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Die Wahrheit · 1934-10-26 · Heft 43 (26.10.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 43 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Manifestieren der Leistungen! In der Prager „S e I b s t w e h r" finden wit einen Aufsatz von Schalom Asch „Jadische Verteidigung" (übersetzt von Siegfried Schmitz), dessen wesentlichsten Teil wir hier folgen lassen: Hervorgerufen durch die Eifersucht der anderen macht sich bei uns die Tendenz breit, den Prozentsatz unserer Intellektuellen zu verkleinern. Von Deutschland abgesehen, wo die Juden sich selbst an die neuen Verhältnisse „gleichschalten", wo Studenten und Doktoren die Schuhmacherei und Tischlerei erlernen, herrscht bei uns auch sonst die Tendenz, den „Numerus clausus" für jüdische Intellektuelle selbst einzuführen! „Wir haben zu viel Akademiker! Wozu brauchen wir so viel Aerzte und Advokaten, die bloß auffallen?" hört man oft bei uns. - Es ist wahr — die jüdische Strebsamkeit ist ein wertvoller, aber kein sympathischer Charakterzug an uns. Es ist sicher überflüssig, daß Eltern, die als Arbeiter oder Gewerbetreibende ganz erträgliche Positionen besitzen, alles daransetzen und ihren letzten Groschen aufwenden, um aus ihren Kindern etwas „Besseresu zu machen. In der jiddischen Literatur wurde dieser Charakterzug — von Scholem-AIejchem in seiner genialen Erzählung „Das Gymnasium" — zuerst lächerlich gemacht. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat Öfters in belletristischer Form auf diesen Fehler hingewiesen. Ist es aber unbedingt als Fehler zu betrachten? Das Bedürfnis zu lernen (nicht des Fortkommens wegen) ist ein uralter jüdischer Charakterzug, seine Tradition geht bis in die ältesten Zeiten der jüdischen Geschichte zurück. Die Juden ließen ihre Kinder stets lernen. Die ärmste jüdische Mutter, die Dorfhausiererin, die Krämerin, sparte sich den Groschen vom Munde ab, um das Schulgeld aufzubringen und ihr Kind den Cheder, die jüdische Elementarschule besuchen zu lassen. Sicherlich ist das Studium um der Karriere willen, einer privilegierten Lebensstellung halber eine unerfreuliche Erscheinung und daher zu bekämpfen. Andererseits aber haben die Juden der Welt durch ihre wissenschaftlichen Leistungen in vollem Maße für die „privilegierte" Stellung bezahlt, die sie erlangt hatten. Wer würde z. B. die deutschen Juden kennen, wenn sie tatsächlich nicht zum großen Teil aus Wissenschaftlern bestünden, sondern Handwerker, Kleinhändler und Landarbeiter wären? Die Sympathie der Welt für die deutschen Juden hat nicht zum wenigsten ihren Grund darin, daß sie so große Männer wie Ehrlich, Hertz und Einstein hervorgebracht haben, die •der Welt so viel große Werte schenkten. Wer hätte die deutschen Juden gekannt, wer sich für sie interessiert, wäre Einstein kein genialer Physiker, sondern ein einfacher Tischler? Und wo haben wir die Gewähr, wenn die Juden den Universitäten fernbleiben und das Studium aufgeben, wenn sie, statt Professoren, Aerzte, Physiker zu werden, nunmehr kleine Handwerker, Tischler, Schlosser oder etwa Landarbeiter werden, daß dann der Konkurrenzneid der nichtjüdischen Tischler, Schneider und Bauern gegen die Juden geringer sein wird als der Konkurrenzneid der nichtjüdischen Gelehrten gegen die jüdischen? Die Erfahrungen aus der jüdischen Geschichte lehren uns, daß in früherer Zeit die ärgsten Feinde der Juden die christlichen Handwerker und städtischen Krämer waren, die in dem Juden den Konkurrenten sahen. Der Adel und die Fürsten dagegen schützten den Juden. Nein, nicht in der Verringerung oder in der Abschaffung des jüdischen Anteils an menschlicher Häuseradministration Adolf Krall IV-, Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern ArheSt und menschlichem Schaffen soll unsere Ver^ teidigung bestehen — im Gegenteil, im Fordern unseres Anteils, in der Stärkung unserer Kraft auf diesem Gebiet und im Manifestieren unserer Leistungen! «■■■«■■«■•■■■•■*■•«■««■««••« Die Schweizer „Protokoll"-Prozesse. Am 29. Oktober kommt vor, dem Strafgericht in Bern unter dem Vorsitz des Gerichtspräsidenten M. Meyer der hochwichtige Prozeß in der Angelegenheit der „Protokolle der Weisen von Zion" wieder zur Verhandlung. Es handelt sich — wie schon früher mitgeteilt — um eine Klage des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und der Israelitischen Kultusgemeinde Bern gegen die Gauleitung des „Bundes