Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 41 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis (fieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die tDcmrheif In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A10O918 50. Jahrgang Wien, 12. Oktober 1934 Nummer 41 Es freut sich der Dritte. In der vorwöchigen Nummer unseres Blattes gaben wir der Meinung Ausdruck, daß wir Juden Oesterreichs „allesamt nicht stark genug seien, um eine Gruppe gegen die andere ausspielen zu lassen". Sirenenrufe, sagten wir, sollten nicht die eine oder ändere Gruppe auf einen Irrweg verlocken können. An dem gleichen Tage nun, an dem unser Blatt mit dieser ernsten Mahnung den Leser erreichte, bewiesen zwei andere jüdische Zeitungen, eine jüdisch-nationale und eine jüdisch-orthodoxe, wie vergeblich unsere Rufe zur Einigkeit und Besonnenheit seien. Selbst in dieser schweren Notzeit, die für alle Schichten der österreichischen Judenschaft ohne Unterschied die gleichen Gefahren in sich birgt, selbst da versuchen Einzelgänger, Ehrgeizlinge, Phantasten und Parteidogmatiker, das Betreten eines gemeinsamen Weges zu verhindern. Sie verdammen jeden solch gutgemeinten Versuch von vornherein zur Aussichtslosigkeit, ja sie zwingen denjenigen, die nur das Wohl und das Beste der Gesamthe-it vor Augen haben, gerade im Dienste der Gesamtheit den Kampf auf. Schon gelegentlich der Behandlung der bekannten Schulverordnung im Kultusvorstande brachten es die .Jüdischnationalen nicht über sich, auf eine Extratour zu verzichten. Nach stundenlangen Verhandlungen zwischen den Parteien hatte man sich endlich in einer gemeinsamen Resolution gefunden, die auch im Plenum des Kultusvorstandes einstimmig angenommen wurde. Damit aber die jüdische und vor allemdienichtjüdische Oeffentlichkeit nur ja nicht zu der falschen Anschauung käme, daß die Repräsentanz der Wiener Judenschaft einmal — wenn auch nur in der Abwehr — sich zu einer einheitlichen Willensmeinung aufgeschwungen habe, zäumten die jüdischnationalen Redner ihr nationales Schlachtroß auf und legten eine Lanze für das j üd ischnationale Schulwesen ein. Damit sie aber ganz sicher gehen, damit sie ja nur nicht übersehen werden, geben sie der Oeffentlichkeit bekannt, daß sie im Namen des Jüdischen Volksbundes (alias Volkspartei) der Bundesregierung den Antrag auf Errichtung eines öffentlichen jüdischen Schulwerkes in Oesterreich vorgelegt haben. Unsere Regierung hat bisher begreiflicherweise darauf nicht reagiert und wird dies im gesamtstaatlichen Interesse hoffentlich auch weiterhin unterlassen, aber den 'Jüdischnationalen, vor deren rassischen Minderheitenpolitik, wie bekannt, erst vor kurzem das Organ der Ostmärkischen Sturmscharen ebenso begeistert wie huldvoll die Ehrenbezeugung geleistet hat, widerfährt nun das hohe. Glück, daß sich die in nationalsozialistischen VERWALTUNGEN SÄTZE-HYPOTHEKEN J> Jfr»: KAUFE _% VERKÄUFE --V IX, RÖTENLÖWENG. 3 BEH.ADT.3Eim TEL. A 10-5-69 Kreisen gutangeschriebenen, „Wiener Neuesten Nachrichten" beeilen, dem nationalen Schulprogramm des Jüdischen Volksbundes ihre Reverenz zu machen. Es scheint aber,, daß nicht einmal dieses deutschnationale Blatt die in der Eingabe des Jüdischen Volksbundes wohlweislich gebrauchte Terminologie „national -religiöse" Erziehung ernst nimmt, denn es negiert1 die Möglichkeit der Lösung der Judenfrage in der Schule, einfach durch eine Scheidung nach konfessionellen Gesichtspunkten, fordert vielmehr „die nationale Schule, die von der Tatsache, der rassischen Eigenart der Juden ausgeht"^ und sagt: „Bis jetzt hat das Judentum selbst alle~Wege zu einer rassisch-nationalen Gliederung verrammelt . . . Die Kundgebung des Jüdischen Vojksbundes könnte ein Ansatzpunkt zu einer gedeihlichen Lösung werden ..." r;; Wir dürfen uns doch-sei&St kein X für ein U vormachen, Wir wissen döcli heute genauer als je zuvor, was im national-deutschen Sinne die Anwendung rassistischer Grundsätze in bezug auf die Judenschaft bedeutet. HabeitiWir nicht einen Vorgeschmack davon, wenn in i neuaufgestellten Parallelklassen einzelner Schuten jüdische Kinder mit „ausgetretenen" Konfessionslosen vereinigt sind? Bekommen wir von Antisemiten der verschiedenen Schattierungen nicht oft genug zu hören, daß sie sich durch..