Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 38 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064540--19910-3085098- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 DIE WAHRHEIT [ Oskar Wassermann ] Am 10. September, dem ersten Rosch-Haschanah- Tage, ist in Garmisch Herr Oskar Wassermann, bis zum Durchbruch der Naziherrschaft einer der rührenden deutschen Bankiers, einer der Führer des deutschen Judentums, 65 Jahre alt, gestorben. Oskar Wassermann u-urde 1869 in Bamberg geboren, trat in ganz jungen Jahren in das 1785 begründete Stammhaus der Familie Wassermann in Bamberg ein, übernahm dann die Mitleitung des Berliner Zweighauses der Firma A. E. Wassermann, bis er 1912 in das Direktorium der Deutschen Bank berufen wurde. Als Nachfolger des Präsidenten von Gwinner trat Oskar Wassermann später, länger als ein Jahrzehnt, als Sprecher der Deutschen Bank in der Oeffentlichkeit auf, und seine Reden wurden als ein Barometer der Wirtschaft gewertet. Auch nach der Vereinigung der Deutschen Bank mit der Disconto-Gesellschaft behielt Wassermann seine führende Stellung als Direktor beider fusionierten Banken, dem größten Bankunternehmen Deutschlands. Seine Reden in den Generalversammlungen der DD-Bank hatten in den weltwirtschaftlichen Kreisen immer ein starkes Echo. Die Bedeutung Wassermanns als führender deutscher Finanzmann kam auch durch seine Tätigkeit als Mitglied des Generalrates der Reicbsbank und als stellvertretender Vorsitzender des Centraiverbandes des deutschen Bank- und Bankier-Gewerbes zum Ausdruck. Ende 1933 schied er im Zuge der neuen Entwicklung in Deutschland aus der Leitung der DD-Banken aus. Oskar Wassermann widmete alle seine freie Zeit, seinen Einfluß und seine Begabung öffentlichen jüdischen Interessen. In einer Reihe jüdischer Organisationen nahm er eine führende Stellung ein. So war er stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsvorstandes der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, Mitglied des Kuratoriums der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Präsident des Keren Hajessod für Deutschland usw. 1929 wurde er auch in das Direktorium des allweltlichen Keren Hajessod gewählt Er war der anerkannte Führer der am jüdischen Palästinawerk mitarbeitenden Nichtzionisten in Deutschland, unterzeichnete als solcher den Gründungspakt der Erweiterten Agency in Zürich am 14. August 1929 und war seitdem Mitglied des Administrative Committee der Jewish Agency und Mitglied des Präsidiums des Council der Jewsih Agency. Um das Zustandekommen der Erweiterten Jewish Agency hat er sich große Verdienste erworben, indem er 1927/28 als eines der vier Mitglieder der Joint Palestine Survey Commission fungierte. Oskar Wassermann hat in allen jüdischen Versammlungen, in denen er als Vorsitzender fungierte oder als Redner auftrat das jüdische Ethos und die Forderung, dieses Ethos im Leben zu verwirklichen, verfochten. Zur Palästdna-Bewegung kam er n i c h t als Zionist, der er nicht war, sondern als religiös fühlender Jude; er verfocht den Gedanken daß Palästina und dessen Wiederaufbau im Zentrum des jüdischen religiösen Lebens stehen müsse. Die Beisetzung fand am 12. September nachmittags auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee statt. Unter den Trauergästen "befanden sich zahlreiche führende Persönlichkeiten der Bank- und Wirtschaftswelt sowie Abordnungen aller jüdischen Verbände. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Leo Baeck. I Dr. Siegmund Münz 1 Der bekannte Wiener Schriftsteller und Journalist Dr. Siegmund Münz, der am 7. September in Budapest an den Folgen eines Gehirnschlages im 75. Lebensjahr gestorben ist, war ein hervorragender Vertreter der Wiener journalistischen Schule. Seit 1892 war er Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse" vorwiegend in Fragen der auswärtigen Politik und pflog als solcher mit dein Begründer des modernen Zionismus Theodor Herz! intime Freundschaft. Der zwischen ihm und Herzl unterhaltene Briefwechsel wird demnächst in Wien veröffentlicht werden. Münz war es, der den Professor Thomas G. Masaryk, dem jetzigen Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, auf die Polnaer Ritualmord- Affäre aufmerksam machte, die mit der Verurteilung des unschuldigen Leopold Hilsner endete, und er kämpfte Seite an Seite mit Masaryk für den Durchbruch der Wahrheit. Dr. Siegmund Münz schrieb eine Reihe viel beachteter Abhandlungen zur politischen Geschichte der Gegenwart, besonders Deutschlands und Oesterreichs. In der letzten Zeit war er mit der Zusammenstellung seiner Lebenserinnerungen beschäftigt. Personainachricht. Universitätsprofessor Dr. liugo Stern, Leiter der phoniatrischen Abteilung der laryngologischen Station der Ohren-, Nasen- und Halsklinik des Professors Dr. H. Neumann, Wirde von der Sektion für Experimentalphonetik und Phoniatrie der Wissenschaftlichen Gesellschaft in Moskau zum Ehrenmitglied ernannt. Aus dem Wiener Kultusvorstand. Am 13. d. M. fand eine Sitzung des Wiener Kultusvorstandes statt, die mit einer ehrenden Ansprache des Präsidenten Dr. D. Friedmann an den Vizepräsidenten Dr. J. Löwen herz, der kürzlich seinen 50. Geburtstag gefeiert hatte, eingeleitet wurde. Doktor Löwenherz, dessen Verdienste um die Gemeinde von dem Präsidenten in beredten Worten geschildert wurden, dankte hocherfreut für diese Ehrung. Sodann brachte Amtsdirektor Reg.-Rat G. Fuchsgelb den Einlauf und Präsidialbericht zum Vortrage: wir entnehmen seinen Mitteilungen folgendes: Einlauf. Vom Matrikelamte liegen die Ausweise über die Bevölkerungsbewegung in der Zeit vom 1. Mai bis 31. August 1934 vor. In dieser Berichtsperiode hat die Zahl der Trauungen 466 betragen, der Scheidungen 125, der Geburten, und zwar männlich 153, weiblich 133, Sterbefälle 752. Von den magästratischen Bezirksämtern sind 286 Anzeigen über Austritte aus der israelitischen ReligionsgeseUschaft eingelangt während im Rabbinate der Kultusgemeinde 161 Personen ihren Eintritt ins Judentum, bzw. ihre Rückkehr zum mosaischen Glauben vollzogen haben. Unter den Ausgetretenen befinden sich 40 Kultussteuerträger mit einer Gesamtsumme von S 1496.— Hievon waren bemessen: " mit einer Kultussteuer bis S 10.— 17 Personen mit einer Kultussteuer bis S 50.— 15 Personen mit einer Kultussteuer bis S 100.— 6 Personen mit einer Kultussteucr vönS 150.— 1 Person mit einer Kultussteuer vönS 240.— 1 Person Präsidialbericht Seit der letzten Plenarsitzung, die vor den Sommerferien am 2. Juli stattfand, ist das gesamte Plenum des Kultusvorstandes nur einmal zusammengetreten, und zwar zur Trauerkundgebung für den am 25. Juli ermordeten Bundeskanzler Dr. D o 11 f u ß. Die Plenarsitzungen, die für den 5. und 8. September einberufen waren, mußten abberaumt werden, da dieselben nicht beschlußfähig waren. Aus der Fülle der Angelegenheiten seien drei hervorgehoben, die die Gemeinde besonders intensiv beschäftigt haben: Der Zubau zur Versorgungsanstalt der Kultusgemeinde, die Ferienaktionen für arme Kidner und die Vorkehrungen für die hohen Feiertage. Die Bauarbeiteto des neuen Pavillons in der Versorgungsanstalt wurden nach eingehenden Beratungen im Baukomitee und Vertreterkollegäum vergeben und sjnd nun in vollem Gange. Die Ferienaktion hat