Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 36-37 (9.9.1934)
- Date
- 1934-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064539--19889-3085076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE WAHRHEIT Eine Gesamtvertretung des Judentums! Zum Nachdenken am Tage des Gerichtes. Ein bekannter Wiener jüdischer Gelehrter erzählt in der Geschichte seines Lebens, wie schwer er um die Anerkennung der Priorität einer seiner wissenschaftlichen Leistungen zu kämpfen hatte. Et schreibt: „Wäre ich ein Tscheche, Magyare oder Pole gewesen, meine Connationalen hätten aus nationalem Ehrgefühl mein Recht verteidigt". So aber war er nur ein Jude! Man sieht es dieser Klage an, daß sie vor Jahrzehnten niedergeschrieben wurde. Heute hätte sie anders gelautet. Der Jude, der heute etwas leistet, mag von aller Welt Anerkennung erfahren. Mit hämischem Nörgeln in den Rücken fallen wird ihm nur — ein Jude. Es sei denn, es decke ihn die Fahne der Partei. Keinem Volke fehlt, wie uns Juden, das, was der Außenstehende so gern uns zuschreibt: das Solidaritätsgefühl, verkörpert in einer Gesamtvertretung. Und dies angesichts und trotz der Unzahl äußerer Feinde und bisher ganz unerhörter Methoden des Judenhasses, der heute Inhalt einer ganzen Weltanschauung und alleiniger Antrieb einer Weltpolitik geworden ist Zu Zehn- und Hunderttausenden werden Juden dem Elend preisgegeben. Massen jüdischer Flüchtlinge suchen im Auslande Zuflucht Bewundernswert und herzerhebend ist so vieles, was jüdische Bruderhüfe für sie leistet Wer aber so manche nähere Umstände und Begleiterscheinungen dieser Wanderung und dieser Hilfe kennt, wird bitter klagen: „Warum besitzen wir Juden nicht ein Zentralorgan, das uns in allen Lagen politischen und moralischen Rückhalt bieten könnte?" Man spricht mit Juden, die weder durch Liebe zur jüdischen Religion noch durch nationalistische Sympathien oder sonst ein Band, außer dem lockeren des Zufalles der Geburt, mit dem Judentum zusammenhängen. Jeder Blick in Zeitungsberichte über innerjüdische Vorgänge läßt ihnen das Judentum als ein wahres Chaos erscheinen. Sie schämen sich ihrer Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft die nicht einmal das besitzt, was doch die mächtigsten Herren der Erde als unentbehrlich erkennen und mit ihren Allianzen erstreben und was doch dem schwächsten Volke der Welt doppelt und dreifach nottäte: Zusammenschluß! Eine Zentralvertretung, die uns würdig nach außenhin verträte und im Innern Ordnung hielte! Und doch hat ein Weiser dieses Volkes, Hillel, vor Jahrtausenden gesagt: „Wenn ich nicht für mich bin, wer denn soll für mich sein?" Haben unsere Feinde, soweit sie uns wirklich kennen, nicht guten Grund, mit unserer Zerrissenheit zu rechnen und ebenso auf die Würdelosigkeit so vieler unter uns zu bauen, die lieber an fremden Türen um Almosen betteln, als daß sie mit dem Bruder gemeinsam aus eigener Kraft zu schaffen und redlich sein Judenschicksal mit ihm zu teilen sich entschlössen? Im Jahre 1808 wünschte Friedrich Wilhelm III. von Preußen — wie aus Manualakten hervorgeht, ein eingefleischter Antisemit, wie sein Nachfahr Nikolaus II. von Rußland — den Entwurf eines Gesetzes, um die Juden „zwar unblutig, aber doch auf einmal totzuschlagen". Der Beamte, der damit betraut wurde, lieferte einen Vorschlag, „zwar 3kuJ*ende danken lö"««^ IMIKOLASCH ) 0ANDAC( ~ MlKOLASCHl rF dieser Firma [seit den 32Jahren ihres Bestandes Rat and Hilfel XbeiFuß-, Brach- und Bauchleiden — sie wird auch l I Ihnen helfeni—Aufschlußreicher Katalog kostenlos!! [BANDAGEN-MIKOL ASCHI \Wimm. Tmborxtrmßa29. Tel. R47-1-85, R 