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Die Wahrheit · 1934-10-12 · Heft 41 (12.10.1934) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 41 (12.10.1934)
Date
1934-10-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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»IE WAHRHEIT Seite. 5 Alfred Dreyfus — 75 Jahre. . Am 10. Oktober vollendete Oberst Alfred Dreyfus, der Held der historischen Affäre Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, die Frankreich und die ganze Welt erschütterte, seinen 75. Geburtstag. Alfred Dreyfus wurde im Oktober 1894 als französischer Hauptmann unter der Beschuldigung der Spionage zugunsten Deutschlands verhaftet und nach einem hochnotpeinlichen Verfahren im Dezember 1894 zur Degradation und lebenslänglicher Verbannung nach der Teufelsinsel .verurteilt Seiner Familie und seinen Freunden gelang es erst nach Jahren, den Nachweis zu erbringen, daß der jüdische Offizier Alfred Dreyfus, Kind einer tadellosen und bemittelten jüdischen Familie, vollkommen unschuldig sei und das Opfer einer antisemitischen Verschwörung wurde, die auch das Ziel verfolgte, den wirklich Schuldigen, Major Esterhazy, zu decken. Einflußreiche Persönlichkeiten aus Politik, Literatur und Wissenschaft, an der Spitze der berühmte Schriftsteller Emile Zola., Oberst Picquart und der Politiker George Clemeneeau, später wiederholt Frankreichs .Ministerpräsident, traten der Familie zur Seite und kämpften unentwegt für Dreyfus' Unschuld. Ungeachtet aller Beweise für Dreyfus' Unschuld setzte eine reaktionäre Militärclique die neuerliche Verurteilung Dreyfus' durch das Revisionsgericht in Rennes durch. Auch nach dem Selbstmord des der Fälschung überführten Obersten Henri und dem Schuldbekenntnis des nach England geflohenen Esterhazy vergingen noch mehrere Jahre, bis es (im Juli 1906) gelang, den Hauptmann Dreyfus durch Aufhebung des zweiten Urteils von Rennes zu rehabilitieren. Dreyfus wurde in seine früheren Rechte eingesetzt und mit dem Majorsrang wieder dem Generalstab zugeteilt. Außerdem erhielt er den Orden der Ehrenlegion. Im Weltkriege, in dem er sich auszeichnete, avancierte er zum Obersten. Nach dem Krieg schied er aus dem Dienst und lebt seither als Privatmann in Paris. Aus dem Wiener Kultusvorstand. Bekanntlich habenMm Juni dieses Jahres die : unionistischen Kultusvorsteher ihre Mandate im Vertreterkollegium und in den Kommissionen des Kultusvorstandes niedergelegt, weil die Zionisten dem gerechtfertigten Verlangen der „Union" nach entsprechender Vertretung im Vertreterkollegium nicht Folge leisten wollten. Da die Zionisten sich uunmehr entschlossen haben, den Wünschen der „Union" Rechnung zu tragen und derselben vier Mandate im Vertreterkollegium zuzuerkennen, hat der Klub der unionistischen Kultusvorsteher den Beschluß gefaßt, die gebührenden Plätze im Vertreterkollegium und in den Kommissionen des Kultüsvorstandes wieder zu besetzen. Demgemäß fan- ■ äerV m der Sitzung des Kültusvorstandes vom» 9. d. M. die entsprechenden Neuwahlen statt, bei •denen von unionistischef Seite die Herren Baurat Ing. Wilhelm Kempler, Qeza Klinger, Dr. Leonhard M a i e r und Min.