Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 42 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ME WAHRHEIT Seite 5 Bei mä&igem Preis — gewissenhafter ■ Unterricht \ in KLAVIER u. VIOLINE ■ erteilt Kornelia Klein, Mitglied der österreichischen ■ Musiklehrerschaft. L. Kai 19/12 (Lift) Tel. R 26-2-38. ■ Referenzen erteilt auch die Redaktion d. Blattes ■ Antisemitischer Terror in der Schweiz. In Zürich fand soeben ein Prozeß gegen fünf Terroristen der „Nationalen Front" (faschistischantisemitische Partei in der Schweiz) statt, die sich hauptsächlich wegen eines, übrigens , mißlungenen Sprengstoffattentates gegen einen sozialistischen Redakteur, aber auch wegen einer Anzahl antisemitischer Ausschreitungen — Ueberfall auf einen jüdischen Kaufmann und gewaltsame Beschneidung seines Bartes, Eindringen in ein jüdisches Betlokal und Ausgießen eines Kotkübels darin u. dgl. m. — zu verantworten hatten. Der Prozeß hat sehr großes Interesse hervorgerufen, das Gerichtsgebäude mußte vor dem Andrang des Publikums durch starke Polizeikordone gehütet werden. Während der Verhandlung erklärte der Vertreter der jüdischen Synagogen-Gemeinde „Minjan Sfard", deren Betlokal verunreinigt worden war, daß er keine Zivilansprüche geltend mache. Er sprach in einem versöhnlichen Sinne. Er verwies auf antisemitische Schriften, die von der „Nationalen Front" herausgegeben werden, und stellte fest, daß das Attentat gegen das jüdische Betlokal eine Folge dieser Hetze war5 Der Angeklagte sei daher milde zu bestrafen, denn er sei nur ein Opfer dieser Hetze. Gerichtet müsse er jedoch werden, damit das Urteil moralisch auf die wahren Urheber zurückfällt. Die Verteidiger des 23jährigen Angeklagten Gloor, der sowohl am Sprengstoffattentat wie an den antisemitischen Ausschreitungen beteiligt war, erklärten, daß der Angeklagte sich seiner Tat heute schäme. Der Angeklagte Gloor wurde wegen Sprengstoffattentat, böswilliger Beschädigung fremden Eigentums, Mittäterschaft an den Gewalttaten gegen den jüdischen Kaufmann, Diebstahl etc. zu anderthalb Jahren schweren Kerkers und zweijährigem Verlust seiner Bürgerrechte verurteilt. Von der Anklage wegen Störung des Religionsfriedens (Eindringen in das jüdische Betlokal und Verunreinigung desselben) wurden alle Beteiligten freigesprochen, da das Gericht zur Ueberzeugung gelangte, daß es sich hier um keine religiöse Zeremonie in dem fraglichen Lokal handelte und da anderseits eine Bestrafung wegen unziemlichen Benehmens bereits der Verjährung verfiel. Die vier anderen Angeklagten wurden zu vier und zwei Monaten Kerker verurteilt. Der Angeklagte, der zusammen mit Gloor dem jüdischen Kaufmann den Bart beschnitt, wurde zu einer Woche Kerker verurteilt. Aus der braunen Hölle. Die Deutsche Liga für Menschenrechte, Sektion Prag, gibt die zweite Folge ihrer Denkschrift über das Schicksal der deutschen Juden heraus, die den Zeitraum Oktober 1933 bis September 1934 betrifft und in der festgestellt wird, daß die staatsbürgerliche Zurücksetzung der Juden, ihre Ausschaltung aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben und die gegen sie gerichteten Verfolgungen andauern. Die Denkschrift gibt ein Tatsachenbild, in dem eine außerordentlich lange Reihe von Fällen staatsbürgerlicher Zurücksetzung, wirtschaftlichter und kultureller Benachteiligung, der Beschimpfungen und Verfolgungen aufgezählt werden. Insbesondere wird festgestellt, daß der Ausschluß jüdischer Künstler von deutschen Bühnen als restlos bezeichnet werden kann. « Die Essener „National-Zeitung" hat, wie wir mitteilten, gegen Wilhelm Furtwängler