Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 42 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064544--19942-3085134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SgUe 4 DIE WAHRHEIT Der Gottesglaube—das einzige Rettangsmittel für die leidende Menschheit. Eine Betrachtung zu den ersten Kapiteln der Bibel. Von Dr. M. E. Proßnitz. „Lind er glaubte an Gott, und das rechnete ihm Gott als Frömmigkeit an" (I. B. Mose's, Kap. 15. V. 6). Den im hohen Greisenalter stehenden, kinderlosen Erzvater Abraham führt Gott hinaus in die. freie Natur, läßt ihn zum Himmel schauen und verheißt ihm Kindersegen und Nachkommenschaft so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Dazu bemerkt die Bibel: „Und er glaubte an Gott", er glaubte an diese göttliche Verheißung. Der unbedingte Gottesglaube Abrahams kommt hiedurch zum Ausdruck, indem er das nach dem natürlichen Verlauf der Dinge scheinbar Unmögliche für möglich hält, weil es ihm eben der Allmächtige verkündet Diese Stelle, 1. B. Mos., Kap. 15, V. 6, ist die erste Stelle in der Bibel, an der das hebräische Wort für .jgiauben". he-emin. vorkommt. Eine weitere Stelle, die hier herangezogen werden muß, ist: 2. B. Mos., Kap. 4, V 31- ..Und das Volk glaubte daran", nämlich an die Botschaft Mose's von dem nahenden göttliches Werke der Befreiung Israels aus der Knechtschaft Aegyptens. Obwohl unsere Väter damals noch unter schwerer Not zu leiden hatten, brachten sie dennoch der göttlichen Befreiungsbotschaft unbedingten und zuversichtlichen Glauben entgegen. Wenn wir nun im Spiegel der voranstehenden Bibelworte die heutige Zeit bettachten, so zeigt sich uns das gerade Gegenteil. Es herrscht großenteils Unglaube, Atheismus und Wahnglaube: siehe die „GottlosenbeweKung" in Sowjetrußland und seit einem Jahre die religiösen Kämpfe in Nazi-Deutschland, wo sich eine Tragikomödie lächerlichster und zugleich schmachvollster Art abspielt, indem halbgebildete Dilettantendie vom gleichen Haß gegen das Judentum wie gegen das Christentum erfüllt sind, eine „neuheidnische", „nordisch-germanische" Religion einführen und so in ihrem Wahnwitz dte Kulturerrungenschaften insbesondere der abendländischen Menschheit vernichten wollen. Kulturerrungenschaften, die'in gleicher Weise auf den erhabenen sittlichen Ideen sowohl des Judentums wie auch des Christentums beruhen. Leider vermag sich die Stimme der wahren, echten Söhne des deutschen Volkes, deren Weltanschauung in den Werken der Geisteshelden des achtzehnten Jahrhunderts, eines Goethe. SchiUer. Lessing. Herder verankert ist nicht vernehmbar zu machen, denn sie ist zum Schweigen verurteilt unter dem Drucke jener unseligen Gewaltherrschaft, die seit dem Unglückstage des 30. Jänner 1933 das wahre edle deutsche Volk in Sklavenketten gefesselt hält Aber der Tag ist hoffentlich mit Gottes Hilfe nicht mehr ferne, an welchem die wahren Deutschen diese Fesseln sprengen und so die ihnen angetane Schmach tilgen und auslöschen werden. Den Mut zu dieser befreienden Tat kann ihnen nur der Gottesglaube verleihen, der die gemeinsame Grundlage des Judentums wie des Christentums bildet Aber auch die Judenheit der Gegenwart kann wohl keine besondere Freude empfinden, wenn sie sich im Spiegel der obenerwähnten Bibelworte näher betrachtet. Auch in ihre Mitte sind leider die Krankheitskeime des Unglaubens, des Irrglaubens und so mancher auf falschen Idealen beruhenden Bestrebungen eingedrungen. Gegen diese Krankheit gibt es nur ein altbewährtes Heilmittel, das ist die Rückkehr zum Gottesglauben unseres Erzvaters Abraham und zur Thora von Sinai, der Lehre der göttlichen Allbarmherzigkeit Dann wird die Judenheit ihren inneren Frieden, Trost und Freude wiedergewinnen. Wenn wir aber schließlich im Spiegel der anfangs erwähnten Bibelworte die allgemeines Entsetzen erregenden Weltereignisse der allerjüngsten Tage betrachten, die sich als hoffentlich letzte Ausläufer der durch den Weltkrieg hervorgerufenen Seelenverrohung darstellen, dann werden wir auch hier zur Erkenntnis gelangen, daß nur die Rückkehr zum Gottesglauben das einzige Heil- und Rettungsmittel für die schwer erkrankte Menschheit bildet So wie uns