41-0-60] | Audi medizinische Verleihanstäu] die Juden nicht auf einmal, wohl aber das Judentum allmählich totzuschlagen". Sein Rat gipfelte in den Vorschlägen, „die bisherige, staatlich anerkannte Organisation des Judentums zu zertrümmern, die Bande zwischen den einzelnen Synagogen so locker wie möglich zu gestalten, durch eine natürliche und billige Toleranz religiöse Spaltungen in ihrer Mitte zu befördern und die einzelnen Individuen durch Erlaubnis der Mischehen mit der nichtjüdischen Gesamtheit zu verschmelzen." Und war nicht auch die altösterreichische Judengesetzgebung auf solchen Grundsätzen aufgebaut? Wie genau kannten diese Feinde des Judentums unsere Schwäche, jedem Zusammenschluß, jedem zentripetalen Bemühen aus eigener Kraft entgegenzuwirken? * * Und weiter fragte Hillel: (Kescheani leazmi . . .) „Bin ich für mich allein, was bin ich dann?" Aber wir Juden in dieser Zeit sind so wenig seine Schüler, daß wir der Spaltungen und „reinlichen Scheidungen" in unserer Mitte nicht genug haben können. In einem alten Kabbalistenbuch lesen wir: Bei der Schöpfung der Welt bediente sich der Herr auch des Alphabets. Er teilte es in zwei Reihen zu je 11 Buchstaben und verband den ersten der ersten Reihe, das Aleph, mit dem ersten der anderen, dem Lamed, sodann das Beth mit dem Mem und so fort. Als er aber zum 9., dem Teth, kam und dieses sich mit dem Resch vereinen sollte, da klagte es: „Herr der Welt! Ich, das Teth, der Anfang des „Tow", des „Guten", soll mit dem Resch, dem Anfang des „Bösen" (Ra) mich zusammenschließen?" Und der Schöpfer sprach: „Beruhige dich! Ich werde den Menschen schaffen. Ihm wird Leid und Not, so manches Böse widerfahren. Aber dieses Böse wird ihm Trieb und Ansporn sein zürn Guten. — So wie im Menschen, der Welt im Kleinen, brauche ich auch in der großen Welt Euch beide, Teth und Resch, „Gut und Böse", im; Verein. Das Böse ist der unentbehrliche Gehilfe und Wegbereiter des Guten. Ihr beide seid erkoren, gemeinsam die Menschheit zur Höhe ihrer Bestimmung emporzuführen." Wir sehen: Die Weisheit der Kabbalisten ist mit einer Liebe gesättigt, von der dem heutigen Judentum, wenn man nach der äußeren Erscheinung urteilen darf, jeder Rest im wüsten Wüten des Parteitreibens erstickt zu sein scheint. Licht und Schatten, Zaddikim und Reschaim, Tow und Ra streng geschieden, und wir selbst — natürlich immer auf der Sonnenseite! Leiden pflegen sonst der beste Spiegel zu sein. An Leiden fehlt es uns Juden wahrlich nicht. Aber die Parteibrille hemmt den Blick auf das Ganze. Nicht wir selbst, die anderen sehen uns als Ganzes. Schon Bileam sah uns so und mußte wider Willen uns segnen. Nur einmal im Jahre, an den Jamim noraim, wenn wir um jene Agudda beten, die einst alle Mensichen vereinen soll, da denkt vielleicht dieser und jener unter diesen Betern daran, daß doch erst einmal wir Juden unter uns eine Gemeinschaft bilden sollten! Als der mächtige Eroberer Timur zum erstenmal in einen Spiegel sah, erschrak er über seine Häßlichkeit dermaßen, daß er laut zu weinen begann. Auch sein Diener brach in Tränen aus, ja er konnte sich gar nicht beruhigen. „Weshalb weinst denn d u und noch so jämmerlich dazu?" fragte ihn JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbucher für eure Kinder nur in der jüdischen Buchhandlung HERMANN TUCHNER Wien II., ECKE TabontraBe 52 ■Si ■ ■ 8 3 : Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — anch antiquarisch — zn sehr mäßigen Preisen! Spesenfreie Zusendung Oberallhln Verzeichnisse kottenlos! Für Auskünfte: Tel. R 41-4-20 Timur. „Herr," sprach der Diener, „du