Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 41 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT pflichtet, aber zu besonderem Takt, zu besonderer Delikatesse. Zu dieser Verpflichtung setzte sich die „Jüdische Presse" in krassen. Gegensatz.. Ihr anmaßender, provokanter Tpja verdient die allerschärfste Zurückweisung. Sieht sie wirklich über ihren engen Kreis nicht iunaus, glaubt sie, den vielen zehntausenden Juden, die nicht ihrem Lager angehören, keinerlei Rücksicht schuldig zu sein, hält sie es für zeitgemäß, die religiöse Repräsentanz der Wiener Judenschaft vor den Augen der Oeffentlichkeit herabzuwürdigen. Sie beschmutzt damit nur das eigene Nest. Die religiöse Auffassung und Lebensführung orthodoxer Juden — in allen Ehren! Aber gerade diese müßte ihnen gebieten, von der VerungUmpfung einer Körperschaft Abstand zu nehmen, in die sie selbst noch vor wenigen Jahren ihre Vertreter entsandt hatten. Zu entsenden vermochten einzig und allein durch die Unterstützung, durcheben, jene. „Union", deren „liberalisftsche . Ideologie" sie so, nebenbei eins versetzen zu müssen glauben. Der Ideologie jener „Union", deren Exponenten in der Kultusstube, seitdem die orthodoxe Aguda dort nicht mehr vertreten ist, aus. ihrer religiösen Ueberzeugung heraus mit Reuereifer ffif die Bedürfnisse und Forderungen der Orthodoxie — gar oft im Gegensatz zu den Jüdischnationalen — eintreten. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wir Union!- sten betrieben. und betreiben in der Kultusstube keine Parteipolttik, unsere Haltung wird, uns diktiert durch unser Gewissen, durch die Verpflichtung, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse aller jüdischen Schichten Sorge zu tragen. Wir geizen nicht nach Lob und Anerkennung. Die kleine jüdische Gruppe, zu deren Wortführer sich die „Jüdische Presse" machte, scheint es damit anders zu halten. Sie dürfte deshalb mit großem Vergnügen und wohlverdientem Stolz den Abdruck ihrer Auslassungen in der „Reichspost" wieder gelesen haben, die das Eintreten der „Jüdischen Presse" für die konfessionellen Parallelklassen als eine Vorstufe zur reinen konfessionellen Schule mit sichtlichem Behagen begrüßt. Zum Zeichen der besonderen Anerkennung verleiht die „Reichspost" der Aguda das Adelsprädikat der Bodenständigkeit. Dank dieser hohen, schon oft bewährten Protektorin wähnt sich der kleine David der „Jüdischen Presse" stark genug, um mit dem Goliath der gesamten übrigen Judenschaft anzubandeln. Uns Unionisten verurteilt sie in bescheidener Zurückhaltung bloß zum „Tode des Vergessenwerdens". Die Jüdischnationalen aber kommen noch viel schlechter weg, für sie hat die „bodenständige, konservativ gerichtete orthodoxe Judenschaft" wohl eine viel grausamere Todesart , in Aussicht genommen. Die jüdischnationalen Zeitungen replizieren auf die Angriffe und Verdächtigungen der „Jüdischen Presse" mit allerschärfsten Worten. Sie liegen einander arg in den Haaren. Wir freuen uns nicht darüber, es freut sich der Dritte..... ■■pau* g EUE I Kauft Schulbücher 5 ■ S iHiguiiuuiMiiNUumniHiiimuikiiM Die Schüsse von Marseille. ■ >; ' - Jüdische Trauer um König Alexander I: und Louis Barthou. Um König Alexander I. von Jugoslawien und den französischen Außenminister Louis Barthou, die in Marseille durch den angeblich kroatischen Verschwärer Kaleman ermordet wurden, trauert die europäische Judenheit mit allen friedhebenden Bewohnern dieses Erdteils. Die Juden wissen, daß diese zwei großen Kämpfer um die Sicherung des Friedens in Europa auch stets bereit waren, gegen Unrecht, das den Juden zugefügt wird, anzukämpfen. Die so ruchlos Hingemordeten haben bei verschiedenen Gelegenheiten öffentlich ihre Sympathien für das Judentum kundgetan. Insbesondere König Alexander hat in Kundgebungen und in Gesprächen mit jüdischen Persönlichkeiten und auswärtigen Journalisten — so