^den konfessionellen „Schwindel" nicht täuschen lassen, daß Jud-Jud bleibe, auch wenn er als Konfessionsloser oder Getaufter sich zu „tarnen" suche. Durften und dürfen wir in deutschen-Ländern durch die eigene Betonung einer nationalen Ideologie den rassischen Dogmatikera und Praktikern auch nur den Schein einer Berechtigung ihrer Haltung geben? Sollen wir ihnen auf den Leim gehen? Wir wissen ja, wie gut sie es mit uns meinen. Erst vor wenigen Tagen hat wieder ein offizieller Redner "der Ostmärkischen Sturmscharen deren Standpunkt in der Judenfrage dargelegt. Wir Unionisten haben sicherlich keine Veranlassung, über die dort gemachten Mitteilungen erfreut zu sein. Noch weniger aber die bei den Ostmärkern scheinbar so beliebten. Jüdischnationalen. Ein nationales Minderheitenrecht der Juden soll den österreichischen Juden das Eigenleben und das Zusammenleben mit der übrigen Bevölkerung ermöglichen! „Oesterreich gehört den bodenständigen Oesterreichern", sagte der Redner. „Zu diesen bodenständigen Oesterreichern sind auch jene Juden zu zählen, deren Familien seit langen Zeiten hier ansässig sind." Nur keine Spiegelfechterei, meine Herren Jüdischnationalen, zitieren auch Sie in Ihren Preßorganen diese Aeußerungen aus maßgebendem Munde, übermitteln Sie diese Kommentare zu dem beiderseits vielgepriesenen Minderheits-Status Ihren zionistischen Anhängern und dann zweifeln wir, ob in Ihren Blättern zu lesen sein wird: „Es ist nur zu wünschen, daß die hier (von den Ostmärkischen Sturmscharen) vorgezeichnete Politik möglichst bald vom Papier ins Leben übertragen würde. Die angerufene, ihrem Volkstum und ihrer Religion treue Judenschaft Oesterreichs ist zur Aussprache und zu gemein- Rasiere DHU gut und billig Ocsterreldttsdics QBaUffifs-raftfflnl Ueberau erhältlich samer Arbeit bereit". Veröffentlichen Sie, meine Herren Jüdischnationalen, die weiteren Aeußerungen dieses Redners von „der Herrschaft der jüdischen Minorität über die Majorität" und von der Notwendigkeit derRegelungderJudenirage nach dem Proporzsystem — und wir bezweifeln, ob Sie gleichzeitig die Behauptung wiederholen werden, daß wir Unionisten „den Geist der Zeit nicht verstehen, daß wir für all das, was in unserer Umgebung vor sich geht, keine Ohren und keine Augen haben". Wir Unionisten liefern wohl dadurch, daß wir Vereinbarungen mit einem Partner ablehnen, der uns als Heimatlose bezeichnet, der uns nicht als gleichberechtigte Kinder dieses Landes behandeln will, der in der Frage der Bodenständigkeit für Juden einen anderen Maßstab anlegt, als für die übrige Bevölkerung, den klarsten Beweis dafür, daß wir den Geist der Zeit verstehen, seine Wortführer erkennen, daß wir Ohren und Augen haben für all das, was in unserer Umwelt vor sich geht. Wir verzichten deshalb auch darauf, unsere Visitkarte abzugeben, wir sehnen uns auch nicht nach Leb, Beifall und Anerkennung. Beides überlassen wir anderen. Wir begnügen uns mit der bescheideneren, aber, wie wir meinen, um vieles heilsameren, nützlichen Aufgabe, in dieser Zeit des Umbruchs und des Zerbrechens alter Formen, vor gefährlichen, die Zukunft präjudizierenden Schritten zu warnen. Der Uebereifer der nationaljüdischen Vereinigungen lockte in diesen Tagen eine andere jüdische Gruppe aus ihrer „splendide isolation", eine Gruppe der orthodoxen Judenschaft Wiens. Auch sie hielt es für gut und zeitgemäß, ihre Visitkarte abzugeben. Sicherlich mit nicht weniger „Berechtigung" als ihre jüdischnationalen Konkurrenten. Weder den einen noch den anderen kommt ein Totalitätsanspruch zu, den sie so gerne geltend machen möchten, obwohl sie sich nur zu gut bewußt sind, daß die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs nicht in ihrem Lager zu finden ist. Wenn ein mit den jüdischen Gruppierungen in Oesterreich nicht Vertrauter die jüngsten Auslassungen der „Jüdische Presse", „Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums" liest, so müßte er zur falschen Meinung kommen, daß dieses Organ berechtigt sei, im Namen von tausenden und abertausenden Juden Oesterreichs zu sprechen. In Wahrheit, nicht einmal im Namen der g e s a m t e n Aguda. Wir wollen gerne einräumen, daß nicht immer die Quantität maßgebend ist, ja daß die Qualität ein entscheidender Faktor zu sein vermag. Die Qualität ver-