dadurch eine Erweiterung erfahren, daß für den letzten Turnus 340 jüdische Schützlinge von der Vaterländischen Front zugewiesen wurden, für welche innerhalb weniger Tage neue Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden mußten, da die von det Kultusgemeinde mit Beginn der Ferien installierte Kolonie bereits voll besetzt war. Dank der umsichtigen Bemühungen der Fürsorgezentrale konnte umfassende und befriedigende Vorsorge geschaffen werden. Für die hohen Feiertage wurde teils durch eigene Veranstaltungen der Kultusgemeinde und der Bethausvorstände, teils durch Vereine und Rabbiner die Abhaltung von insgesamt 54 Gottesdiensten sichergestellt die nach Fassungsraum und unter Berücksichtigung der verschiedenen religiösen Richtungen vollkommen ausreichten, um den lokalen und religiösen Bedürfnissen zu entsprechen. Das Minjanim-Komitee und die Berufungskommission haben sich in einzelnen Fällen, in welchen weder ein lokales noch ein religiöses Bedürfnis vorlag, hingegen eine Schädigung der bestehenden ständigen Bethäuser zu gewärtigen war, zur Ablehnung der eingebrachten Ansuchen bestimmt gefunden, und es wurden die notwendigen Schritte unternommen, um ohne die gesetzlich erforderliche Zustimmung der Kultusgemeinde beabsichtigte Veranstaltungen hintanzuhalten. Es muß leider festgestellt werden, daß sowohl in den Gemeindetempeln als auch in den Tempeln und Bethäusern der Vereine in diesem Jahre der Erlös für Betsitze empfindlich zurückgeblieben ist gegen das vorjährige Ergebnis und daß die Inanspruchnahme von ermäßigten und unentgeltlichen Betsitzen eine wesentliche Steigerung erfahren hat. Es war jedoch so vorgesorgt daß kein begründetes Ansuchen zur Ablehnung gelangte. Der langjährige Chef des Kultusamtes im Bundesministerium für Unterricht Herr Ministerialat Paul Scapinelli, ist aus dieser Stellung geschieden und wurde zum Senatspräsidenten des Bundesgerichtshofes ernannt. Das Präsidium sah sich veranlaßt, Herrn Senatspräsidenten Scapinelli zu beglückwünschen und ihm den Dank der Kultusgemeinde für sein stetes Entgegenkommen zum Ausdrucke zu bringen. Mit einem herzlichen Dankschreiben hat Herr Senatspräsident Scapinelli diese Kundgebung beantwortet. Die Abbaumaßnahmen, die an verschiedenen Stellen der staatlichen und kommunalen Verwaltung sowie bei Finanz-Instituten in besonders empfindlicher Weise Juden betroffen haben, boten dem Präsidium der Kultusgemeinde Veranlassung zu einer Reihe von Interventionen und Eingabea In den letzten Tagen sind vom Schulamte all jene Maßnahmen getroffen worden, die sich auf den Schulbeginn beziehen. Leider ist durch den erschreckenden Geburtenrückgang in der Nachkriegszeit ein weiteres Sinken des Schülerstandes und damit eine Verminderung der Zahl der Klassen und Abteilungen zu verzeichnen. Aus diesem Umstände ergibt sich besonders eine Verminderung der Klassen im internen Religionsunterrichte und. eine verstärkte Zuweisung an Sammelstationen, was für den Unterrichtserfolg nicht-förderlich sein kann.- Grone JOdlstfie Natlonal-Blograpnte fon S. WlnlDtfer in 6 Lexikonbinden komplett erschienen. Ein Nachtragsband erscheint demnächst. Dieses mit Unterstützung zahlreicher Wissenschaftler ans aller Welt verfaßte Werk enthalt Ober 10.000 Lebensbeschreibungen namhafter jud. Manner und Frauen aller Zeitei. und Lander und liefert wie kein ahnliches Werk den Nachweis des Beitrages der Juden zur Kultur der Menschheit. Deshalb soll es in keinem jud. Haus fehlen. Es kostet in 6 eleg. Halblederbänden bei direkter Bestellung durch den Herausgeber S. Wininger, Cernauti, anstatt wie bisher 8 275.— nur S 200.