Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-10-19 · Heft 42 (19.10.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 42 (19.10.1934)
Date
1934-10-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064544--19940-3085132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 DIE WAHRHEIT „FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wie» II. Aspernbrüekenoasse 2_Tot, B 43-500 Dnich Monaisbeiträge von S I bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für TSonter und Sohne Ausstattungsbeiträg <s für Töchter Vorsorge für das Alter und fflr die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. flotte Versicherungssummen. i. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Voile Garanne der Lebens Versicherungsgesellschaft „ Phönix". 5. Keine Nebeogebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Autnahmegebühr. Oer „PimiBNiCflOrZ" wird von der Wiener Kuttu»*einelnde befürwortet doxie — ist eine unabhängige jüdische Gemeinschaft in Palästina. Aber nicht nur die Frage, wie diese Gesellschaft sozial und kulturell beschaffen sein soll, sondern schon die Frage, wie der nächste Schritt zu dem gemeinsamen Generalziel beschaffen sein soll, scheidet die Parteien in Lager, die einander mit kaum vorstellbarem Haß bekämpfen. Die Bereitschaft, einander die Köpfe einzuschlagen, die bei den uniformierten Verbänden latent vorhanden ist und die besonders bei der Rechten echt „europäische" Ausdrucksformen annimmt, hat, wie der ganze Parteienkampf Palästinas, etwas Gespenstisches an sich. Es kämpfen hier Gruppen gegeneinander mit Mitteln und Methoden, die aus unabhängigen Staaten des Westens übernommen wurden, ohne daß auch nur die Grundvoraussetzung vorhanden ist: die staatliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit, Programme in Wirklichkeit umzusetzen. Wie Gespenster agieren hier mit südlicher Leidenschaft Tausende von Menschen, ohne zu erkennen, daß ihnen eine wichtige politische Dimension fehlt, ohne sich klar zu werden, daß hier gekämpft wird, nicht weil durch die Ergebnisse des Kampfes eine politische oder eine soziale Forderung verwirklicht werden könnte, sondern allein um den politischen Missionstrieb, dem anscheinend der größte Teil der heutigen Menschheit anhängt, zu befriedigen. Es wird hier mit allen Mitteln um die Macht gekämpft, obwohl diese Macht etwas Ephemeres ist. Denn jede erkämpfte Machtposition kann nur dann gehalten werden, wenn sie sich in das augenblickliche orientpolitische Programm Englands einfügt. Daß England aber nicht allein mit den Juden Palästinas zu kalkulieren hat, weiß wohl jeder Mensch, aber es nimmt merkwürdigerweise kein Mensch davon Kenntnis. Wohl ist der Zionismus, wohl ist die Jewish Agency innenwie außenpolitisch anerkannte verhandlungsfähige Institution, aber die Ergebnisse des Krieges um die Vorherrschaft im Zionismus, in der Jewish Agency lassen England kalt. Denn wenn auch der Revisionismus der Regierung Ihrer Britischen Majestät den Krieg erklärt, sind es doch nur Straßenschlachten in Tel- Aviv, die den dafür bezahlten Tommies und nicht den Initiatoren britischer Reichspolitik geliefert werden, Schlachten, wie sie seit Jahrhunderten im British Empire fast täglich vorkommen. Der Grundkonzeptionsfehler des politischen Kämpfens in Palästina liegt — sieht man von seiner geistigen Oberflächlichkeit und seinen irrsinnigen Formen ab — in der geradezu grotesken Primitivität politisch-diplomatischen Denkens. Abgesehen von der sozialistischen Linken, die ihr Programm ziemlich unverfälscht aus dem Westen übernommen hat, wurde überhaupt noch kein Ziel proklamiert, das über das Maß