Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 39 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT_ '__ Seite 3 ten und Tiefen. Wenn aber trotzdem die Luft allenthalben mit der Gewitterstimmung eines drohenden Weltbrandes, eines neuen Weltkrieges geladen ist, wenn ganze Völker, von Kriegsgeist beseelt, den Frieden der Welt bedrohen, so liegt das keineswegs nur an der persönlichen Eigenart einzelner, keineswegs nur an der geistigen Einstellung ihrer Führer. Diese Völker zeigen vielmehr, daß sie selbst in ihrer Gesamtheit oder überwiegenden Mehrheit für den Frieden, nicht reif sind, eben dadurch, daß sie gerade solche Führer und keine anderer Geistesart an ihre Spitze stellen und ihnen Gefolgschaft leisten. In unserer jüdischen Messias-Hoffnung erflehen wir die Zeit, da „Gott einer sein wird und sein Name einer". Das Echo, das der Führer in seinem Volke weckt, so daß es des Führers N a m e n zum Heilruf macht, das ist das Entscheidende. Wenn einst alle Welt den N a m e n des Einig-Einzigen,"des Hortes des Weltfriedens, als den ihres anerkannten Führers, ebenso zum Losungswort erkoren haben wird, dann wird der Weltfriede da sein, dann wird der' Livjathan, der Störer des Friedens, das Ungetüm mit den zahllosen Köpfen, dann wird die Tyrannei der Masseninstinkte endgültig überwunden sein. Was diese Instinkte nährt? „In drei Dingen," lehrt die jüdische Weisheit, „offenbart sich die wahre Natur des Menschen: (bekisso, bekosso uwekaasso) im Geschäft, im Rausch und im Zorn". Und hiernach läßt sich deutlich die Politik der einzelnen Völker unterscheiden. Die einen haben kaltblütig nur ihr Geschäft im Auge. Neue Reichtumsquellen, neue Bodenschätze, neue Absatzgebiete, das ist das Ideal, das sie so beherrscht, daß jede andere Rücksicht hinter dieses kaufmännische Kalkül zurücktritt (bekisso). (bekaasso) Haß gegen die bestehende Weltordnung, geboren aus jahrhundertelangem Sklavenleid, leitet die Politik anderer. Erbitterung über den für sie unglücklichen Ausgang des Weltkrieges erfüllt wiederum ein drittes Volk mit dem Gedanken der Revanche und dem Verlangen, im Friedensschlüsse Verlorenes zurückzugewinnen. Am fachtbarsten aber wirkt sich aus: (bekosso) der Rausch aus dem Becher (koss hatarela), von dem derProphet (Jesaja 51, 17) den Untergang jedes Volkes voraussagt, das aus ihm sich und anderen Unheil trinkt. Blutenden Herzens steht der Menschenfreund vor diesem Trauerspiel, erzeugt aus nichtigem Wahn. Tiefe Wehmut erfüllt den Juden, auch wenn er nicht unmittelbar beteiligt ist, bei diesem Anblick nicht nur eines Volkes, das sich selbst zerfleischt, sondern einer ganzen Menschheit, die nicht zum Frieden kommen kann. Sind ihm doch die Massen, die in stetem Wettrüsten einander bedrohen, nicht Heere verschiedener Völker, sondern Teile eines Ganzen, Kinder einer Mutter, die einander Tod und Verderben ansinnen. Ja, der große Livjathan lebt noch. Er ist heut' lebendiger denn je. Weshalb? Weil heute ferner und fremder als je den einzelnen Menschen jene Eigenschaften sind, die das Judentum vom Messias erwartet: Gotteserkenntnis und Gottesfurcht, jene Tugenden, die der Anfang sind aller Weisheit und die Grundlage alles Menschenglückes. Darum huldigen Millionen einem Führerideal, das dem altiüdischen schnurstracks zuwiderläuft. Darum erscheint uns heute die Ankunft des Messias wie kaum je zuvor in weite, nebelhafte Ferne gerückt. * Ja der große Livjathan läßt die Welt nicht zur Ruhe kommen, jeder einzelne von uns trägt fn seinem Herzen einen kleinen Livjathan. Auch unser Herz ist ein Meer im kleinen mit Flut und Ebbe, mit Stürmen, die alle herrühren von dem kleinen Livjathan, der darin