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Die Wahrheit · 1934-10-05 · Heft 40 (5.10.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEH Stadtrats wählen in Jerusalem. Am 26. September fanden nach einer achtjährigen Pause die Stadtratswahlen in Jerusalem statt. Als ihr Hauptergebnis ist die Niederlage des bisherigen Bürgermeisters Ragheb Bey N a s h a s h i b i zu verzeichnen. Auf der gemeinsamen Jüdischen Liste wurden drei jüdische Stadträte, Samuel Ende, Hyam Solomon und Joseph H a c hmashvili, gewählt. Drei jüdische Splitter- Ii stea, unter ihnen die der Revisionisten, gingen mandatslos aus. Der Erfolg der gemeinsamen Jüdischen Liste wurde in Palästina mit großer Genugtuung aufgenommen. Außer den drei genannten Juden werden dem Jerusalemer Stadtrat noch Isaac Ben Zvi und Daniel Auster angehören, da beide Anfang September ohne Opposition zu Mitgliedern des Rates nominiert wurden. Somit werden die Juden im Stadtrat fünf Vertreter haben. Durch die Niederlage der jüdischen Sonderkandidaturen ist auch eine einheitliche und reibungslose Arbeit der jüdischen Mandatare in der kommenden Wahlperiode gewährleistet Der siegreiche Gegenkandidat Nashashibis ist Dr. Hussein Fakri ei Khaldi, der nun zweifellos zum Bürgermeister von Jerusalem ernannt werden wird. Dr. Khaldi war vor seinem kürzlich erfolgten Austritt aus dem Gesundheits-Departement der Palästina-Regierung 15 Jahre in dieser Stellung tätig. Er entstammt einer angesehenen palästinensischen moslemitischen Familie. Zwei seiner Großonkel waren in dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hintereinander Bürgermeister von Jerusalem. Gegen den geschlagenen Kandidaten Ragheb Bey Nashashibi hat sich dm Lauf der Zeit in der jüdischen Bevölkerung eine starke Opposition herausgebildet Die Juden verziehen ihm nicht seine Teilnahme an der arabischen politischen Delegation, die bald nach den antijüdischen Unruhen vom Jahre 1929 nach London kam, um hier eine antizionistische Stimmung hervorgerufen. Er trug auch die Verantwortung für die Betrauung eines christlichen, anstatt des ältesten jüdischen Vizebürgermeisters mit seiner Vertretung während sedner Abwesenheit Auch hat er im November 1933 als Sprecher einer Delegation arabischer Bürgermeister beim High Commissioner Sir Arthur Wauchope diesen ersucht scharfe gesetzliche Maßnahmen gegen jüdische Einwanderung nach Palästina und gegen Bodenverkauf an Juden zu treffen. Die Wahlen verliefen ruhig. Schwer bewaffnete Polizei-Patrouillen bewachten die Straßen der Stadt bis nach Bekanntgabe der Wahlresultate. Antisemitische Ausschreitungen in Polen. Wie aus Warschau berichtet wird, fanden in Lodz antijüdische Unruhen statt bei denen die Juden Mordcha Igelzyk und Israel Zimerlin in der Mlynarska- und der Zoraviastraße in Lodz überfallen und durch Messerstiche schwer verwundet wurden. Sie mußten ins Hospital eingeliefert werden. Das Gericht in Bialystok verurteilte den 24jährigen Schuhmacher Bronislav KoziaL, der im Mai d. J. den jüdischen Weber Mendel Lubinsky tötete, zu drei Jahren Gefängnis. Dieses auffallend milde Urteil begründete das Gericht damit, daß es sich um „gegenseitige Angriffe jüdischer und christlicher Huligans" gehandelt habe. Wie jedoch bekannt ist, wurde Mendel Lubinsky bei einem Ueberfall auf jüdische Spaziergänger im Stadtwäldchen von Bialystok durch Schläge auf den Kopf und durch Messerstiche so schwer verletzt daß er kurz darauf starb. So sehen sie ausl Nachdem erst vor wenigen Tagen der ungarische Pfeilkreuzler-Führer Abgeordneter Zoltan Mesko wegen Aufreizung gegen eine Konfession zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt worden war, hatten sich soeben vor dem Budapester Strafgericht nicht .weniger als sechs gleichgesinnte „Artikelschreiber" wegen desselben Vergehens zu verantworten. Ihrem Berufe nach Bäcker, Maschinenschlosser, Schneider, Agent Wagner, Ackerbautreibender, hatten sie in ihrem antisemitischen Wochenblatte Hetzartikel gegen die Juden veröffentlicht. Die Verhandlung gestaltete sich überaus amüsant, da der Maschinenschlosser-Journalist seinen Artikel mit zahlreichen Fremdwörtern gespickt hatte, von deren Sinn er keine fthnung hatte : und die er eingestandenermaßen einem Werke „Die Krallen des Satans" entnommen hatte . . . Die meisten Artikelhelden haben nur sechs Elementarschulklassen absolviert! Einer versuchte in Versen sein Mütchen an den bösen Juden zu kühlen. Das Gericht sprach alle sechs des Vergehens der Aufreizung schuldig und verurteilte zwei, die beieits vorbestraft waren, zu je sechs Wochen, die übrigen zu je vier Wochen Gefängnis. 