sahst Dich heute zum erstenmal und schon von dem einenmal kam dir das Weinen an. Wir aber, Deine Diener, sehen Dich Tag für Tag das ganze Jahr lang. Wie sollten wir nicht weinen?" Ja, wir — oder doch wenigstens manche unter uns — sehen uns heute das einemal im Jahre, „kescheani leazmi," und erkennen heute die Tragik unseres Geschickes, wie wenig erfreulich wir Juden auch — ja gerade — wohlwollendem Blick uns darstellen in unserer Zerklüftung. Die anderen aber, die uns das ganze Jahr sehen, und zumal die Behörden, die immer wieder mit Judengezänk, mit Streitereien unter uns behelligt werden, — dürfen wir uns wundern, wenn ihre Achtung vor dem Judentum dadurch nicht zunimmt? Ist uns das Echo der Umwelt noch nicht deutlich und laut genug? * * * „Und wenn nicht jetzt, wann denn?" so schließt Hillels Ausspruch. Bismarck sagte einmal: „Der Staatsmann kann nie selber etwas schaffen. Er kann nur abwarten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört. Dann vorzuspringen und den Saum des Mantels zu fassen, das ist alles". Dieser Schritt Gottes ist jetzt nicht zu überhören. Alles, was an der Erhaltung des Judentums ehrlichen Anteil nimmt, sehnt eine Gesamtvertretung des Judentums herbei. Bisher sah man vor lauter Parteien kein Judentum. Und innerhalb der Parteien selbst zankt alles um Geltung, Führung, Richtunggebung. Nun hat man aber in Jerusalem endlich eine wichtige Einigung erzielt. Im Rabbinate der Stadt der Städte sind die wichtigsten Richtungen vertreten. Hier gilt es jetzt, „vorzuspringen und den Saum des Mantels zu fassen". Wie, wenn die Rabbiner der Welt, sie, die berufen sind, den Frieden in der Menschheit zu mehren, wie wenn sie alle sich zusammenschlössen, um das Rabbinat Jerusalems zur Gesamtvertretung des Judentumes zu erheben? Alles spricht dafür, nichts, soweit man sehen kann, dagegen. Keine Organisation braucht dazu neu geschaffen zu werden. Kein Faktor innerhalb oder außerhalb des Judentums könnte mit sachlichen Gründen und reinem Gewissen die Zuständigkeit einer solchen, von den religiösen Vertretern der gesamten Diaspora anerkannten obersten Vertretung des Judentums nach innen wie nach außen beanständen. Wer Eintracht, Frieden, Würde und Kraft unserer jüdischen Gemeinschaft wünscht, jeder, der jüdischen Herzens, muß mittun, dieses Werk zu schaffen. „Wenn nicht jetzt, wann denn?" — d — , Denn dieMännerwußten, daß er vorGott geflohen istu Eine Jörn Kippur-Betrachtung. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Seit anderthalb Jahren wühlt eine gewaltig große Frage in unserem Herzen, würgt unseren Atem und brennt wie Zunder auf unseren Lippen: Warum verleumden sie uns dort jenseits der Grenze, im Deutschen Reich? Warum verbreiten sie ungeheuerliche Lügen über das Judentum? Warum ist dort ein Vulkan ausgebrochen, aus dessen Krater Lavaströme von Entstellungen und Fälschungen hervorbrechen? Warum wollen sie unser Volk für minderwertig erklären, das ein Zweig des semitischen Stammes ist, welcher dem Abendland das Alphabet für die Schrift, die Zahlen für die Rechenkunst, die Reimform für die Dichtung und das selber die zehn Worte für die Moral und das „Buch der Bücher" für das Leben gewährt hat? Warum bemühen sie sich, unsere Auffassung als materialistisch zu bezeichnen, da doch Moses aus unserer Mitte hervorgegangen ist, der den Hof der Pharaonen verließ, um den Sklaven zu dienen; Rabbi Akiba, der sich vom Hirten durch rastlose Arbeit zum großen Gelehrten emporschwang; Baruch Spinoza, der vom Schleifen der Gläser sich mühselig ernährte und die Berufung an eine Hochschule zurückwies, um seine