Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 36-37 (9.9.1934)
- Date
- 1934-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064539--19891-3085078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite ä DIE WAHRHEIT : k GROSSFLEISCHHAUEREI HEGM, KORNMEHL ■«■■■iMMBBBBnai^aiM^BI Wim OL, MMOASSI NR. 1» nuuii XVIII., wAhrinosrstoassc 97 Telephon Nr. A 17-349 and A 16-944 Uaferant fflr Hallaiwtalta» AbtellungenförKoscherfleisch ■Mrtar Aateiefct des «hm. Rabblnatea dar Isis Kcittusgem«inda Wen. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität tu den billigsten Marktpreis« sehe Minderwertigkeit. Gegen den Glauben, in dem die einen die anderen zu Tieren herabsetzen wollen, während sie, statt dessen, unversehens dadurch selbst zu Tieren werden. So wurde das Herz eines Pharao, der die Hebräer wie fühlloses Werkzeug behandelte, selbst fühllos und seih Untergang dadurch besiegelt. Bekannt sind heiße Quellen, die alles versteinern, was in ihren kochenden Sprudel gerät. Einem solchen Versteinerungsprozeß verfällt auch das Menschenherz, wenn es der ungezügelten Gewalt kochender Leidenschaft erliegt. Das Auge ist wie geblendet, das Ohr taub für die Stimme der Vernunft, weil das Herz verstockt und versteinert wurde, so daß keine Regung menschlichen Fühlens darin aufkeimen kann. Der Jomkippur hinterläßt uns bei seinem Scheiden einen dreifachen Segen. Schon vor Jahrtausenden wurde dieser Segen unseren Stammvätern verheißen. Er hat unser Volk durch alle seine unzählbaren und unsagbaren Leiden begleitet und trotz ihrer es heil erhalten. * In tiefer Nacht führte Gott unseren Vater Abraham ins Freie hinaus. Er lenkte seinen Blick zum sternenbesäten Himmel empor und sprach zu ihm: „So sollen einst deine Nachkommen sein." Seit den ältesten Zeiten hat menschliche Einbildungskraft mit den Sternen ihr abenteuerliches Spiel getrieben. Man betrachtete sie als göttliche Wesen und zollte ihnen Verehrung. Auf einer höheren Stufe der Kultur erkannte man wohl, daß sie nicht Götter sind, doch glaubte man, daß jedes einzelne Geschick in den Sternen geschrieben stehe und von ihrem Wandel abhänge. Noch heute spricht man von Glücks- und Unglückssternen. Uns sind sie nur mehr ein Gleichnis. Wie sie in unendlicher Höhe in majestätischer Ruhe ihre Bahnen ziehen, unberührt vom ruhelosen Treiben der Menschen, ihrem Hassen und Neiden, so zog der Genius unseres Volkes seines Weges durch die Geschichte, unbeirrt durch alle die Drangsale und blutigen Qualen, die seinen Leib zerfleischten. So aber sollen auch wir erhaben sein über jede Gemeinheit, die uns an Leib und Seele will, unerreichbar für ihre giftigen Geschosse. Diese Kraft, den Sternen es gleich zu tun, hat der Jomkippur in uns gestählt. Er hat das Judentum in uns gestärkt, erneut. Zwei Arten von Sternen unterscheidet man. Die einen entleihen ihr Licht, die anderen leuchten aus eigener Kraft. Das Licht, das uns eigen ist von den Urvätern, ist das Urlicht der Religion, die Lehre Gottes. Wir lesen vor Neila das Buch Jona. Der Prophet will sich dem Auftrage Gottes entziehen. Er kann es nicht fassen, daß Gott ihn, den Hebräer, zu den Heiden Ninives entsende. Unterwegs im Seesturm muß er an sdch selbst die Macht des heidnischen Wahns erleben, daß die zürnende Gottheit Menschenopfer fordere. Er selbst wird geopfert, ins Meer geworfen. Und die Heiden Ninives, die sollten ohne Opfer der Buße, nur durch Umkehr Verzeihung finden? Leidvoll muß es