Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 36-37 (9.9.1934)
- Date
- 1934-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064539--19888-3085075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 60 Groschen In Deutschland verboten! Jüdische Di« Wanrkeit Doppel-Festnummer. FLUGPOST mit den Veröffentlichungen der SäSS? I nu>»iM .K i ■— „Union österreichischer Ju< Erscheint jeden Freitag ffllllllllliH Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 9. September 1934 Nummer 36/37 Seid einig! Bitte und Wunsch. „Ihr stehet heute alle vor dem Ewigen, Eurem Gott; eure Stammeshäupter, Aeltesten und Führer, alle Männer Israels; eure Kinder, Weiber und der Fremdling in deinem Lager, von deinem Holzfäller bis zum Wasserträger; einzugehen in den Bund mit Gott"..... In großer, ernster Stunde erging dieser Zuruf an die ganze Gemeinde Israels. Sein Inhalt und seine Bedeutung sind nicht an Zeit und Stunde gebunden; sie gelten immer und ewig. Dieses Heute ist jeder vergangene, jeder kommende Tag. Hier sind vor Gott und seinem Bündnis mit dem Volke alle Unterschiede aufgehoben. Gleiche Verpflichtung und Verantwortlichkeit ist allen auferlegt. Größte soziale Abstände und Ungleichheiten weichen einem heiligen Willen nach Frieden und Erreichung eines gemeinsamen, hohen Ziels. Und dieses Ziel heißt: Judentum. Auf den Neujahrstag wird jener ernste Zuruf von der Ueberlieferung verlegt. An ihm sei er an das ganze, geeinte Volk ergangen. — Unterschiede des Geschlechts, des Alters, der Stellung, des Ranges erzeugen im Leben kleiner und größter Gemeinschaften naturnotwendig Zwist und Hader; versagen sittliche, religiöse Erziehungsmittel, führen sie zu Feindschaft und Kampf. Wir sehen nirgendwo die beglückenden Zeichen eines wirklichen Völkerbundes, hören nirgendwo die beschwichtigende Stimme ehrlicher Friedensbotschaft. — Möglich, daß die realpolitische Rechnung diplomatischer und geschäftlicher Vernunft solch träumerische, idealmenschliche Hoffnungen und Wünsche für unerfüllbar, vielleicht sogar für lächerlich-naiv hält. Sicher, daß die Welt unsägliche Qualen leidet und in konvulsivischen Krämpfen nach Rettung aus Hunger und Tod schreit. Und wir Juden? Jener ernste Zuruf aus alter Zeit bleibt tauben Ohren ungehört. Das kräftige Wort „attem nizabim", „Ihr stehet aufrecht" klingt trostreich; es heißt, nach uralter Deutung: wie eine Säule, fest und ragend, auf teurer Erde wurzelnd, zum Himmel strebend, trotzt die jüdische Gemeinschaft, wenn sie eine tragende, ragende Säule ist, allen Stürmen der Zeit. Und wir Juden der Gegenwart?! Lichterloh brennt eine Welt voll Haß und \enolgung rings um uns; unser Haus ist von Brandstiftern an allen Ecken angezündet. Wer hört unseren Hilferuf? Diese Feuersbrunst ist nicht allein für unser heiliges Haus bedrohlich; leckende Flammen und sprühende Funken fliegen in sich sicher dünkende Nachbarhäuser. — Wir aber, wie retten w i r uns in dieser Not und Pein? — In demütiger, ergebener, gläubiger Geduld harrten wir Jahrtausende lang in tiefster Treue aus. Durch sie, durch diese „emunah" sammelten wir innerliche, seelische, geistige Energien, die zu einer schier unversiegbaren Kraftquelle wurden, aus der auch wir schöpfen. — Wir fühlen diese Kraft an manchen weihevollen Tagen, an welchen des Kampfes Stürme schweigen. Ein solcher Tag ist unstreitig Rosch-haschanah. „Ihr stehet alle aufrecht heute vor Eurem Gott." Wie eine Säule! Oder ist aus der Mazebah- Säule eine Grabstein-Mazebah geworden? Soll aus dem festen Gefüge, das Jahrtausenden getrotzt hat, ein Trümmerhaufen werden? Seid einig! Muß Unglück kommen, uns zu gemeinsamer Rettungsarbeit aufzurufen? Wartet Ihr, bis Feuerruf durch die Straßen gellt? Was sind, was heißen Interessen von Parteien gegenüber dem Erhabenen, Heiligen, das uns allen gleich ist, was sind, was heißen