—. Verlanget Prospekte. Die finanziellen Ergebnisse der letzten Wochen spiegeln den ungünstigen Stand der wirtschaftlichen Verhältnisse unter der Wiener Judenschaft wieder. Sowohl in der Kultussteuer als auch in allen anderen Einnahmszweigen der Kultusgemeinde-Verwaltung sind wesentliche Rückgänge gegenüber dem Vorjahre zu verzeichnen und sind auch gegenüber dem Budget wahrnehmbar, so daß es der größten Mühe bedürfen wird, um das Gleichgewicht im Gemeindehaushalte aufrechtzuerhalten. Im Anschlüsse an die Mitteilungen des Matrikelamtes über die Austrittsbewegung replizierte Präsident Dr. Friedmann auf eine diesbezügliche Anfrage einer Wiener jüdischen Zeitschrift. Er bedauerte, daß die Redaktion dieser Zeitschrift die Anfrage gestellt habe» ohne sich vorher über den wahren Stand der Dinge zu informieren, denn dann hätte sie nicht die Uebertreibungen, die sie vorbrachte, publizieren können. In Wirklichkeit übersteigt heute die Zahl dgr Eintritte die der Austritte, ein seit langem nicht beobachteter Zustand, die Austritte sind nicht nur nicht gestiegen, sondern in den abgelaufenen Monaten des Jahres 1934 geringer gewesen als in den gleichen des Vorjahres. Der Rest der öffentlichen Sitzung war der Erledigung von Anträgen des Vertreterkollegiums gewidmet. Eine jüdische Idee. Wir haben seinerzeit in Anknüpfung an Artikel Emil Ludwigs in der „Neuen Freien Presse;" vom 12. und 19. Jänner! 1930, in denen er die Idee des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches verherrlicht und als historisches Novum bezeichnet, darauf hingewiesen, daß diese Idee von Marcus Silbejschätz stammt. Nun schreibt das „Neue Wiener Tagblatt" vom 26. August 1934 in Besprechung eines dieses Thema behandelnden Buches von Charles B. Eddy („Greece and the Greek Refuges", Allen and Unwin, London), der im Auftrage des Völkerbundes eine der wichtigsten Aufgaben im Zuge der betreffenden Aktion durchzuführen hatte, einen wahren Hymnus auf den Bevölkerungsaustausch. Es führt u. a. aus: „. . . Diese sogenannte „Lausanner Konvention" (Annex zum Friedensvertrag von Lausanne, Juli 1923) ist ein in der Weltgeschichte bisher wohl einzig dastehendes Abkommen, denn hier wurde zum erstenmal der Versuch unternommen, die Minoritätenfrage durch einen förmlichen Bevölkerungsaustausch radikal zu lösen . . ." „Aber eines gilt heute schon als erwiesen: . . . daß diese Methode . . . auf-längere Sicht . . . unzweifelhaft geeignet ist, überraschend günstige Resultate zu zeitigen . . ." Das Blatt nennt diese Methode auch völkerrechtlich von besonderem Interesse; es zitiert ferner aus dem Buche von Eddy wörtlich: „Und der aufmerksame Beobachter ist sich bewußt, hier Augenzeuge einer großen historischen Evolution zu sein, die aus Anfängen, die jeder Hoffnung bar schienen, nunmehr einer herrlichen Vollendung entgegengeht." Das „Neue Wiener Tagblatt" schreibt aber auch: „. . . diese . . . Völkerbewegung, deren geistiger Urheber angeblich Venizelos sein soll . . ." und das ist es hauptsächlich, neben anderen Gründen, das uns veranlaßt, unsere Glosse zu den Artikeln der „Neuen Freien Presse" zu wiederholen und zu ergänzen: Geistiger Urheber der Idee des Bevölkerungsaustausches ist, wie gesagt, Marcus Silberschatz. Anfang Juni 1922, also zu einer Zeit, als die 5xWi QtiUt&aum Aouletiect *9 W •» W _ die am Mittwoch, den 3. Oktober, Vi* Uhr abends, im Saal des Hotel Continental, IL, Taborstraße 8 stattfindende $est~ Akademie zugunsten jüdischer Emigranten aus Deutschland Ferner wirken mit prominente jüdische Künstler Wiens und Deutschlands Karten in der Redaktion der „Wahrheit", IL, Heinestraße 13, und an der Abendkassa