Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 39 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT „Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß jedes Wirts volk die Existenz eines Gastvolk e s auf die Dauer nur dann ertragen kann, wenn das Zusammenleben nicht allzu große Reibungsfläclien bietet Solcher Reibungsflächen werden dann zu große und zu viele, wenn den Kindern des eigenen Landes und Volkes Lebens- und Existenzmöglichkeiten entzogen oder herabgedrückt werden, weil das Gastvolk den Produktionsfaktor Kapital nahezu ausschließlich in alleinige Verwaltung übernommen hat" Wir unionistischen „Assimilationsjuden" werden getreu den Geboten unserer Religion, getreu dem erhabenen und erhebenden Beispiele unserer Ahnen ebenso loyal wie selbstbewußt unter jedem Regime zu leben suchen, das man höheren Orts für zeitgemäß und richtig hält Aber nie und nimmer und unter keiner Bedingung werden wir zu Vereinbarungen, zu Lösungen, zu Regelungen mit einem Partner bereit sein, der uns als Heimatlose bezeichnet und behandelt sehen will, der nicht auch uns als „Kinder des eigenen Landes" betrachtet Was dürfen sich, was können sich die j üdischnationalen Zionisten — angesichts einer solchen Einstellung des Gegenüber — von der Dissimilation, von dem Zusammenschluß auf jüdischnationaler Basis für die Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs versprechen? Wird ihnen nicht bange vor den Konsequenzen der Durchführung ihrer Ideologie in unserem — gelinde gesagt — so wenig judenfreundlichen Lande? Zittern sie nicht ob der Verantwortung vor der Geschichte, sie, die — was niemand zu bestreiten vermag — von ernstem, leidenschaftlichen Eifer für das jüdische Volk erfüllt sind? Angesichts der uns allen nur zu gut bekannten und so schmerzlich bewußt gewordenen Einstellung der verschiedensten nichtjüdischen Bevölkerungsschichten, angesichts der Fortdauer der wirtschaftlichen Krise und der Arbeitsnot können wir österreichischen Juden uns da ernstlich der Erwartung hingeben, daß unter einem Dissimilations- Regime die Achtung vor uns Juden sich einstellen, das gegenseitige Verständnis sich vertiefen, das Neben- und Miteinanderleben sich erleichtern wird, daß unsere kulturellen, unsere geistigen Interessen, unsere wirtschaftlichen Lebensmöglichkeiten gesicherter sein werden? Wer frei und unbefangen prüft und erwägt, wird diese Fragen mit Verstand und Gefühl-verneinen. Verstand und Gefühl haben deshalb nicht nur bei uns Unionisten, sondern auch bei unseren nationaljüdischen Glaubensbrüdern lebhafte Bedenken hinsichtlich der neuen Schulverordnung wachgerufen. Freilich Bedenken von verschiedenen Gesichtswinkeln aus. Für uns bedeutet der Schulerlaß eine bedenkliche Vorstufe zur Lockerung der Simultanschule, für die Jüdischnationalen eine unerwünschte, sozusagen entartete Entwicklung auf der von ihnen erhofften Balm zur nationalen Schule. Hier scheiden sich unsere Wege: Wir waren nie und sind nicht Gegner einer fakultativen konfessionellen Schule für Kinder, deren Eltern diese religiöse Erziehung wünschen. Aus dieser Einstellung heraus betätigten wir Unionisten zu allen Zeiten unser Interesse für die einzige jüdisch-konfessionelle - Schule Wiens, für die Talmud-Thora-Schule. Und aus der gleichen Einstellung heraus konnten und können wir uns nicht so recht mit der einzigen jüdischen Mittelschule Wiens, dem Chajes-Gymnasium befreunden, denn dieses ist schon nach den Worten und Wünschen des verewigten Namensträgers dieser Anstalt nicht eine jüdisch-konfessionelle, sondern eine jüdisch-nationale Lehranstalt. Der Umbruch der Zeit, der auch unsere Stellung im Staate nicht unberührt läßt, fordert gebieterisch von allenjüdischenPar- S JÜDISCHE ELTERN! | | Kauft Schulbücher 3 ™ für eure Kinder nur in der 3 Jüdischen Buchhandlung J HERMANN TUCHNER 5 Wienll..ECKETaborstraBe52 5 ■ ■ Lehrbücher lür alle Lehranstalten in den richtigen Auf- ■ lagen — auch antiquarisch — zn sehr mäßigen Preisen! ■ Spesenfreie Zusendung überallhin ., * Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R 41.4-20 5 teien und Gruppen, alles Trennende vorerstbeiseite zustellen und n u r d a s Einigende zum Worte und zur Tat gelangen zu lassen— im