Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 38 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT laterventionen bei der Hand, wenn aus der Türkei oder aus China Gewalttaten an Christen gemeldet wurden! Wir Juden müssen jetzt glücklich und dankbar sein, wenn ein Staat unseren verfolgten Brüdern hochherzig Zuflucht gewährt. Und daß es noch Völker von solcher Gesinnung gibt, ist uns ein Trost in dieser schweren Zeit Lasset uns daraus neue; Hoffnung schöpfen! Nicht „den Messias sehen und sterben" soll unsere Losung, die Losung für unser Volk sein. Sondern: einen leisen Ansatz zur Erlösung der Menschheit sehen und leben, nun erst recht leben und alles aufbieten, um an der Herbeiführung der messianischen Zeit zu arbeiten und ihr Bahn zu bereiten, damit sich erfülle die Verheißung des Propheten: „Eine Hütte des Friedens wird sich breiten über Zion zum Schutze gegen die Glut des Tages und zur Zuflucht aus allen Wettern und Stürmen!" —d—. ■ft •»••«•^•■■■■■■■■•■■1 Genf und Nürnberg. Das wichtigste politische Ereignis der letzten Zeit, der Eintritt Rußlands in den Völkerbund, ist auch vom jüdischen Standpunkt sehr zu begrüßen. Ob es gelingen wird, über Genf der antireligiösen Kampagne Rußlands Einhalt zu gebieten, ist allerdings fraglich. Wenn die grundlose Attacke des Hitler-Regimes in Deutschland gegen die geistige, soziale und materielle Position der jüdischen Bürger als eine interne Angelegenheit des Dritten Reiches behandelt wird, in die sich die anderen Staaten, selbst wenn sie von der durch Hitler geschaffenen Emigration aufs schwerste in Mitleidenschaft gezogen werden, nicht einmengen dürfen, wird man vermutlich dieses Schonrecht auch Rußland in bezug auf seine Haltung in rein geistigen Belangen seiner Staatsbürger zubilligen. Aber die größere Freizügigkeit, die sicherlich als Folge des Heraus tretens der Sowjetunion aus ihrer Splendid isolation zu erwarten ist wird einerseits die Emigration der unter der religiösen Not Leidenden aus Rußland ermöglichen, anderseits der Emigration aus anderen Ländern ein neues Ziel bieten. Während bisher die Einwanderung nach Rußland nur Vereinzelten, den Komintern politisch Nahestehenden erlaubt war, kann der Chef der Emigrantenfürsorge, Herr MacDonald, der bisher vergeblich nach einer Absorptionsmöglichkeit größeren Stils für seine Fürsorgeobjekte ausspähte, jetzt mittels des Völkerbundes Rußland für diese Aufgabe zu gewinnen suchen. Es ist kein Zweifel, daß dieser Staat sowohl in bezug auf Raum als auch in Hinsicht auf den Bedarf an kulturell und organisatorisch leistungsfähigen Elementen ein geradezu ideales Einwanderungsgebiet für die entwurzelten deutschen Juden bilden könnte. Erwägungen des politischen Alltags sind es, die einerseits den durch die Austritte Japans und Deutschlands geschwächten Völkerbund zu neuen Mitgliederakquisitionen zwingen, anderseits dem von äußeren Feinden in seinem inneren Neuaufbau gefährdeten Sowjetstaate die freiwillige Unterstellung unter ein zwischenstaatliches Schiedsgericht vorteilhafter erscheinen lassen als einen Entscheidungsgang mit den Waffen. Wäre es nicht diese nüchtern praktische Anpassung an äußere Konstellationen, sondern der innere Drang nach sittlicher Vervollkommnung der Weltpolitik, was die Russen jetzt nach Genf führt und sie dort freundliches Willkommen auch von Seite Oesterreichs finden läßt, dann hätte es nicht geschehen können, daß man diese, von höherem Standpunkt jedenfalls zu billigende Vergrößerung der Völkerbundgemeinde durch -niedrige Intrigen und sogar durch Preisgabe einer der wenigen ethischen Errungenschaften des Völkerbundes, nämlich des Minderheitenschutzes, zu verhindern gesucht hätte. I: Man soll diese Errungenschaft allerdings nicht überschätzen. Von einem wirklichen Schutz nationaler oder