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Die Wahrheit · 1934-10-05 · Heft 40 (5.10.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 30 Groschen Jüdische Die Wahrheit In Deutschland verboten} mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Jud FLUGPOST Erscheint jeden Freitag UIUIIIUIH^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 5. Oktober 1934 Nummer 40 Unser Blick in eine lichtere Zukunft. Dieses schöne Wort, das in prägnanter Form unseren Lebensoptimismus, unsere Hoffnung auf die endliche Befreiung der menschlichen Gesellschaft von ihren tierhaften Schlacken beinhaltet, prägte in der letzten Plenarversammlung des KuK tusvorstandes der Hauptsprecher des Klubs der unionistischen Kultusvorsteher, Dr. Jakob Ornstein. „Wir dürfen", sagte Dr. Ornstein, „durch die Ereignisse des Tages unseren Blick in eine lichtere Zukunft nicht trüben lassen." Diese Mahnung richtete er vornehmlich an die nationaljüdische Gegenseite, die die Debatte über die einvernehmlich festgestellte Protestkundgebung gegen den jüngsten Schulerlaß des Unterrichtsministeriums dazu benützte, um ihre Forderung nach der jüdischen Schule wieder einmal der Oeffentlichkeit in Erinnerung zu bringen. Es ist die Tragik unserer nationaljüdischen Mitbürger, daß sie den Geist der Zeit nicht verstehen, daß sie für all das, was in unserer Umwelt vor sich geht, keine Ohren und keine Augen haben. Nur so ist die Stellungnahme der nationaljüdischen Sprecher zugunsten der Forderung nach der jüdischen Schule zu begreifen. Sie haben ihren Blick fast unverwandt auf Palästina gerichtet, von dessen Wiederaufbau und politischer Rekonstruktion sie das Heil der gesamten Judenschaft der Welt erwarten, und übersehen dabei oder wollen nicht sehen die Rückwirkungen, die ihre zionistische Staats- und nationaljüdische Landespolitik in unserem mehr als 96 Prozent christlichen Lande bereits hatten und noch haben können. So sehr stehen sie im Banne der zionistischen Staatsidee, so sehr sind sie bereit, alles, aber auch alles in den Dienst dieser großen Konzeption zu stellen, daß sie sogar Leuten, die sich selbst als Antisemiten, wenn auch „bessere" Antisemiten bezeichnen, die die österreichische Judenschaft als heimatloses Gastvolk betrachten, bereitwillig die Hände entgegenstrecken, sobald ihnen nur die Erfüllung ihrer nationalen Minderheitenpolitik in Aussicht gestellt wird. Diese Politik wird nur erklärlich durch das Vorhandensein eines „Pessimismus", der den Rassenhaß für eine unausrottbare Begleiterscheinung des menschlichen Zusammenlebens hält, eines Pessimismus, dem unser Optimismus von der Aufwärtsentwicklung der Menschheit gegenübersteht. Wir lassen uns darin nicht irre machen durch die traurigen Zeiterscheinungen und wir opfern nicht die lichtere Zukunft einer trüben Gegenwart wegen. Wir lassen uns unseren Weg nicht von Antisemiten, auch nicht von „besseren" Antisemiten, weisen, als welche sich die Ostmärkischen Sturmschärler ausgeben. Wir fürchten die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen. VERWALTUNGEN J> «y SATZE - HVPQTHEKEN^Lfr KÄUFE - VERKÄUFE *t SZILAGYI IX., ROTENLÖWENG. 3 BEH. ABT. SEI3AL TEL. A 10-5-60 Wir zweihunderttausend Juden Oesterreichs können und müssen uns auf einer gemeinsamen Plattform finden. Wir sind allesamt nicht stark genug, um eine Gruppe gegen die andere ausspielen zu lassen. Religion und Vaterland schlingen ein gemeinsames Band um uns. Dieses Band ist so stark, muß so stark sein, daß Sirenenrufe nicht die eine oder andere Gruppe auf einen Irrweg verlocken können. Vertiefung des religiösen Gefühles in allen Schichten der Judenschaft, vor allem starker, zielbewußter Ausbau unseres religiösen Erziehungswerkes, getragen und gefördert von Gemeinde und Organisationen, ist das für unsere jüdische Gemeinschaft bewährte, sicherste Mittel, um das jüdische Selbstbewußtsein zu erhalten und zu heben, um das Zusammengehörigkeitsgefühl, den organischen Zusammenhalt, ja, um die gutjüdische Volksverbundenheit zu erreichen. Und Vaterland! Der Staat fordert Heute — hier und überall — von seinen Bürgern mehr als Loyalität, mehr als bloßen Rasiere Dich gut and billig Oesterrelchistiies Qaailtäts