eines nebulosen Judenstaates oder einer ebenso formlosen „Heimstätte" hinausgeht. In der alles erfüllenden Lust am Kampf erkennt man nicht, daß man sich gegenseitig zerfleischt, ohne je das Vergnügen zu haben, ein halbwegs akzeptables Ergebnis dieser Selbstzerfleischung genießen zu können. Man erkennt auch nicht, daß es trotz aller realistischen Faustkämpfe keine reale Politik in Palästina gibt. Man erkennt nicht, daß die Interessen Britanniens an Palästina durchaus andere sind als die der Juden und die der Araber und man will, in typischer Vogelstraußpolitik, nicht zur Kenntnis nehmen,-daß man schließlich immer wieder in einen luftleeren Raum hinausstößt. Wohl kämpft man auch um Realitäten des Tages, um Einwanderung, um Bürgerrechte, um dies und DAS MONUMENTALE FIIMW6RX CONRAD V€l DT M $ü NAC I LION FEUCHT WANGER KAMMERIICHTSPIELE SCHWAR1ENBER6PLATJ. 10WEN KINO»- MAMATHERESIEN KINOvi- FLIE6ERKINOK W E I t &c .C O ■ jenes, aber man will die große, die Ur-Frage des Landes, die Frage einer pansemitischen, einer jüdisch-arabischen Föderation nicht der Realisierung näherbringen. Denn dies stünde nicht nur im Widerspruch zu dem Endziel eines reinen Juden;- Staates, sondern es würde.auch eine Beendigung des inneren Kampfes und einer Vergeistigung der Bewegung voraussetzen, also keinen Propagandagehalt für die Straße liefern. Daß trotz dieser verrückten Zustände der Aufbau Palästinas weitergeht, hängt mit ökonomischen Dingen vielleicht imponderabileir Art zusammen, aber auch mit der Tatsache, daß es im arabischen Lager nicht anders zugeht. Auch dort herrscht Kampf, auch dort kämpfen die verschiedenen Famiiienparteien gegeneinander — wobei der Fellache eines ergebenen, aber nicht sanften Hungertodes verscheidet —, auch dort gibt es stets zum Dreänhauen bereite Flügelpartien, auch dort gibt es Feuilleton Entgegnung an Venizelos. Von Marcus Silberschatz. Venizelos hat in den letzten Tagen den Juden Griechenlands nahegelegt, sie mögen das Schicksal des Landes nicht in höherem Maße zu beeinflussen wünschen, als es ihrer zahlenmäßigen Stärke entspricht Wenn er auch, was zum Nachdenken anregt, für den Fall, als sich die Juden seinen Ratschlägen nicht anbequemen sollten, antisemitische Gespenster ankündigt, so spricht er doch gegenwärtig von den Juden als solchen mit Anerkennung. Ich will nun daraus folgern, daß er im allgemeinen zwischen Juden und anderen Völkern keinen Unterschied macht Ohne die griechischjüdischen Verhältnisse zu kennen, will ich doch versuchen, Venizelos' Meinung von der „zahlenmäßigen Stärke" von einem Standpunkt aus, der eine Uebersichl ermöglicht, kritisch zu beleuchten: In Griechenland gab es einmal „einen gewissen" Byron; dieser, den man z. B. in Wien als Zuag'rasten bezeichnen könnte, hat im Kampfe Griechenlands um die Befreiung vom byzantinischen Joch manches geleistet, was vor ihm kein Grieche zustandegebracht hatte: man muß es aber als wahres Glück für Hellas bezeichnen, daß sich Byron „beeilt hat", eine Reihe vier Jahrzehnten vor dem Auftauchen Venizelos' seine Taten zu vollbringen, denn wäre er ein Zeitgenosse von Venizelos. so hätte ihm dieser wahrscheinlich auf seine „zahlenmäßige Stärke" (sage und schreibe: ein Brite) verwiesen ... Ich wffl scheinbar meine Gedankengänge unterbrechen und auf noch ein Glück hinweisen, daß Byron nicht nur nicht zu spät sondern auch nicht zu früh und an der richtigen Stelle geboren wurde, denn wäre dieser „Arkadier" zur Zeit, als die alten Danaer noch nicht vom jüdischen „Mitleidsdusel" angekränkelt waren, in Hellas zur Welt gekommen, so hätte man ihm. wegen se'nes KlumDfußes. bald ■.nach der Geburt