religiöser Minderheiten ist die Welt heute himmelweit entfernt Ebensowenig wie Rußland ein Arbeiterparadies ohne Hunger und Elend ist, ebensowenig sind leider die vom Völkerbund geschaffenen! Normen vorläufig mehr als Appelle an den guten -Willen der zu ihrer Ausführung Berufenen. In Ländern, die guten Wülens sind, wie in Oesterreich, klappt der Minderheitenschutz, anderswo läßt er viel zu wünschen übrig. Immerhin konnte auf Grund des Minderheitenschutzes, zu dem Deutschland durch den Friedensvertrag in Oberschlesien verpflichtet ist, von den oberschlesisghen - Juden wenigstens - in formelle r Beziehung manche Demütigung abgewehrt werden. Es ist "deshalb" erfreulich, daß polnische Diplomaten in Genf dem Vertreter der Jü- JÜDISCHE ELTERN! 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Anderseits wird man aber nicht vergessen dürfen, daß die auf Grund dieser Regelung zugunsten einzelner Juden getroffenen Entscheidungen im Hitler-Deutschland doch mehr oder weniger bloß auf dem Papier sich auswirkten, da es in vielen Fällen die Juden gar nicht wagten, die ihnen von der Nazi-Behörde notgedrungen bewilligten Rechte tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Man begreift dies ohne weiteres, da die letzten Tage sowohl die Mentalität der nationalsozialistischen Führer als auch die Psyche der von ihnen Verführten entschleiert haben. Die Führer sonnten sich auf dem Nürnberger Parteitage, wo Hitler demonstrativ die Gesellschaft des „Stürmer'-Streicher bevorzugte, wahrscheinlich, weil dieser rüde Pamphletist von den dem Osaf eingestandenermaßen verhaßten Intelligenzlertyp am meisten entfernt ist. Während des ganzen Parteitages wagten sich die Nürnberger Juden nicht auf die Straße und die jüdischen Geschäfte blieben „freiwillig" geschlossen. Das wird verständlich, wenn man sich die Straßen dieser einst durch ihre Kultur berühmten Stadt von lauter solchen Parteigängern bevölkert vorstellt, ^wie sie jüngst vor dem Wiener Standgericht von dem Semmeringer Mörder repräsentiert worden sind. &euitteton Gedanken am Versöhnungstage. Vorüber ist der Tag des Gerichtes, verklungen sind die Akkorde des Kol Nidre, verstummt die Töne des Schofar. Nicht allein Versöhnung mit Gott war der tiefe Gedanke dieses Tages, sondern jeder Einzelne sollte sich selbst wieder finden und sich in Liebe und Freundschaft mit den anderen vereinigen. Auch jene, die längst das religiöse Gefühl und das Verständnis für Tradition - verloren haben, vereinte dieser Tag mit den Frommen. Heilig war Urnen allen die Stunde, in der sie für das Seelenheil ihrer Toten beteten. Aber nicht nur der Versöhnung, nicht nur der Erkenntnis der Eitelkeit dieses Daseins galt der Tag, sondern er soll immer aufs neue die Brücken schaffen zwischen heute und gestern, den Weg zurückweisen zur Vergangenheit, hinüber zum verlorenen Paradies. Tiefer als sonst fühlten wir den Schmerz um das Verlorene. Meine Gedanken führen mich zurück in eine alte, längst verklungene Zeit Ich erinnere mich an die Festabende bei Freunden und Verwandten, da waren fromme Menschen in wahrster jüdischer Harmonie versammelt Gemeinsam feierten sie das Fest, die schönsten Erinnerungen an meine Kindheit führen mich zu diesen friedlichen Abenden. Bescheidener und anspruchsloser war das Leben damals, glücklicher waren die Menschen. Gerne denke ich an das Haus meiner Großeltern zurück. Ich sehe noch vor meinem geistigen Auge das trauliche Heim und die Wohnstube; zwei Bilder in dem Wohnzimmer wirkten auf meine kindliche Phantasie derart, daß ich sie noch heute wie im Original vor meinen Augen sehe. Das eine Bild zeigte einen fröhlichen Trinker mit gefülltem Glase am reichgedeckten Tische. Das andere Bild an der Gegenwand zeigte denselben Mann, sein Glas war zerbrochen, der Tisch war leer — er weinte. Ich