Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 39 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis töeser Nummer 40 Groschen In Deutschland «erboten 1 Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Judert Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 28. September 1934 Nummer 39 Nicht so wehleidig sein . . . ./ Diesen Appell richtete vor langen Monaten der seinerzeitige Obmann der christlichsozialen Partei, Minister a. D. Dr. C z e r m a k, an uns Juden, als wir mit den in seiner aufsehenerregenden Broschüre „Ordnung in der Judenfrage" niedergelegten Vorschlägen (nach Zurückweisung der Juden Oesterreichs auf allen Gebieten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens in die „ihnen gebührenden Grenzen") nicht einverstanden waren und seine diffamierenden Bemerkungen über die Liebe der Juden für ihre österreichische Heimat zurückwiesen. Wir sollten nicht so empfindlich sein, obwohl der Verfasser dieser Broschüre schon ein Jahr vorher in seiner Eigenschaft als I' jrrichtsminister mit seiner seligen, unseligen Studentenschaftsordnung die nationalsozialistische Rassenideologie an den österreichischen Hochschulen zu betätigen versucht hatte. Wie sollten wir'empfindTich oder w e h 1 e i d i g s e i n, da in der damaligen Nationalratsdebatte über eben diese Studentenschaftsordnung der Vizekanzler a. D. Schmitz in einer großangelegten Rede über die Gründe des Anwachsens der antisemitischen Strömung in Oesterdeich Maßnahmen zum „Schutze" der erwerbslosen christlichen Bevölkerung in Aussicht stellte, bezüglich deren — nach seinen eigenen Worten — eine Analogie in unserem Inlandarbeiterschutzgesetz vorhanden sei? — Wir sollen nicht allzu empfindlich und wehleidig sein, auch wenn ein österreichischer Bischof in einem Hirtenbriefe die Aufrichtung „eines starken Dammes in der Gesetzgebung und Verwaltung gegen all den geistigen Unrat und die unsittliche Schlammflut, die vorwiegend vom Judentum aus die Welt zu überschwemmen drohen," fordert. Und wir österreichischenJudensoIlen auch jetzt — so wird uns von wohlmeinender Seite dringend angeraten — nicht allzu empfindlich, nicht so wehleidig sein, da durch einen Erlaß des Unterrichtsini n i s t e r i u m s auf Grund „schulpraktischer Erwägungen" verfügt wird, daß bei Parallelklassen in Mittelschulen die nichtkatholischen Schüler in einer besonderen Klassenabteilung vereint werden. Man wundert s i c h, daß infolge dieser Verordnung und der Art ihrer Durchführung die jüdische Elternschaft in Unruhe versetzt ist,- daß die jüdischen Schulkinder durch diese Maßnahme bedenklich alteriert wurden. Man wundert sich auf nichtjüdischer Seite darüber, weil man, stark und selbstbewußt, sich nicht in den kranken und-gekränkten, durch das fortwährende Herumdoktern stark irritierten und geschwächten Körper ^fflBIMinnniinmninnmniinnmiiminnnmminmimTmi VERWALTUNGEN J^J__ ^> KÄUFE - VERKÄUFE 4^ vtKWAL I UN6EN SATZE - HYPQTHEKEN^^I SZILAGYI BEH. AUT. SEISAL IX, ROTEN LÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 wm hineinzudenken vermag, den die österreichische Judenschaft heute darstellt. Haben wir Juden nach all den Antizedenzien, nach den eingangs erwähnten und vielen unerwähnt gebliebenen antijüdischen Kundgebungen, nach den bereits bisher im wirtschaftlichen Leben beobachteten Vorgängen nicht allen Grund, besorgt, empfindlich, wehleidig, auf der Hut zu sein? Die österreichischen Juden sind glücklich über die Niederschlagung des nationalsozialistischen Putsches und über die durch das Zusammenwirken der vaterlandsverbundenen Bürger gelungene Eindämmung der Nazi-Gefahr, wir empfinden hohe Genugtuung über die auch in der neuen Verfassung verbriefte Gleichberechtigung ununsererGlaubensgemeinschaft wir empfinden aufrichtige Freude über das jüngste Genfer Interview unseres Bundeskanzlers, dem wir-das gleiche