Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 43 (26.10.1934)
- Date
- 1934-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland «erböte»! ietÜcihrh 1 mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden' Erscheint jeden Freitag nnioiiuiiimiuiiiiuiiiiminiiMiiiM Redaktion und Administration; Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang _ Wien, 26. Oktober 1934 Nummer 43 Gleichheit und Gleichberechtigung. Am 11 i c h wird gemeldet: r- Am 22.d.M. empfing Bundeskanzler Doktor $;chuschnigg das Präsidium der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, bestehend aus dem Präsidenten Dr. Friedmann und den Vizepräsidenten Dr. Löwenherz und Dr. Tic ho. In einer längeren Aussprache wurden die einzelnen von der Kultusgemeinde in einem Memorandum dargelegten, für die Judenschaft Oesterreichs wichtigen Fragen einer Erörterung unterzogen. Der Bundeskanzler ließ sich in all diesen Fragen eingehend über die einschlägigen Verhältnisse informieren und wiederholte seine bereits bei anderer Gelegenheit abgegebene Erklärung, daß die Bundesregierung , s e 1 b s tverständlich auf dem Boden des Verfassungsgrundsatzes der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Staatsburg e r v o r dem Gesetze zu stehen gesonnen sei. :•: Die österreichische Judenschaft wird die obige amtliche Mitteilung, die vorgestern in allen Wiener Tageszeitungen erschien, mit Freude und Genugtuung zur Kenntnis genommen haben. Neuerlich erklärt der Chef der österreichischen Regierung die Absicht derselben, an der Gleichheit und Gleichberechtigung der österreichischen Juden nicht rütteln zu lassen. War die erste Erklärung dieser Art, die. sich würdig den ähnlich lautenden Kundgebungen des großen verewigten Vorgängers unseres jetzigen Bundeskanzlers anschließt, ausländischen Juden gegenüber abgegeben worden, so erfolgte ihre Wiederholung nunmehr vor den Vertretern der Wiener Judenschaft, implicite aller österreichischen Juden. An alle österreichischen Juden richtet sich also die Versicherung unseres Bundeskanzlers und die österreichischen Juden, die treu auf dem Boden unseres Vaterlandes stehen, sind ihm dankbar für diese in einer Zeit so ungerechten Hasses abgegebene offene Erklärung. Mit diesem Gefühl des Dankes für die „selbstverständlichen" Worte verbindet sich das feste Vertrauen, daß Worte und Wirklichkeit in Uebereinstimmung stehen und daß — dies bleibe auch in diesem Moment freudiger Genugtuung nicht unausgesprochen — verschiedene Dinge in Wegfall kommen werden, die, wie wir wissen, Anlaß, zu der Vorsprache des Präsidiums der Wiener. Kultusgemeinde gegeben haben. Es gibt tatsächlich sehr „wichtige Fragen", die die österreichische Judenschaft — und nicht nur diese — in den letzten Monaten immer wieder beschäftigen. Es war selbstverständlich, daß die Vertreter unserer Gemeinschaft diese Fragen bei ihrer Vorsprache beim Bundeskanzler Oesterreichs anschneiden mußten. Wenn nun in diesem Zusammenhang neuerlich die Feststellung unserer „Gleichheit und Gleichberechtigung" von so autoritärer Seite gemacht wurde, dürfen wir nicht einen Augenblick zweifeln, daß den Worten auch bald jene Taten folgen werden, die uns die — bisher etwas erschütterte — Beruhigung geben können und werden. Rasiere Didiaotnnd billig Der Geist der Liebe. Während die evangelische. Kirche in Deutschland von Hitler einem folgenschweren Schisma zugetrieben wurde, da ein beträchtlicher Teil der protestantischen Geistlichkeit — sicherlich ihr moralisch höherstehender — die vom Nationalsozialismus diktierte Reinigung des Christentums vom jüdischen Geiste nicht mitmachen will, erscheint die katholische Kirche aller Länder einig in der Ablehnung des Rassenwahnsinns, der die Physische Abstammung über das sittlich-religiöse Bekenntnis stellt. In Oesterreich hat Sonntag KarrtIii a Ii n n i t z e r in sehr beachtlicher Weise vor 30.000 Zuhörern gegen den „Materialismus vom Dhite'Y der das Sittengesetz leugnet, Stellung genommen und diese im Mantel des Nationalismus sich Eingang unters Volk verschaffende Lehre als VERWALTUNGEN __ h<fr» KÄUFE - VERKÄUFE SÄTZE - HYPQTHEKEN^fei SZILAGYI BEI. All. SEISAL IX., ROTENLÖWENG. 