die Anklage erhoben, daß er die Säuberung des Berliner Philharmonischen Orchesters von Juden immer noch nicht durchgeführt hat. Der Terror des Essener Blattes gegen Furtwängler hat Erfolg gehabt. Wie „Daily Herald" aus Berlin meldet, wurde soeben der letzte Jude aus dem Berliner Philharmonischen Orchester entlassen. * In den Kreisen der Professoren- und Studentenschaft der Universität Istanbul ist man um das Schicksal der wegen ihrer jüdischen Abstammung aus Deutschland vertriebenen und an die Universitent Istanbul berufenen Professoren Liepmann (des berühmten Gynäkologen) und Schutz besorgt. Die beiden Gelehr.ten hatten ihre Ferienzeit dazu ausgenutzt, nach Deutschland zu gehen, um dort ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Sie sind nach Schluß der Ferien nicht mehr nach Istanbul zurückgekehrt und alle Erkundigungen nach ihrem Verbleib in Deutschland sind bisher erfolglos geblieben. * Auf dem Gauparteitag Köln-Aachen der NSDAP, der am 13. und 14. Oktober in Köln stattfand, erklärte der berüchtigte Hetzer Gauleiter Groh6 nach einem Bericht des „Deutschen Nachrichtenbüros" u. a.: „Wenn wir Nationalsozialisten von der Rassenfrage sprechen, wollen wir, wie das oft authentisch betont wurde, damit keiner Geringschätzung der Völker anderer Rassen Ausdruck geben. Wir denken vielmehr in erster Linie an jene r a s s i s c h e G e f a h r. die das J udentum für alle arischen Völker bedeutet. Der gesunde Instinkt unserer Volksgenossen muß so gepflegt werden, daß einmal Gesetze gegen die Judengefahr in Deutschland als überflüssig erachtet werden können." * Nach Niederlegung der Regie des Budapester Franziska Gaal-Films „Peter" durch den Tschechoslowaken Lamac hat — wie aus Budapest gemeldet wird — die „Universal" den Juden Hermann Kosterlitz als Regisseur engagiert Der Film, für den das reichsdeutsche Propagandaministerium schon von vornherein die Aufführungserlaubnis verweigert, weist nunmehr eine rein jüdische Besetzung auf. Produktionschef und Regisseur sind Juden, ebenso Franziska Gaal, Hans Jaray, Otto W a 11 b u r g, Felix Bressart und sogar die Episodendarstellerin der Kammerzofe. Das ist die beste Antwort an Goebbels. Eine Schrift gegen Kardinal Faulhaber. „Der Fürsterzbischof Kohn an seinen geliebten Bruder, den Fürsterzbischof Faulhaber", so lautet der Titel einer im Verlag Deutscher Hort in Dessau, 1934, erschienenen Schrift von 23 Druckseiten. Sie ist als Satire gedacht und ist unterzeichnet: „Theodor, mit bürgerlichem Namen Kohn gebeien, weiland Fürsterzbischof von Olmütz." Und sie ist datiert: „Gegeben im Himmel, zu Ostern 1934." Erzbischof Kohn. dessen Name hier verwendet wird, ist 1924 gestorben. Das wird dem Leser der Schrift auch im Vorwort mitgeteilt, damit er über die satirische Absicht des in mauschelndem Tone gehaltenen Textes des anonymen Verfassers nicht im Zweifel bleibe. Dieser erdichtete Brief an Kardinal Faulhaber beginnt; „Geliebter Bruder in Christo! Kairousche! Wie habe ich mich erfreuet an den herrlichen Worten, so Du in Deinen Adventpredigten in St. Michael zu Men gefunden! Mein Herz hat gelacht, und Koll Ischrol. mein Volk, hat gerufen: „Hoschanna, der Gallach spricht für uns!" An anderer Stelle (S. 21) heißt es: „Sei fürsichtig! Sei schloi! Dir mangelt die Klugheit der Jehudim, — Du bist doch nur e Goj! Nimm Dir einen Juden zur Seite, auf daß er Dir rate und helfe! Siehe, der heilige Vater hat getan des gleichen, und zum Leiter der Vatikanischen Bibliothek bestellet einen ungetauften rechtgläubigen Jüden!... Du kämpfest offen, o Bruder, und das ist schlecht! Kämpfe im