Interesse, im Dienste unseres jüdischen Volkes. Dr. Lenk. Der Livjathan. Zum Schlußfest. Wenn wir am Schemini Azereth die Sukka verlassen, sprechen wir den Wunsch aus, übers Jahr sitzen zu dürfen in der Sukka, die gefertigt werden soll aus der Haut des Livjathan. Der Livjathan ist in der Vorstellung der Vorzeit 'der Riesenfisch, dessen Bewegungen die Ursache der Erdbeben sind. Ausser Haut dieses gewaltigen Störenfrieds soll also die Hütte des Friedens errichtet werden, um die wir beim Eingange eines jeden Sabbats und ganz besonders am Hüttenfeste beten. Nach den Worten des Psalmisten (74, 14) hat dieses Ungeheuer, wie die Hydra der Griechen, viele Köpfe. Nun haben wir. in der langen Reihe der Feste, die wir jetzt beschließen, immer wieder die messianische Hoffnung in uns belebt, immer wiederum gestärkt den Gedanken: ein Gott und eine Menschheit Waskann hiernach unter dem Livjathan mit den vielen Köpfen, der, beim Eintreffen des Messias getötet, das Material zur Hütte des Weltfriedens liefern soll, anderes gemeint sein, als der Geist des Unfriedens in der Welt, die öffentliche Meinung, die Tyrannei der Masseninstinkte. Das vielköpfige Ungeheuer ist das Publikum, die Masse des Volkes, deren Gunst hin- und herschwankt und deren Gewalt furchtbar werden kann in der Hand gewissenloser Demagogen. Die Lehre von einem persönlichen Messias und Drachentöter setzt die Vorstellung von einem erleuchteten Führer und Bezwinger von Unholden voraus, wie sie im jüdischen Volke fortlebt in der Erinnerung an König David. Auf dem Messias soll ruhen (Jesaja 11, 2) „der Geist Gottes", das heißt selbstlose, reine Begeisterung für eine hohe Idee, „der Geist abgeklärter Weisheit und politischer Klugheit, der Geist wohlüberlegter Entschließung und ungebrochener Tatkraft in der Ausführung, der Geist der Erkenntnis Gottes", das heißt der Einsicht in die Zusammenhänge des Weltgeschehens, und zum Schluß, aber nicht zuletzt „der Geist der Gottesfurcht", die furchtlos macht vor Menschen und rücksichtslos gegen das eigene Wohl und Wehe. David, der Held und Künstler, der Staatsmann und Diplomat, der geniale Herrscher und gottergebene Beter, der Mann des Schwertes und der Harfe, der Mehrer der Macht und Ehre seines Volkes und Schöpfer des religiösen Liederborns und Gebetbuches der Menschheit, der Träger der dreifachen Krone: des Königtums, des priesterlich demütigen Gottesdieners und der Gotteslehre — David, der .siegreiche Feldherr, der die Widersacher Gottes bezwingt und der Menschheit ein Heiligtum, eine Hütte des Friedens gründet, das war das Ideal, das dem Volke vorschwebte und aus dem es in seinem schweren Schicksal Trost, Dulderstärke und Hoffensfreudigkeit schöpfte. Hatte doch auch David schweres Leid, das schwerste in seinem häuslichen Kreise zu erdulden. Die Hütte des Friedens, die der Messias errichten soll, sie ist „die Hütte Davids", des idealen Führers seines Volkes, der jenen siebenfachen Geist göttlicher Berufung in sich verkörperte, sie ist die Auferstehung desaltjüdischenFührerideals. Auch in unserer Zeit fehlt es nicht an idealen Führern einzelner Völker, und der Segen, der von ihnen ausgeht, durchdringt ihr Volk in allen Brei- JeuHteton EinemaltenMctnne ins Stammbuch. Vor etwa einem Jahre veröffentlichte ich in der „Neuen Freien Presse" einen Artikel über den fast versessenen Währinger jüdischen Friedhof, der gegen Ende der Siebziger jähre des vorigen Jahrhunderts aufgelassen worden war. Ich erzählte von dem eigenen Zauber, der von dieser wahren Stätte des Friedens ausgeht, und berichtete auch einiges von den Schicksalen der vielen, die dort die ewige Ruhe gefunden haben. Ein kleiner Grabstein, wahrscheinlich aus Epidemiezeiten stammend, hatte mich bei meinen Besuchen stets tief berührt, ein Kindergrab, dessen rührende Inschrift lautet: Olga Löwy, 23. V. 1875—3. II. 1878. Paula Löwy, 4. IX. 1876—25. I. 1878. Gisela Löwy, 3. II. 1874—26. I. 1878. Diese tiefe Grube Ist unsere Kinderstube, In einer Woche mußten wir alle drei hinein. Von vielen Seiten bekam ich damals Zuschriften von Leuten, die sich teilweise schon früher für den Friedhof interssiert hatten. Eines Morgens wurde ich zum Telephon gebeten und zu meinem maßlosen Erstaunen