Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 42 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064544--19941-3085133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ttlE WAHRHEIT Seite 3 inbrünstigen Haß nach innen und nach außen und auch dort erkennt man nicht, daß aller Haß in Palästina hur das Feuer unter den Kastanien eines Dritten unterhält. Die Zustände in Palästina nähern sich sehr eilig dem europäischen Standard: sie beginnen grauenerregend zu werden. Im hellen Licht östlicher Sonne wird ein unheimlich tragischer Gespensterkrieg geführt. Der hier beheimatete Moloch Partei hat die ursprünglichen idealistischen Inhalte des Zionismus beinahe restlos aufgefressen; Pionierrum, sozial gerechte Gesellschaft und ähnliches, das die früheren Generationen ins Land brachten, haben wortreichen und inhaltlosen, aber parteigesinnungstüchtigen Programmen Platz gemacht, und wer heute die Vergangenheit zwischen 1919 und 1929 lobt, ist entweder ein Idealist, ein „tipesch" oder noch klarer ausgedrückt, ein „boged": ein Verräter. („Das Neue Tagebuch", Paris.) Der Sündenbock. Die von einer Nachrichten-Agentur in den ersten Stunden nach dem Mordattentat auf König Alexander II. von Jugoslawien und den französischen Außenminister Barthou in Marseille verbreitete Mitteilung, daß der Mörder, der sich Petrus Kelemen nannte, ein J ude war, was aus der Tatsache gefolgert wird, daß er beschnitten war, hatte für manche jüdischen Gemeinden in Jugoslawien unangenehme Folgen gehabt. In der Stadt O s s i e k (Essegg), dem Hauptorte Slawoniens, kam es zu judenfeindlichen Ausschreitungen eines Teiles der Bevölkerung. Jüdische Geschäfte wurden angegriffen, die Fenster jüdischer Wohnungen wurden eingeschlagen. Die Belgrader Regierung hat sofort Order an die Polizei in Ossiek erteilt, eine Wiederholung der antijüdischen Ausschreitungen um jeden Preis zu verhindern und nötigenfalls die Hilfe des Militärs in Anspruch zu nehmen. Auch in Z a g r e b, der Hauptstadt Kroatiens, kam es zu antijüdischen Ünruhen, die jedoch von der Polizei im Keim erstickt werden konnten. In S a r a j e v o, der Hauptstadt Bosniens, kam es zu Ausschreitungen gegen Geschäftsinhaber, die einen antikatholischen, zum Teil aber auch einen antijüdischen Charakter trugen. Es sollen mehrere Geschäftsinhaber verabsäumt haben, zu Ehren König "Alexanders Trauerfahnen auszuhängen. Obwohl die jüdischen Geschäftsleute ihrer Trauer um den Tod König Alexanders in angemessener Weise kundtaten, wurden auch sie zum Teil nicht geschont. Die schnellen Maßnahmen der Regierung gegen diese antijüdische Agitation — inzwischen wurde festgestellt, daß der angebliche Petrus Kelemen in Wirklichkeit Vlada Georgiew Ceraoseirisky hieß und Mazedonier war — haben beruhigend auf die jugoslawische Bevölkerung und auf die Juden Jugoslawiens gewirkt. Seitens der Behörden wurde versichert, daß kein einziger Jude auch nur den geringsten Zusammenhang mit dem Königsmord und mit der ganzen Verschwörung, die zu dem Morde führte, hat. Judenfeindliche Unruhen gehören in Jugoslawien zu den Seltenheiten. Ueberfälle auf Juden wurden in Bulgarien und in Jugoslawien von Zeit zu Zeit gerade von den mazedonischen Terrorgruppen verübt, zu denen der Königsmörder gehörte. * Das Oberrabbinat von Jugoslawien hat einen Monat derTrauerfür den ermordeten König Alexander II., der einer der aufrichtigsten Freunde des Judentums unter den Monarchen der Welt war, proklamiert. Sämtliche Synagogen und öffentlichen jüdischen Gebäude des Landes tragen Trauerschmuck. In den zahlreichen jüdischen Trauerkundgebungen und Trauerpredigten wird darauf hingewiesen, daß König Alexander besonders freundschaftliche Beziehungen zu seinen jüdischen Untertanen unterhielt und wiederholt in öffentlichen Erklärungen sein Wohlwollen für sie bekundet hat. Oberrabbiner Dr. Alkalay, das geistliche Oberhaupt der Juden Jugoslawiens und ihr offizieller Repräsentant im Senat, gehörte zum Kreis der persönlichen Freunde des verstorbenen Königs und wurde von diesem wiederholt zu Unterredungen in den Belgrader Konak gerufen. Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Das bestbekannte H&2 Restaurant Botel Stefanie II., T.borstraB« 12 — Tel. R 48-3 M «mpfiehlt seine reichhaltige Speisenauswabl. Menü von S 1.60 an. Speisen am Rost Tätlich Irische Pische. Erstklassige Bedienung. Amerika, England und in Palästina (auf dem Skopus) aufführen will. Der Plan Reinhardts ist folgender: Es soll ein gewaltiges Zelt gebaut werden, das 5000 Menschen fassen soll und transportabel ist, immer wieder aufgestellt werden kann, ein großes Symbol des immer wandernden jüdischen Volkes. Die Bühnenhöhe wird 40 Meter sein. Mit der Konstruktion dieses Zeltes ist Oskar S t r n a d betraut worden. Die Uebersetzungsfrage ist noch nicht gelöst; vorläufig ist das Werk in deutscher Sprache fertig. Die Uebersetzung ins Englische soll dem Lyriker Lewis Untermayer anvertraut werden. Franz Werfel will das Spiel nicht als freie Dichtung, sondern als dienendes Werk betrachtet wissen. Es soll dazu dienen, die Bibel mit den neuen Mitteln heutiger Darstellungskunst den jüdischen und nichtjüdischen Massen wieder nahezubringen und lebendig zu machen, und nicht nur die Bibel, sondern auch das seltsame Schicksal dieses Volkes der Verheißung, des Volkes der Paradoxe, das in seiner ganzen ereignisreichen und unglücklichen Geschichte Israel, der Gotteskämpfer, geblieben ist, immer von neuem mit Gott ringt, abfällt und wieder zurückfindet, und nie aufhört, bald in naher, bald in weiter Ferne die Stimme der sittlichen Forderung, der übernatürlichen Verpflichtung über sich zu hören. Ein Bibel-Drama Franz Wer/eis. Der Dichter Franz Weriel hat soeben ein großes Bibel-Drama vollendet. Nachstehend geben wir einige Angaben wieder, die der Dichter einem jüdischen Pressevertreter gemacht hat; eine kritische Betrachtung behalten wir uns für den Moment des Erscheinens des Werkes vor. D. Red. ' Die Anregung zu dieser Dichtung hat Werfel von Max Reinhardt, erhalten, der den Wunsch äußerte, ein Schauspiel, das die Ereignisse der Bibel. darstellt, in großem Ausmaße zur Aufführung zu bringen. Nun ist das Werk in deutscher Sprache vollendet und führt den Titel: „Der Weg der Verheißung". Es sind eigentlich zwei Dramen ineinander gefügt, ein irdisches, von einfacher Handlung, und ein biblisches, in welchem die großen Ereignisse der Bibel so weit als möglich mit den Worten der Bibel sich abspielen. Eine besonders hiezu konstruierte Simultanbühne wird das Neben- und Ineinander dieser beiden Dramen, des irdischen und des himmlischen, des zeitlichen und des zeitlosen ermöglichen. Eine jüdische Gemeinde strömt auf der Flucht in der Synagoge zusammen. Es ist Nacht und in dieser Nacht soll es sich entscheiden, was der König über die betreffende Gemeinde verhängt. Es treten einfache Personen auf, ein Rabbiner, dann ein frommer, gelehrter Mann, ein 13jähriger Knabe und ein Widersacher, der „gegen alles" ist, ein richtiger Korach (er sollte ursprünglich von Pallenberg gespielt werden). Der fromme Mann verlangt in der Not, man solle die Thora lesen — and diese Thora wickelt sich nun im Himmelsraüm ab. Es ist gleichsam eine dramatisierte Thoravorlesung, wobei die Personen des irdischen Stückes auf die biblischen Ereignisse immer wieder reagieren, während die himmlischen Gestalten auf die Handlung des irdischen Stückes nicht reagieren. Das himmlische Drama hat vier Akte. Der erste behandelt die Geschichte der Erzväter von Abraham bis Josef, der zweite das Leben Mösls, der dritte Saul, David, Salorao, der vierte die Propheten bis zur Zerstörung des Tempels. Den Schluß bildet die Tröstung durch den Messias. Das Drama ist in Versen geschrieben, und zwar einem daktylischen Vers, der sich oft zum Reim steigert, das irdische Spiel