den wertvollen Kopf zerschmettert. Ein weiteres Glück für Griechenland ist ferner, daß das Schicksal Venizelos selbst für unsere Zeit aufgespart bat denn wäre er im Altertum geboren worden, so hätte er wohl gar nicht für ein einiges Großgriechenland eekämrft. sondern wäre, als klassischer Partikularist bei irgend einer Katzbalgerei, und sei es zwischen Thebanern und Spartanern, erschlagen worden. In England gab es bekanntlich einen Juden Disraeli: dieser hatte einmal den Einfall, das große Mittelmeer wie c'n Tor zuzuswren und gewisse Hausherrenrechte für Engl?nd geltend zu machen: das Schatzamt konnte d'e Srenelerkosten nicht begeben, aber ein zwe'ter Jude hft sie vorgestreckt: Hätte Venjzeäos in einem scScben Fflle. als es ans große Zahlen ging (JOuf der Puezkannl^kti^n) auch auf die zahlenmäßige Stärke hingewiesen? Es gibt jetzt maßgebende Elemente, die es eventuell nicht zulassen würden, daß ein Jude den wirklichen Krebserreger entdeckte, auch wenn ihr eigenes Volk dadurch von den größten Gefahren befreit würde; es Sei denn, daß sie selbst ein riesiges Magengeschwür hätten und nur vom betrettenden Juden Hilfe erwarteten; mit solchen Judenfeinden kann man ja Venizelos nicht im entferntesten vergleichen; wie aber, wenn es ein Jude zustandegebracht hat, das Arbeitsfosenproblem zu lösen und er dadurch das Schicksal des entsprechenden btaates im höchsten Maße zu beeinflussen vermöchte? Glaubt vielleicht Venizelos. es müßte den Juden freigegeben werden, alle Kranken zu heilen, aber nicht durch eine Evolution die Gesunden vor Elend und daher auch vor Krankheit zu schützen? Ich nehme an, daß es Venizelos um den allgemeinen Einfluß der Juden in Griechenland zu tun ist, denn wegen eines Ahgeordnetenmandate hätte er sich doch nicht, und noch dazu vor aller Welt mit den Juden derart herumgeschlagen: bei der diplomatischen Gewandtheit Venizelos' sind ja die betreffenden Worte, die einleitend angeführt sind, klar genug; aber sogar wenn es sich nur auf die Mandate von Saloniki b ezöge, so wäre seih Wunsch eine Unmöglichkeit; Venizelos wird doch den Juden Salonikis konzedieren, daß sie ins Parlament nicht ein Stück Sitzfleisch, sondern einen Kopf entsenden; wenn nun vielleicht der betreffende Abgeordnete in einem kritischen Stadium eine rettende Idee hätte, müßte er sie „verschlucken", weil ei* sonst das ganze Wohl des Staates beeinflussen müßte? Die Majorität hätte also das Recht über Krieg und Frieden zu entscheiden und die ganze Minorität in den geräumigen Rachen des Mars zu schleudern (im nächsten Krieg werden ja sogar. Säuglinge und Embryonen wie Kombattanten behandelt werden . . .) und die Vertreter der Minorität dürften nicht einmal einen Weg aus dem Chaos zeigen? Oder will man für ernste Fälle eine Ausnahme machen? Aber im Moment wenn man jm allgemeinen eine vollständige Mitbestimmung ausschließt, so könnten ja durch Ungeschicklichkeit der Majorität derartige Verwicklungen erwachsen, daß später jede Rettung unmöglich würde. Wenn sogar manche wirklich glauben selten. Venizelos' Ratschläge bezögen sich auf die paar Parlamentssitze, so ist es klar, daß. sobald irgend eine jüdische Idee auftauchte, Venizelos zum Zdlstab griffe, um das Ausmaß der Auswirkung mit, der ..zahlenmäßigen Stärke" in Einklang zu bringen. Die Geschichte kennt auch andere Zuag'raste: Napoleon; die großen Heerführer Oesterreichs: Prinz Eugen, Lascy, Laudon. Ligne und andere. Eines der größten (bis jetzt heißt es: das größte: aber darüber ist ja noch wohl nicht das letzte Wort gesprochen) Ereignisse des Weltkrieges war die Schlacht an der Marne: dieser Kampf ist mit dem Namen Gallienis, der, dem