Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 41 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Geldsackgeist Die „Kulissen des Judentums" — welche-Mysterien vermutet die aufgestachelte Phantasie der Uneingeweihten dahinter! Als der Jerusalemer Tempel am. 9. Ab den Belagerern in die Hände fiel, stürmten die römischen Soldaten, von drängender Neugier getrieben, vor allem in das Allerbeiligste, das außer dem. Hohepriester, kein Sterblicher je zjivor hatte betreten dürfen. Aber sie fanden dort nichts von dem, was ihre Phantasie ihnen von unermeßlichen <3old- und Silberschätzen vorgegaukelt hatte, und waren über diese Enttäuschung so erbost, daß sie, entgegen dem Gebote des Kaisers, der das Heiligtum gern erhalten hätte,"die Brandfackeln ins Gebäude schleuderten. Dieser historische Vorgang ist für die ganze weitere Geschichte des Judentums symbolisch geworden. Immer wieder züchtet man gewaltsam in den nichtjüdischen Volksmassen den Glauben an gigantische jüdische Reichtümer, als ob unser -Kult noch heute im Tanz ums goldene Kalb bestünde, und wenn die Genarrten nichts von den erträumten Schätzen bei uns finden, werfen sie aus Rache Brandfackeln in unser Heiligtum. Dabei gebärden sich die Brandstifter noch scheinheilig", als ob ihre Fackeln nicht sengen und bren- Tnen, sondern bloß leuchten sollten: leuchten hinter die Kulissen des Judentums. So entstanden die famosen „Protokolle der Weisen von Zion", so die verschiedenen „Enthüllungen" von Ritualmorden, 'Hostienschändungen und was sonst noch Haarsträubendes gegen uns im Laufe der Zeiten vorgebracht worden ist. Aber keine Anklage ist so grotesk wie die gegen den angeblich unausrottbaren jüdischen Materialismus: Weil die anderen stets nur den Geldsack bei uns suchen ^und gelten lassen, sind w i r vom „Geldsackgeist" besessen! Wie ganz anders offenbart sich die Welt des Judentums dem, der aus objektivem Wahrheitsdrang einen Blick hinter ihre Kulissen wagt! Was der Münchener Erzbischof Kardinal Faulhaber den andächtigen Besuchern seiner Weih- nachtspredigten vom Vorjahre über den Geist des Alten Testaments erzählte, hätte genügen müsssen, -4im zumindest im katholischen Lager eine gründliche Revision altererbter Vorurteile gegen das Judentum zu veranlassen. Nunmehr hat auch eine protestantische Persönlichkeit aus Deutschland, der nobelpreisgekrönte Dichter Thomas Mann, sich zu dem heiklen Thema geäußert, indem er in Amerika eine dort vielbeachtete Erklärung gegen den Antisemitismus abgab, in der er die Juden als „Exponenten der universalen Zivilisation" feierte und u. a. ausführte: „Aus der Geistesgeschichte geht klar hervor, daß ein überzeugter Abendländer unvorstellbar ist, der nicht vom Judentum beeinflußt worden wäre." Die Juden selbst stellen ihr Licht keineswegs unter den Scheffel. In den jüdischen Kulturzentren geht man gerade eifrig daran, anläßlich des in den kommenden Frühling fallenden 800. Geburtstags des Moses Maimonides die Bedeutung dieses jüdischen Geistesheros als Philosoph, Jurist, Arzt usw. der Welt in Erinnerung zu rufen. In Wien wird ein Rambam-Monat proklamiert werden, in dessen Verlauf sämtliche Rabbiner in ihren Tempeln Vortragszyklen über den großen Juden halten sollen. Aber was weiß die Welt von diesem jüdischen G e i« t e s reichtum - und dessen Trägern? Sie hält sich an die wahrlich sehr geringen — jüdischen Besitzer materiellen Reichtums. In einigen Wiener Kinos läuft jetzt bekanntlich ein vom künstlerischen und schauspielerischen Standpunkt sehr beachtlicher Film, der den Aufstieg der Frankfurter Rothschilds darstellt. Sofort erhitzten sieh die Gemüter über der Frage, ob die Autoren des Films von der dichterischen Freiheit nicht etwa einen allzu weitgehenden Gebrauch gemacht haben* indem sie den Ahnherren der Rothschilds bei. ihrer Finanzpolitik auch ideale Motive zubilligten, statt sich an die Schablone des jüdischen „Geldsackgeistea" zu halten, die die festeste: Stütze ganzer Weltanschauungen und politischer ^.Richtungen unserer glorreichen Epoche bildet.7 Diese Schablone