unbedingte Vertrauen, die gleiche unbedingte Loyalität entgegenbringen wie seinem verewigten Vorgänger. Und doch empfinden wir Sorge, Zagen und Bangen bei j ederMaßnahme, die geeignet ist, die leider bestehende Kluft zu erweitern, die antijüdischen Vorurteile noch zu verstärken, das Zusammenleben und Zusammenarbeiten der verschiedenen Schichten des österreichischen Volkes noch zu erschweren. Bestünde in unserem Lande eine klare, gesunde, vqrn den antisemitischen Miasmen gesäuberte Atmosphäre, es gäbe niemanden, auch keinen Juden, bei dem eine schulpraktische Maßnahme Empfindlichkeiten reizen undArgwohner wecken würde. Wir machen kein Hehl daraus: Wir sind nach wie vor überzeugte Anhänger der interkonfessionellen Simultanschule und einer gesunden Assimilation. Es ist nicht wahr, — auch wenn hunderte Male von hüben und drüben das Gegenteil behauptet wird — es ist nicht wahr, daß sich für beide Teile d a s a s s imilatorische Regime als unbrauchbar erwiesen, daß es nun dauernd, für alle Zeiten als abgetan betrachtet werden muß1. Wahr ist nur, daß es zu allen Zeiten, auch in den vergangenen Jahrhunderten, wo noch keine „modernen Assimilationsjuden" existierten, die, wie das Organ der Ostmärkischen Sturmscharen sagt, die „ererbten Eigenschaften ihres Stammes ausnützend, zur furchtbaren Gefahr innerhalb eines jeden gesunden Volkskörpers werden müssen", — daß es zu allen Zeiten von ideell-konfessionellen, zumeist aber glatt materialistischen Motiven geleitete Menschen und Gruppen gab, die den Judenhaß aussäten, pflegten und großzogen, die ein Interesse daran hatten, die naturgegebenen, gottgewollten Unterschiede zwischen den Menschen zu verzerren, den Schwachen gegen den Starken auszuspielen. Die Simultanschule hat, wer wollte es leugnen, prachtvolle, bewundernswerte Früchte gezeitigt. Sie konnte aber die erwünschte, die erhoffte Aufgabe der Ueberbrückung der natürlichen Gegensätze, der Herbeiführung des wechselseitigen Verstehens und Achtens nicht erfüllen, da politische Demagogen aller Art sie an der Erfüllung Rasiere DUh gut and bUlIg m 0€sterre!€lilsc&€* anailfais faDrtiiul Ueberalt erhältlich dieser Aufgabe hinderten, das öffentliche und das private Leben des Volkes durch Haß und Schmähung vergifteten, schon in der Seele des Kindes Gefühle der Liebe und der Achtung des Nebenmeschen nicht aufkommen ließen und die kaum schulentwachsene Jugend erst recht in ihre volksverderbliche Lehre nahmen. Der national jüdische Ruf: „Fort mit der Assimilation!" wird mit Begeisterung von nichtjüdischer Seite aufgenommen. Erst vor wenigen Tagen predigte das schon oben erwähnte Organ der Ostmärkischen Sturmscharen, deren Führer der gegenwärtige Bundeskanzler ist, „die Abkehr vom Ungeist der jüdischen Geklsackherrschaft", den Kampf gegen die jüdischen .Praktiken" und den „jüdischen Geist", und drückte „jene Judenschaft, die sich selbst nur zu wohl der T r agik ihrer Heimatlosigkeit bewußt ist," an sein für den „volksbewußten Teil der Judenschaft" warmschlagendes Herz. Denn bei diesem, dem „volksbewußten Teil der Judenschaft" sei, wie „aus mehr als einem Anzeichen zu schließen", die Bereitwilligkeit zu einer Lösung im Wege von „klug und einvernehmlich erarbeiteten Staatsgesetzen" vorhanden. — Das Blatt plädiert mit Begeisterung für die Errichtung einer „entsprechenden staatlichen Heimat" für das jüdische Volk und für „eine Regelung durch Verteilung der 17 Millionen Juden, die es ungefähr in der ganzen Welt geben soll", denn — wir wollen diese Stelle wörtlich wiedergeben —: WKff//^TPÖradruit'-Gummistrümpfe ■ Tai I T&us&nAe danken dieser Firma seit den 32Jahren ihres Bestandes Rat und HilfeX bei Fuß-, Bruch- und Bauchleiden — sie wird auchl Ihnen helfen!— Aufschlußreicher Katalog kostenlos/* I BANDAGE H-HIKOLASCHl [Wien, Tabontrmßm2*. Tel. R47-I-85,R41-0-60\ „PedifriV'-Senkfußeinlagen