aber in der Bibel im 1. B. Mose's, Kap. 17, V. 17, erzählt wird: „Und Abraham fiel anbetend vor Gott nieder und lacht e", das heißt, wie es der Raschi- Kommentar erklärt, he-emin w'somach, er wurde von einer freudig glaubensvollen Stimmung erfaßt als er die frohe göttliche Verheißung von der Geburt eines Sohnes der Stammutter Sara vernahm, so möge auch die leidende Menschheit freudig und hoffnungsfroh zu dem Rettungsmittel des Gottesglaubens greifen, um so der Gefahr einer weiteren Seelenverrohung und eines neuen Krieges vorzubeugen und duTch energisch in Angriff zu nehmende internationale Verständigungsbestrebungen ihre Gesundheit wiederzugewinnen und zu einem dauernden Weltfrieden und gemeinsamer ungestörter Aufbau-Arbeit zu gelangen; einer Aufbau-Arbeit, wie sie in unserem österreichischen Vater- -iande bereits jetzt mutig in Angriff genommen wird. Deutschland bedroht den internationalen Frieden. Die Jewish Historical Society of England hielt im University College zu London unter dem Vorsitz Lord Melchetts ihre Jahresversammlung ab, die dem Andenken an Lucien Wolf, den jüdischen Historiker und Vorkämpfer für die Rechte der Juden überall in der Welt, gewidmet war. General Smuts in Südafrika hatte eine Kundgebung gesandt. Unter den Erschienenen war auch der Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge James G. MacDonald. Ansprachen hielten der Chief Rabbi von Großbritannien Dr. J. H. Hertz und der Präsident der Jewish Historical Society Gustave Tuck; Hauptredner des Abends aber war Lord Cecil of Chelwood. Nachdem er Lucien Wolf als Historiker, Diplomaten und Staatsmann, der nie vergaß, daß er Jude und englischer Bürger war, gewürdigt hatte, führte Lord Cecil, auf die Behandlung der Juden in Deutschland anspielend, u. a. aus: Es ist zweifellos wahr, daß prima facie jeder Staat das Recht hat, die Angelegenheit seiner Bürger so zu verwalten, wie es ihm am tunlichsten erscheint, und daß andere Staaten kein Recht haben, ihm hierin etwas zu diktieren. Wenn aber ein Staat einen Teil seiner Bürger so schlecht behandelt, daß dadurch das leidenschaftliche Mitgefühl der Bevölkerungen in anderen Ländern erregt wird, kann dies eine Bedrohung des internationalen Friedens zur Folge haben. Keine Nation darf ihre eigenen Untertanen auf skandalöse Weise unterdrücken, ohne daß dies zu einem internationalen Einspruch führt. Wir haben es erlebt, wie die jüngste deutsche Politik der Unterdrückung der Juden die tiefe Sympathie' der Juden in der ganzen Welt für ihre Glaubensbrüder in Deutschland geweckt hat, eine Sympathie, die von sehr vielen nichtjüdischen Menschen geteilt wird. Heute wissen wir alle, daß die erzwungene Auswanderung von Juden aus Deutschland in vielen Ländern ernsteste Besorgnis hervorruft und ein Problem darstellt, für das eine Lösung noch nicht gefunden worden ist. Schlechte Behandlung von Minderheiten in einem Lande ist eben durchaus nicht bloß eine Frage nationaler Souveränität, sie führt oft zu bedeutsamen internationalen Rückwirkungen. Hifiers Saarkommissar droht ... Der an Stelle des Herrn v. Papen von Hitler zum Saarkommissar ernannte pfälzische Nazigauleiter B ü r c k e 1 empfing den Direktor des Europadienstes der Hearst-Presse und erläuterte ihm die Haltung der deutschen Regierung zur saarländischen Judenfrage wie folgt: „Was die Juden anbelangt, so wird man nichts gegen sie unternehmen, vorausgesetzt, daß sie auf gewisse kulturelle Gebräuche und die Finanzspekulation verzichten. Wenn die Saar wieder deutsch ist, werden sämtliche Emigranten und politischen Flüchtlinge der deutschen Justiz übergeben, sofern sie ihren Aufenthalt über den Tag hinaus verlängern, _ an dem das Ergebnis der Abstimmung bekannt geworden-ist." „Finanzspekulationen" scheint also Herr Bürckel nur den Ariern im Saargebiet vorbehalten zu wollen. In Wirklichkeit bedeutet natürlich diese vorlaute Weisheit des Herrn Bürckel ganz etwas anderes: es ist das klare Bekenntnis, daß man die Juden im Saargebiet aus dem Geschäftsleben ausschalten, sie wirtschaftlich ruinieren will, wie das ja auch im Reiche mit heißem Bemühen geschieht. Was Bürckel sonst unter „nichts unternehmen" versteht, sind