-Rat Ing. Friedrich Schläfrig ins Vertreterkollegium gewählt wurden, denen vier Mandatare der zionistischen Fraktion gegenüberstehen. In den Kommissionen wurden die früheren Obmänner und Obmannstellvertreter talÄ«! „DIE WAHRHEIT" wieder in ihre Aemter eingesetzt. Von der „Union" haben diese Ehrenämter übernommen: Kommission für Kultus und rituelle Angelegenheiten: Obmannstellvertreter Dr. Ernst Feldsberg; Unterrichtskommission: Obmannstellvertreter Geza KI ing er; Fürsorgekommission: Obmannstellvertreter Geza K1 i n g e r; Versorgungshauskommission: Obmannstellvertreter Berthold Sinai; Spitalskommission: Obmann Dr. Leonhard Maier; Friedhofskommission: Obmann Dr. Ernst Feldsberg; Finanzkommission: Obmannstellvertreter Dr.'Paul Raumann; Baukommission: Obmann Min.-Rat Ing. Friedrich Schläfrig; Statutenkommission: Obmannstellvertreter Dr. Maximilian S t i g 1 i t z; Statistische Kommission: Obmann Dr. Maximilian S t i g 1 i t z. 21 Millionen Rubel für Biro-Bidschan. Gegenüber einer Meldung des amerikanischen Juden Ben Zion Goldberg aus Moskau, daß die Regierung der Sowjetunion im Wege des Kommissariats für nationale Minderheiten 7 Millionen Rubel außerhalb des normalen Budgets für die Entwicklung von Biro-Bidschan bewilligt hat, erklärt die Regierungs- Kommission für Lajidansiedlung und Industrialisierung der Juden (Komzet), diese Mitteilung Goldbergs wäre grundlos und stehe im Widerspruch zu dem soeben veröffentlichten Regierungserlaß, wonach das Finanz- Kommissariat der Sowjetunion 21 Millionen Rubel für das Jahr 1935 für industrielle und kommunale Entwicklung des autonomen jüdischen Territoriums Biro-Bidschan zur Verfügung gestellt hat Außer diesem normalen Budget, erklärt Komzet, sind vorläufig keine außerordentlichen Bewilligungen für Biro-Bidschan gemacht worden. Die „UNION"-Versandungen der letzten Woche waren der Behandlung der Schulfrage gewidmet. Besonders stark besuchte Versammlungen dieser Art fanden in den Bezirksorganisationen Leopoldstadt und Landstraße statt. Die. Referenten Dr. Ernst Feldsberg und Dr. Maximilian Stiglitz entwickelten in fesselnder Weise und unter starkem Beifall den bekannten unionistischen Standpunkt zu den im Zusammenhang mit dem Schulerlaß aufgeworfenen Problemen. In allen Versammlungen wurde gleichlautend eine Resolution angenommen, in der mit Befriedigung von der neuerlichen offiziellen Erklärung Kenntnis genommen wird, daß für die Erlassung der bekannten Schulverordnung ausschließlich schulpraktische Erwägungen maßgebend waren, daß Ihr also auch nicht im geringsten diskriminierend» Absonderungstendenzen zugrunde liegen. Die- Versammlung gibt jedoch ihrer durch die allgemeine Situation begründeten Befürchtung Ausdrude, daß die nachteiligen Wirkungen einer Scheidung der Schüler nach Konfessionen bei weitem die erwarteten materiellen Vorteile überwiegen werden. Die „Union" tritt deshalb getreu ihrem Programme und in Uebereinstimmung mit der-überwiegenden Mehrheit der israelitischen Bevölkerung Oesterreichs mit Entschiedenheit für -die Aufrechterhaltung der seit Jahrzehnten bewährten Simultanschule ein, wobei es wie bisher religiösen Institutionen anheimgestellt bleibt, jüdisch-konfessionelle Schulen zu führen. ■ Die wichtigsten Versammlungen der nächsten Woche sind: Bezirksorganisation IX: Dienstag, den 16. Oktober, 8 Uhr abends, Cafe Colosseum, IX., Nußdorferstraße Nr. 6, Referenten: Komm.