in Prosa. Der Darsteller des Abrahams wird zugleich der des Moses, Samuel und Jeremias sein, der des Josef ist zugleich David und der Messias; ebenso werden Rahel, Ruth, Bathseba, die drei Frauenrollen, von einer Darstellerin gespielt. Die reale Handlung endigt mit der Ausweisung der Gemeinde. Aber die Worte des Messias, welche nur der Dreizehnjährige hört, verwandeln das traurige Bild in messianische Hoffnung. Den Sinn des irdischen und himmlischen Geschehens erblickt Werfel in der ewigen Paradoxie des jüdischen Volkes; in der Tatsache eines Volkes, das ewig vor einer Forderung steht; einfach formuliert: der Jude will wie der Mensch leben nach der Art, in der er erschaffen worden ist; aber Gott will, daß er anders lebe, als er erschaffen worden ist. Durch diese Spannung entsteht ein Potentialunterschied, aus dem der Strom der Geschichte kommt. Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes ist ein ewiges Ringen mit dem Befehl Gottes, der gerade dieses Volk, gerade Abraham erwählt hat. Die Aufführung dieses Stückes wird besondere technische Vorbereitungen erfordern. Die Uraufführung findet im 15.Februar inNewYork statt. Es hat sich in Amerika und England eine eigene Gesellschaft gebildet, welche dieses Stück in Die Reichspost klatscht Bravo. Die „Reichspost" interessiert sich neuestens wieder sehr lebhaft für den innerjüdischen Meinungskampf. War es vor kurzem die „Jüdische Presse", die durch den groß aufgemachten Abdruck ihres dreisten Artikels zur Schulfrage in dem christlichsozialen Organ ausgezeichnet wurde, so ist es diesmal Oberbaurat Stricker, dem die gleiche Auszeichnung durch auszugsweise Wiedergabe einer Versammlungsrede widerfährt, die er am letzten Dienstag in einer Versammlung des „Jüdischen Volksbundes" im Hotel Continental gehalten hat. Und das Merkwürdige: Auch in diesem Fall ist die „Reichspost" mit den vom separatistischem Parteigeist getragenen Ausführungen einverstanden. Die Jüdischnationalen liaben also nicht mehr das Recht, sich über die wohlwollende Behandlung der Orthodoxen durch die „Reichspost" aufzuhalten, auch sie erfahren die gleiche „Bevorzugung". Ja noch mehr: ihnen wird sogar beruhigend versichert, daß der Parallelklassenerlaß, gegen den sie bekanntlich mit der „Union" im Kultusvorstand protestiert haben, „wohl noch nicht die Erfüllung ihrer Forderung, aber doch eine Vorbereitung der Erfüllung bedeutet". Oberbaurat Stricker denkt, wie er in der Continental-Versammlung, die zu gut 75 Prozent von anscheinend wegen der zunächst drohenden Leere des Saales hinkommandierten Jugendlichen besucht war, ausführte, sehr geringschätzig über den Umstand, daß Antisemiten seine Anschauung teilen. Uns macht so etwas trotz seiner diesbezüglichen „Gegenbeweise" mehr als stutzig. Deshalb muß auch die Zustimmung der „Reichspost" und ihre Versicherung zur Beruhigung des Herrn Stricker: „Weder Rom noch Jerusalem wurde an einem Tage erbaut" uns sehr nachdenklich stimmen, aber auch die Jüdischnationalen sollten aus solcher Patronanz erkennen, auf welch gefährlichen Weg sie sich begeben haben. „Die Frau im Dienste) der Menschlichkeit" Frau Bundesstaatlicher Fürsorgerat Ottilie Politzer hält unter obigem Titel Montag, den 22. d. M. um 15 Uhr 20 Min. einen Vortrag in der Wiener Ravag. OroOe JOdisdie Nallonai-Btogrophte fon S. WlninöCr In 6 Lexikonblnden komplett erschienen. Ein Nacbtragsband erscheint demnächst. Dieses mit UnterstU'zune zahlreicher Wt«seiv cbaftler *u» aller Welt verfaßte Werk enthalt über 10 0 0 L*ben«bescbreibun?t n namhaf'er jud. Männer nnd Frauen aller Zritei. ,>nd Lander und liefert wie kein ähnliches Werk den Nachweis des Beitrages der Jaden zur Kultur der Menschheit. Deshalb so'l es in keinem jüd. Haus fehlen. Bs kos>e< in 6 eleg. HalblederbSnden bei direkter Bestellung durch den Herausgeber S. Winlnger, Cernau'i, anstatt wie bisher S 2'5.— nur S 2f0.—. Verlanget Ptospekte.