Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 36-37 (9.9.1934)
- Date
- 1934-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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y* DIE WAHRHEIT ^fgJ Ein Wort an die Zweifler! Es ist eine altbekannte Tatsache, daß jene Juden, die sich so gerne abseits stellen, ihre Gleichgültigkeit, ja oft ihre Abneigung gegen alle jüdische Tradition und jüdische Dogmatik damit zu begründen versuchen, daß sie behaupten, die jüdische Dogmatik wäre nichts anderes als eine versteinerte, mumienhafte Erscheinung der Vergangenheit, die verwittert in unsere Tage hineinragt. Die moderne Forschung, die Umgestaltung des modernen Alltags, der Fortschritt auf allen Gebieten des menschlichen Seins müßten doch auch eine Modernisierung der jüdischen Dogmatik geschaffen haben. Verstündlich ist diese Ansicht bei jenen Juden, denen wirklich das Judentum und seine Tradition nichts anderes bedeuten als starre Ueberlieferung aus der Vergangenheit, verständlich bei jenen . Juden, die es nicht der Mühe wert gefunden haben, sich mit jüdischen Problemen, mit jüdischer Ueberlieferung zu befassen. Es wird wohl keinen Laien geben, der es wagen wird, ein Urteil über irgend ein Gebiet der Wissenschaft abzugeben, wohl aber gibt es unter uns Juden, besonders unter denen, die das Judentum zu verstehen nie gelernt haben, Sachverständige, die sich anmaßen, Kritik zu üben an der Wissenschaft jüdischer Glaubenslehre. Ist es diesen Kritikern niemals aufgefallen, daß das Judentum, trotzdem es scheinbar eine versteinerte und verknöcherte Erscheinung der Vergangenheit ist, so viele geistig hochstehende und doch opferwillige Bekenner besitzt, die mit heißer Liebe an dem alten Glauben hängen und täglich und stündlich bereit sind, mit aller Kraft sich für ihre Glaubensidee einzusetzen? Es muß also doch in diesem jüdischen Glauben ein unerschöpflicher Vorrat an Lebenskraft wohnen, der immer wieder imstande ist, in der modernsten Zeit das religiöse Gefühl der Anhänger zu heben, und der immer wieder die Jugend begeistert, wenn den Alten kampfesmüde die Fahne der Tradition aus den Händen sinkt. Der Boden unter den Füßen wurde den Juden genommen, in der Diaspora unter Folter und Torturen, unter Peitschenhieben und Mißachtungen ziehen sie durch die Welt und trotzdem tragen sie mit sich diese erhabenen Gedanken jüdischer Glaubenslehre, und alle Versuche, sie von dieser Tradition zu entfernen, scheitern an der fanatischen Begeisterung für das alte ewig Neue. Der jüdische Glauben ist eben ein jüdisches Leben, ein Leben, das man jm Geiste des Judentums leben muß, um es zu verstehen. Allen jenen, welche das Wesen und den Inhalt der jüdischen Glaubenslehre nicht verstehen, weil sie nie versucht haben, sich mit den Schönheiten der Glaubensidee zu befassen, allen diesen wird es niemals klar werden, warum in diesem Jahrhundert des Fortschrittes und der Aufklärung die Juden doch fest und treu zu ihrem alten Glauben stehen. Diese Abseitsstehenden müssen sich erst zur Erkenntnis durchringen, daß jeder Mensch glaubt und glauben muß an jenes höhere Etwas, dem die gesamte Menschheit nachstreben muß, um der moralischen und geistigen Vollendung im Leben sich zu nähern. Und trotzdem behaupten diese Unwissenden, Freidenker zu sein, weil sie an den Glauben nicht glauben wollen. Nicht diese, sondern alle anderen Juden wollen wir einladen, mit uns über die Stufen des Gotteshauses zu gehen, um dort mit Verständnis das Judentum in seiner Zeremonie leben zu sehen. Nichts anderes als Nächstenliebe, als Treue, als Pietät soll uns dieses jüdische Leben lehren. In einfacher Form führen uns die rituellen Gebräuche diesen höchsten Forderungen der Menschheit näher. Rufen wir uns nur vor unser geistiges Auge jenen Moment, wo wir vor geöffneter Bundeslade am Jörn Kippur im Tempel versammelt sind und — die Männer angetan mit jenen weißen Kleidern, die sie einst auf dem letzten Wege begleiten werden, alle Anwesender! erschüttert von