Stillen!... Ich will beten auf jüdisch und katholisch — sicher ist sicher! — auf daß Du nun erleuchtet werdest mit jüdischem Geist!" (S. 22 und 23.) „Sie haben mitgebaut." Willy Haas schreibt in der „Prager Presse": „Wir haben unlängst hier erklärt, daß die deutschen Filmbehörden mit ihren (Baden bei Wien ROLLETGASSE 7 / HERMINE EICHNER Sehr nette Zimmer, mit und ohne Pension, streng rituelle Küche, Zentralheizung, fließendes Kalt- und Warmwasser, billige Preise, ganzjährig geöffnet. Grundsätzen die gesamte deutschsprachige tschechoslowakische Produktion beherrschen. Wir ziehen diese Behauptung zurück. Sie beherrschen nämlich die gesamte deutschsprachige Produktion Mitteleuropas . . . . Im Film sind die (von den deutschen Filmbehörden ausgeschlossenen) Juden von allem Anfang an ganz zweifellos am Aufstieg und an der Blüte produktiv beteiligt gewesen. Man denke an Douglas Fairbanks, an Mary P i c k f o r d, Ernst L u b i t s c h, Charlie Chaplin (Halbjude), vielleicht auch noch an Greta Garbo-Gustafson, der, erstaunlicherweise, viele gut informierte Schweden die Abkunft aus einer jüdischen Patrizierfamilie zuschreinatürlich ohne jeden antisemitischen Beigeschmack. Die Juden haben sich also gerade hier ein unbezweifelbares historisches Recht darauf erworben, nicht diskriminiert zu werden, ebenso wie z. B. in der Medizin. Sie haben an dem Hause mitgebaut, sie sind daran historisch mitberechtigt, nur ein Dieb kann ihnen dieses Recht nehmen." Um eine welthistorische jüdische Idee. Zu unserem Artikel über die geistige Urheberschaft an der Idee des Bevölkerungsaustausches, erschienen in der Nummer vom 21. v. M., erhalten wir folgende Zuschrift unter obigem Titel: Vor allem sei festgestellt, daß die Bezeichnung „welthistorisch" nicht vom Verfasser dieser Zeilen stammt, sondern auf Grund der Aufsätze Emil Ludwigs in der „Neuen Freien Presse" vom 12. und 19. Jänner 1930 und der Ausführungen des „Neuen Wiener Tagblattes'' vom 26. August 1934 gewählt wurde. Und nun zur Sache selbst: Das „Tagblatt" schreibt: .....deren geistiger Urheber angeblich Venizelos sein soll..." Natürlich fällt es auf, daß das „Tagblatt" nach der Lektüre eines ganzen Werkes von Eddy, der vier Jahre als ausführendes Organ des Völkerbundes bei der Realisierung der Idee tätig war. nicht genau weiß, wem die geistige Urheberschaft gebührt. Es kann aber nachgewiesen werden, daß verschiedentlich der Versuch gemacht wurde, i n GROSSFLEISCHHAUEREI ilEGM, KORNMEHl UMMMMMMiHaBBHaHaHMBMHB Wim OL, BIRdOASU NR. 1» FUJALSi XVIII., WAHRINOiaSTRASSB n Telephon Nr. A 17-3-99und A lt-9-34 Lieferant Mr HallaMtalte» ÄbteilungeniQrKoscherfleisch unter Aufsteht ■•« «hrw. Rabbis«««» dar Isr. K«lhMa*BMind* W!««. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen dieser Sache Venizelos mit einem Nimbus zu umgeben, auf den er keinen Anspruch hat; denn sogar der oben erwähnte Artikel Ludwigs vom 19. Jänner, der hauptsächlich ein Interview mit Venizelos bildet, schreibt diesem nur die Hälfte der Idee zu. Ludwig führt aus: „Jedenfalls gebührt das Hauptverdienst Venizelos, denn er hat damals in Lausanne, in der schlechten Lage als Unterhändler seines geschlagenen Staates, die Auswanderung der halben Million Türken durchgesetzt, während die Griechen geflohen oder verbannt, jedenfalls de facto schon im Lande waren." Venizelos stand also quasi vor einem fait accompli. Ja, es wirit sich sogar die Frage auf (und damit soll keineswegs Venizelos nahegetreten, sondern der Feststellung der Wahrheit gedient werden, die er doch bestimmt vertragen kann), ob eine halbe Idee in diesem Falle überhaupt