hitler-Deutschlands. Er ist derjenige, der als protestantischer Pfarrer der Nordsee-Insel und des Seebades Bölkum viele Jahre lang einen antisemitischen Terror ü7 einem Ausmaß betrieben hat, daß die Insel und das Bad entgegen dem Willen eines großen Teiles der giiistHchen Einwohnerschaft „judenrein" geworden sind. Die Mittel der damaligen republikanischen Regierung Deutschlands reichten nicht aus, um dem Metzpastor das Handwerk zu legen. Dies geschah erst, als sich Pastor Münchmeyer selbst in den Maschen des Gesetzes verfing. Ein junges Mädchen, Tochter eines mit Münchmeyer befreundeten Pfarrers, hatte sich einer Unterleibs-Operation unterziehen müssen und lag in einem Raum des Krankenhauses in der Nordseestadt Emden. Dieses Mädchen erhob gegen Pastor Münchmeyer die Beschuldigung, daß er, als er sie in der Rolle eines väterlichen und geistlichen Freundes im Krankenzimmer besuchte, unter dem Vprwande, er wolle nachsehen, ob die Operationswunde bereits im Heilen begriffen sei, unzüchtige Handlungen an ihr vorgenommen habe. Die Bekundungen des Mädchens wurden durch Aussagen des Krankenpersonals bekräftigt. Gegen Pastor Münchmeyer wurde ein strafgerichtliches und ein kirchengerichtliches Verfahren eingeleitet. Während die Beweiserhebung im strafgerichtlichen Verfahren, wie vom juristischen Standpunkt begreiflich, zu einer Verurteilung nicht ausreichte, weil Münchmeyers Behauptung, er habe bloß die Wunde untersuchen wollen, und die Hand wäre ihm unversehens abgerutscht, nicht hundertprozentig widerlegt werden konnte, endete das kirchengerichtliche Verfahren mit der Entfernung Münchmeyers aus seinem Amte in Borkum und der Absprechung der Eignung Münchmeyers, in Zukunft ein geistliches Amt zu bekleiden. Von da ab betätigte sich Münchmeyer ausschließlich als Agent der Hitler-Partei, wobei er sich in seinen Versammlungsreden als ein Opfer jüdischer Intrigen bezeichnete. Obwohl er nun eine der Hauptkräfte, die das Kommen des Dritten Reiches vorbereiteten, geworden ist, hat er auch nach Hitlers Machtantritt kein irgendwie bedeutsames Amt bekleidet; dies wohl im Hinblick auf den Verlauf der oben erwähnten Prozesse. Daß Pastor Münchmeyer nicht als Experte nach der Schweiz gegangen ist, mag seinen Grund darin haben, daß das deutsche Reichspropagandaministerium es nicht als opportun erachtet, eine so kompromittierte Persönlichkeit als deutschen Experten in das Ausland gehen zu lassen. Vor Tische las man's anders, 1 " Der Zeitgenosse findet reichlich Anlaß zum verständnisvollen Lächeln. Wie rasch derzeit — hier unä dort — die Vögel ihr Gefieder wechseln. Man maust sich zeitgemäß. Und das ist auch oft nützlich nrid gut angebracht. :! Eine in aller Oeffentlichkeit ausgetragene Differenz zwischen den .Führern der Allgerire'inen Zionisten und dem Führer der Judenstaatspartei gibt zu diesen Betrachtungen Anlaß. Geeint marschierten sie 1932 in den Wahlkampf gegen die „Union", um nun — schon seit längerer Zeit — sich getrennt zu schlagen. Freilich, heute sitzt auf dem Präsidentenstuhl ein Führer der Allgemeinen Zionisten und das bringt Pflichten und erhöhte Verantwortung mit sich. Für den Führer und für seine Partei, die den einst moussierenden Wein nun stark wässern muß. Vor Tische las man's anders. '." Worum geht der Streit? Um eine Sache, von der man annehmen sollte, daß alle Jüdischnationalen, egal welcher Couleur, eines friedlichen Sinnes sind, um die „jüdische Schule". Diese ihre alte Forderung haben sie bekanntlich in dem Momente wieder ausgepackt, da der Schulerlaß die österreichische Judenschaft beunruhigte und zu jenem einmütigen Protest veranlaßte, wie er in der einhellig gefaßten Resolution des Wiener Kultusvorstähdes zum Ausdrucke kam. Unsere Leser sind darüber unterrichtet, daß diese Einmütigkeit sofort durch die nach Annahme der Resolution vorgebrachten Reden der Jüdischnationalen für die „jüdische (richtiger iüdischnationale) Schule" empfindlich gestört wurde. Diesem (abwegigen, ja geradezu gefährlichen Verlangen der Zionisten stellten die Unionisten ihren Standpunkt des unbedingten Festhaltens an der bewährten Simultanschule entgegen. Der Konflikt in der Schulfrage ging also — erfreulfcherweise vorderhand nur theoretisch — zwischen „Union" und Zionisten.! ' Die Jüdischnationalen hingegen waren — so schien es — einig in ihren diesbezüglichen Forderungen, diese Einigkeit kam — wir wiederholen: so schien es — in der bekannten Petition zum Ausdruck, die der „Jüdische Volksbund" in der Schulfrage an die österreichische Regierung richtete. Der :.,Jüdisiche Volksbund" ist bekanntlich eine Gründung des Herrn Oberbaurates Stricker, dieser letzte Sproß in der bekanntlich sehr großen Reihe von ähnlichen Schöpfungen Strickers hat erst nach den Februärtagen den Namen „Jüdischer Volksbund" erhalten, früher hieß er „Jüdische Volkspartei". Als er noch diesen Namen trug, da standen ihm nicht nur die engeren Gesinnungsgenossen des Herrn S i,T i c k e r treu zur Seite, sondern auch die Allgemeinen Zionisten, insbesondere Kultusprästdent Dr. D. Friedmann und der Präsident des Zionistischen Landeskomitees Dr. 0. Grünbaum taten führend mit. Das hat sich nun geändert. Man munkelte schon die ganze Zeit von Unstimmigkeiten in diesem nebulosen Verbände, Unstimmigkeiten, die mit dem immer in gewissen Momenten besojiders kraß in Erscheinung tretenden Geltungsbedürfnis des Führers des „Jüdischen Volksbundes" im Zusammenhang stehen. Dieses Bedürfnis ist auch jetzt — und der Wissende wird sich den Reim darauf raachen, warum gerade jetzt — wieder zu beobachten. Das kann den Allgemeinen Zionisten natürlich nicht passen. Und auf einmal stellt es sich heraus, daß die Verfechter der „Jüdischen Schule" gar nicht so einig untereinander sind, wie es einst der Fall war. Interessant ist dabei, daß diesmal außerjüdische Kreise die Veranlassung zum Ausbruch des Streites boten. Die „R e i c h s p o s t" hat bekanntlich einen Bericht über die Stricker-Versammlung im Hotel Continental gebracht, mit der auch wir uns letzthin befaßten. Nach diesem Berichte hat Oberbaurat Stricker von der österreichischen Regierung „die Einrichtung eines öffentlichen jüdischen Schulwerkes mit Hilfe staatlicher Förderung und öffentlicher Mittel" verlangt. Das nannte er — immer nach dem Bericht der „Reichspost" — „die jüdische Schule". Man muß gestehen, daß eine solche Forderung, so absurd sie im Momente klingt, ganz gut in das allezeit radikale Konzept des Harra Stricker hineinpaßt. Das mag auch Kultuspräsident Doktor D. Friedmann sich gedacht haben, als er dem Wiener Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur, der ihn um seine Meinung über Strickers Forderung befragte, folgendes zur Antwort gab: „Der Einbau der jüdischen Schule in das staatliche Unterrichtswesen wurde weder verlangt noch gewünscht. Der Staat, der auf cliristlich-deutscher Staatsauffassung aufgebaut ist, besitzt nach Ansicht der Anhänger der jüdischen Schule nicht die Eignung, unter seiner Aegide ein jüdisches Schulwerk zu errichten und zu führen. Hierzu ist ausschließlich die jüdische Minderheit berufen, die die Bedürfhisse der jüdischen Erziehung selbständig und Das bestbekannte Restaurant Botel Stefanie II., TaborstraBo 12 - Tal. R 48-5 57 «mpfieblt seine reichhaltige Speisenauswabl. Menü von S 1.60 an. Speisen am Rost Täglich Irische Fische. Erstklassige Bedienung.. in ihrem eigenen Wirkungskreise zu befriedigen hat. Die Durchführung des Vorschlages Stricker würde darauf hinauslaufen, daß neben staatlichen christlichen Schulen staatlich e j ü d i s c h e Schulen errichtet werden, die der Führung der in christlich-deutschem Gebiete wirkenden staatlichen Organe unterstehen würden. Die Jüdischnationalen hingegen haben nicht die konfessionelle Pflichtschule, sondern die f a k u 1t a t i v e jüdische Schule gefordert." Auch der Präsident des Landesverbandes der Allgemeinen Zionisten, Dr. 0. G r ü n b a u m, äußerte sich in gleichem Sinne wie Dr. Friedmann, auch er stellte fest, daß nach jüdischnationaler Auffassung „Oberbaurat Stricker weit über das Ziel hinausschießt, wenn er die Forderung nach staatlichen jüdisch-konfessionellen Schulen erhebt." Oberbaurat Stricker repliziert in der letzten Nummer seiner „Neuen Welt" sehr erregt auf diese „Entstellungen". Er wirft Dr. Friedmann unsachliche Kritik vor und den Versuch, das jüdischnationale Programm zu diskreditieren, auf das auch er gewählt wurde. Nun behauptet auch Stricker, daß er keine Zwangsschule verlangt habe, sondern nur eine jüdische Schule für die Kinder jener jüdischen Eltern, die diese Schule wünschen. Wir