verstand den Sinn dieser Bilder, ich begriff die Wendung des Schicksals im Menschenleben und doch stahl sich in das Gefühl des Mitleids mit dem Mann, der alles verloren hatte, ein wenig Verachtung. Ich glaubte schon als Kind, daß er diesen Verlust würdiger hätte ertragen müssen. Das Schicksal des Judentums lehrte mich, daß das kindliche Empfinden beim Anblick dieser beiden Bilder das richtige war. Bald war das ideale Familienleben der Großeltern zerstört, die Großmutter starb und der Großvater hatte von nun ab nur noch die eine Sehnsucht, in geweihter Erde begraben zu werden. Er ging nach dem Heiligen Lande. Es war ein schwerer Abschied,' ein Auseinandergehen für immer. Zum erstennijal empfand ich als Mensch die Tragik des Lebens. Mein Vaterhaus zog in Gedanken vor meinen Äugen vorüber, ich sah die Stube, mich überwältigte die Erinnerung an den Vorabend des Versöhnungstages. Meine Mutter hielt sich abseits, ergeben dem Schmerz über den Heimgang ihrer Lieben, der Väter aber und wir Kinder waren voll feierlicher Erwartung vor dem Tempelgang. Spanische Juden legen Wert darauf, sich zur Feier des Kol Nidre-Abends besonders feierlich auszustatten. Ich1 sehe noch das silberne Gebetbuch, den goldbestickten Taleth, Geschenke meiner Mutter als Braut. Damals nahm ich die feierliche Stimmung, das tiefe Schweigen als selbstverständliches Gebot an, heute weiß ich, die Stille vertieft, sie bringt uns näher unserem Gotte. Wir wußten wenig von Feindschaft um uns her. Ja, unsere christlichen Freunde erbaten sich sogar von meinem Großvater, als er auswanderte, geweihte Rosenkränze zum Geschenk, die ihnen der fromme alte Mann gerne schickte und die sie freudig aus seiner Hand empfingen. Es war eine andere Zeit, und doch lebte in uns eine sanfte ungestillte Sehnsucht die Sehnsucht nach der alten Heimat, nach dem ewigen Frühling, dem südlichen Himmel, nach den Palmen und Myrtensträuchern und nach dem Meere. Nun ist auch das Elternhaus zerstört und es blieb uns nur die Erinnenrung an die schöne Vergangenheit ■l. Aus diesen Träumen muß uns aber die Brücke des Versöhnungstages hinüberführen zum grauen Alltag. Wieder ist für uns Juden eine schwere Zeit angebrochen, wieder werden wir uns bewußt, daß wir als ewiger Ahasverus durch die Welt ziehen müssen. Und doch tragen wir diese Verbannung mit Geduld, denn gerade die Worte, die Feind und Freund uns als Ueberheblichkeit zum Vorwurfe machen, die Worte: „Wir sind die Auserwählten Gottes" geben uns den Mut und die Kraft, den Glauben als die einzige Rettung vor dem Untergange anzuerkennen. Vielleicht wären wir längst in alle Winde zerstreut und nur noch die Sage würde von uns berichten, wenn uns nicht diese große tragende Idee jüdischer Erkenntnis, die uns am Jörn Kippur so nahegebracht wird, beseelt hätte. Sie hat uns vor dem Untergange bewahrt. Wir haben eine Welt von Feinden überdauert. Nebukadnezar zerstörte den Tempel und verbannte die Juden in die babylonische Gefangenschaft. Titus, der furchtbare Judenverfolger, vertrieb die Juden aus dem heiligen Lande und als Sklaven wurden sie auf seinem Triumphzuge durch Rom geschleift. Noch im 16. Jahrhundert mußten die Juden den Triumphbogen -des Titus schmücken. Ferdinand, der Katholische, vertrieb die Juden aus Spanien. Von einem Tage zum anderen gab es nur zwei Möglichkeiten: Uebertritt oder Flucht — und die Juden flohen. Immer wieder sind uns neue Tyrannen erstanden, wir haben sie alle überdauert. Ja, diese Judenverfolger, sie haben die Tragik des Lebens nicht verstanden und sich nicht jederzeit an das Rad des Schicksals, an ihre eigene letzte Stunde erinnert. Haßerfüllt versuchen unsere Peiniger auch heute noch unsere Gebete am Versöhnungstage wissentlich falsch auszulegen. Wir kaufen uns — so behaupten sie — durch Kasteiung und Gebet