Namen nach zu urteilen, von Italenern abstammen dürfte, also eines Mannes aus einer Zuag'rasten-Familie, für immer verbunden; auch Joffre soll baskische Vorfahren gehabt haben (daran ändert natürlich nichts, daß es im Heere an vollblütigen französischen Heerführern nicht gemangelt hat). Und während der deutschblütige tJeffe-Moltke den ganzen Schlieffen-Plan mitsamt den voreiligen deutschen Kriegshoffnungen, einschlafend, in die Wellen der Marne fallen Heß. vollführte der Französenstämmling Fraricoäs einen Leopardensprung und zerfetzte den Russen bei Tannenberg (die "wichtigste „Exekution" bei Tannenberg vollzog das Korps Franr cois' und dieser ist gegen den ausdrücklichen Befehl Ludendorffs und auch HindenbuTgs vorgegangen). Frankreich, das einmal seine besten Begabungen (die Hugenotten) verjagte, denen auch Francois entstammen dürfte, befolgt wirklich den Grundsatz „Freie Bahn dem Tüchtigen!" In Napoleons Armee hatte jeder Soldat den Marschallstab im Tornister; der Fleischhacker Mural konnte Marschall, Schwager des Korsen und König werden. Kefa Wunder, daß die französischen Marschalistäbe wie Zauberstäbe wirkten. Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß sich selten ein Volk aus eigener Kraft von fremdem Joch befreien konnte: auch die großen Nationen können sich ohne fremde HJfe nicht behaupten. Frankreich hat wohl bei Verdun mit eigenen Truppen dem deutschen Ansturm getrotzt und auch die Behauptung der Kritiker von der Unfähigkeit des Franzosen zur Offensive „schlafend" widerlegt: aber es konnte standhalten, weU es die Alliierten auf anderen.Plätzen entlasteten. So sind also die Völker aufeinander angewiesen. Griechenland bat natürlich den Großmächten viel zu verdanken, darunter England, an dessen Aufbau Juden initwirkten: Was ist also ein Unterschied, ob der Jude direkt im Staate mitwirkt, .öder als fremder Staatsmann dem eigenen Volke hilft ohne daß es diesem ganz zu Bewußtsein kommt? Vielleicht hat es Hellas Disraeli zu verdanken, daß heute keine zaristische Kosakensotnje auf der Akropolis haust . . . Zahllose Erfindungen, deren jüdischer Ursprung den Griechen ein Geheimnis ist. beeinflussen ohnehin das ganze Leben des griechischen Volkes ... Ich habe oben Erscheinungen der altgriechischen Geschichte gestreift; die Zeit, in der die Hellenen gegen verkrüppelte Neugeborene erbarmungsloser als gegen Giftschlangen handelten: es ist?ber ere Mahnung yd ein Witz der Geschichte, daß Byron eine so gewaltige Rolle bei der Befreiung Hellas' spielte: eine andere Erscheinung ist der Partikularismus von dem sich Griechenland erdlich befreit hat: so möge es sich auch vom Provinzschlagwort von der „zahlenmäßigen Stärke" losmachen. SoW der Diplomat Venizelos das ernst meinen? Die Forderung nach Ausschaltung „fremder" Ideen wird ia meist von Kreisen erhoben, die selbst an Ideenarmut leiden. Es kommt etwas spanisch vor, wenn man Ideen spanische Stiefel anlegen will. Wohl haben schon Zuag'raste Schaden gebracht: bedeutend größer ist iedoch der Nutzen. Kein Volk kann sich mehr kulturell und politisch von anderen abschließen. Meist wurde den Juden der Vorwurf gemacht, sie seien Oppositionen: aber Venizelos möchte sie im opoo sittnmelleh Sinne bee'nflussen . . . Schwer zu sein a Jüd . . . Aher gerpde Venizelos sollte für dfe iüdische Sltuption Verständnis aufbringen: er, der schon das if'djscbe Schicksal geteilt: nach großen Leistunsen fürs VPtedfnd ins Ausland eehen 7u müssen: er. auf den. in VfriWung des jüdischen Stoßseufzers, der Ausspruch zutrifft: „Schwer zu sein ein Ministerpräsident" . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.