Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 40 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Jungens ohne Uniform. Die Juneens, die zwischen zwölf und achtzehn, haben es am schwersten unter den deutschen Juden. Kinder spielen und wissen noch nichts von dem Leid, das ihnen auf dem Boden ihrer deutschen Heimat bevorsteht Wer alt genug ist wer die Schulen hinter sich hat, schlägt sich über die Grenze, sucht ein Land, in dem er den Kopf hoch tragen kann. Oder stürzt sich daheim in irgendeinen Beruf mit dem Bewußtsein, damit die Last eines dumpfen, verbitterten Lebens auf sich genommen, auf das Schöne verzichtet zu haben. Wie die ältere Generation, die resigniert versucht, sich mit dem Grauen der deutschen Gegenwart abzufinden, und in die Erinnerung flieht, wenn sie sich für Stunden aus dem Albtraum dieser Jahre reißen will. Sie alle leben irgendwie jenseits der deutschen Welt weil sie es so wollen, weil sie so müssen. Die Jungens vermögen das nicht. Es sind die empfindsamsten Jahre, die zwischen zwölf und achtzehn, die Nerven der Jungens schwingen mit bei jedem Geschehnis der Umwelt. Sie sind in diesem Alter empfänglich wie niemaSs wieder für jeden Einfluß, für jedes Ideal, für das Wahre, Edle, für Haß, aber auch wie für Liebe. Und ihre Seele, die in diesen Jahren geformt und gestählt wird, ist verletzlich. Wunden, solchen Jungens geschlagen, lassen Narben auf Lebenszeit. Auf daß der Haß wach bleibe und die Wunde offen, haben die Staatspolizeistellen in Minden, in Münster und Potsdam in dieser Woche ein paar Verfügungen erlassen, die es verdienen, aus dem Kleindruckwinkel der gleichgeschalteten Presse ins helle Licht gerückt zu werden. Der stets gleiche Wortlaut läßt darauf schließen, daß die übrigen Bezirke des Reichs mit derselben Verordnung in den nächsten Tagen nachstoßen werden. Es sei den Herren von der Gestapo zugestanden, daß sie sich sehr wohl überlegt und die Stelle leenau gefunden haben, wo sie diese Jungens am härtesten treffen, am schmerzhaftesten verwunden konnten. Sie waren sich dessen sehr wohl bewußt viel besser als jene wackeren jüdischen Geschäftsleute, die achselzuckend und unbekümmert weitergelesen haben, als sie diese Verordnung in der „Frankfurter Zeitung" fanden: Berlin, 15. September. Die Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Potsdam bat jetzt ebenfalls eine Bekanntmachung erlassen, die das Auftreten jüdischer Jugendverbände in der Oeffentlichkeit regelt. Den jüdischen Jugiendverbänden ist künftig* das öffentliche Tragen von einheitlicher Kleidung, das Verdecken der verbotenen Kleidungsstücke durch Zivilkleidung, sowie jede sonstige einheitliche Bekleidung, die auch nur teilweise für die bisherige Bundestracht als Ersatz anzusehen ist das gemeinsame Uebernachten und Wohnen in Zelten oder Privaträumen, das Mitführen oder Zeigen von Fahnen, Bannern. Wimpeln und Feldzeichen aller Art und das Auf- und Ausmarschieren, insbesondere das gemeinsame Ausmarschieren in feldmarschmäßiger Ausrüstung, sowie das Ueben in gelände- und wehrsportlicher Hinsicht aller Art verboten. Nicht verboten sind sportliche Betätigung, sofern dieser jeder demonstrative Charakter fehlt. Für jeden Fall der Nichtbefolgung dieser Verordnung wird gegen die Schuldigen ein Zwangsgeld in Höhe von 150 Reichsmark festgesetzt im Nichtbeitreibungsfalle eine Zwangshaft von drei Wochen. Unerlaubt getragene Kluft, Banner, Wimpel und Feldzeichen aller Art sowie unerlaubt verteilte, hergestellte und verkaufte Presseerzeugnisse und Flugblätter jeder Art werden beschlagnahmt