Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 38 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Auch der gab sich für einen vom Hitlergeist Inspirierten aus, der von einem Nazifreund zu der trostreichen „Weltanschauung" bekehrt worden war, daß die verdienstvollste Art des Gelderwerbes die sei, Juden umzubringen und zu berauben. Da er aber keine Gelegenheit zur Absolvierung eines Rassenkurses hatte, ist er bei der Wahl seiner Opfer in die Irre gegangen. Die Verhandlung, ergab hierüber eine sehr instruktive Aufklärung; Vorsitzender: „Warum haben Sie den Jonas und die Wessely umgebracht?" Angeklagter: „Weil sie ausg'schaut haben . . ." Vorsitzender: „.;-. als ob sie Juden gewesen wären?" Angeklagter: „... als ob s' was haben .. ." Professor Günther wird gut daran tun, diese volkstümliche Diagnose zur Grundlage seiner Rassentheörie zu machen. Wenn unter Verzicht auf alle pseudowissenschaftlichen Termini technici als verläßlichstes Erkennungszeichen der Juden der Anschein, etwas zu haben, zugestanden wird, dann wird die Volkstümlichkeit des Nationalsozialismus eine selbst jetzt noch ungeahnte Höhe erreichen. Vielleicht ist dies das von Hitler angekündigte „geniale" Mittel, die „Nein'-Sager der letzten Volksbefragung zu „Ja"-Sagern zu bekehren, indem man alle, die etwas haben, als „Juden" ächtet, d. h. nach altgermanischer Sitte jedem beliebigen Mörder preisgibt . . . Der Semmeringer Mörder ist ein Opfer lokaler Unzuständigkeit geworden. Hierzulande mußte er die ganze Strenge des Gesetzes fühlen — in Deutschland hätte er ein großer Mann und mächtiger S.-A.- Führer werden können . .. Es ist aber klar, daß ein Staat, in dem solche Typen die Straße beherrschen, ja zum offiziellen „Ordnungsdienst" herangezogen werden, jedem Versuche, ihn von außen zur Zivilisation anzuhalten, Hohn spricht. Wer die heimischen Gesetze mißachtet, der wird sich auch um solche, die ihm von außen aufgedrängt werden, wenig scheren. Darum ist die Hoffnung der Zionisten, mittels des Minderheitenschutzes allfällige antisemitische Neigungen von Staatsregierungen paralysieren zu können, unglaublich naiv. Um so mehr, als sich sogar der „Kongreß der Minderheiten", der jüngst wieder einmal getagt hat, nach wie vor weigerte, gegen die Vergewaltigung der jüdischen Minderheit in Deutschland sein Veto einzulegen. Wer für die Juden Minderheitsschutz anfordert, löst sie künstlich aus der Interessengemeinschaft mit der übrigen Landesbevölkerung und entfremdet sie dieser. Nur die gesetzliche von vorbedachtem falschen Zeugnis los. Zahllos sind die ungerechten, menschenunwürdigen Anschuldigungen, die in den „Weisen von Zion" gegen uns erhoben werden. Haß und Neid spricht aus diesem Buche. Dieses Pamphlet ist eine grausame Waffe in der Hand unserer Feinde geworden. Zahllos sind die Verleumdungen, die gegen uns erhoben werden. Immer wieder haben alle unsere Gegner vergessen, daß wir der Menschheit die 10 Gebote gegeben haben und daß wir die Menschheit durch unsere heilige Schrift, die die Grundlage aller religiösen Entwicklungen ist, die Nächstenliebe gelehrt haben. Stolz wollen wir sein und bleiben auf diese Errungenschaft. Wir wollen und wir werden unser jüdisches Gesetz halten, das zu halten größte Treue und höchsten Opfermut erfordert. Wieder waren' wir im Gotteshaus am Tage des Gerichtes, wieder haben wir das Licht für unsere Toten am Vorabend entzündet und wieder haben wir wehmütig und doch beglückt beim Maskirgebet unserer Lieben gedacht. Andere Menschen standen auf den Plätzen, auf denen die Großeltern und Eltern ihr Gebet verrichteten, doch das Licht, das uns zum Andenken an sie entgegenleuchtete, es war wie ein Gruß aus dem Jenseits, es war das Symbol der Liebe, die sie uns gelehrt haben und die ihnen durch die Verbindung mit uns Unsterblichkeit verleiht. Die Liebe ist eben das Symbol unseres Glaubens, der sieghaft die finsterste Nacht der Not und des Todes erhellt und den Weg zum Licht und zu Gott weist. Unserem Gott und unseren Toten waren wir näher als sonst, das war die höchste Weihe des Jom^Kippur. Das Fest ist