Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 36-37 (9.9.1934)
- Date
- 1934-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064539--19890-3085077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nm WAHRHEIT Sette3 Ueberzeugung nicht hintansetzen zu müssen; Moses Mendelsohn, der, obschon einer der anerkannten Führer der „Aufklärung" gewesen, mit dem Lose eines schlichten Buchhalters sich begnügte? Warum schließlich sagen sie, daß die Existenz der Juden der Menschheit nicht genehm sei, während doch die größten genialen Persönlichkeiten der Geschichte: Alexander der Große, Julius Caesar, Karl der Deutsche, der Große genannt, und Napoleon Freunde und Gönner des Judentums waren? Warum ist in den letzten zwei Jahren soviel über das Wesen des Judentums gelogen worden? Eine Legende der Weisen antworte hierauf. Sie lautet: Als Noah seine Arche baute, um der drohenden Sintflut zu entgehen, befahl ihm Gott von allen Wesen der Erde nur Paare, Männchen und Weibchen, in das rettende Boot aufzunehmen. Eines Tages kam zu ihm auch der Haß und verlangte Eintritt. Noah, von dieser Forderung unangenehm berührt, machte ihn aufmerksam, daß nur zwei Wesen verschiedenen Geschlechtes zusammen Einlaß finden können. Der Haß ging fort und kam zurück in Begleitung der Lüge. So retteten sich beide hinüber in die wiedererstandene Welt und sind unzertrennliche Begleiter der Menschheit geblieben. Man lügt über uns, weil man uns haßt. Warum aber, so taucht die zweite Frage auf, hassen sie uns jetzt so unsagbar tief? — Wer die Geschichte des vorigen Jahrhunderts kennt, weiß, daß es viele Dezennien gab, in welchen das Judentum die Sympathien der nichtjüdischen Bevölkerung genoß. Den jüdischen Männern war es namentlich vergönnt, an der Kultur Deutschlands wesentlichen Anteil zu nehmen, die Wohlfahrt ihres Vaterlandes nicht wenig zu fördern und den Klang der deutschen Sprache bis in die fernsten Gegenden der fünf Erdteile zu tragen. Warumder Haß gegenwärtig? Das Buch Jona, das wir am Versöhnungstag Vorabends lesen, enthält einen Vers, der uns Aufschluß gewähren kann. Dort wird erzählt, daß der Prophet Jona, mit einer hohen Aufgabe von Gott betraut, sich dieser entziehen wollte und ein Schiff bestieg, das bald von den Stürmen des Meeres umtobt wurde. Während die Männer der Besatzung ihre Götter anzurufen begannen, begab sich Jona zum Rand des Schiffes, legte sich nieder und schlief. Als in der Verziweiflung das Los geworfen wurde, wer dieses Unglück verschuldet haben mag, und dieses auf Jona fiel, schleuderten sie ihn ins Meer. „Denn die Männer wußten, daß er vor Gott geflohen sei." — War es in der modernen Zeit anders? Da durch ein gütiges Geschick die Tore des Ghetto aufgerissen wurden, war den Juden die Gelegenheit geboten, in der neuerstandenen Kulturwelt den hoben Gottesgedanken zu vertreten. Wie gar oft aber entzogen sie sich diesem! — Wer vermag alle geistigen und seelischen Verkleidungen aufzuzählen, welche der Jude annahm, um sein Wesen zu verleugnen, um schlummernd und schlafend angesehen, um nicht als Jude erkannt zu werden. Die Wirkung blieb nicht aus. Als der Sturm ausbrach und man manchen Ungetreuen zwang zu bekennen, daß er zum mindesten jüdischer Abstammung sei, warf man ihn bald ins Meer der Volksleidenschaft, denn „die Männer wissen, daß er vor Gott geflohen ist" durch sein