-Rat Alexius Salzer: „Die Arbeit der Juden an ' der Wiederaufrichtung der österreichischen Wirtschaft". Kultusvorsteher Dr. Ernst'teldsberg: ,,Dle Schulverördnung iinfr W\ 1 / ' * Bezirksorganlsktion VI: Donnerstag, deq 18. Oktober, 8 Uhr abends, Cafe Mariahilf, VI., Mariahill erstraße Nr. 89a, Referenten: Oberbaurat Ing. Ludwig Fischer: „Die gewerbliche Umschulung". Reg.-Rat Dr. Max Lenk: „Die Diskussion über die Schulverordnung und ihre allgemeinpolitische Bedeutung". - Aas der braunen Hölle. In deutschen protestantisch-theologischen Kreisen macht sich ein wachsender Widerstand gegen die Einführung des Arierparagraphen in der evangelischen Kirche bemerkbar. Ein von 21 Berliner Theologieprofessoren unterzeichnetes wissenschaftliches Gutachten über das Neue Testament erkßrt. daß nach dem Neuen Testament Juden und Heiden in grundsätzlich gleicher Form zu kirchlichen Aemtern geeignet sind. Auch ein Gutachten der protestantisch-theologischen Fakultät in Erlangen und Marburg sprach sich gegen den Arierparagraphen aus. * Von einer gut unterrichteten im Hitler-Lager stehenden Persönlichkeit wird der J. T. A. mitgeteilt, in den von der deutschen Regierung textierten Lu'ftschutzbestimmungen sei vorgesehen, daß die in den verschiedenen deutschen Städten getroffenen und noch zu treffenden Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung bei feindlichen Luftongriften, wie z. B. bombensicheren Unterständen usw.. den Juden, soweit sie nicht Frontkämpfer gewesen sind, verschlossen bleiben sollen. Bestrebungen seitens gewisser christlicher Kreise, auch der Reichswehr, diese Bestimmungen zugunsten der Juden abzuändern, scheiterten bisher an der Unnachgiebigkeit der zuständigen Regierungsm änner. * Die „National-Zeitung", Essen, schreibt: „Wilhelm rurtwängler glaubt auch heute noch, mit seinem Philharmonischen Orchester seine eigene Hauspolitik treiben zu können. Die Säuberung des Orchesters von Juden ist immer noch nicht durchgeführt. Zwar ist der Konzertmeister Simon Gddberg vom ersten Geigenpult verschwunden, zwar sitzt der Jude Schuster nicht mehr am ersten Cello, aber sein Stammhalter ist der Jude Graudan geblieben. Die Programme Furtwänglers verzeichnen zumeist Solisten ausländischer Herkunft Daß er sich bemüßigt fühlt, ausgerechnet das Violinkonzert von Mendelssohn spielen zu lassen, trägt so deutlich den k GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL uaaaaMBMMBamaaBMMMMHl wun ac* bumojissb nr. i nuuji xvrn., wJUmiiiaMsnuuH w Tstepboa Nr. A 17-3-99 an* A 18*34 IMwut fOrlMIWMtanM» AbteilungenrarKoscherfleisch ■ator JtafateM mhrm. da» Isr. Kaftasaamaiud» Wlw Sämtliche Fletachiorten von ausschlteflllca Prhn»-Qualittt nt des billigsten Marktpreises Stempel der Provokation, daß die rechte Antwort zu gegebener Zeit nicht auf sich warten lassen wird. * i Das .Prager Montagsblatt" teilt mit: „Karl Lamac sollte demnächst in Budapest mit den Autnahmen zu einem FPIm. mit Franziska Gaäl, Felix Bressart und Otto Waliburg in den Hauptrollen beginnen. Nunmehr hat Lamac die Vorbereitungen zu dem Film unterbrechen und: zahlreiche Verträge kündigen müssen. Zu dieser Maßnahme sah er sich durch die direkte Verspräche des Berliner Propagandaministeriums genötigt, das ihn wissen ließ, daß die Mitwirkung nichtarischer Kräfte nicht genehm sei und daß es für den Fall, daß Lamac nicht Umbesetzungen vornehme, gezwungen sei, gegen seine Produktionsfirma, die Ondra-Lamaö-Filmgesellschait in Berlin, mit Repressalien vorzugehen. Da Lamac. der sich