sein Unwesen treibt. Der Wirbel der Leidenschaften, die uns die Ruhe rauben und jedes Glück vergällen, sie rührt dieser Levjathan in unserem Herzen auf, er, der gleichfalls Hunderte verschiedener Köpfe hat. Neid heißt der eine, ein anderer Schadenfreude, ein dritter Habgier, der vierte Rachsucht und so fort in bunter Reihenfolge. Heldenkraft gehört dazu, diesen Livjathan zu bändigen. Aber diese Kraft ist unerläßlich, will man sich Herzensfrieden erkämpfen, Frieden mit der Welt und Frieden mit sich selbst finden. Wir müssen unser eigener Messias sein, der Messias im kleinen. Die Tugenden, die den großen Weltbefreier zieren sollen, sie müssen wir zu erringen suchen, um Sieger zu sein im Kampfe mit dem kleinen Livjathan in unserer eigenen Brust. Erst, wenn die Herzen der Einzelnen diesen Sieg und damit den Frieden sich erkämpft haben, erst dann ist die Menschheit reif, den großen Weltmessias zu empfangen. Wir anerkennen die Wünsche der Völker, die in ihrer Eigenart, in ihrem Schicksal, in ihrer von Gott ihnen gewiesenen Bestimmung und Sendung wohl begründet sind. Daß sie aber durch Brudermord, der wieder nur zu neuem Mord den Keim legt, nie und nimmer sich erfüllen lassen, daß nie der Krieg den Frieden bringt, sondern nur liebevolle, brüderliche, ehrliche Verständigung von Volk zu Volk ihn bringen kann, das lehrt nicht nur die Friedensbotschaft der großen Propheten unseres Volkes. Das bestätigt die Geschichte auf jedem Blatte, das erleben wir selbst in den Wirren dieser aufgewühlten Zeit. Daß diese Erleuchtung den Völkern komme, bevor es zu spät ist, bevor die Menschheit in einer Sintflut von Blut und Graus sich selbst vernichtet, daß die Erzieher der Völker, anstatt die Jugend zum Kriege zu hetzen und heranzubilden, den Kampf gegen den großen Livjathan mit der Bändigung der kleinen Livjathane beginnen möge, — um diese Erleuchtung der Menschheit beten wir zum Gotte unserer Täter: (ufross alenu siikkath schelomekha) Breite, o Herr, die Hütte deines Frieden über uns und die gesamte Menschheit! —d — mi Die Schicksale einer Familie, die für das Judentum und die Freiheit des Jüdischen Volkes kämpfte in dem großen Tonfilm Die Rothsdtilds ■■■■■■«■■■■■Hil mit George Arliss als Meier und Nathan Rothschild Helen Westley als Gudula Rothschild Boris Karloff als Kapitän Ledrantz Loretta Young als Julie Rothschild Robert Yong als Fitzroy Ab Montag, 1. Oktober, Im Burg-Kino I. J Rotenturm-Kino I. Der Kultusvorstand protestiert. In der am Mittwoch, den 26. d. M., stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes, zu der noch manches zu sagen sein wird, wurde nach einem ausführlichen Referate des Präsidenten Dr. Friedmann und einer ein- 5xit<i Qciut&aum konferiert die am Mittwoch, 3. Oktober, ys9«nrabends im Saal des Hotel Continental, IL, Taborstraße 8 stattfindende!test~ Akademie zugunsten jüdischer Emigranten aus Deutschland Ferner wirken mit prominente jüdische Künstler Wiens und Deutschtands Karten In der Redaktion der „Wahrheit", IL, Heinestraße 13, und an der Abendkassa Achtung I Der anf den Eintrittskarten ursprünglich angegebene Termin (Sonntag, den 30. September) ist nicht zu beachten! gehenden Debatte folgende stimmig angenommen: Resolution eiri- Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien stellt aus dem Berichte des Präsidiums fest, daß die mit Beginn dieses Schuljahres erfolgte Aufteilung der Schüler in Parallelklassen nach konfessionellen Gesichtspunkten ohne vorheriges Einvernehmen mit der Vertretung der israelitischen Religionsgesellschaft erfolgt ist. Die getroffenen Maßnahmen,, durch welche an den öffentlichen allgemein zugänglichen Schulen jüdische Schüler abgesondert werden, haben in der Wiener jüdischen Bevölkerung Beunruhigung und Erregung hervorgerufen. Diese Verfügungen müssen bei den Kindern israelitischen Religionsbekenntnisses das Gefühl der Zurücksetzung erwecken. Wenn zur Begründung der in Rede stehenden Maßnahmen schulpraktische Erwägungen geltend gemacht werden, so muß darauf hingewiesen werden, daß die nachteiligen Fofgen dieser Maßnahmen sowohl innerhalb der Schule als auch nach außen hin in ihrer Bedeutung die schulpraktischen Gründe bei weitem überwiegen. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien hat daher in der öffentlichen Plenarsitzung vom 26. September 1934 den einmütigen Beschluß gefaßt, das Präsidium zu beauftragen, bei allen in Betracht kommenden Stellen der Unterrichtsverwaltung die gegen die getroffenen Maßnahmen bestehenden schweren Bedenken geltend zu machen und die Aufhebung der erlassenen Anordnungen anzustreben. Von unionistischer Seite sprachen die Herren Dr. J. O r n s t e i n, Dr. L. M a i e r, Baurat VV. K e m p 1 e r und Dr. M. S t i g 1 i t z. Der amerikanische Boykott. „Mancher Ausländer ist nur nach Leipzig gekommen, um sich persönlich über das deutsche Angebot zu informieren, wie z. B. manche Amerikaner, die erklärten: „Kaufen können wir nicht, denn unsere Kundschaft nimmt keine deutschen Waren mehr, solange der Rundfunk täglich dreimal mahnt: Kauft keine deutschen Waren." Diese Sätze sind in der „Deutschen Bergwerkszeitung", dem Organ der Scharfmacher von der Ruhr, in der Ausgabe vom 1. September auf der ersten Seite, in einem Bericht über das Ergebnis der Leipziger Herbstmesse zu lesen. Was die „Bergwerkszeitung" so nebenbei hier enthüllt, ist in Wirklichkeit ein Abschnitt aus der großen Tragödie, die das deutsche Volk unter der nationalsozialistischen Willkürherrschaft erlebt. Nichts hat in der Welt, insbesondere aber in den Vereinigten Staaten eine solch große Empörung und Erbitterung hervorgerufen wie gerade der Hitler-Rassenwahn mit all seinen ekelerregenden Begleiterscheinungen. Als aber am 1. April 1933 die große Gemeinheit gegen die jüdischen Mitbürger Deutschlands begangen wurde, als zum Erstaunen und Entsetzen der Welt die zahlreichen wissenschaftlichen, beruflichen und politischen Verbände und Organisationen zu diesem Verbrechen feige geschwiegen und so die Juden der SA. ausgeliefert haben, war es mit der Sympathie, die man Deutschland bisher entgegengebracht hatte, aus. Auf diese nationalsozialistische Herausforderung begann ein anderer Boykott, dessen scharfe Waffe sich heute gegenüber dem Dritten Reich deutlich offenbart. Die Anmaßung des Nationalsozialismus, nicht allein die deutschen Juden, sondern die Juden in der ganzen Welt zu diffamieren, ihr brutaler Versuch, die christliche Kirche in den Dienst des Hakenkreuzes zu stellen, haben die Boykottbewegung in Amerika zu einer Volksbewegung gemacht. Es ist nicht nur die jüdische, sondern auch die katholische und selbst evangelische Bevölkerung Amerikas, die mit aller Entschiedenheit den Kauf von Waren aus dem Lande der Barbarei ablehnt. Der Boykott ist heute in den Vereinigten Staaten durchorganisiert und er breitet sich systematisch aus. Demnächst findet in New York eine Messe statt, zu der außer dem Dritten Reich alle Länder der Welt eingeladen worden sind. Auf dieser Messe sollen die anderen Länder diejenigen Erzeugnisse ihrer Industrie ausstellen, die bisher die Vereinigten Staaten im wesentlichen aus Deutschland bezogen hatten. Gerade angesichts der Devisenschwierigkeiten, gerade angesichts der katastrophalen finanziellen Lage des Dritten Reichs bedeutet das Ausmaß der Boykottbewegung in U. S. A. einen