Verhalten, durch sein Benehmen, durch sein Leben. Von Jona wissen wir, daß er schließlich seinen Weg zu Gott wiedergefunden hatte. Sollte der moderne Jude anders vorgehen? Ein sinniges Beispiel des Midrasch möge hiefür aneifernd wirken. Es lautet: Ein Mann auf dem Lande erkrankte und mußte nach der Stadt sich begeben, um sich dort einer schweren Operation zu unterziehen. Diese gelang, und er kehrte nach Hause zurück. Doch nach einiger Zeit begann die Wunde zu schmerzen. Arzt um Arzt wurde gerufen, ohne daß einer ihm helfen konnte. Da riet ein treuer Freund dem Schmerzerfüllten: „Kehre doch zurück zu dem Arzt, der dich zuerst behandelt hat, der die Natur deines Leidens kennt und den Operationsschnitt vollführt hat. Er wird dich auch zu heilen verstehen." Die Anwendung ergibt sich von selbst. Gott war immer Israels vielbewährter Arzt. Er hat uns Wunden beigebracht, sollten wir nicht zu ihm zurückkehren, ihn anrufen, auf daß er uns verbinde, helfe, heile? Der Versöhnungstag birgt in sich die unvergleichlich große Kraft, nicht bloß die Religiösen und Frommen, sondern auch die Abseitsstehenden an sich zu ziehen, und von ihm gilt das Propheten- Für Festgerichte das reine Kunerol... Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Milchspeisen ganz besonders geeignet. Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt — es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. E h r e n f e I d zu Mattersburg hergestellt. KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! wort: „Erhebe rings herum deine Augen und siehe, daß alle versammelt kommen zu dir" (Jesaia 60/40). Möge der weihevollste Tag des Jahres dazu dienen, daß alle, die vor Gott geflohen sind, seelischeEinkehr und religiöseRückk e h r h a 11 e n, auf daß sie, gleichwie der Prophet Jona nach seiner Rettung es getan, dankbar sprechen könnten: In meiner Not habe ich den Ewigen gerufen und er antwortete mir. Aus dem Innern der Hölle habe ich geschrien und du hast meine Stimme gehört. (2/3). — Das Wunder des Jomkippurs. Alt ist der Glaube an die Unwandelbarkeit menschlicher Eigenart, die Lehre: „Der Mensch ist unfrei. Alles, was geschieht, im Größten wie im Kleinsten, geschieht mit der gleichen Notwendigkeit. Jeder Mensch ist in seinem Tun und Lassen einem Zwange unterworfen. Das Erbe im Blut, von den Ahnen überkommene Anlagen und Triebe, Rasse, Volksart, Umgebung umstricken seinen Willen mit einem unzerreißbaren Netz. Gewalten, die ihm nicht gehorchen, leiten seine Entschlüsse in feste Bahnen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Der Glaube an die Willensfreiheit ist ein Aberglaube." „Eine Fabel erzählt: In einem großen Käfig saßen zusammen mit einem Kanarienvogel ein Zeisig und ein Buchfink gefangen. Die beiden begannen einst zu streiten, ob sie im Käfig säßen oder nicht. Der lockere Zeisig meinte: „Nein," der ernste Buchfink aber: „Ja." Da rief der weise Kanarienvogel: „Kinder, wenn ihr erst streiten müßt, ob ihr im Käfig sitzet oder nicht, dann ist es so gut, als wäret ihr frei!" Aber — im Käfig blieben sie doch." „Der Mensch ist ein Reis seines Stammes, ein Glied seines Volkes, Untertan seiner Natur, Sklave seines Leibes, im wörtlichsten Sinne, .leibeigen'. Verbrechen ist ein Naturereignis, wie Blitz und Hagel. Es gibt nicht Tugend und nicht Laster, nicht Schuld, nicht Sühne, keinen sittlichen Wandel, keine Umkehr."