Parteien, wenn der Feind vor den Toren lagert? Sind nicht Glaube, Lehre, Heiliges Land, Heilige Sprache, Heiliges Volk für uns alle, für Euch alle gleiche Ideale, höchste Heiligtümer?! So wie wir in unserem Vaterlande heute Rasiere Dich gut und billig OesterreicMscIics Qaälltäts r aDrüfat Ueberau erhältlich keine Parteien kennen, sondern alle einmütig und felsenfest zu Oesterreich stehen, so wollen wir nur ein Judentum, eine jüdische Gemeinde, in welcher für alle freier Lebensraum zur Entfaltung der edelsten Kräfte vorhanden ist — Freier, vornehmer Wettstreit ohne Opfer der Gesinnung, des Intellekts, der Ueberzeugung. In jenem ernsten Zuruf sind die Unterschiede nicht in Abrede gestellt; sie sind bejaht in Erkenntnis der Tatsachen der lebendigen Wirklichkeit. — Jeder ist zur Bündnisschließung vor Gott gerufen; Häupter, Glieder, Lehrer, Männer, Frauen, Kinder, Greise, Jünglinge, Arbeiter — alle eine Säule, ein Wille, ein Werk; auf daß alle zum Volke Gottes werden. Seid einig! Der Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang. Bekenntnis zu Österreich. Vom Vizepräsidenten der Union Dr. Karl Steiner. In diesen heiligen Tagen des Besinnens wollen wir es neuerlich und feierlich aus tiefstem Grunde unserer Herzen bekennen: Oesterreich ist unser Vaterland. In Erde ruhen die Wurzeln unserer Kraft. seiner ^_ vckvval i U in GEN «X*SÄTZE - HYPOTHEKEN^* tft» KÄUFE - VERKÄUFEX*^ 1* SZILAGYI BEB. AKT. SEISAL IX., ROTEN LÖWENG. 3 TEL. A 10-S-69 Auf seinem Boden sind wir Juden seit vielen Jahrhunderten ansässig. Hier sind wir längst bodenständig geworden. Hier haben unsere Väter und Urväter gleich anderen Staatsbürgern redlich gewerkt und gewirkt. Sie haben mit beigetragen zum Glänze und Ruhme dieses Staates. Mit all ihrer Kraft und all ihrem Können haben sie dem Vaterland jederzeit treu und hingebungsvoll gedient. Zu seiner Ehre rann in vielen Schlachten auch warmes Judenblut aus sterbenden Herzen und färbte den Kampfboden mit ihres Lebens heiligem Safte. Niemand soll uns diese Heimaterde, darin unsere Ahnen ruhen, streitig machen. Sie ist unser, wie sie der anderen ist. Sie ist uns heiliges1, unantastbares Gut. Unsere vaterländische Einstellung ist Sache des Glaubens und des Herzens. Uns leiten die Worte des Propheten: „Sorge für das Wohl des Landes, das dir der Allmächtige zum Wohnsitz bestimmt hat, denn in seinem Wohle ist das deine gelegen!" In diesem Sinne erziehen wir auch unsere Kinder, um sie zu treuen Bürgern dieses Staates zu machen. Wir bekennen uns offen und rückhaltslos, freudig und frei zu diesem Oesterreich in seinen guten wie in seinen schlechten Tagen. Dieses Bekenntnis stammt nicht von gestern und nicht von heute, da viele Tausende sich erst durchringen müssen zu diesem Bekennen. In uns Juden glüht das Gefühl für dieses unser Vaterland und diese unsere Heimat seit jeher, unsere Herzen haben Oesterreich allezeit heiß und treu entgegengeschlagen und immer wieder haben wir unsere Vaterlandsliebe bewährt. Wir müssen sie nicht erst hinausschreien, damit man sie uns glaube. Wir haben sie tausendfältig durch die Tat bewiesen. Unsere Vereinigung, die Union österreichischer Juden, verficht seit fast einem halben Jahrhundert den Gedanken unserer tiefsten Verbundenheit mit diesem Boden, den wir als unsere Heimat lieben, unserer tiefsten Verbundenheit mit den Schicksalen dieses Staates, an dessen Neubau wir eifrigst mitarbeiten wollen und für dessen Selbständigkeit und Unabhängigkeit wir mit der ganzen Glut unserer Herzen eintreten. Hier ist unsere Heimat. Wir suchen keine andere und wollen uns auch keine andere aufdrängen lassen. Wir schenken voll und ganz unsere heiße Liebe diesem Vaterlande. Es ist reine und ungeteilte Liebe. Wir dienen diesem Vaterlande mit all unserer Kraft, ganz und ungeteilt hingegeben diesem Dienste am Vaterlande Oesterreich!