Bei schweren Verstößen gegen diese Verordnung werden Zuwiderhandelnde in Schutzhaft genommen. Das ist mit deutscher Gründlichkeit verklausuliert, das hat sogar eine Stelle, an der Dinge stehen, die nicht verboten, sondern — man denke, in Deutschland, anno 1934! — jüdischen Jungens erlaubt sind. Aber just diese Konzession charakterisiert die Verordnung. Denn Staatspolizei und Regierung haben sich zu diesem formellen Zugeständnis nur bereit gefunden, weil sich Deutschland. dazu vor aller Welt feierlich verpflichtet hat um die Amerikaner zur Olympiade nach Berlin zu locken. Und eine Einschränkung ist ausdrücklich vorgesehen, die das Wesentliche dieser Erlaubnis wieder aufhebt Denn es liegt ja im Begriff des Sports, daß er „demonstrativen Charakter" hat, daß er die Ueberlegenheit des Spielstärkeren demonstriert. Max Baers Sieg über Schmeling war eine solche Demonstration — die Betretenheit und Bestürzung des Kabinetts Hitler hat sich deutlich genug durch die Verfälschung des Spielverlaufs in der deutschen Presse gezeigt. Die Klausel ist in dieser Form ein scharfes Verbot jedes sportlichen Kampfs zwischen einem Juden und einem „Arier" — der Sieg des Juden hätte ja unausbleiblich „demonstrativen Charakter". Vielleicht läßt sich das Amerikanische Olympische Komitee, das in diesen Tagen merkwürdigerweise den Beschluß gefaßt hat, sich an der Berliner Olympiade zu beteiligen, diesen Satz der Verordnung einmal näher erläutern und aus der Praxis belegen. Alles das aber ist es nicht, was die Jungens. die zwischen zwölf und achtzehn, so sehr erregt In dieser Verordnung steht mehr, stehen Dinge, die scharf, grundlegend, vernichtend in ihr Leben eingreifen. Der Verklausulierung entkleidet wird dort gesagt, daß drei jüdische Jungens deutscher Staatsangehörigkeit, die in Hemd und kurzer Hose, den Rucksack auf dem Rücken den Rhein entlang marschieren und gemeinsam bei einem Freund in Godesberg übernachten, mit 150 Mark Geldstrafe für jeden, mit drei Wochen Zwangshait oder unbegrenzter Schutzhaft bestraft werden. Was sonst in der Verordnung .steht, ist nur Verbrämung dieser nüchternen Feststellung. Man muß der Generation angehören, die das betrifft, man muß mit diesen Jungens gelebt und gesprochen haben, um die Folgenschwere des Verbots voll ermessen zu können. Und muß wissen, was das WanjElTERN? | | Kauft Schulbucher | ~~ für eure Kinder in der Buchhandlung I HERMANN TUCHNER J S Witnll.,E€KEtaborttraBeS2 5 ■ QUnstlger Einkauf von J ■ Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auf- ■ ■ lagen — auch antiquarisch — zu tehr mäßigen Preisen 1 5 5 Spesenfreie Zusendung überallhin £ B Verzeichnisse kottenlos! Für Auskünfte: Tel. R 41-4-20 B dem über Land und Straßen, was die Gemeinsamkeit des Marschierens, des Lebens im Freien der deutschen Jugend aller Klassen, Parteien. Konfessionen seit drei Jahrzehnten bedeutet Daß es ihr ganzes Leben und Denken jenseits der Schule beherrscht. Die jüdischen Jungens, von allem Tun und Treiben ihrer arischen Kameraden durch Gesetz und Praxis ausgeschlossen, hatten ihr verletztes Denken und Fühlen, ihr Sehnen. Hoffen, Trachten, in diese Bünde und Vereine gerettet. Stündlich von ihren Altersgenossen beschimpft und. verhöhnt von den Lehrern zurückgesetzt, als rassisch minderwertig im Unterricht vorgestellt, gemteden von jedermann, deprimiert von den Sorgen der durch den Arierparagraph wirtschaftlich ruinierten Eltern, waren sie selig, in der Gemeinsamkeit solcher Fahrten ein paar unbekümmerte, glückliche Stunden zu finden. Und! eine Möglichkeit, sich