Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 41 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 brachten, haben sich die christlichsozialen Blätter .über diese erhebende Feier gründlich ausgeschwiegen. Ihre Leser durften nicht erfahren, daß auch jüdische Helden Schulter an Schulter mit ihren christlichen Kameraden in Oesterreichs Schützengräben tapfer fochten. Dafür wird diesen Lesern Jaus .'dem täglichen Polizeibericht jeder jüdisch klingende Name von Uebeltätem als besondere Delikatesse vorgesetzt. Und wenn gelegentlich dieses System versagt, weil beim besten Willen kein jüdischer Gesetzesverletzer ausfindig zu machen ist, dann muß die Phantasie nachhelfen . . . Alle diese Mussolini-Enthusiasten werden sich tüchtig anstrengen müssen, um nicht demnächst eine ähnlich schlechte Zensur seitens des Meisters zu erhalten wie diesmal der deutsche. Es kann den italienischen Lehrherrn wenig befriedigen, wenn er merkt, daß man es ihm glücklich abgeguckt hat, wie er sich räuspert und wie er spuckt, aber von dem Geist, der ihn erfüllt, keinen Hauch verspürt. Die Sünde wider den Geist ist die größte Sünde — das sollten gerade gute Christen nicht vergessen. ■IIIHMIUIUnHIIIIIIIIIUIIIIIIUNUItlimUlIHMUinllUIIHIM «■■»■■■■■■■■•■■■■■■■•••■im« Hearst sitzt Hitler auf. Der amerikanische Zeitungskönig William Randolph Hearst, der eine freundliche Haltung gegenüber dem Hitler-Regime in Deutschland einnimmt und auf dem letzten Nürnberger Parteitag .Ehrengast Adolf Hitlers war, veröffentlicht in einer seiner Zeitungen, dem „New York American", eine Schilderung seiner Eindrücke aus Deutschland und führt zur Frage der Entrechtung und Verfolgung der Juden in Deutschland u. a. aus: „Ich glaube nicht, daß die denkenden Deutschen im-allgemeinen die unterschiedliche Behandlung deV Juden in Deutschland für erwünscht erachten. Ich denke nicht, daß diese Politik gegen die Juden zu jenen Taktiken gehört, die der Hitler-Regierung •Kraft verliehen oder Nutzen gebracht haben. Ich denke, daß die deutsche Judenpolitik für -Deutschland entschieden weit mehr eine Schwäche denn eine Stärke war; dies, was die Position der Regierung in Deutschland als auch im Ausland betrifft. Ich glaube, daß der von den Juden in der Welt gegen Deutschland geübte wirtschaftliche 'Boykott Deutschland ernstlich zu denken geben sollte. Ich glaube, daß Deutschland mit seiner Judenpolitik einen großen Fehler begeht. Man kann gar keinen Grund für irgend eine Feindsch aft der Deutschen gegen die Juden in Deutschland finden. Sehr, sehr viele Juden gehörten zu Deutschlands treuesten und wertvollsten Bürgern. Viele deutsche Juden genossen in der Welt einen berühmten Namen, und sie waren als Deutsche, nicht nur als Ju- •den, berühmt. Die jüdische Bevölkerung konnte nie eine Bedrohung gegen die teutonische oder sogenannte „arische" Bevölkerung Deutschlands sein. Es gab vor dem Hitler-Umsturz in Deutschland nur etwa '600.000 Juden, die weniger als ein Prozent der 'Bevölkerung ausmachten. Die ganze Politik des mäßlösen Antisemitismus, wie sie in Deutschland durchgeführt wurde, ist ein so sehr in die Augen springender Fehler, daß ich der baldigen Abschaffung dieser Politik sicher bin. Ich bin in der Tat der Ansicht, daß man bereits im Begriff ist, diese Politik abzuschaffen." In der jüdischen Oeffentlichkeit Amerikas hat die Ankündigung Hearsts, daß die deutsche Regierung im Begriffe sei, die Politik der Entrechtung und Verfolgung der Juden zu liquidieren, im negativen Sinne sensationell gewirkt. Man hält den Ausführungen Hearsts folgendes entgegen: Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die jüdische Tragödie in Deutschland sich lange noch nicht dem Ende nähert. Die deutschen Behörden sind gerade im Begriffe, die judenfeindliche Gesetzgebung auszubauen und den antijüdischen Wirtschaftsboykott mit allen Mitteln des Terrors durchzuorganisieren und bis ins letzte Dorf zu tragen. Immer noch ist der deutschen Regierung ihre Judenpolitik einer der Haupttrümpfe, mit dem sie die Massen zu beschäfti- Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern gen und von einem Nachdenken über die wirkliche Lage abzulenken versucht. Man nimmt an, daß William Randolph Hearst, obwohl er sonst sich über die Absichten der deutschen Regierung informiert zeigt, in derüJ^Scteafrage einem Täuschungsversuch zum Opfer gefallen ist. Durch Kanäle, wie die Hearst-Presse einen darstellt, versucht die deutsche Regierung, im Ausland den Eindruck zu erwecken, daß es den Juden in Deutschland gar nicht so schlecht geht und daß ihre Zukunft nicht gar zu sehr bedroht ist. Die Wirklichkeit straft diese Behauptungen tausendfach