3 TEL A 10-5-69 „neue Häresie, als neues Heidentum" gebrandmarkt. Der Wiener Kirchenfürst gab seinem Staunen darüber Ausdruck, wie weite Kreise solchen Schlagwörtern nachgehen und Herz und Verstand diesen Lockungen öffnen, bedauerte die Verneblung der Gehirne, mit der der Nationalsozialismus arbeite, und betete, daß nicht nur der Verstand derer, die an der Spitze von Staat und Volk stehen, sondern auch der Verstand" jedes einzelnen vom göttlichen Geiste erleuchtet werde. Er forderte: „Der Geist der Wahrheit soll unsere Volksbildung, unsere Wissenschaft und unsere Politik beherrschen. Die Wahrheit geht von dem aus, der der Grund alles Seins ist, vom ewigen Gott. Die Wahrheit ist eins mit dem Glauben in ihrer letzten Konsequenz. Wo der Glaube geschwunden ist, schwindet auch der Geist der Liebe, da herrscht statt der Nächstenliebe der Egoismus, da gibt es keine Rücksichtaufdieanderen. Ausdieser Glaubenslosigkeit stammt der Haß, der auch in unser Volk eingekehrt ist und so viele Opfer von uns gefordert hat.". Es ist sehr erfreulieb, daß endlich auch bei uns eine kirchliche. Autorität ersten Ranges müt dem einst von Demagogen verkündeten Wahn aufräumt, daß im politischen Kampfe eine wüste Hetze gegen die Andersgläubigen die Kirchen fülle, während der m Ocsterrelchlsches Q uaiitats ra du kai Ueberau erhältlich Haß in Wirklichkeit der Religionslosigkeit entstammt, also auch jener Haß, der im Vorkriegs- Wien mit der von dem berüchtigten Mechaniker Ernst Schneider erhobenen Forderung eines Schußgeldes gegen Juden seinen triumphalen Einzug in die parlamentarischen Körperschaften Oesterreichs gehalten und in unserem, von Natur aus so gemütlichen Lande jene unduldsame Sphäre geschaffen hat, die den Oesterreicher Hitler geistig geformt und durch seine erstaunliche Karriere im Ausland zu einer immensen Gefahr für den ganzenWeltfrieden gestaltet hat. Mit Recht erklärt Kardinal Innitzer: „Der Friede gehört zu den schönsten Gütern eines Volkes. Die Gefährdung des Friedens kommt daher, woher auch die Leugnung des Geistes der Wahrheit kommt. Wo Friede ist, da herrscht auch Freude. Eine Freudenquelle liegt in der Arbeit, um die wir den Herrgott für die Arbeitslosen bitten wollen." Die edle Teilnahme an dem traurigen Schicksal der Arbeitslosen, die der Wiener Erzbischof solcherart kundtat, müßte das Gewissen der Mächtigen in Staat und Stadt aufrütteln und sie zur A bk e h r von der herzlosen Taktik bewegen, durch Abbau verdienstvoller Juden aus allen Aemtem, die dem Einfluß der Politiker unterstehen, künstlich Arbeitslosezuschaffen... Auch für diese Taktik gilt das weise Wort, mit dem Kardinal Innitzer seine zitierte Sonntagspredigt krönte: „Wenn der Geist der L i e b e wieder in die breiten Massen einkehrte, dann wäre manches Problem leicht zu lösen." Man darf wohl sagen, am leichtesten z» lösen wäre dann das Judenproblem, das ja überhaupt nur vom Hasse künstlich gezeugt worden ist, während der Geist der Liebe einzig und allein das sittliche Wollen und schöpferische Streben der Menschen ins Auge faßt, verständnisvoll fördert und Hindemisse sorgsam aus dem Wege räumt. Das Schaffen solcher Hindernisse ist ja gerade das Kennzeichen jenes Blut- und Rassenwahns, dem Kardinal Innitzer ein so kräftiges Verdammungsurteil aussprach. Dieses Urteil klingt uns Juden lieblich in den Ohren. Die Parolen Liebe, Friede und Arbeitsmöglichkeit wecken stets den begeistertsten Widerhall in unseren Herzen. Theoretisch in unserer Glaubenslehre verwurzelt und praktisch die Voraussetzung unserer staatsbürgerlichen und sozialen Gleichberechtigung bildend, machen sie uns zum prädestinierten Bundesgenossen eines jeden, der sie auf seine Fahne geschrieben hat.