Tüchtiger Religlonslehrer erteilt billigst Privatunterricht ia allen hebräischen Fächern. Zuschriften an die Ada. dieses Blattes. Ganz frei von solcher Leidenschaft ist kein Mensch. Im Läufe eines Jahres sammelt sich auf dem Grunde auch des besten jüdischen Herzens häßlicher Niederschlag aus den trüben Wässern des Alltags, die es durchfluten. Schon scheint es ihnen verfallen und in den unentrinnbaren Strudel gezogen. Da geschieht das Wunder des Jomkippurs: die Umkehr, die Wandlung, der Ersatz des Herzens von Stein durch ein Herz, warmfühlend und rein empfindend wie das Herz eines Kindes. — Auch andere Religionen sprechen von Wandlungen. Aber es sind mystische Wandlungen stofflicher Natur mit dogmatisch vorgeschriebenen äußeren Mitteln. Andere lehren eine Erneuerung der Seele. Aber auch die nur durch Askese, ein weltflüchtiges Büßerleben in Selbstentäußerung und bohrendem Grübeln über unlösbare Rätsel. Ganz einzig in der Welt ist dagegen die Kraft der T e s c h u w a, die am Jomkippur Aussöhnung mit Gott bewirkt, wunderkräftig die Umkehr, die zur Erneuerung unseres sittlichen Menschen führt. War der Jomkippur einst, wie überliefert wird, imstande, das Rot eines Fadens in Weiß zu wandeln, so vollziehe er heute in allen jüdischen Herzen den entgegengesetzten Farben Wechsel! Das Weiß der Unschuld, in das sich unsere Seele so gern hüllen möchte, weiche der Röte der Scham über unsere Fehler, die uns mit unerbittlicher Wahrheit zeigt der Spiegel der Teschuwa am Jomhakkipurim. Daß wir diese Fehler ablegen, dazu gebe uns Kraft die Weihe, die ausgeht vom Jomkippur, wenn er mit rechter Inbrunst begangen wird, durch alle Tage des neuen Jahres! — d — Jona erfahren, daß dem Gotte, der unter den Sternen zu Abraham gesprochen, alle Völker gleich teuer sind, daß ihm, wer ihn von Herzen sucht, gleich nahe steht, ob in Israel oder in Ninive. Wie die Sterne soll uns leuchten dieses Urlicht der Tora, uns ureigen und von nirgendher entlehnt. Hoch über der Atmosphäre, in der wir atmen, dieser staubigen Luft, von Nebel und Wol- Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern ken erfüllt, strahlt der Sterne Licht im Aether, in ewiger Reinheit und Klarheit. Nur eine Täuschung unserer Sinne zeigt uns die Sterne in Wolken gehüllt. So rein und lauter erstrahlt das Licht der Thora. Kein Haß, kein Lüge, kein engherziger Dünkel kann seine Reinheit trügen. Solange wir Juden von ihrem Lichte uns erleuchten lassen, bleibt unser Ehrenschild rein, wie dieses Licht. Wie viele haben ihr Licht von ihm entlehnt, wie viele, die es jetzt uns wollen streitig machen! Wir aber bleiben, — ewig, unbeirrt wie die Sterne. * „Wie der Staub der Erde sollen deine Enkel sein und sich ausbreiten gegen West und Ost, nach Nord und Süd." So lautete das Segenswort an Jakob, als er auf der Flucht aus dem Elternhause unter freiem Himmel schlief und träumte. Wie oft mußten wir diesen Segen als Fluch empfinden! Wie vielen waren und sind wir noch heute verachtet, verabscheut, keafra d'ara, „wie der Staub der Erde", den man mit Füßen tritt und wegfegt als lästig und verderblich. Noch immer erwies sich da aber die Jakob- Verheißung als Segen. Vom leisesten Windhauch nach dieser oder jener Richtung getragen, läßt der Staub sich dort nieder, wenn der Wind sich gelegt hat. Wo ist heute ein Land, in dem kein Jude wolmte? Wo ein Erdenwinkel, in dem man nicht heute Jomkippur feierte? Aber mit sich führt der Staub Keime, die Oedland in blühendes