die Verbundenheit mit diesem Land zu beweisen, dessen Bewohner sie hämisch von sich stießen und das sie dennoch mit der ganzen verhaltenen Glut ihrer Jahre liebten. Die Leute vom Stab des Baidur v. Schdrach. die den kleinen Trupps dieser jüdischen Jungens auf Fahrt oft genug begegnet sind, haben gewußt, was sie ihnen nahmen, was sie ihnen antaten, als sie dieses Verbot veranäaßten. Oh — sie haben es gespürt, sie haben es mit der ganzen Grausamkeit der in Hitlers Sinn erzogenen Jugend gekostet, wie dieser Schlag auf ihre jüdischen Altersgenossen wirken mußte. Und nur die tückische Freude an der Verzweiflung dieser Jungens hat ihnen den Gedanken dieser Verordnung eingegeben — irgendeinen praktischen oder politischen Grund dazu gab es ja nicht. ' Denn es ist ja nicht so wie bei den katholischen Jugendverbänden, die es so lange und so gründlich zu schikanieren gilt, bis der letzte Angehörige verzweifelt zur Hitlerjugend tibergelaufen ist — die jüdischen Jungens sollen ja abseits bleiben. Und wenn in der Verordnung des besseren Aussehens halber von Wehrsport- 'Jeuiiieton Heimweh in Palästina. Die folgende Betrachtung ist dem ausgezeichneten Büchlein von Joseph Amiel „Palästina — das erlaubte Land" („Streitschriften des europäischen Merkur", Paris) entnommen, in dem objektiv die Verhältnisse im Heiligen Lande geschildert werden. Das hier wiedergegebene Kapitel zeigt die Seelenstimmung der nach Palästdna eingewanderten jungen deutschen Juden. Diese Jungens, die jetzt als Kellner und Stein- Wopfer arbeiten, in der zum Teil nicht unberechtigten Hoffnung, einmal wieder mehr als das Existenzminimum zu verdienen und ihr eigenes Leben zu leben, sind viel mehr amerikanisch als palästinensisch. Und um zionistisch im guten Sinne zu sein, müssen sie schon innerlich mehr mitbringen als den Willen zu einer ehrlichen und fleißigen und erfolgreichen Existenz. Immerhin muß man ihnen zubilligen, daß sie dem Lande nützen. Es wird mit großem Elan, Heiterkeit, tapferer Ueberwindung der Schwierigkeiten und auch vieler Sehnsüchte gearbeitet. Dieser Geist steckt an. Wer würde in Europa, wenn er beim Betreten einer fremden Wohnung statt der Hausfrau, die er besuchen wollte, eine neue Mieterin in ziemlicher Verzweiflung vor ihrer zerstreuten tiabe vorfindet, wortlos zugreifen, ein Zimmer möblieren, Koffer auf Schränke und Bücher unter die Betten verstauen! Hier ist so etwas selbstverständlich. Nach einer Stunde ist man verstaubt, erhitzt, befreundet und vergnügt und erfährt schließlich auch Namen und die ach so bürgerliche frühere Daseinsform der jungen Frau. Doch man trifft auch schon da und dort einen jungen Menschen, der dieses muntere Arbeiten seät ein paar Monaten übt und mal eine müde Stunde bekommt. Dann sitzt man plötzlich zwischen halbausgepackten Kisten, zwischen der Holzwolle, der eben ein Grammophon entstiegen ist, und hat sich nur schnell die Hände gewaschen, lim die -Platte mit Mozarts „Kleiner Nachtmusik" aufzulegen. Es gibt Musik! Arthur Schnabel spielt das Es-Dur-Konzert von Beethoven. Plötzlich wird man traurig. Die Leute in Deutschland sollen sich noch einmal einen Pianisten suchen, der das so spielen kann . . . Man war Ingenieur und hat abends in ejaiem großen Musikzimmelr oder im Konzertsaal sitzen können. - Komisch. Aber ein Grammophon ist auch schön. Und die Kisten werden weiter ausgepackt. Man wird nach der Katastrophe in Europa in seinem neuen Leben auf manches verzichten lernielni. Man wird es je: nach Temperament gerne oder weniger gerne tun, wird es gegen anderes und zum Teil