u. a. auch mit dem Chef der Jüdischen Telegraphen-Agentur Jacob Landau — wiederholt' erklärt, daß die Judenheit in Jugoslawien als ein-für den Staat wertvolles, aufbauendes Element volle Gleichberechtigung mit allen Jugoslawen stets , genießen werde. Wiederholt erschien der König, der viele Juden, so den Ober- '■■■^■■■■■■■■■■■■iHaMliM Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausf ührung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkretugasse 3 Tel. A4S-S-37 rabbiner A1 k a 1 a y, zu seinen intimen Freunden zählte, zu festlichen jüdischen Manifestationen in Synagogen oder er ließ sich bei. solchen durch eine Persönlichkeit aus seiner Umgebung vertreten. «■■uimmuntuiHitiinuii Mussolini brandmarkt den Judenhaß. Der italienische Rundfunk verbreitete vor einigen Tagen eine Erklärung über die Position der Juden in Italien, die, wie man allgemein annimmt, vom Regierungschef Benito Mussolini' persönlich inspiriert worden ist. In der Erklärung, in der auch direkt auf die Stellung des Duce zur Judenfrage und zu. der Behandlung der Juden in Deutsch- „ land Bezug genommen wird, heißt es: Die Juden in Italien erfreuen sich der gleichen Rechte wie alle anderen Staatsbürger und haben daher die gleichen Pflichten wie alle Italiener. In Italien hat man einen Antisemitismus nicht gekannt und auch heute besteht hier kein Vorurteil gegendieJuden.Im Gegenteil, die Juden haben sich als treue und zuverlässige italienische Staatsbürger bewährt, sie haben im Kriege tapfer an der Seite ihrer italienischen Kameraden gekämpft Sie werden deshalb wie alle anderen Staatsbürger zu den höchsten Stellen der Verwaltung des Staates und der Armee herangezogen. Die h ö c h s t e n W ü r d e n sind den Juden in Italien nicht versagt; so gehören sie auch der italienischen Akademie, an. Die Juden Italiens haben «in stark ausgeprägtes Vaterlandsgefüb 1 und.sind treue Anhänger des Faschismus, der keine Rassentheorie kennt. In der Erklärung wird dann auch auf die Lage •der Juden in Deutschland Bezug genommen und gesagt: In Deutschland hat man von jeher für alles Unglück die jüdische Minderheit verantwortlich gemacht und sie als Sündenbock hingestellt Zu diesem Zwecke hat man sich sogar eine Rassentheorie zurecht gelegt, nach der die „Arier" turmhoch über den Juden stehen, obgleich gerade Gobineau, auf den die Rassenfanatiker sich berufen, feststellte, daß die Juden die reinste Rasse darstellen. Wiederholt hat der Regierungschef Mussolini darauf hingewiesen, daß den Juden in Deutschland d ä s a HergrößteUnrecht angetan werde. ... Zum'Schlüsse wird in der Erklärung der nationalsozialistische Rassenwahn als ungerecht, unwissenschaftlich und absurd abgelehnt; solche Gedankengänge werden alseines Italieners unwürdig bezeichnet. Ist es schon an und für sich erfreulich, daß inmitten der gigantischen Hochflut des Antisemitismus, die in diesen.Tagen selbst die scheinbar festgefügtesten Bollwerke der Zivilisation wegzuschwemmen droht, eine europäische Großmacht von ihrem offiziellen Leiter als Wellenbrecher dieser gefährlichen Sclüammflut. deklariert wird, so wächst die Genugtuung über diese politische Sensation noch angesichts der bedeutenden Rolle, die der betreffende Staatsmann in der Weltpolitik spielt. Mussolini muß ja als das Vorbild und der Lehrmeister einer großen Schar von Staatsmännern und Politikern aller Länder angesehen werden, die init mehr oder weniger Erfolg bemüht sind, die demokratische Regierungsform durch die autor kratische zu ersetzen. Mussolini warder. erste, der in dem von den Revolutionsstürmen der unmittelbaren ä Nachkriegszeit aufgewühlten Europa dem Prinzip-der. autoritären Staatsführung zum Siege verhalf.Seine .Diktatur beschränkte sich-abernicht auf die Emanzipation von der Wahlurne, die ihm rasch Nachfür eure Kinder in der Buchhandlung ■ HERMANN TUCHNER £! Wien II., ECKE TaborstraBs 