ein historisches Novum darstellt; denn einseitige Entfernungen von Stämmen aus Staaten hat es in der Geschichte genug gegeben. Venizelos' Wünsche ließen sich dann zusammenfassen: Hast du meine Griechen ausgewiesen, so will ichi deine Türken nicht haben. Marcus Silberschatz dagegen hat aber zu einer Zeit, als Venizelos an keinen Bevölkerungsaustausch dachte, und zwar Anfang Juni 1922, also sogar noch vor der Katastrophe von Smyrna (September 1922) und vor der Konvention von Lausanne (Juli 1923), in welcher der Austausch festgelegt wurde, auf Grund richtiger Beurteilung des Nationalitätenproblems, ohne geschaffene Tatsachen, nicht nur die ganze Idee als Befriedungsmaßnahme vorgeschlagen, sondern auch die finanzielle und materielle Durchführung so angeregt, wie sie später verwirklicht wurde; mehr noch: vergleicht man miteinander Silberschatz' Publikation, die seine Anregung und die Prognose für den Fall der Realisierung enthält und die Berichte über die Auswirkung des Bevölkerungsaustausches, so sieht man, wie richtig er die Dinge in den Folgen vorausgesehen hat Uebrigens hat ja Venizelos selbst in einem an Silberschatz gerichteten Antwortschreiben dessen Priorität gar nicht streitig zu machen versucht. L. R. Palästina-Nachrichten. Als Antwort auf die zur Frage des Legislative Council für Palästina von der außerordentlichen Tagung der English Zionist Federation gefaßte Resolution veröffentlicht die dem Colonial Office nahestehende Zeitschrift „Near East and India" einen Artikel, in dem sie die Einsetzung des Council als eine Notwendigkeit bezeichnet. In dem Artikel wird darauf hingewiesen, daß das Palästina -Mandat der Mandatarmacht die Verpflichtung auferlegt, Volksvertretungs-Körperschaften in Palästina einzusetzen; ein diesbezügliches Versprechen habe England auch der Mandatskommission des Völkerbundes gegeben. Wenn die Araber und Juden sich selbst überlassen blieben, so wird in dem Artikel weiter argumentiert, würden sie niemals zu einer Verständigung kommen. Ein .Legislative Council biete dagegen die Möglichkeit, sich auseinanderzusetzen. Deshalb sei die Regierung auf dem rechten Wege, wenn sie den beiden Bevölkerungsteilen eine gemeinsame Körperschaft fUr politische Aussprache gebe. Auch könnten die Araber sich die Vorteile nicht verhehlen, die dem Lande aus der Schaffung des Jüdischen Nationalheims erstehen, die unerläßlich sei auf Grund der internationalen Anerkennung der Stellung Palästinas und die Fortsetzung der jüdischen Mitarbeit bei der Erschließung des Landes erfordere. Der laufende Budgetüberschuß der Palästinaregierung betrug Ende August d. J. 3,354.000 Pfund Sterling, was einem ganzen Jahresbudget entspricht. * Eine vom Oberrabbiner des britischen Reiches Dr. J. H. Hertz geführte Abordnung der englischen Rabbiner wird demnächst von dem in London weilenden High Commissioner für Palästina General Sir Arthur Wauchope empfangen werden. Die Rabbiner werden dem High Commissioner die. Forderungen der religiösen Judenhe.it an die Palästina-Administration vortragen, sie werden insbesondere ein Gesetz für Sabbath-Beobachtung und eine Subventionierung des Palästina- Rabbi n a t s durch die Regierung verlangen. Am 10. Oktober fand in Anwesenheit des Vorsitzenden des Jüdischen Nationalfonds M. M. Ussischkin die feierliche Grundsteinlegung zu der nach dem verstorbenen Präsidenten des Zionistischen Aktions- Komitees Leo M o t z k i n benannten neuen städtischen Mittelstandssiedlung im Haifa Bay-Oebiet „Kfar Motzkin" statt. Die Siedlung, die sich unmittelbar an die der deutschen Juden anschließt, soll 444 Sied-