der Seelenandacht an die Verstorbenen, dem herrischsten aller Gebete, dem Unesane taukef lauschen, dem Gebete, das uns die Menschlichkeit des Menschentums, die Eitelkeit des Lebens, die Gleichheit aller Menschen, die Verbundenheit aller, Glaubensbrüder in diesem erhabenen Momente zum Bewußtsein bringt. Gibt es eine bessere Erziehung zur Bescheidenheit als die Erkenntnis der Eitelkeit-dieses .Daseins, gibt es eine bessere Erziehung zur Nächstenliebe als die Erkenntnis von der Gleichheit aller Menschen, gibt es ein besseres Mittel zur Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins als die Kenntnis der Entstehungsgeschichte dieses herrlichen Gebetes? Denken wir an die Sederabende, die uns in der Familie vereinigen, in denen uns immer wieder von der Befreiung unserer Glanbensbrüder aus dem Joche der Pharaonen erzählt wird. Wessen Auge wird tränenlos bleiben, wenn er gezwungen ist, fern von der Familie einem fremden Sederabende beizuwohnen? Diese Kraft des Familiensinnes, diese Kraft der Kindes- und Elternliebe, die durch dieses Fest uns gelehrt wird, säe bleibt auch über das Grab der Eltern hinaus erhalten und wird von den Kindern auf deren Kinder übertragen werden. Wo immer Juden in Gemeinschaft leben, dort errichten sie Fürsorgeinstitutionen, dort suchen sie durch Opfer zu helfen, den Opfern der Not des Lebens und der Verfolgung zur Seite zu stehen. Für alle anderen mögen Nächstenliebe und Pietät Lehrfächer der Erziehung sein: für uns Juden sind sie gebotene Pflichten unserer Glaubenslehre. In wenigen Tagen werden wir wieder vor der geöffneten Bundeslade stehen und wieder nach der Maskirandacht den Unesane taukef hören. Es wird jedem einzelnen wieder aufs neue das stolze I 3xh Mtt zufxiedeti- II mit Jike* Jnmo. II I Das sagen alle unsere Kunden. H »Ihre Möbel sind geschmackvoll £ und zeigen persönlichen H m Charakter. Bf | JtoiMous zum QuxM&Xod | //., Gredlerstraße Nr. 10 — l Minute vom Diana-' £ _ Bad — Fernruf A 48-106 Q Bewußtsein ins Herz geschrieben werden, daß wir nie und nimmer untergehen können, so lange die höchsten Ideale des Menschentums und des menschlichen Lebens die ersten Gebote unseres Glaubens sind. Nicht den Juden, die sich bewußt und in Unkenntnis unserer Glaubensidee abseits stellen, gelten diese Zeilen, sondern jenen, die vielleicht in diesen schweren und ernsten Zeiten, die über uns Juden gekommen sind, an der Ewigkeitsidee des jüdischen Glaubens zu zweifeln beginnen. Nach dem Sturm kommt Sonnenschein. Ueber alle Verfolgungen, Verachtungen, über alle Massakers und Pogrome hinweg, wird in alte Ewigkeit leuchten die Erkenntnis vom Ewigkeitswerte unserer Lehre. Dr. Ernst Feldsberg. Das Jahr 5694. Hatte das vorhergehende Jahr mit Hitlers Machtübernahme in Deutschland die Katastrophe der Entwurzelung eines auf seine anderthalb Jahrtausende alte Bodenständigkeit, seine innere und äußere Verbundenheit mit der Heimat besonders stolzen Teil der jüdischen Glaubensgenossenschaft mit sich gebracht, so rückte das Jahr 5694, von dem wir in diesen Tagen Abschied nehmen, das Unglück in seiner ganzen Größe erst ins richtige Licht, indem es uns die Erkenntnis bescherte, wie schwierig, um nicht zu sagen unmöglich es ist, die gewaltsam aus ihrer Scholle Gerissenen in neuer Erde Wurzel fassen zu. lassen. Als sich das Dritte Reich die Verwirklichung der kühnsten antisemitischen Wunschträume angelegen sein ließ, konnte man als Ausdruck des freudigen Echos in der judenfeindlichen Presse des In- und Auslandes immer wieder ein mehr oder weniger kunstvolles Bild des zu neuer Wanderschaft verurteilten Ahasver finden. Aber diese symbolische Darstellung der jüdischen Unstetheit auf Erden erwies sich als falsch. Sie stimmte in Jahrhunderten, als die Juden in den schmerzlichsten Heimsuchungen durch Verfolgungen und Austreibungen mit dem Trost zum Wanderstab greifen durften, in anderen Ländern eine neue Heimat finden zu können. So kamen die Juden einst vom Rhein nach Polen, aus Spanien nach dem