Lügen. woin^ bestehend aus 1 Kasten, 3türig Vollbau, 1 Lotterbett, 1 runden Tisch und 2 Fauteuils. FERDINAND KOflN. IL, TaiHNTStrafiC Nr. 22 Das bestbekannte "lEO RestaoraBf Botel Stefanie II., TaborstraH» 12 - Tal. II 48-S47 empfiehlt seine reichhaltige Speiseoauswah). Bfena von S 1.60 an. Speisen am Rost Täglich frische Fische. KretUassigc Bedieagjg. Der Weg unserer sozialen Entwicklung wird immer deutlicher. Damit tritt auch die Notwendigkeit an uns heran, das Schicksal der Juden in diesem Lande in richtiger Voraussicht zu gestalten. Wir befinden uns im Uebergang von der liberalistischen Staats- und Gesellschaftsverfassung zur universalistischen, physikalisch gesprochen, in der Entwicklung von einem zentrifugalen zu einem zentipetalen Zustand. In diesem physikalischen Gleichnis liegt auch schon die Begründung für die große soziale Reibung der Uebergangszeit. Nach der liberalistischen Auffassung ist die Gesellschaft nur die Summe der Individuen, der Staat nicht mehr als ein Rechtsschutzverband. Der Staasbürgerbegriff ist demnach farblos, die Berechtigung des einzelnen im Staate hängt nur ab von seinem durch längere Zeit erprobten rechtlichen Verhalten. " In einen solchen Rahmen konnten sich reibungslos auch verschieden seelisch gestimmte Personen und Personengruppen einordnen, ohne daß sogar die Betonung dieser Verschiedenheit eine Minderung der rechtlichen Stellung mit sich bringen mußte. Alle einte die formelle Staatszugehörigkeit, der gegenüber alle Besonderheiten beinahe privaten Charakter trugen. So kam es, daß der einzelne Angehörige einer Minorität in keiner Weise benachteiligt war. Die einzige Tendenz des liberalistischen Staates war die Assimilierungstendenz. Unter dieser Tendenz litt nicht der einzelne, sondern die Minorität als solche, die in ihrer nationalen oder kulturellen Betätigung gehemmt war. In diesem Sinne diente die Minoritätenschutzgesetzgebung zum Schutz der Minorität, weniger zum Schutze des einzelnen Angehörigen dieser Minorität als Staatsbürger. Ein ganz anderes Bild bietet die universalistische Staats- und Gesellschaftsverfassung. Nach dieser ist das Primäre die Gesellschaft, das Individuum ist nur Organ der Gesellschaft. Die universalistische Doktrin verlangt daher die weitestgehende Harmonie, die ausgesprochene Seelengemeinschaft der Gesellschaftsglieder. Die rechtliche Stellung des Individuums ist bedingt von seiner Einstellung zur Gesellschaft (d. h. praktisch gesprochen: zur Majorität). Je weniger Vorbehalte der einzelne ihr gegenüber macht, umso stärker ist sein Rechtsanspruch. Andererseits hat die Gesellschaft, um zu einer engeren Verbindung der Gleichgestimmten zu kommen, das Bestreben, die Minorität der Andersgestimmten scharf hervorzuheben oder, um ein modernes Wort zu gebrauchen, zu dissimilieren. Darum wird im universalistischen Staate die Minorität als solche mit Wohlwollen behandelt, der einzelne, der sich dieser Minorität verschreibt, erfährt aber die ganze Tragweite dieses Schrittes: Er hat sich der Allgemeinheit seelisch entzogen, er wird rechtlich schlechter behandelt. Dr. Max Mark. Von schwerstem Leid niedergedrückt, gibt hiemit Max Schiffmann im eigenen Namen und namens aller Angehörigen Nachricht von dem unersetzlichen Verlust, der ihn getroffen hat. Seine teuere, innigstgehebte Gattin, Frau FRIEDA SCHlFFlfANN ist nach langem, schweren, mit rührender Geduld ertragenen Leiden am 10. Oktober 1934 in ein besseres Jenseits abberufen worden. Das Begräbnis der teueren Verblichenen findet am Sonntag, den 14. Oktober, um ^12 Uhr vormittags, auf dem Zentralfriedhofe (IV. Tor) statt. Hermann, Bernhard und Michel Schi?? mann als Schwäger Max Schiffmann als Gatte Perl Schiffmann als Schwiegermutter Rosa Katz und Sabine Fisch als Nichten Dem Gedenken Julius Ofnera. Am 26. September waren «s zehn Jahre, daß Julius Omer, der Meister des Rechtes, der Beschützer der Bedrückten, sehte müden Augen schloß. Julius Omer war, trotzdem er für seine Person Riten und Zeremonien ablehnte, tief religiös veranlagt, und es kennzeichnet seine reinen Empfindungen, sein lauteres Wesen, daß er nach seinen Aeußenmgen bis ins späte Lebensalter jedesmal vor dem Schlafengehen sich die Frage stellte, Ob sein Vater mit seinem Tagewerke zufrieden gewesen wäre. Die großen Verdienste Julias Ofners, um die verschiedenen Berufsstande wnrdem auch m diesen Blättern bei mannigfachen Anlässen gewürdigt, aber sein Andenken lebt weiter in den Herzen der Bedrückten als das eines „Menschen, der nichts als Mensch sein wollte", wie es in dem von ihm verfaßten Spruche heißt, der als einzige Inschrift nach seinem Wunsche auf seinem Grabstein eingemeißelt ist