53„S! Ganstiger Einkauf von ■ I - V I- Lehrbüchern iür alle Lehranstalten in den richtigen .Aufr ■ I lagen — auch antiquarisch — zu sehr mäfiigen Preisen! ■ j Spesenfreie Zusandung Oberaichen £ Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel R 41-4-20 5 HHHIIHIIM eiferer in allen Erdteilen verschaffte, sondern besitzt ein immens sittliches Fundament in der staatsmännischen Erkenntnis, daß sich Regierungen vor allem von den Einflüssen der Straße, von den,vidh gären Haßinstinkten der Volksmassen frei zu-halten haben. Ein erhebendes Zeugnis dieser Erkenntnis stellt die geharnischte Absage an den Antisemitismus und die heute leider zur Seltenheit gewordene Objektivität den jüdischen Bürgern und Leistungen dar, mit der die italienischen Sender jüngst die Welt überraschten. Gleichzeitig muß man die zitierte Rundfunkrede, als Zensur werten, die Mussolini seinen Schülern erteilt, und es ist ergötzlich zu hören, wie schlecht der deutsche Schüler bei dieser Zensur wegT kommt, vielleicht, weil der Lehrer gerade in ihn, die größten Hoffnungen gesetzt hatte und durch ihn die ärgste Enttäuschung erlebt hat. Ein Diktä^ tor, der wie Hitler seine Macht nicht gebraucht, um die verderblichen Urinstinkte der Massen unschädlich zu machen, sondern ihnen auf Kosten der Kultur und Zivilisation zur Herrschaft im Staate verhilft, ist kein Vorzugsschüler Mussolinis, sondern ein kläglicher Stümper, der das Werk seines bewunderten Lehrers im eigenen Wirkungskreis bloß parodiert und karikiert. Das zeigt schon der. grundverschiedene Aufstieg der beiden „Führer" zur Macht. Mussolinis Zug nach Rom an der Spitze, seiner Schwärzhemden war ein Heldenstreich'voll Genie und Kraft, Hitlers Aufbruch vom Münchener Bürgerbräu anno 1923 ein Faschingsulk, der iiur darum nicht tragisch endete, weil die damaligen Machthaber den Putschisten leider nicht ernst nahmen.;: Mussolinis staatsmännische Karriere blieb von solch tragikomischen Eskapaden frei. Seit sich in ihm die Ueberzeugung von der Schädlichkeit xler. Demokratie festsetzte, hat er sich niemals demokratischer Methoden bedient, sondern diese; aus der italienischen Politik ausgemerzt. Die widerliche Komödie, Volksbefragungen zu veranstalten und dann einen Rachefeldzug gegen die „Nein"- Sager zu unternehmen, ist dem italienischen Faschismus wesensfremd. Mussolini verachtet allen falschen Schein. Er ist als der „starke Mann Italiens" auf den Plan getreten und gilt heute als der starke Mann Europas. Diesen Nimbus als starker Mann hat er sich aber nicht durch grimmige Gebärden gegenüber den Schwachen erworben. * Da ihn seine Taten, vor allem sein Zug nach Rom, zum Löwen stempeln, verschmäht er es, politisch Wehrlose durch die billige Warnung einzuschflch-> tern: Hie sunt leones! Es ist dies ein Mahnzettel für jene Mussolini- Schüler, die in der Theorie ebenfalls die Gleichberechtigung der Juden in ihren Ländern anerkennen, in der Praxis aber die jüdischen. Aerzte; aus den Spitälern, die jüdischen Beamten, aus ■-den Aemtern abbauen und brotlos machen. Mussolinis System besteht im schönen Einklang von Theorie und Praxis, von Wort und Tat., Und da dieser. Einr klang ganz im Sinne einer kategorischen Forderung des Neuen Testaments ist, müßte er gerade solchen Staatsmännern, die gerne ihre Verwurze-« lung im Christentum betonen; zum Vorbild dienen. Ebenso sollte sich die deklariert „christliche" Presse, die.ja offen für Mussolini schwärmt, überall an dem eingangs zitierten Funkspruch ein Beispiel; nehmen, wie man jüdische Leistftnjgen publizistisch würdigt In Oesterreich hat sie in^eser Beziehung noch viel, wenn nicht alles»ti.zu lernen. Als jüngst die iE^weihung der Grabsteine auf den jüdischen Heldengräbero* des %Wiener Zentralfriedhofs der, Oeffentlichkeit Gelegenb,ei|.^af|igr ErkenntnisI gab* daß auch Jude n in treuer Pflichterfüllung ihr Leben dem Vaterland zum Opfer