-- Diese Lehre, der Determinismus, ist der Tod der Kultur. Eine Weltanschauung, die den Menschen zum willenlosen Mechanismus stempelt, ihn zum Durchgangsort zwangsmäßiger Verkettungen von Ursachen und Wirkungen herabdrückt, hebt jede Verantwortung auf, vernichtet jede Möglichkeit einer Erziehung. Sie lehrt Gehorsam gegen die Eingebungen des Trieblebens. Erzählet dem Menschen täglich, daß er in seinem Blute sein Schicksal trage, daß er so, wie er handelte, handeln mußte und nicht anders handeln konnte, weil sein Gehirn so und nicht anders geartet ist, sein Schädel diese und nicht jene Form aufweist, — und kleinmütig wird er ausrufen (Jjob 9, 29): „Ich bin nun einmal sündig, und vergeblich wäre alles Mühen, mich zu ändern; und wüsche ich mit Lauge meine Hände, rein würden sie nimmer." Gegen diesen furchtbaren Wahn wendet sich das Judentum mit allen Waffen überlegenen Geistes. „Hareschut nethuna!" (Abot 3, 15), „Des Menschen Wille ist frei" ist der Fundamentalsatz jüdischer Sittenlehre. Es gibt keinen geborenen Verbrecher, es gibt keine minderwertige Rasse, schon äußerlich kenntlich an Haarfarbe und durch Nasenform. Diese buchstäblich an den Haaren herbeigezogene, den niedersten Instinkten dienstbare Trugweisheit hat schon im alten Griechenland erleuchtete Geister zur Abwehr auf den Plan gerufen. Einen Sokrates kennzeichnete einst nach seiner äußeren Erscheinung ein solcher Physiognom als einen Mann gemeiner Instinkte. Seine Schüler lachten über diese Verkennung. Doch Sokrates sagte: „Der Mann hat meine Naturanlage richtig erkannt, nur —habe ich sie überwunden!" Das ist der Sinn des herrlichen jüdischen Axioms (Abot 4, 1): „Wer ist ein Held? Der, der seine angeborenen Neigungen bezwingt." Und hierin liegt der tiefe Sinn aller Mizwoth: Das Judentum spannt alle unsere Seelenkräfte an und entfesselt alle unsere Energien, indem es uns durch die Mizwoth zuruft, daß unser Wille stark genug ist, alle angeborenen Hemmungen zu überwinden. Das Judentum lehrt: Der Mensch kann Herr über sein Blut sein und seines Schicksals Schmied. Die Geburt ist nicht einfach eine Fortsetzung des Lebens der Eltern, sondern eine Erneuerung selbständiger Lebenskraft. Unser Urahn Abraham, der erste Verkünder des Gottes, der im Geiste will angebetet sein, war ein Sohn des Götzendieners Terach. Die Söhne sind nicht einfach Kopien der Väter. Sonst lebten wir heute noch wie Tiere des Waldes. Nein, der Mensch hat sich erhoben und emporgeschwungen. Er kann sich erheben über die eigene Natur und stärker als sein Schicksal sein. Die ganze Geschichte menschlicher Kultur ist ein mächtiges Zeugnis gegen die Lehre von Rassehörigkeit und Erbsünde. Denn sie ist ein ununterbrochener Selbstüberwindungsprozeß, eine fortgesetzte Erhebung des Menschen aus niederer Triebgebundenheit. Das Judentum lehrt: „Auf dem Wege, den der Mensch selbst sich wählt und frei beschreitet, auf diesem Weg wird er geleitet" (Makkot 10 b). Er selbst trägt die Verantwortung für seine Tat und damit für alle ihre Folgen. Die Lehre vom Adel der Menschennatur, diese Lehre, daß, wer den richtigen Weg einschlägt, gesegnet wird noch von den spätesten Geschlechtern, sie findet den beredtesten Ausdruck und die eindrucksvollste Bestätigung Jahr für Jahr im Jomhakkipurim. Er ist der lebendige Protest gegen den Glauben an ererbte Sündhaftigkeit und morali-