Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 42 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064544--19939-3085131- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
preis dieser Nummer 40 Groschen Iii Deutschland verboten^ lidische I« UUrU mit den~ Veröffentlichungen der „Union österreidiischer Im FLUGPOST AMTLICHER BRIEFKASTEN.«» WIEN LKOHLMARKTS -UESTINE.CÜIjN Erscheint jeden Freitag tBQIQBIIDUlBDBniDltQnHr Redaktion und Administration; Wien H., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 50. Jahrgang Wien, 19. Oktober 1934 Nummer 42 Der politische Mord. Es hat diesmal lang gedauert, bis man den Attentäter von Marseille agnoszieren, die geographische Zone, der er physisch, und die politische Sphäre, der er geistig entstammte, feststellen konnte, und diese Anonymität ist bei einem politischen Mord seltsam genug, ja sie widerspricht dessen ganzem Wesen. Vom Verbrecher, - der aus rein privaten Motiven jemanden umbringt, versteht man ohne weiteres, daß er über seine Person und seine Tat gern die Schleier des Geheimnisses breitet. Aber der politische Mord, der einer Idee dienen will, verliert seinen Sinn, wenn diese Idee nicht aus der Tat aufscheint. Darum haben die russischen Nihilisten ihren präsumtiven Opfern gern formelle Todesurteile ins Haus geschmuggelt, bevor sie diese Urteile vollzogen. Aber auch die deutschen Nationalsozialisten, minder gewissenhaft uf der Vorbereitung ihrer Opfer und vor allem über weniger Bekennermut bei ihren Vollzugsorganen verfügend, durften doch mit einer gewissen Sicherheit damit rechnen, daß die Welt die Marke Hakenkreuz dort agnoszieren konnte, wo es darauf ankam. Ja gerade die Heimtücke und Feigheit, wie sie besonders die in Oesterreich verübten Bomben- und Böllerattentate verrieten, wurden zum unfehlbaren Charakteristikum der Marke Hakenkreuz, zu einem so unfehlbaren, daß sich der Verdacht gegen diese Marke von selbst ausschaltete, wo sich ein Mörder mit kühnem Einsatz seiner Person angesichts einer ungeheuren Menge aufs Trittbrett einer Staatskarosse schwang, um gegen die Insassen Schüsse abzufeuern. Diese todesmutige Selbstpreisgabe eines Exaltados, der seine Kühnheit gleich an Ort und Stelle mit dem Tode büßte, widersprach so sehr allen mit nationalsozialistischen Killern, die nur aus sicherem Hinterhalt ihre Beute treffen, gemachten Erfahrungen, daß die unter vielen anderen Meldungen aufgetauchte Nachricht, der Mörder sei mit Münchner Kreisen in Verbindung .gestanden, am wenigsten Glauben fand. Dabei wies die primitivste Grundlehre des Indizienbeweisverfahrens nach dieser gefühlsmäßig abgelehnten Richtung. König Alexander war ein großer Judenfreund. Sein Hausarzt, seine Bridgepartner, sein intimster Umgang waren Juden. Und dieser Philosemit geriet in die zweideutige Sphäre nationalsozialistischer Anbiederungsversuche. Nach der Blamage in Italien suchten die Diplomaten des Dritten Reiches Anlehnung an Jugoslawien. Hatten sie früher Mussolini durch die Preisgabe der Deutschen Südtirols gnädig zu stimmen gesucht, so sollte König Alexander durch die Aussicht auf die Ueberlassung von Kärnten geködert werden. Nie- ^lIMiuuiHlinüMUllWIlUIIIIIIILILlim VERWALTUNGEN * SÄTZE - HYPOTHEKEN*^ KÄUFE - VERKÄUFE m» r SZILÄGYI BEB. AÜT. SEISM. IX, ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 mand ist so freigiebig mit deutschem Gebiet und deutschen Seelen wie die Hitler-Deutschen. Durch solche Versprechungen wollten sie. den Keil zwischen Italien und Jugoslawien tiefer treiben. König Alexander fuhr aber nicht nach Berlin. Er reiste nach Frankreich, das eine Versöhnung zwischen den Mächten an der Adria in die Wege leiten wollte. Durch die Ermordung des jugoslawischen Außenministers hat diese Friedensaktion einen bedauerlichen Aufschub erlitten. Cui prodest? Diese Frage ist nicht schwer zu beantworten. Trotzdem hat sie bei der Lösung des Rätsels, das den Marseiller Mord geheimnisvoll umdüsterte, fast gar keine Rolle gespielt. Wie sich jetzt herausstellt, mit Recht. Denn der Mörder entpuppte sich als bulgarischer Mazedonier. Daß er sich als Instruktor für Terrortruppen der kroatischen Emigranten betätigte, wird in Berlin und München höchstens Spott hervorrufen. Man hat dort andere Instruktionsmethoden für Terror . . Die im