vorüber, die Schofartöne sind verstummt, wir ziehen wieder durch den Alltag, aber zum Unterschiede von allen anderen geläutert und entsühnt, voll froher Zuversicht, stolz in dem Bewußtsein, stolz in der Erkenntnis von der Ewigkeitsidee unserer Lehre. Stella Oppenheim. Gleichberechtigung von Juden und Nichtjuden eines Staates sichert ihnen das aus der Solidarität aller Bürger sprießende Wohl. Es ist deshalb nicht mit Tadel, wie es törichterweise von zionistischer Seite geschieht, sondern m i t höchster Befriedigung aufzunehmen, daß der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg in seiner vor der Völkerbundversammlung gehaltenen Rede über die neue ständische Verfassung Oesterreichs ohne Bezug auf die im Frieden-svertrag übernommene Minderheiten-Schutzverpflichtungen die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz als Selbstverständlichkeit betonte. Das neue Oesterreich, sagte Dr, Schuschnigg, sei vorwiegend katholisch, doch genießen aUe gesetzlich anerkannten Konfessionen seitens des Staates vollen Schutz und Unterstützung. Die gesetzliche Anerkennung der mosaischen Konfession ist demnach ungleich wertvoller als die salbungsvollsten Minderheitenschutzdekrete. Wohl bilden die Juden in Oesterreich zahlenmäßig eine Minderheit gegenüber den Bekennern des Christentums. Aber an patriotischem Gemeinsinn, an werktätiger Entfaltung individueller Begabung stehen sie keinem nach. Am Sonntag bei der Grabsteinsetzung auf den jüdischen Heldengräbem «~ des Wiener Zentralfriedhofs wurde es den erschienenen Regierungsvertretern sinnfällig, wie treu die Juden in Reih und Glied mit ihren andersgläubigen Kameraden zu sterben bereit waren. Sie sind mit demselben Opfermut, mit derselben Hingabe an das allgemeine Wohl gerüstet, in treuer Kameradschaft mit der übrigen Bevölkerung fürs Vaterland zu leben, zu wirken. Wer Oesterreich liebt, muß dieses nützliche Streben anerkennen und fördern. Marco d'Aviano rettet die Juden. Der in Wien und ganz Oesterreich in diesen Tagen mit Recht so sehr gefeierte Kapuzinerpater Marco d'Aviano, der zur Zeit der Befreiung Wiens vom Ansturm der Türken (1683) päpstlicher Legat war, kann und soll auch in dem viel engeren Rahmen der Geschichte des Judentums ehrenvoll genannt werden. Noch war eine andere wichtige Stadt des Habsburgerreiches, Buda (Ofen), die Hauptstadt Ungarns, in türkischen Händen und auch auf ihre Befreiung waren die Blicke ganz Europas gerichtet. Die kaiserlichen Heere, unterstützt von der großen moralischen Macht des Papstes und von vielen Kontingenten anderer Staaten, hauptsächlich auch von dem verbündeten Venedig, fochten hier, einen erbitterten Kampf, um die Türken in ihre alten Grenzen zurückzuweisen. Dreiviertel des unglücklichen Ungarn stand damals Wohnzimmer $ 270— bestehend aus 1 Kasten, Stürig Vollbau, 1 Lotterbett, 1 runden Tisch und 2 Fauteuils. fHtDiNAND KOmit,f<dH>r$tralleNr.22 unter türkischer Herrschaft und Buda selbst länger schon als 150 Jahre. Die Stadt schien die Schlüsselfestung des ganzen Christentums zu sein — sie mußte um jeden Preis zurückgewonnen werden. Aber auch die Türken hielten sich tapfer und die christlichen Waffen hatten noch ein Jahr nach Wiens Befreiung nichts vor Buda erreicht. Die christlichen Völker befiel starke Ungeduld, und wie das schon zu geschehen pflegt, suchte man einen Sündenbock, und wer sonst als der Jude konnte das sein? Die Volkswut war wieder einmal daran, sich auf die Juden zu entladen. In vielen italienischen Städten gab es Ausschreitungen gegen die Juden, am ärgsten und heftigsten in Padua, das damals zum festländischen Besitz Venedigs gehört hatte. Die unsinnigsten Gerüchte wurden hier über die Juden verbreitet. Im türkischen Buda soll es 30.000, zumeist reiche Juden gegeben haben; nicht ein Zehntel dieser Zahl konnte wahr sein. Die Juden sollen christliche Gefangene aufgekauft und erbarmungslos hingemordet haben. Die bedrängten Türken sollen schon geneigt gewesen sein, die Festung aufzugeben, und in dem Kriegsrat sollte demgemäß beschlossen werden, als unter den anwesenden drei Paschas