r abrikat Ueberau erhältlich Gehorsam den Gesetzen gegenüber. Er verlangt den ganzen Menschen, seinen Körper und seinen Geist, das Aufgehen des Einzelnen in den Staatswillen, die Opferung des Ichs zugunsten des Ganzen. Die nichtjüdische Bevölkerung muß umlernen. Die jüdische desgleichen. So schwer es uns Juden gemacht wird — hier und überall —, an uns hat es noch nie gefehlt. Dr. Jakob Ornstein: Wir halten an der Simultanschule fest! In der kürzlich abgehaltenen Sitzung des Wiener Kultusvorstandes, in der gegen den bekannten (inzwischen gemilderten) Erlaß des Unterrichtsministeriums Stellung genommen wurde, hielt Dr. Jakob Ornstein folgende Redjg: Vorerst will ich im Namen meiner Parteigenossen die Erklärung abgeben, daß wir der vom Herrn Präsidenten verlesenen Resolution zustimmen, weil wir von der durch den gegenständlichen Schulerlaß angebahnten räumlichen Absonderung der jüdischen Schüler von den katholischen Schülern nachteilige Folgen für unsere jüdischen Schüler befürchten. In dieser Besorgnis stimme ich mit meinem Vorredner, Herrn Oberbaurat Stricker, überein. Herr Oberbaurat Stricker hat in seinen Ausführungen auch ein weitergehendes Schulprogramm entwickelt, dessen Inhalt uns die Frage nahelegen muß, wohin der Weg führt und ob wir diesen Weg bis zum Schluß miteinander gehen sollen und können. Mein Vorredner begehrt die religiös-nationale Erziehung in jüdischen aus öffentlichen Mitteln erhaltenen Schulen. Ich wiH nur von der religiösen Grundlage der Erziehung sprechen. In uns allen lebt der Gedanke und das Ideal des Judentums in gleicher Kraft und Stärke und deshalb wollen wir in die Herzen unserer Kinder durch die Erziehung die Lehren unserer heiligen Religion einpflanzen und sie so mit dem Judentum untrennbar verbinden. Wir werden zu diesem Behufe an der Vervollkommnung des religiösen Unterrichts, an der Ausgestaltung und Vermehrung der Bibelschulen und aller anderen Schulen, die dem religiösen Unterrichte gewidmet sind,- eifrig mitarbeiten und gerne bereit sein, alle für die Erreichung dieses Zieles erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Aber zur Erreichung dieses Zieles erscheint es uns nicht notwendig, daß besondere jüdisch-konfessionelle Schulen gegründet werden, in welchen auch der Unterricht in den profanen Gegenständen zu erteilen wäre. Wir sind alle beunruhigt und besorgt, welches Ungemach und welches Unheil die Zeiten bringen werden. Aber gerade deshalb müssen wir an der Schwächung und endlichen Beseitigung der die Bevölkerung trennenden Gegensätze mitarbeiten. Das Zusammensein der jüdischen Kinder mit den nichtjüdischen Kindern in einer Klasse kann der Verschärfung solcher Gegensätze entgegentreten und sie vielleicht gänzlich überwinden. Ein solches Zusammensein wirkt erziehlich auf die jugendlichen Gemüter. Kinder verschiedenen Glaubens lernen sich kennen und achten und diese gemeinschaftliche Erziehung wirkt demnach bestimmend für das ganze Leben. Deshalb wollen wir von der Simultanschule, die wir als kostbares Gut ansehen, nicht lassen. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Jahr 1868, in welchem die damals herrschende liberale Partei zu ihrem unvergänglichen Ruhme das interkonfessionelle Gesetz geschaffen hat. An den Grundgedanken wurde schon in den letzten Jahren vielfach gerüttelt und vielleicht soll unsere Volksschule bald auf völlig andere Grundlagen gestellt werden. Im Artikel VI des Konkordats vom 1. Mai 1934 wird bestimmt, daß durch diese (in den vorhergehenden Absätzen des Artikels VI) angeordneten Maßnahmen die Voraussetzung für die Entwicklung zur öffentlichen katholisch-konfessionellen Schule geschaffen werde. Wir aber wollen an den Ideen der großen Zeit, der das Reichsvolksschulgesetz entsprossen ist, immer festhalten und ich bin überzeugt, daß die überaus große Mehrheit der österreichischen Judenschaft mit uns in diesem Bestreben eines Sinnes ist. Wir wollen den Segen, den dieses Reichsvolksschulgesetz Oesterreich gebracht hat, auch den künftigen Generationen zuteil werden, lassen und deshalb erklären wir: Den Weg zur konfessionellen Schule machen wir nicht mit.

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