Gefilde wandeln. Auf Fels und Kalk legt er sich als Humus (Jesaja 34, 7), aus dem Achtung! Dlevorlieg«ndeFestnummercler„Wahrheit"lst 16 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint Freilag, den 21. September Segen sprießt. Hat nicht auch in diesem Sinne der alte Segen sich erfüllt? Blüht nicht Wirtschaft und Wohlstand, wo Juden wohnen und frei ihre Kräfte entfalten dürfen? Was ist aus dem alten Judenland geworden, seitdem jüdische Jugend ihm wieder Kraft und Können widmet? Ja, dort lernen sie wieder aus täglicher Erfahrung, daß Einigkeit und Zusammenhalten auch die an sich so schwachen Körnchen des Staubes stark und mächtig macht. — Man hat uns Juden Wandervögel gescholten. Gewiß kein Lob. Schon darum, weil, sowie ein Vogel vom Geschoß des Jägers getroffen wird, der ganze Schwärm sogleich auseinanderstiebt. Nein, diese jüdischen Siedler im Lande der Väter, sie haben, soweit nicht unseliges Parteiwesen störend und zerstörend dazwischentritt, von der Scholle, die sie bebauen, gelernt: die unansehnlichen Sandkörnchen, sie werden, richtig bewässert, zu fruchtbaren Schollen (Jjob 38, 38), die flüchtigen Staubatome schwer wie Stein (Prov. 27, 3). Doch als Gleichnis hiefür, als Mahnung zur Einigkeit eignet sich ganz besonders anschaulich und eindringlich die dritte Patriarchenverheißung: „W iederSandamMeer e". Wer je als Jude am Meer auf Dünen stand und sah, wie diese Sandkörnchen, von den Wurzeln des Strandhafers zusammengehalten, stärker als eiserne Wellenbrecher dem Ansturm der Meeresflut Halt gebieten, der mußte mit Wehmut an den alten Segen denken und die Mahnung still vor sich hersagen: „Seid einig, Juden, wie der Sand am Meere! Lasset Wurzel schlagen in Eurem Herzen das alte Wort: ,Wir alle sind Brüder, Kinder eines Vaters'! Und Ihr werdet stärker sein als alle Brandungen des Hasses, die gegen Euch heranbrausen und Euch zu überfluten drohen!" Mit dem „Schema Jisrael" beschließen wir den Jomkippur. Das „Schema Jisrael" schließt mit „echad" „eins" und dieses mit einem groß geschriebenen Dalet. Dalet bedeutet „vier" und erinnert uns an unsere Brüder, die zerstreut sind in alle vier Winde, „Echad" „eins" sind sie aber trotzdem, und „einig" sollen sie bleiben! Wie der Jomkippur sie alle, die jüdischen Herzen auf dem weiten Erdenrande, heute im Gebet zu dem einen Vater im Himmel einte, so sollen sie einig bleiben als Kinder eines Volkes, als Enkel der Väter, an die einst der dreifache Segen erging von den Sternen, dem Staub und dem Sand am Meere! _ d — Theodor Lessing: Glocken über Land. Man las mich wohl in deutschen Landen, Doch hat man mich verstanden? Nein, Wir möchten fleißiger verstanden Und weniger gelesen sein. Die weißen Hasen leiden Pein Von allen braunen im Reviere. Es heißt: sie bilden sich was ein. Und sind doch nur die ärm'ren Tiere. Ach wie sie redlich mich zerquälten Auf allen untern Lebensstufen, Just weil ich von den Auserwählten, Hat kein Minister mich berufen. Streb' nur weiter ohne Gewinste, Du obsiegst nicht ihnen. Dir bleiben deine Verdienste Und sie v e r d i e n e n. Noch eh mein Werk entstanden, Da haben sie's eingesargt, Und daß es doch vorhanden, Hat man mir sehr verargt. Werd' wieder ich geboren, Frag' vorher um Erlaubnis ich Die deutschen Professoren: Für diesmal duldet mich. Aus dem Gedichtband „Glocken und Grüfte" von Theodor Lessing, dessen Todestag sich in der Vorwoche zum ersten Male jährte. Der dreifache Segen. Ein NeTla-Wunsch.