einer für den Fortgang des Kampfes stimmte, natürlich bestochen von Juden. Die Machenschaften der Juden sollen den Janitscharen neuen Mut eingeflößt haben. Schon habe der Herzog von Lothringen, der Oberstkommandierende der Kaiserlichen, die Juden in der Festung wissen lassen, daß in den kaiserlichen Gebieten alle ihre Brüder ermordet würden, wenn sie mit ihren Schlechtigkeiten nicht aufhören würden. Bei Erstürmung einer türkischen Mine soll man auf 80 dort arbeitende Juden gestoßen sein, die sämtlich niedergemacht wurden. So arbeitete man gegen die Juden mit einer Reihe von falschen Nachrichten. Und man erfand etwas, daß man den Judenhaß nicht nur durch das Ohr, sondern auch durch das Auge schüre. Es wurden nämlich gedruckte Landkarten kolportiert, die den Kampf um die Festung darstellen sollten; auf diesen Landkarten wurden alle öffentlichen Plätze, Kirchen, Paläste und Befestigungen der Stadt Buda absichtlich klein gezeichnet, das Ghetto jedoch groß und mit mächtigem Turm. Eü» Exemplar dieses heute sehr seltenen Dokuments befindet sich im Jüdischen Museum zu Budapest. Eines Tages kam aus Wien nach Padua ein Höfling (Musiker), namens Horatio Clementi, dem man alles erzählte, was man über die Juden in Buda sprach und was alles schon gegen die Juden in Padua verübt worden war; er verwunderte sich gar sehr, denn sein erhabener Herr, der Kaiser, wisse von all dem nichts, und auch er, Horatio, habe von all dem nichts gehört, solange er sich in Wien aufhielt. Mittlerweile, Ende September 1684, kam das Gerücht, daß die Türken in Buda eine wesentliche Hilfe erhielten und mit Erfolg die Angriffe der Christen zurückwiesen. Dadurch wurden die in Padua nur noch mehr gegen ihre Juden aufgebracht, doch blieb es jetzt bei der bloßen Stimmung, ohne Ausschreitungen, da es die Behörden nicht mehr dazu kommen ließen. Hingegen ist hier folgendes zu berichten: Der Kaiser und der Herzog von Lothringen befehlen den bei den Ereignissen von Wien berühmt gewordenen Kapuziner Marco d'A v i a n o in diesem Jahre nach Buda, wo er zwei Monate beim Belagerungsheer verblieb. An diesen nun wendet sich der Prior der Paduaner Kapuziner, namens Bartolomeo da Castelfranco, mit der Anfrage, ob es mit den gegen die Juden vorgebrachten Beschuldigungen seine Richtigkeit habe. Die Antwort des ehrwürdigen Paters ist von Graz, den 1. Dezember 1684 datiert. Der italienisch gehaltene Brief ist schon mehrfach herausgegeben worden und hat in seinem wesentlichen Teile folgendes zum Inhalt: „Nicht ohne religiöses Mitgefühl vernehme ich von Ihnen die in Padua durch die Erhebung des Pöbels gegen die Ebräer erfoigten Ereignisse, die ohne jede Schuld verübt worden sind, da es durchaus falsch ist, daß die Ebräer zu Buda jene Grausamkeiten an den Christen verübt hätten, die man ihnen nachsagt. Wohl haben es die Türken getan, denn also haben es die aus der Stadt zu den Unsrigen gekommenen Flüchtlinge berichtet, während ich von den Ebräern in den zwei Monaten, da ich mich im Lager aufhielt, niemals solche Dinge erfahren h a b e." Die Ereignisse in Padua, auf die hier angespielt wird, sind gar trauriger Art. Sie fielen einige Monate früher vor, nämlich am 20. August (10. Elul) 1684, an einem Sonntag, da der aufgereizte Pöbel der Stadt, mit einigen Angehörigen des Gewerbestandes und sogar einigen Soldaten verstärkt, mehrmals über das Ghetto herfiel. Die Lage wurde besonders kritisch, als ein liederliches Weib mit aufgelöstem Haar heulend durch die Straßen der Stadt lief, die Juden anklagend, sie hätten ihr einziges Kind geraubt und geschlachtet. Schon wurde ein früherer Ausbruch der Volkswirt an demselben Tage blutig unterdrückt; jetzt forderte das Volk, das Militär zurückzuziehen und die Behörden willigten ein, um kein weiteres Blutvergießen zu verursachen. Kaum aber war das Militär abgezogen, erneuerte sich der Ansturm des Pöbels auf das wehrlose Ghetto, das nun nach den Schrecken des Tages auch die Schrecken der Nacht durchleben mußte. Die Behörden aber taten ihre Schuldigkeit; sie drohten jedem Mordbrenner den Tod an. Tags darauf kam auch von