kürzlich noch in „Polenblut" den Berliner Forderungen nicht beugte, seine Berliner Firma nicht gefährden wollte, mußte er dem Berliner amtlichen Drucke nachgebe:! und neue Dispositionen treffen. Auch bei der Besetzung der in Prag hergestellten deutschen Versionen tschechischer Filme ist seit einiger Zeit die Genehmigung des Goebbels-Ministeriums von maßgeblicher Bcdeutune. Ste hat zur Folge, daß nur rein arische deutsche Kräfte in Prag beschäftigt werden können." « Der unter der Beschuldigung von Schutzgesetz^ verbrechen in das Egerer Kreisgericht eingelieferte 'Marienbader Chauffeur Ernst Sternkopf, der auch mit der Ermordung Professor Lessings in eine Verbindung gesetzt wird, hat eingestanden, er habe jüdische Kurgäste aus Deutschland in Marienbad beobachtet und bei den deutschen Behörden angezeigt, wenn sie größere Geldausgaben machten oder sich abfällig über die Verhältnisse in Deutschland äußerten. Nach der Rückkehr dieser Kurgäste nach Deutschland hatten sie die Folgen dieser Denunziationen zu tragen. Eine Hausdurchsuchung bei Sternkopf förderte belastendes Material gegen ihn zutage. Sternkopf wurde bereits seit vier Monaten von den Marienbader Kriminalorganen eifrig überwacht. Im Zustand der Trunkenheit hat er schließlich in der „Colibrii"-Bar in Marienbad mit seinen Heldentaten geprahlt. Seine Gespräche wurden belauscht, er wurde verhaftet und auf Grund des belastenden Materials, das bei der Hausdurchsuchung gefunden wurde, mußte Ster.nkopf unter dem Zwange dieser Beweise ein volles Geständnis ablegen. Die Erhebungen stehe» vor dem Abschluß. Es ist damit zu rechnen, daß weitere Verhaftungen vorgenommen werden. Aus Polen. Die Serie der Terrorakte gegen die Juden in Lemberg hat sich vermehrt Gegen den Verkauisladen der Enis-Parfum-Firma, deren Inhaber ein Jude ist, wurde eine Bombe geschleudert, die Schaden anrichtete, aber glücklicherweise Menschen nicht verletzte. Der Bombenwerfer wurde verhaftet. Bekanntlich wurde kürzlich der Kolonialwarenladen des Juden Daychfeld in Lemberg durch eine Brandbombe angezündet. wobei Frau Daychfeld so schwere Brandwunden erlitt, daß sie einen Tag darauf verstarb. * 24 Mitglieder der antisemitischen National-radikalen Partei (Nara) hatten sich in sechzehn separaten Gruppen vor dem Warschauer Gericht wegen Verteilung antisemitischer Flugblätter zu verantworten. Alle Angeklagten wurden zu je 14 Tagen Gefängnis mit zweijähriger Bewährungsfrist verurteilt. * In Krakau wird demnächst ein interessanter Prozeß stattfinden, den der frühere jüdische Rechtsanwalt Dr. David Berger wegen Verletzung religiöser Minderheitenrechte gegen den polnischen Staat angestrengt hat. Dr. Berger war von der Rechtsanwaltsliste gestrichen worden, weil er sich geweigert hatte, an Sabbart- Tagen vor Gericht zu erscheinen. Er stützt seine Klage auf die Bestimmungen, durch die den Angehörigen religiöser Minderheiten die freie Ausübung ihrer Religion garantiert wird, und fordert vom Staat eine- Entschädi?ung von 600.000 Zloty mit der Begründung, daß ihm durch die Streichung von der Anwaltsliste die Möglichkeit genommen wurde, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. _Z. T. A. In gut bürgerlichem, jüdischen Hause wird Pensionärin (Voll, und Halboension) aufgenommen. Mäßige Preise. _ Anfragen unter R 12-8-47.

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