380 deutsche Juden gehen nach Griechenland. Die griechische Regierung hat wie der Londoner „Daily Telegraph" berichtet, 380 deutschen Juden eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis auf der griechischen Insel Syra gewährt bis über eine Niederlassungserlaubnis für sie in Griechenland entschieden werden wird. In besserem rituellen Hause wird junges Mädchen als Pensionärin mit Familien- Anschluß aufgenommen. Auskunft: 'vormittags Telephon R 46-6-66 Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Der Londoner „Daily Herald" meldet daß der Sohn des in der ganzen Welt berüchtigten Antisemiten und Herausgebers des Nürnberger Nazi-Organs „Der Stürmer" Julius Streicher, Ludwig Streicher, der sich längere Zeit geheim in England aufhielt, um mit den Vertretern der englischen nationalsozialistischen und faschistischen Organisationen zu verhandeln, dieser Tage England wieder verlassen hat Ludwig Streicher stand ständig unter scharfe_xpolizeilicher Bewachung und seine Abreise glich eher einem fluchtartigen Verlassen englischen Bodens, der ihm anscheinend zu heiß geworden war. Es heißt nämlich, daß die englische Polizei seinen nazi-propagandistischen Treibereien auf die Spur gekommen ist Ludwig Streicher soll insbesondere zahlreiche Exemplare der Ritualmordausgabe des „Stürmer" in englischen faschistischen Kreisen abgesetzt haben. Diese Ausgabe des „Stürmer" wurde aber seinerzeit vom Innenministerium beschlagnahmt und ihre Verbreitung in England verboten. Erntedank. Das Wolfsche Telegraphenbüro verbreitete kürzlich folgende Notiz: Ein frommer Brauch gebietet in vielen Gegenden den Bauern, nach der Ernte die letzte Garbe als Opferdank auf dem Felde stehen zu lassen. Dieser alte Brauch soll durch die Spende des deutschen Bauern für das Winterhilfswerk eine sinnvolle und zeitgemäße Belebung erfahren. Der deutsche Bauer, der mit offenem Herzen für alle die letzte Garbe auf dem Felde läßt, wird seinen notleidenden Volksgenossen sich nicht versagen. Dieser „fromme Brauch" entspricht auch einem Gebot des jüdischen Religionsgesetzes. Im 3. Buch Mose, Kap. 19, Vers 9, und Kap. 23, Vers 22, zitiert nach Luthers Uebersetzung, steht geschrieben: „Wenn du dein Land einerntest, sollst du es nicht an den Enden umher abschneiden, auch nicht alles genau aufsammeln." „Wenn ihr aber euer Land erntet, sollt ihr es nicht gar auf dem Felde einschneiden, auch nicht alles genau auflesen, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen. Ich bin der Herr, euer Gott." Neudeutsehe Justiz. Vor uns liegen die „Altonaer Nachrichten'' vom 12. August 1934. Sie enthalten den Bericht über eine Gerichtsverhandlung. Der Sachverhalt ist folgender: In einer Wirtschaft saß der Rentenempfänger B. mit einem Katasterobersekretär. Man unterhielt sich über das Gesetz zur sogenannten „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums'*. Herrr B. sprach die Hoffnung aus, daß das Gesetz auch vor den höchsten Regierungsstellen nicht halt mache. „Dabei", so lautet der Zeitungsbericht „hat B. u nsinnige und unwahre Behauptungen tatsächlicher Art in bezug auf den Reichspropagandaminister (Goebbels) gemacht, die geeignet sind, das Ansehen der Reichsregierung schwer zu schädigen'*. Die „unsinnigen Behauptungen tatsächlicher Art" hatten darin bestanden, daß B. den Dr. Goebbels jüdischer Abstammung bezichtigte. Nun, diese Behauptung ist bekanntlich falsch. Goebbels ist, wie ein Professor kürzlich feststellte, nur ein „nachgedunkelter Schrumpf-Germane". Aber der Irrtum des akademisch ungebildeten Rentenempfängers war vielleicht verzeihlich. Jedoch der Rentenempfänger kam vors Gericht. Er verteidigte sich mit folgenden, denkwürdigen Argumenten: „Er sei Judenhasser von Geburt und habe sich aus seinem Fanatismus des Judenhasses zu den Behauptungen gegen die jetzige Reichsregierung hinreißen lassen. Sein Judenhaß müsse ihm im Blut liegen. So habe er schon immer ganz rechts gestanden und sein blutiger Judenhaß habe ihn schon immer angetrieben, zu