maurischen Nordafrika und der Türkei. Auf der Flucht vor den Pogrombanden des russischen Zarismus wurden die Juden Bürger des freien Amerikas. Wie beneidenswert erscheinen uns heute diese einst sehr bemitleideten Opfer früherer Judenverfolgungen! Man konnte ihnen alles rauben, nur nicht die Hoffnung. Diese führten sie gleichsam materialisiert in Form der geretteten Thorarollen mit sich. Aus solch teurem Vermächtnis, der Väter winkte ihnen trostreichste Zukunft der Kinder und Kindeskinder. Das „Wo?" spielte dabei eine sehr untergeordnete Rolle. Heute ist es zu einem Problem von überragender Bedeutung emporgewachsen: Das freie Amerika hat seine Grenzen für Einwanderer gesperrt; Nbrdafrika und die . Türkei waren in der letzten Zeit Schauplätze exzessiver Judenverfolgungen und die europäischen Länder, zum Teil in heller Auflehnung gegen die Barbarei der Hakenkreuzpest, wahren zwar besser die Form, doch in der Sache kommt es auf eins heraus: Absperrung gegen die jüdischen Emigranten. Nicht etwa, weil sie Juden sind. Gott bewahre! Frankreich weiß, was es der Tradition seiner großen Revolution schuldet Und auch Holland kennt die Verpflichtungen einer stolzen Vergangenheit, von der es unter dem Titel „Abfall der Niederlande" mit goldenen Lettern unter die Vorkämpfer der religiösen Toleranz eingereiht würde. Aber alle diese Länder wissen, daß sie über der Vergangenheit nicht die Gegenwart vergessen dürfen, und die Gegenwärt heißt Wirtschaftskrise, schwerster Existenzkampf der eigenen Bürger. Soll man diesen Kampf noch erschweren, indem man fremde Konkurrenz im Lande duldet? Das kann kein Einsichtiger verlangen . . . Uns Juden fehlt es nicht an Einsicht — im selben Grade aber verlieren wir leider die Aussicht auf eine gedeihliche Lösung der schwierigen Probleme, die eine aus den Fugen geratene Zeit über uns verhängt hat . . . Noch in einem anderen Punkte unterscheidet sich die Jetztzeit sehr ungünstig von früheren Epochen. Brach ehedem über die Juden eines Landes das Unglück der Verfolgung herein, dann durften sie der stillen, aber wirksamen Hilfe der Glaubensbrüder in den anderen Ländern sicher sein. Ohne viel Aufhebens stellten diese den flüchtig Gewordenen so viel an Hab und Gut zur Verfügung, als sie bedurften, um in neuer Heimat ein neues Leben im alten Geiste zu beginnen. Heute ist an Stelle dieser stillen, wirksamen Hilfe eine unangenehm laute, aber dafür recht unwirksame Reklame getreten: die zionistische. Für den Zionismus war das jetzt zu Ende gehende Jahr eine schwere Belastungsprobe, die er in keiner Weise bestanden hat. Herzl hat es für selbstverständlich gehalten, daß der von ihm erträumte Judenstaat in dem Moment Wirklichkeit wird, in dem ein erstarkter Antisemitismus den Juden das Weiterleben in der Galuth unmöglich macht. Diese Prämisse ist leider in einigen Ländern eingetroffen, die Herzische Schlußfolgerung hat sich aber nicht erfüllt. Die bösen Assimilanten sind daran unschuldig. Weit davon entfernt, den Neuaufbau Palästinas zu sabotieren, müssen sie sich im Gegenteil von zionistischer Seite jetzt den Vorwurf machen lassen, daß sie sich nach Palästina drängen, obwohl sie „von der Idee des neuen Judentums weit entfernt sind" und „nicht aus den Tiefen jüdischer Erkenntnis leben, sondern sich zum großen Teil in der Fortsetzung einer oberflächlichen, mechanisierten europäischen Zivilisation bewegen" (siehe „Selbstwehr"-Almanach für 5695!). Auf der anderen Seite bekämen die, Assimilanten vqn der Gattin des jetzigen britischen Außenministers Simon gelegentlich eines zum 30. Todestag Herzls heuer veranstalteten Banketts den schärfen Tadel zu hören, es sei eine Schande (!) für einen Juden, nicht Zionist zu sein! Zum Glück kann man diesem harten Urteil einer Außenstehenden den Aussprach einer auch von den Zionisten als autoritär anerkannten jüdimit Bad, Telephon, Klavierbenütäung (eventuell mit Halbpension) für berufstätigebaim$ zu vermieten. Auskünfte: »•» H«I««strat* 13/1* Telepfco» » 40>2-1«