Besseres eintauschen. Gewohnheiten lassen sich wechseln, Gefühle wandeln sich, Kräfte wachsen und werden verbraucht. Eine Kultur, in der Generationen aufgewachsen sind, läßt sich nicht abstreifen. Der deutsche Jude ist Deutscher, in seinen Sprache und in seinem Geist, nicht nur der Erziehung nach, sondern nach allen Gesetzen der Umweltstheorie, die ja doch stärker ist als jede Rasse. Er ist nicht mehr Bürger Deutschlands, seine Liebe, seine Kraft und sein guter Wille gehört dem Judentum und er wird sie der neuen Heimstätte widmen. Aber er wird deutsche Bücher lesen und deutsche Musik hören und wird unverdrängbar eine Heinat deutscher Seele behalten, und niemand darf ihm das zum Vorwurf machen. Denn es ist so: Der aus Spanien vertriebene Jude in Rhodos und Saloniki spricht zu Hause spanisch, wie er es in Holland noch jahrhundertelang getan hat. Es heißt, daß die Spanier der neuen Republik diese Tatsache mit Stolz und Anerkennung bezeichnen. Der Jude des polnischen Ghettos1 bewahrt hedte noch im Jiddischen die Grundelemente der frühneuhochdeutschen (mittelhochdeutschen) Sprache auf, die er bei seiner Vertreibung aus der Pfalz und Schwaben in den Judenverfolgungen des Mittelalters mitgebracht hat. Die Nationalsozialisten nehmen ihm diese Treue übel — angeblich wegen der im Laufe der Zeit eingetretenen Verballhornung durch die polnischen und hebräischen Zutaten des „Gemauschels". Man trägt den Kaftan, die Halbschuhe und das Käppchen aus dem deutschen Mittelalter, die Frauentracht hatte sich jahrhundertelang erhalten. Und für dfe deutsche Armee gab es 1917 in Rußland Verständigungsmöglichkeiten überall, wo ein Jude bereit war, die verwandte Mundart zu gebrauchen. Anderseits wird in den palästinensischen Familien neben dem Hebräischem, das nur den Kindern ganz selbstverständlich ist, fast überall unwillkürlich nebenbei polnisch oder russisch gesprochen, vor allem in vertraulichen Gesprächen mit besonders guten Freunden. Dia Küche en'thält entsprechend der Ueberzahl polnischer Einwanderer sehr viele Rezepte der polnischen Hieiiknajt. Die russische Vorliebe für Hering und saure Gurke fällt in jedem kleinen Laden auf. Tee ist bestimmt nicht das Nationalgetränk eines Kaffeelandes, aber er ist dem Palästinenser unentbehrlich. Die Buchhandlungen führen alle Druckwerke in vier bis fünf Sprachen — denn das Französische steuert die Levante bei. So jnischt sich zwar eine neue Kulturgemeinschaft, die von jedem Zuzug profitiert. Aber die einzelnen Bestandteile bleiben erkennbar und bleiben erhalten. Man muß sich darüber klar sein, daß das Gesicht des Landes sich gebildet hat aus den mitgebrachten Tugenden und Untugenden der früheren Einwanderungen. Wenn einwandernde Deutsche heute sich über schlechte Geschäftsmanieren wundern, über Lässigkeit der äußeren Form, Unpünktlichkeit, Langsamkeit, der zwar eine gewisse .Gutmütigkeit innewohnt, die aber dem auf sein Tempo und seinen Fleiß so stolzen Deutschen unerträglich erscheint, so sind es meist Manieren der polnischen Juden, dort wo sie mehr polnisch als Juden sind. Aber man findet auch bei ihnen die Frömmigkeit der Chassidim, die Mystik der Talmudgelehrten, die noble Geistigkeit und wissenschaftliche Begabung der Spaniolen, die lächelnde Geduld und den leisen Humor des östlichen Ghettos, den Elan der russischen Intelligenz — und so wie dies alles hier zusammenströmt, wird auch das "deutsche Element bestehen! und zum Charakter des Landes beitragen. Denn .es gibt nichts, was nicht eine Kräftereserve sein könnte, wenn es lebensfähig erhalten wird.