verlangen, daß alle Juden vertilgt würden." Soweit das politische Glaubensbekenntnis dieser schönen Seele. Was aber den Annalen der Geschichte überliefert sei, ist die Tatsache, daß das Gericht eine Beweisaufnahme darüber stattfinden ließ, ob der Angeklagte auch wirklich Judenhasser sei. Sie fiel glücklicherweise zugunsten des Angeklagten aus, und so verurteilte ihn das Gericht nur zu zwei Monaten Gefängnis, entgegen dem Antrag des Staatsanwalts, der auf fünf Monate gelautet hatte. Der Zeitungsberichthierüber lautet wie folgt: „Das Urteil konnte milder ausfallen, sagt das Gericht weil der Angeklagte politisch immer rechts stand und er nach den Zeugenaussagen wirklich ein Judenhasser von Geblüt ist." Gerechtigkeit ist noch immer die Grundlage des deutschen Staates. Caesar. QROSSFLEISCHHAUEREr tIEGM. KORNMEHL ^GfSBKKtKU^BEBRBWBWntiMIBKBSKKBKBUStnttHHKKKKRHtSUKJKl^KKB WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE ■ XVIII., WAHRINQBRSTRASSE »7 Telephon Nr. A 17*99und A 16-9-34 ■ Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der ter. Kultusgemainde Wien. Sämtliche FleUchsorten von ausschließlich Prhna-Qualität tu den billigsten Marktpreis» Judentragödie im Saarland. Der Saarland-Korrespondent des „Daily Herald" teilt seinem Blatte mit, daß hunderte jüdische Familien im Saarland sich für den Fall des Rückfalls des Saargebietes an Deutschland 2ur Flucht vorbreiten, da alles dafür spricht, daß die Nazis, wenn sie die Herrschaft im Saarland erlangen, ein rücksichtsloses Verfolgungssystem gegen die Juden einleiten werden. Die Saarbrückener Zeitung „Westland" druckt den Brief eines jüdischen Schülers in Saarbrücken an seinen Lehrer ab, in welchem der Schüler schildert, welches Martyrium er unter der Verfolgungswut der christlichen Kameraden und der Gleichgültigkeit der Lehrer auszustehen hat Ein Lehrer ließ die Klasse mit Absingen antisemitischer Hetzlieder durch die Straßen marschieren. Der jüdische Schüler war nicht dabei. Dennoch wurde er verdächtigt, den Lehrer bei den Behörden angezeigt zu haben. Ein nationalsozialistisches Schmutzblatt veröffentlichte einen Hetzartikel gegen ihn unter Angabe seines vollen Namens und seiner Adresse. Die Mitschüler beantworteten seinen Gruß nicht mehr; Lehrer wie Schüler standen in einer Front gegen ihn. Er wurde das Opfer vielfacher erniedrigender Schikanen, aus dem Hinterhalte wurde er mit Steinen beworfen. An seine Bank wurde in großen Buchstaben „Juda verrecke!" eingeritzt. Als er dies dem Klassenlehrer zeigte, äußerte dieser kein Wort des Tadels. Obwohl er ihm den Namen eines bestimmten Schülers nannte, wurde dieser nicht zur Rede gestellt. Ein tragisches Schicksal. In der Sitzung des Professorenkollegiums der Deutschen medizinischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag wurde Dr. phil. und jur. Ludwig Cohn als Lektor für Blindenkunde dem Schulministerium in Vorschlag gebracht. Der Werdegang dieses Mannes ist überaus interessant. Im 7. Lebensjahr erblindete er. Dank einer eisernen Energie gelang es ihm, die Mittelschule zu absolvieren, worauf er philosophische und juridische Studien betrieb und beide Doktorate erlangte. Auf Grund seines eigenen tragischen Schicksals beschäftigte er sich speziell mit dem Blindenwesen und mit der Blindenfürsorge. Während des Krieges war er Berufsberater für Kriegsblinde; er' regte die Gründung des Vereines „Schlesische Bücherei" an, welche derzeit über 4000 Bände aufweist. Infolge der politischen Verhältnisse in Deutschland mußte er als Jude sein Lektorat an der Universität in Breslau und alle seine übrigen Aemter auf dem Gebiete der Blindenfürsorge und der Blindenbildung niederlegen und hat seinen ständigen Wohnsitz in Prag aufgeschlagen. Amerika wehrt sich. Präsident Roosevelt hielt vor einer Vereinigung von 25 protestantischen Glaubensrichtungen, die ihr 25jähriges Jubiläum feiern, eine Ansprache, die durch Rundfunk in den ganzen Vereinigten Staaten verbreitet wurde. In seinem Appell an die Kirchen, an seinem sozialen Aufbauwerke mitzuarbeiten, sagte Präsident Roosevelt, auch die Juden müßten mithelfen im Kampfe für soziale Gerechtigkeit. Die Regierung garantiere allenKirchen, den Ariern wie den Juden, das Recht, GottinihrerWeiseanzubeten.

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