meldete sich eine gar nicht alte Stimme: „Hier ist der unglückliche Vater der armen Kinder, von denen sie so schön geschrieben haben." Ich konnte dies anfänglich kaum glauben, denn die armen Kleinen waren ja schon vor etwa 60 Jahren gestorben. Mit schwerem Herzen folgte ich der Einladung des armen Vaters und fand einen trotz seines Alters ungebeugten, ehrfurchtgebietenden Greis, unglaublich geistesfrisch, den nur sein in der letzten Zeit stark geschwächtes Augenlicht hindert, den gewohnten Geschäften nachzugehen. Samuel Löwy, dessen sich an seinem neunzigsten Geburtstage sicherlich viele Kaufleute vom Franz- Josefs-Kai gerne .erinnern werden, wurde in Preßburg, das Wien so viele tüchtige Kaufleute geschenkt, am 5. Oktober 1844 geboren. 1858 kam er nach Wien in die Lehre zu der angesehenen Textilfirma Hermann Granischstätten im Lazzenhof, bei welcher er viele Jahre blieb. Als ein Pionier des Wiener Zwischenhandels in Webwaren besuchte er regelmäßig die damals so wichtigen Märkte in Brünn und bereiste ganz Oesterreich-Ungarn bis in die fernsten Gebiete. 1866 machte er nach der Schlacht bei Königgrätz die Besetzung Brünns durch die Preußen mit und bewahrte seinen Chef durch seine Klugheit vor großen Verlusten. Mit seinem staunenswerten Gedächtnis erinnert er sich gerne noch der Namen seiner zahlreichen Kunden in aller Welt, mit denen er auf fast familiärem Fuße gestanden. Von den Schwierigkeiten der damaligen Zeit kann man sich heute nur schwer einen Begriff machen, in Ungarn, Galizien, Siebenbürgen, Kroatien mußten große Strecken zu allen Jahreszeiten im Wagen zurückgelegt werden, wobei die Unterkünfte, aber auch die Sicherheitsverhältnisse viel zu wünschen übrig ließen. Daß er schon in jungen Jahren ein tüchtiger, vielversprechender Kaufmann gewesen sein muß, kann man daraus ersehen, daß der sehr reiche Eisenhändler Frankl ihn zum Schwiegersohn nahm. Mit Freuden erinnert sich Samuel Löwy der vielen Arbeit, von der sein Leben erfüllt gewesen, der Erfolge, die er gehabt, der zahlreichen Freunde, die ihm treu verbunden waren. Noch heute gibt es yiele gangbare Artikel, deren Erzeugung er. angeregt, deren Aufnahme auf fremden Märkten er als erster durchgesetzt hat. Einsam ragt die Gestalt des alten Mannes, dem alle näheren Verwandten weggestorben sind, aus vergangenen Zeiten in die von Krisen geschüttelte Gegenwart. Ihn. der in früheren Zeiten im stillen so manche Träne getrocknet, dessen Name in den alten Registern vieler jüdischer Wohltätigkeitsvereine vorkam, kränkt es heute tief, daß er nicht mehr wie in früherer Zeit helfen kann. Ein guter Jude ist Samuel Löwy immer geblieben und es ist staunenswert, wie modern dieser alte Mann heute denkt, wie er sich täglich von seiner treuen Wirtschafterin stundenlang die Zeitungen vorlesen läßt und sich über Tagesereignisse und Politik Gedanken macht. Altersegoismus ist Samuel Löwy unbekannt, er sorgt sich für seine ganze Umgebung und ist glücklich, wenn er jemandem aus seinem Freundekreise gefällig sein kann. In seinem langen, arbeitsreichen Lehen hat Samuel Löwy das Ghetto in Preßburg und Wien vor der Stadterweiterung gesehen, hat den Aufschwung nach dem unglücklichen Kriege' von 1866, den Börsenkrach und die Weltausstellung im Dreiundsiebzigerjahre mitgemacht, hat den Ringtheaterbrand, die Aufwärtsentwicklung bis zum Weltkrieg, die böse Zeit seit Kriegsende miterlebr. Er ist noch mit der Postkutsche viele Tage und Nächte durch Oesterreichs ferne Provinzen gefahren, hat bei Petroleumlampen und Millikerzen gearbeitet, hat jährlich die Typhus-Epidemien vor Erbauung der der Ersten Wiener Hochquellenleitung mitgemacht. Gerne erinnert er sich der von den Wienern viel belachten Flugversuche Wilhelm Kreß', er. weiß aber sehr gut die unerhörte Weiterentwicklung des Verkehres auf und über der Erdezu schätzen. . Eine lange Reise durch das Leben hat Samuei Löwy hinter sich, viel hat er gesehen und erlebt, vieles könnte er erzählen. Und er weilt gerne im Reiche der Erinnerungen. Möge sein neunzigster Geburtstag für ihn nur ein Meilenstein auf in seinem; Lebenswege sein, möge er auch noch den sich langsam vorbereitenden Wiederaufstieg unseres gequälten Vaterlandes erleben! Max Lassner.