Pogrome. Treten sie, wie zu erwarten, dennoch ein, so werden, wie im Reiche, „Provokateure" die Schuldigen sein. Daß „sämtliche Emigranten und Flüchtlinge" den deutschen Gerichten übergeben werden sollen, das heißt, der SA und SS zur Folterung oder zum Erschießen auf der Flucht oder zum Selbstmord durch Erhängen im Gefängnis, nimmt man ohne Ueberraschung zur Kenntnis. Änti-Hifler^Boykoftkongreß verschoben? Der Londoner „Daily Herald" bringt ein aufsehenerregendes Interview mit dem Vorsitzenden des Jewish Representative Council for the Boycott of German Goods and Services, Horowitz, in welchem dieser mitteilt, der geplante Anti-Hitler- Boykottkongreß sei verschoben worden, und andeutet, daß einflußreiche deutsche Kreise eine entschiedene Schwenkung in der antijüdischen Politik des Hitler-Regimes vorbereiten. (?) Horowitz erklärte, falls die notwendigen Zusicherungen der deutschen Regierung ausbleiben, bzw. nicht verwirklicht werden, werde der Anti-Hitler-Boykott mit verdoppelter Kraft wieder aufgenommen werden. Tüchtiger Religionslehrer erteilt billigst Privatunterricht in allen hebräischen Fächern. Zuschriften an die Adm. dieses Blattes. MODERNE LEIHBIBLIOTHEK r»l. RAIB Wien, 2. Bez., Taborstrafie 20 A Telephon R 43-1-58 Reichhaltige Auswahl. — ALLE NEU¬ ERSCHEINUNGEN. Judaica u. Hebraica. Täglicher Umtausch. Monatsgebühr nur S 3.10 Keine Bandgebühr. In unserer Buchhandlung: Reichte Auswahl. BWige Bücher. König Carols Appell zur Einheit. Bei der Feier anläßlich der Eröffnung des Kongresses des Verbandes für die orthodoxe Einheitskirche richtete König Carol II. von Rumänien an alle Konfessionen einen Appell, für die Einheit Rumäniens zu arbeiten. „Ich bin Christ", fuhr er fort, „aber ich wende mich gleichzeitig auch an die, die es nicht sind, die eine andere Konfession haben, Seite an Seite mit uns für die Einheit des Vereinigten Rumänien zu kämpfen." Das Regierungsorgan „L'Independance Roumaine" führt hierzu aus, der König habe allen jenen eine „moralische Lektion" erteilt, die sich destruktiv betätigen und eine Rückkehr zu mittelalterlichem Obskurantismus allenthalben erstreben. Religiöse Intoleranz, Vortragen des Rassismus, Aufreizen der rohen Instinkte und Verfolgung des freien Gedankens — all das ist dazu angetan, die Konsolidierung eines Landes wie Rumänien, das auch von Minderheiten bewohnt ist, aufzuhalten oder gar in Frage zu stellen. Das tolerante und demokratische Rumänien fordert sein Volk auf, im Zeichen des Liberalismus an dem nationalen Fortschritt und der nationalen Befestigung mitzuarbeiten. „Die Gesinnung der Kanaille". Adolf Hitler hat, wie erinnerlich, vor einiger Zeit in einer seiner großen offizellen Reden an das deutsche Volk, in die er regelmäßig auch Angriffe auf die Juden einflicht, auch den großen deutschen Historiker Theodor Mommsen als Zeugen für den Antisemitismus zitiert. Demgegenüber sei auf den folgenden Ausspruch Mommsens, der den Antisemitismus als eine „Mißgeburt des nationalen Gefühls" definierte, hingewiesen: „Kanaille bleibt Kanaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille. Er ist wie eine schauerlich-e Epidemie, wie die Cholera — man kann ihn weder erklären, noch heilen .. . Endlich muß sich die Pest ja doch einmal erschöpfen .. ." So was gibt es?! Im Warschauer Regierungskommissariat ist ein Gesuch um Legalisierung eines Veretins getaufter Juden eingelaufen. Einer der Gründer, ein getaufter jüdischer Rechtsanwalt, gibt der nichtjüdischen Presse folgende Aufklärung über die Ziele der Organisation: In Europa gibt es eine halbe Million getaufter. Juden. Die Organisation der getauften Juden in Europa zählt bereits 50.000 Mitglieder. Es gibt katholische, evangelische, griechisch-orthodoxe und sogar baptistische Sektionen; zahlenmäßig am stärksten sind die Katholiken.. Eine Monatsschrift wird in deutscher, französischer und englischer Sprache herausgegeben. Die Erklärung schließt: „Wir sind R enegaten.' Wir organisieren uns, denn was sollen wir anfangen? Hitler erkennt uns nicht an. Morgen kann dasselbe in Oesterreich oder in der Tschechoslowakei geschehen. Und daher bleibt nur eins zu tun: sich zu organisiere n."