nationalsozialistischer Eidgenossen" und einige Mitglieder der „Nationalen Front". Die Klage stützt sich auf Bestimmungen des kantonal-bernischen Gesetzes, das ein Verbot und ein Strafverfahren gegen die Verbreitung von Hetz- und Schundschriften vorsieht. Gegenstand der Klage sind das berüchtigte Pamphlet „Protokolle der Weisen von Zion" und andere antisemitische Hetzschriften, die anläßlich öffentlicher Versammlungen von Mitgliedern der „National-sozialistischen Eidgenossen" und der „Nationalen Front" im Juni 1933 unter das Publikum verteilt wurden. In der am 16. November 1933 stattgefundenen ersten Gerichtsverhandlung wurde seitens der Klägerschaft u. a. der Antrag gestellt, eine Expertise anzuordnen, welche über die Echtheit oder Unechtheit der „Protokolle" Aufschluß geben soll. Der Richter gab diesen Anträgen statt und ordnete eine Expertise durch ein Dreier-Kollegium an. Je ein Experte wurde von den beiden Parteien bezeichnet und der dritte Experte wurde vom Gerichtspräsidenten ernannt. Seitens der Kläger wurde Prof. Dr. A. Baumgarten -Basel, seitens der Angeklagten der berüchtigte Pastor Münchmeyer aus Oldenburg gestellt. Zum dritten Experten ernannte der Gerichtspräsident den bekannten christlich-schweizerischen Schriftsteller C. A. L o o s 1 i - Bern. Die Experten haben bereits ihre Gutachten ausgearbeitet, bis auf den Experten der Angeklagten Pastor Münchmeyer, der sich in Deutschland befindet und bisher durch die Reichspost nicht gftg reicht werden konnte. Der Gerichtspräsidentjliat sich im letzten Moment gezwungen gesehen, selbst einen dritten Experten zu ernennen. Der von ihm angesuchte Kandidat hat aber bis jetzt die ihm angebotene Funktion nicht angenommen. Gemäß dem Gerichtsentscheid müssen die Expertisen spätestens bis zum 25. Oktober dem Gericht überreicht werden. Außer den Expertisen und den Zeugenaussagen wird das Gericht auch über eine große Anzahl von Dokumenten verfügen, die ihm als Beweisstücke von den Klägern vorgelegt wurden. Im Verlauf der kommenden Verhandlung soll das Gericht eine Anzahl von bedeutenden ausländischen, jüdischen und nichtjüdischen, Persönlichkeiten als Zeugen verhören. Wegen des großen Interesses, das der Prozeß hervorgerufen hat, werden die Verhandlungen im Schwurgerichtssaal stattfinden. Der Prozeß in Basel, der eine Beschlagnahme der „Protokolle" und eine Ehrenbeleidigungsklage gegen den ehemaligen Redakteur des „Eisernen Besens", Zander und Genossen, betrifft, und dessen Verhandlung auf den 23. Oktober festgesetzt war, wurde vertagt. Das Basler Gericht wird warten, bis es das Beweismaterial aus dem Prozeß in Bern zu seiner Verfügung haben kann. . * Wer ist Pastor Münchmeyer? Pastor Münchmeyer, der von den antisemitischen Angeklagten im Berner Prozeß in Sachen der Feuilleton Dreimal Toscanini. ] Ich erkläre, daß ich ein begeisterter Anhänger der Zukunftsmusiker sein will, unter einer Bedingung allerdings, daß ihre Musik kein System oder Theorem, sei, sondern Musik. G. Verdi. Musik, die Sprache der Musik, Musik als Sprache und ähnliche Bezeichnungen gebrauchen wir für das, was aus den sieben Stammtönen und den von ihnen abgeleiteten Tönen gebildet wird. Wir hören dieses Gebilde, diese Sprache und verstehen sie. Um so besser, je meisterhafter sie geformt und je vollendeter ihre Wiedergabe erscheint Weil dann, nur dann, dieses Gebilde Musik ist. Während die Sprache der Laute nach der Bibel seit dem Turmbau zu Babel an vielen Punkten der Erde verschieden gestaltet, national wurde, ist der Sprache der Töne dieser Fluch erspart geblieben. Zum Jdeinen Teil nur erhielt sie in Volksliedern und Weisen eine nationale Prägung. Der weitaus überwiegende Teil der Musiksprache, der in Opern und noch mehr in symphonischen Dichtungen seinen Ausdruck findet, blieb bis auf den heutigen Tag international. Deshalb wird Verdi in Wien und Beethoven in Rom gehört und verstanden. Der Raum, auf welchem ein Volkslied Verständnis findet, ist zuweilen sehr beschränkt. Ein steitisches Volkslied zum Beifpiel ist mitunter einem Oberösterreicher fremd. Jetzt noch einige Bemerkungen über das Forum der Musik. Der internationale Raum für Musik ist der Konzertsaal. Deshalb ist der Konzertsaal für den internationalsten Teil der Musiksprache, die Symphonie, am geeignetsten. Ein wenig intimer ist das Opernhaus. Auch die Oper, die da zu Hause ist, trägt zum Teil einen typischen Hauch. Der Schmiß der Franzosen, die süßen Töne der