Dritten Reich ausgebildeten Terroristen werden nicht in flagranti etwischt und niedergesäbelt. Sie lassen fürsorglich niedergelegte Explosivstoffe für sich wirken. Bis die losgehen, sind die Täter längst in Sicherheit . . . Ueber die Motive der Mazedonier ist man in Mitteleuropa nicht ganz auf dem Laufenden. Seit der Etablierung des Dritten Reiches ist der Balkan gewaltig in den Hintergrund geraten. Er kann nicht mehr imponieren und hat daher auch an Interesse verloren. Und so kann es geschehen, daß die Marseiller Tat des bulgarischen Mazedoniers Georgjew-Krozemsky vielen Zeitgenossen die ganze Unsinnigkeit des politischen Mordes enthüllt. Schon während das Rätselraten um den Mörder noch in vollem Gang war, ist in der Presse der Ruf nach mehr Humanität, nach Absage an das System der brutalen Gewalt laut geworden. Das ist eine sehr erfreuliche Losung in einer Zeit, die ihr letztes Heilmittel im Schwert zu erblicken gewohnt ist — nicht weil die Menschen Rasiere Dich gnf and billig OesterrelcMstiies QuaMäfs faDriKal Ueberau erhältlich jetzt im allgemeinen blutdürstiger sind als die jeder früheren Epoche, sondern weil viele der jetzigen politischen Führer ideenärmer sind als die Staatsmänner je zuvor und aus den von ihnen verschuldeten Wirrnissen keinen anderen Ausweg wissen. Nur ein allgemeiner sittlicher Aufschwung der Generation kann das Schicksal der bewaffneten Selbstvernichtung von ihr abwenden. Nur die entschiedenste Absage an den Mord als politisches Prinzip kann die Mordinstinkte der Politik zum Schweigen bringen. Soll aber der Kampf gegen den politischen Mord mit Aussicht auf Erfolg geführt werden, dann muß er auf der ganzen Linie gleichmäßig vorgetragen werden. Gelegentliche Vorstöße, wenn ein König und ein Minister ermordet werden, aber Einstellung des Feuers, wenn „Führer" gegen ganze Gruppen ihrer Staatsbürger wüten, haben keine Aussicht auf durchschlagende Wirkung. Der politische Mord wird nicht nur durch Bomben und Revolverschüsse vollbracht, sondern auch durch Brotlosmachen ehrlich arbeitender Menschen aus konfessionellen Gründen. WennAerzte am Praktizieren gehindert und Beamte abgebaut werden, nur weil sie Juden sind, so ist das eine der unmenschlichsten Abirrungen vom kategorischen Imperativ der Menschlichkeit, der im jüdischen Gebot der Nächstenliebe (3. Buch Moses, Kap. 19, Vers 18) seine schönste Formulierung gefunden hat. Gespensterkrieg in Palästina* Von M. Y. Ben-Gavriel, Jerusalem. Obwohl das jüdische Palästina von der Weltwirtschaftskrise nur ganz peripher berührt wird und eine soziale Frage nur in rudimentären Anfängen kennt, und obwohl eine staatliche Selbständigkeit des jüdischen Volkskörpers im Mandatsgebiet Palästina nicht vorhanden ist, gibt es in Palästina eine große Anzahl jüdischer Parzellen. Sie haben sich, beinahe ohne Rücksicht auf die Andersartigkeit der Voraussetzungen, mach europäischem Schema kristallisiert. Die Assimilation des Zionismus an Europa, die Assimilation dieser Reaktionsbewegung gegen die Assimilation, geht außerordentlich weit: nicht nur die Parteiprogramme, von wenigen Ausnahmen und lokalen Zieleigenheiten abgesehen, sind fast kritiklos aus Europa übernommen, auch die Aeußerlichkeiten, die Kampf- und Werbemethoden sind beinahe sklavisch dem Westen nachgeahmt. Abgesehen von den religiös fundierten Parteien gibt es in Palästina keine Fraktion, die nicht unter anderem Namen irgendwo in Europa zu finden wäre. Ein Unterschied aber besteht: der starke Hang der Juden zu Differenzierungen und Individualisierungen. Die Tendenz zu qualitativer statt zu quantitativer Variation in polraschen Parteidingen bringt es mit sich, daß das jüdische Volk über mehr Parteien verfügt als irgendein Volk in der Welt. Fast sämtliche europäischen Parteiprogramme der letzten dreißig Jahre existieren in Palästina nebeneinander und bekämpfen einander. Die innere Situation ist nicht viel anders als etwa zur Zeit der Tempelzerstörung. Allerdings, während damals die Römer den Binnenkampf des jüdischen Volkes förderten, verhindern heute die Engländer physische Auseinandersetzungen großen Stils, und sie lassen nur den nicht minder gefährlichen Zeitungs- und Versammlungskampf zu. Das Endziel aller Parteien — ausgenommen der religiösen und der kommunistischen Ortho-