verbindet mit dem Namen Rothschild nicht etwa Vorstellungsassoziationen mit Werken edler Nächstenliebe, die von diesem jüdischen Hause zahlreich geschaffen wurden, - 'und nicht mit kulturellen Schöpfungen, wie der Nordbahn, in deren Wiener Bahnhof das Standbild desjenigen Rothschild steht, der sie gegründet hat. Nein; wenn der Antisemit den Namen-Rothschild hört, denkt er an das Wort, das der Lustspieldichter Rößler der Stamm- . mutter des Hauses, trau Gudula, in den Mund gelegt hat: „Wenn mein Sohn kein Geld gibt, wird kein Krieg sein." dieses Wort wird, bewußt oder, unbewußt, al^Xusdruck des jüdischen Anspruchs auf Wettbe^rrschung. gedeutet. Wegen dieser Auslegung , hat'man im Dritten Reich nicht nur die jüdischen'''I^t^e^en^eigneV;..^ entmachtet, sondern auch die jüdischen Dichter und Denker zum .Schweigen . .verurteilt. Weil Hitler an die „Protokolle 'der' Weisen von Zion" glaubt, mußte bei einer Neuinszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum" im Berliner „Theater des Volkes" die Musik von Mendelssohn-Bartholdy durch eine Vom S.-A-Marschliedkomponisten Edmund Nick ersetzt werden ... an So bekämpft man. im sieghaften. Zeichen des Hakenkreuzes — und nicht nur unter diesem Zeichen — genial den jüdischen „Geldsackgeist" . . . loyalen upd fortschrittlich gesinnten Teil der Gesamtbevölkerung schätze, erfreut sich meiner vollen Sympathie. Ich bin überzeugter P h i 1 o s e m i t. Soeben habe ich eine Besprechung mit dem interimistischen Bürgermeister von "Saloniki Cosmopoulos abgehalten und ihn ersucht, den die jüdische Bevölkerung betreffenden Fragen 'stets besonderes Augenmerk zuzuwenden. Tch habe auch von ihm verlangt, Juden in städtischen öffentlichen Diensten zu beschäftigen, da die Juden als h e Ilenische Staatsbürgerde n selben Anspruch auf Berücksichtigung durch die Stadtgemeinden haben wie ihre Mitbürger griechisch-orthodoxen Bekenntnisses. Der Kriegsminister und stellvertretende Ministerpräsident General Condylis empfing anläßlich eines Aufenthaltesin Korfu .auch den Oberrabbiner von Korfu, Jacob Nehama. Auf dem ihm zu Ehren abgehaltenen Bankett schloß General Condylis. seine große politische Rede mit einer scharfen Verurteilung des A n t i s e m i t i s m u-s'i&nd mit einem Hinweis auf die von Griechenland stets bewiesene judenfreundliche Haltung. Der Legislative Council droht Der High Commissioner für Palästina, Ge- •neral Sir Arthur W a u c h o p e, der seinen zweimonatigen Urlaub in England verbringt, um während dieser Zeit auch politische Maßnahmen betreffend Palästina mit den maßgebenden Kreisen des Londoner Kolonialamtes zu beraten, ist soeben aus Schottland, wo er in den letzten Wochen zur Erholung geweilt hat, nach London zurückgekehrt, um mit dem Kolonienministerium endgültig die Richtlinien und den Text des Entwurfes betreffend Schaffung eines Legislative. Council für Palästina durchzuberaten. In diesem Zusammenhang hielt die Leitung der Zionistischen Föderation Englands am Sonntag, den 7. Oktober, eine demonstrative S i t z u n g ab, in der der Ehrenpräsident der Föderation und frühere Präsident der Jewish Agency Prof. Dn-rChaim Weizmann und das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency Prof. Dr. Selig B r o d e t s k y sowie andere Führer des Welt- Zionismus das Wort ergriffen. Es wurde eine Resolution angenommen,; in der erklärt wird, die Zionisten werden der Errichtung einer Gesetzgebenden Körperschaft in Palästina so lange Widerstand entgegensetzen, als nicht ein arabisch-jüdisches Uebereinkommen getroffen ist, durch welches die Rechte des Jüdischen Nätionalheims, wie sie im englischen Mandat über Palästina festgelegt wurden, ausreichend geschützt sind. In der Resolution wird der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß der Legislative Council dazu dienen könnte, die Durchführung der von England auf Grund des Mandates übernommenen Verpflichtungen betreffend Errichtung des Jüdischen Nationalheims zu h e m m e n. In der Sitzung wurden noch andere Resolutionen angenommen, die u. a. eine