wollen uns in diesen Streit, den die blauweißen Herrschaften schön unter sich austragen mögen, nicht hineinmengen. Wir wollen nicht feststellen, wer recht hat und wer nicht. Uns geht die Sache nichts an, denn unser Standpunkt in der Schulfrage ist festgelegt: Wir halten an der Simultanschule fest, ohne damit die Zweckmäßigkeit zu negieren, die jüdisch-konfessionelle Schulen für die Kinder jener Eltern haben, die eine jüdisch-religiöse Erziehung ihrer Kinder in jüdisch-religiöser Umgebung wünschen. Diesen Standpunkt haben wir Immer vertreten und man hätte meinen sollen, daß auf dieser Plattform eine Einmütigkeit zu erzielen möglich gewesen wäre, ohne der Umwelt das Schattspiel eines Meinungskampfes in einer so wichtigen Frage zu liefern. Erst jetzt spricht man von den „tatsächlichen Bedürfnissen", d. h. von den Wünschen der Eltern. Wie kommt das? Wir wollen nicht stolz sein, aber die Feststellung ist nötig: Erst in dem Moment, da die jüdische Oeffentlichkeit durch die mündliche und schriftliche Propaganda der „U n t o n" erkannte, wohin sie mit einem Verlassen der Simultanschule und der Forderung nach einem jüdischnationalen Schulwerk steuert, erst in diesem Moment sahen die gemäßigten Jüdischnationalen, daß sie sich auf ein unpopuläres Gebiet verloren haben, und nun treten sie den Rückzug an. Man wird sich aber merken, wo sie ehemals gestanden sind. h. Debakel der Judenmission. Wie sehr das „Judenproblem" den führenden Köpfen der katholischen Priesterschaft in Oesterreich zu schaffen gibt, geht deutlich aus einem in den letzten Tagen veröffentlichten Bericht des Paters Bichlmaier über Judentaufen und deren Wert für die römische Kirche hervor. Der Autor ist sichtlich bemüht, den jüdischen Konvertiten zu einer möglichst guten Zensur in bezug auf ihren katholischen Glaubenseifer zu verhelfen, auch wenn die ursprünglichen Motive ihres Glaubenswechsels in den meisten Fällen äußerer Art waren. Er betont, daß der Prozentsatz innerlich überzeugter Judentäuflinge nach Absolvierung der Konvertitenschule nicht geringer sei als der Prozentsatz frommer Konvertiten aus anderen Konfessionen. Das Gegenteil werde nur von fanatischen Antisemiten behauptet Pater Bichlraaier ist Jesuit und weiß aus der Geschichte seines eigenen Ordens, der von dem Judenkonvertiten Jakob Lainez, dem Berater und Nachfolger des Ordensgründers Ignaz von Loyola, einen Teil seines geistigen Gepräges erhielt, wie nützlich manche getaufte Juden der katholischen Kirche geworden sind. Der Hinweis auf die „fanatischen Antisemiten", die das leugnen, zielt aber nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart und man errät ohne Schwierigkeit, wen er damit meint. Man erinnert sich ja noch sehr gut an die famose „Hochschulordnung" eines verflossenen christlichsozialen Unterrichtsministers, der die getauften Juden mit den ungetauften zu einer „Nation" zusammenschweißen wollte, die Proselyten solcherart zur Beibehaltung einer Gemeinschaft zwingend, der zu entrinnen in den meisten Fällen, wie auch Pater Bichlmaier zugibt, der eigentliche Zweck ihrer Taufe gewesen war. Man weiß auch, daß dieser Minister nach seinem Rücktritt vom Amte eine „Ordnung in der Judenfrage" verfaßt hat, die den gedanklichen Grundsatz seiner Hochschulordnung auf breiteste Basis stellte. Und es ist unverkennbar, daß bei mancher Neuregelung unseres öffentlichen Lebens der Einfluß dieser vielzitierten Judenordnung maßgebend war. So insbesondere angesichts der Tatsache, daß der in der letzten Zeit durchgeführte Abbau jüdischer Aerzte in den Wiener städtischen und staatlichen Krankenhäusern auch vor getauften Juden nicht Halt machte, obwohl diese doch nur vom Standpunkte des Hitlerschen „Heidentums", aber nicht nach christlich-katholischer Auffassung, die ja die erklärte Grundlage des neuen Oesterreichs bilden soll, als „Juden" taxiert werden können. Angesichts solcher Geschehnisse gewinnen die an anderer Stelle zitierten Warnungen des Erzbischofs von Wien vor der Vernebelung der Gehirne durch die Häresie des Rassen- und Blutmaterialismus und sein Gebet, daß die Lenker des Staates vom Heiligen Geiste erleuchtet werden mögen, einen sehr eindeutigen Sinn. Und der warme Appell des Kardinals an die Herzen, sich vom

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