Italiener sind unverkennbar. Volkslieder hingegen befinden sich in der Elementarschule des jeweiligen Landes oder Ortes, in dem sie geschaffen wurden. So unerklärlich es vielleicht mancher Leser finden wird, für Schreiber dieser Zeilen ist das gigantische Werk Richard Wagners ein großes Volkslied, das „Deutschland" heißt. Ist nicht die von ihm in Wort und Ton geschilderte Natur nur germanisch? Sind nicht die Gestalten seiner Werke Herren der Neudeutschen Kirche? Ist nicht Text und Musik seiner Opern voneinander untrennbar wie bei einem Volksliede? Ist nicht fast jedes seiner Werke unteilbar wie ein Volkslied? Besitzt sie nicht Merkmale, die keine Oper in so weitem Ausmaße wie die Wagners aufweist Richard Wagners Musik paßt deshalb nicht in den Konzertsaal, sogar das intimere Opernhaus war ihm für sein Werk zu allgemein, für die Schule ist die Musik zu kompliziert, so schuf er sich Bayreuth. Willst du meine Sprache verstehen, mußt du zu mir kommen... Trotzdem hat die Wagnersche Musik wegen ihrer Einzigartigkeit die Opernbühne erobert. Dem Boden des Konzertsaales ist sie fremd geblieben. Toscanini, der Musiker und Europäer, ist der einzige Wagner-Dirigeht der es unternimmt Wagner in den Konzertsaal einzuführen. Einen solchen Einführungsversuch haben wir am 10. d. M. im Großen Musikvereinssaal in der Form eines Wagner-Abends der Philharmoniker miterlebt Leider vermochte selbst die phänomenale Persönlichkeit Toscaninis nicht, eine Verbindung zwischen dem weiten Raum des Konzertsaales und den engen Grenzen der Wagnerschen Musik herzustellen. Der Anschluß der Karfreitagszauber-Musik an das Vorspiel aus „Parsival" bezauberte nicht Das Vorspiel aus „Tristan" kam sehr wenig zur Geltung und Isoldens Liebeslied litt an dem Mangel einer Wagner- Sängerin. Während die Wesendonk-Lieder, von Lotte Lebmann innig vorgetragen, und ..eine Faust-Ouvertüre" bereits ein anderes Bild abgaben, bildete der Trauermarsch aus ..Götterdämmerung" — eines jener wenigen Musikstücken aus Waghers Werken, das allein spielbar ist — den Höhepunkt des Abends. Trotzdem fuhren viele Zuhörer nach Hause., ohne Siegfrieds Rheinfahrt abzuwarten... Das Konzert am 14. d. M. stand bereits im Zeichen der symphonischen Dichtung. Johannes Brahms Symphonie Nr. 4 in E-Moll erschien vor uns in noch nie geschauter Pracht. Waren wir nicht bei diesem Werke an etwas Herbes, an gewisse Härten der Instrumentation gewöhnt? Wieso hat sie Toscanini wegr geschliffen? Indem er den g ü t i g - verklärten Brahms dirigierte. Anläßlich des Toscanini-Gastspieles im vorigen Jahr haben wir an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß Toscaninis .Stärke in der naturalistischen Wiedergäbe des Werkes liegt Eine Stärke, die uneingeschränktes Vertrauen zum Komponisten, aber auch zu - sich selbst voraussetzt Mit Debussys „Prelude a l'apresmidi d'un Faune" und Bach-Respighi „Passacaglia'" versetzte er das Publikum in Ekstase. Dirigent und Orchester wurden stürmisch akklamiert Nannten wir oben das Werk Wagners Volkslied „Deutschland", so heißt das Ludwig van Beethovens Symphonie „Europa". Denn jeder Ton seiner neun Symphonien drückt Leben, Leid und Freud' eines jeden,von uns aus. Im Zeichen Europas, jenes Europas, das Europa geblieben ist und bleiben wird, stand am 21. dl Iii. das Zusammenwirken der Wiener Phiharmonikei, des Budapester hauptstädtischen Gesangverein.es und Toscaninis bei der Aufführung der Sympnojpip der Symphonien, der „Neunten". Untergang des Abendlandes, Europa ist zum Tode verurteilt, solche;Voraussagungen mögen vielleicht für jene Teile Europas, die Anschluß an das Asien des Mittelalters gefunden haben, zutreffen. Jene Teile Europas, in welchen solche „Neunte" aufgeführt werden, werden ewig bestehen. Nachdem wir das bezaubernde Allegro und den Rausch des Molto vivace auf unshatten wirken lassen, versetzte uns Toscanini in den Schmerz des Adsgio. Einen Schmerz, der uns nahezu zu verzehren drohte. Unwillkürlich dachten wir an die vielen Schmerzen, die. uns wirklichen Europäern, Juden wie Christen, momentan bedrücken... Aber gleich ertönten die Fanfaren deY Freude, Fanfaren des Sieges der Kultur. Mögen die Bässe, die Rohlinge unter den Musikinstrumenten, energisch protestieren, sie selbst müssen in den Hymnus einstimmen-..*. Diefn '2a,uber; Toscaninii umschlinge Millionen. Dieser Kuß, zwischen dir und Arnold Ros£, die ganze Welt. —n.

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