Erhöhung der Arbeiter-Schedule wie der jüdischen Einwanderungsquote überhaupt, Erleichterungen für die Einwanderung von Angehörigen des Mittelstandes, die über ein Eigenvermögen von nur 500 Pfund verfügen, Einwanderungserleichterungen für Frauen und Herstellung eines harmonischer funktionierenden Kontaktes zwischen Palästinaregierung und Jewish Agency for Palestine in allen die Einwanderung betreffenden Angelegenheiten fordern. In einer gemeinsamen Sitzung der in Palästina anwesenden Mitglieder der Exekutive und des Aktionskomitees wurde beschlossen, an der bisherigen Gegnerschaft zum Plan der Errichtung eines Legislative Council festzuhalten. Z. T. A. Die Odyssee der 380 deutschen Juden. Die griechische Regierung hat den 380 deutschen Juden, die vor kurzem nach einer vergeblichen Fahrt von Hafen zu Hafen mit dem unter englischer Flagge segelnden Dampfer „Velo s" in S y r a landeten, die Erlaubnis zum Aufenthalt in Griechenland verweigert. Das Schiff erhielt Befehl, sofort mft den 380 deutsch-jüdischen Flüchtlingen den Hafen verlassen und keinen anderen griechischen Hafen anzulaufen. Es blieb dem Kapitän der „Velos" nichts übrig, als nach Istanbul Kurs zu nehmen, wo den Flüchtlingen schon einmal die Erlaubnis zur Landung verweigert wurde. Es soll ein neuerlicher Versuch gemacht werden, die L a n d u iftcserlaubnls zu bekommen. Tsaldaris räumt auf. Abschaffung des Wahl Das griechische Abgeordnetenhaus hat am 8. Oktober mit 130 Ja-Stimmen gegen eine Nein- Stimme bei zwei Stimmenthaltungen das von der Regierung Tsaldaris ihr unterbreitete Wahlgesetz, welches die Abschaffung des besonderen jüdischen Wahlsektors in Saloniki vorsieht, angenommen. Die jüdischen Kreise hoffen, daß mit dieser Abstimmung das von den Juden aller Richtungen bekämpfte „Wahl-Ghetto" in Saloniki endgültig abgeschafft ist; dies obwohl der vom Führer der Opposition Venizelos beherrschte Senat das Bestehen des jüdischen Wahlsektors wünscht und sogar der. Präsident der Republik, Herr Z a imis, seinerzeit es abgelehnt hat, die Verordnung Tsaldaris' betreffend Abschaffung dieses Sektors zu unterzeichnen. In politischen Kreisen nimmt man an, daß die Regierung demnächst den Senat auflösen wird. Ministerpräsident Tsaldaris erklärte dem früheren jüdischen Deputierten Daniel Allalouf kategorisch, er denke nicht daran, die Beibehaltung der jüdischen Wahlkurie als eine letzte Konzession der Opposition zu gewähren, wie dies von einer Seite behauptet wurde. Die Regierung hat sofort nach der Abstimmung über das Wahlgesetz in der Kammer scharfe militärische Sicherheitsmaßnahmen im ganzen Lande zwecks Niederhaltung der sehr erregten Opposition ergriffen. -Ghettos in Saloniki. Die Abschaffung' des schändlichen „Wahl- Ghettos" in Saloniki, gegen das die griechischen Juden aller Richtungen seit vielen Jahren Sturm laufen, ist ein neuerlicher Beweis für den ehrlichen Willen der Regierung Tsaldaris, den jüdischen Staatsbürgern Griechenlands die verdiente Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Im Gegensatz zu dem judenfeindlichen Kurs des früheren griechischen Ministerpräsidenten Venizelos, der jetzt wieder schärfer ins antisemitische Horn stößt, gleichzeitig aber der jüdischnationalen Ideologie Anerkennung zollt, verhält sich die gegenwärtige griechische Regierung den Juden gegenüber durchaus loyal, wie auch aus folgenden Erklärungen ihrer prominenten Mitglieder hervorgeht: Der griechische Ministerpräsident Tsaldar i s erklärte jüngst gegenüber einer bei ihm unter Führung des Oberrabbiners Dr. Koretz erschienenen Delegation der Jüdischen Gemeinde von Saloniki, die griechische Regierung habe stets ihre Toleranz gegenüber dem jüdischen Bevölkerungselement, das zur Entwicklung der nationalen Wirtschaft in außerordentlichem Maße beigetragen habe, bewiesen. Der griechische Minister des Innern Moundjourides erklärte gegenüber Vertretern der Salonikier Presse anläßlich von Mitteilungen über die Richtlinien der griechischen Innenpolitik u. a. folgendes: ■ Das jüdische Bevölkerungselement, das ich als einen