Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 35 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ilffi WAHRHEIT JgÜJ „Di. Krtiqci Hehn gemeinnützige Zentralanstalt für Mädchenemthung und Fortbildung Wien IL, Malxgasse 7 Telephon A 48-0-7? Internat Halbinternat Externat Frauenberufs* (faulen NEU! Kindergärtnerinnenbildungsanstalt mit Staatsprüfung Fortbildungsschule: Kochen, Nähen, Gartenbau, allgemeine Bildung Prospekt auf Warndt Keine „Greuel" f Die bekannte amerikanische Journalistin Frau Dorothy Thompson, Gattin des Nobelpreisträgers für Literatur Sinclair Lewis, erhielt, wie bekannt, von der Berliner Gestatio (Geheime Staatspolizei) den Befehl, innerhalb 24 Stunden Deutschland zu verlassen. In Amerika nimmt man an, daß dieser Ausweisungsbefehl im Zusammenhang steht mit der Arbeit der Frau Dorothy Thompson an der Jüdischen. Telegraphen-Agentur, die wiederholt Artikelreihen der Frau Thompson über. Deutschland in der amerikanischen und europäischen Presse verbreitet hat. Besonders unangenehm empfanden die deutschen Kreise einen von der JTA verbreiteten Bericht der Frau Thompson, den sie nicht lange nach dem Durchbruch des HiUerresimes geschrieben und in dem sie den Ausspruch Hitlers, daß „keinem Juden in Deutschland auch nur ein Haar gekrümmt worden sei" glossiert hat. Dorothy Thompson schrieb, die Vereinigten Staaten hätten allen Grund, sich dadurch beleidigt zu fühlen, daß Hitler eine Parallele zwischen den Verhältnissen in den Vereinigten Staaten und denen in Deutschland gezogen hat. Es sei tiieht wahr, daß den Juden in Deutschland kein Haar gekrümmt wurde, im Gegenteil; viele Dutzende, ja Hunderte von Juden wurden grausam mißhandelt und mehrere mußten ihr Leben lassen. Aber weit ernster als solche sporadische Akte sei eine Politik, die die Jüdische Bevölkerung ihrer Lebensexistenz beraubt: Wenn eine solche Politik «nicht ein Greuel ist, dann war die Hungerblockade gegen Deutschland ebenfalls kein Greuel. Ist es nicht ein Greuel, ein ganzes Volk als verräterisch zu brandmarken, dann war es auch nicht ein Greuel, öffentlich Deutschland der AMeinschuki am Kriege zu bezichtigen. Ist es nicht ein Greuel, die Juden der Gleichberechtigung und der gleichen Existenzmöglichkeit, wie sie alle Deutschen haben, zu berauben, dann ist es auch nicht ein Greuel. Deutschland die Gleichheit mit den anderen Völkern zu verweigern. Während die Nazi-Führer und Publizisten sich über Ideen von Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrecht lustig machen, spricht die deutsche Regierung in ihren Verhandlungen mit anderen Völkern und in ihrem Feldzug zugunsten, des eigenen Prestiges immer noch im Namen dieser Ideale. Zedakkah! Ein sonniger Vormittag. Auf einer Bank der Egerer Parkanlagen,. in der Nähe des Stadttheaters, sitzt ein gebrochener Mann. Sein Schädel ist total kahl und mit argen Flechten bedeckt Die halbverloschenen Augen liegen tief in den Höhlea Die Backenknochen gleichen denen eines Skeletts, bloß daß sie mit einer fahlen, von Schmutz und Bartstoppeln überzogenen Haut überspannt sind. Das „Häuflein Unglück" bedeckt zuweilen sein Haupt mit einer schäbigen, grauen Schirmmütze, zuweilen mit einer samtenen Gelehrtenkappe; allein die wunde Kopfhaut — so will mir's scheinen — duldet keine Bedeckung. Der Schattenmensch kramt in seinen Rocktaschen, holt Krimskrams heraus, da kommen ihm einige Nickelmünzen in die Hand. Er wirft sie fort. Kinder -flitzen hin, gleich den Tauben am Markusplatz, wenn Futter gestreut wird, und balgen sich um die Beute. Aber bald eilen auch Erwachsene herbei. Ein Gedränge, ein Geschiebe. Proteste; Christen erheben Proteste: „Warum gibt man diesem Menschen kein Bündel Stroh, wo er seine müde Seele aushauchen soll? Das gönnt man doch auch dem verreckenden Vieh!"... Man weiß eben nicht, daß die jüdische Fürsorge bereits vieles für den Armen geleistet hat Ein Inspektor der Stadtpolizei geht vorüber. Ich halte ihn an, spreche mit ihm. Er weiß bereits Bescheid über den Fall. Der Mann war beim Kommissariate, bat, man solle ihn nach Franzensbad schaffen. Es geschah. Nun ist er wieder da. Es kam ein Organ der Gemeindevertretung. Wir berieten... er hat eben keine Dokumente ..... , . . Aber der Schwerkranke rafft sich mühevoll auf. Er kramt in den ausgefransten Taschen- und fischt das. Fragment eines Dokumentes heraus. Dort figuriert er Als — —: Oberrabbiner Ahron Jizchak Vogel. Noch einen Zettel hat er, darauf steht, daß er aus dem Gefangenhaus in Plauen entlas- 4 e n wurde. Dann spricht er davon, daß er seine richtigen Dokumente beim Hauptpostamt in Karlsbad liegen hat Daß seine Tochter Aerztin in Wien ist Man soll ihn nur hinschicken. Er sei in Berlin zuständig, man habe ihn verschickt gedroht, Venn er zurück nach Berlin kommt, werde Juan ihn erschießen. Aber bald verliert er den Faden, redet irre — in». Delirium. Er verlangt unentwegt:„Zedakkah!" — •Gerechtigkeit milde Gaben! — Es ist klar: es ist ein eis zur Unsmnigloeitgeschlagenes, gequältes Judenopfer! DäS Ist kehr Grttldmärchen. Die •JSgefW Stadtptifafli kann den Fall bestlögen. Im Dritten Reich wundert man sich darüber, daß die breite Weltöffentlichkeit den Nationalzosialismus ablehnt Die Welt verlernt allmählich das Sichwundern! _ A. W—tsch. Eger. Der Hölle entronnen. Unter der Aegide des Hilfsvereins der Deutschen Juden tritt in diesen Tagen eine Gruppe von. 250 jüdischen Kindern aus verschiedenen-deutschen Städten die Reise nach den Vereinigten Staaten an, wo sie einige Jahre unter der Obhut jüdischer Familien verbleiben und einer Atmosphäre entzogen sein werden, in der sie Gefahr laufen, seelische Krüppel zu werden. Mexiko wehrt sieb. Der Präsident des American Jewish Congress und Vorsitzende der Stadtverordneten-Versammlung von New York Bernard S. Deutsch berichtet über eine Unterredung zwischen ihm und dem Diktator von Mexiko Calles über jüdische Probleme. Präsident Deutsch erklärt, die antisemitische Bewegung in Mexiko sei schon in ihren Anfängen zum Untergang verurteilt. Sie findet bei der den Juden wohlgesinnten Regierung keinerlei Unterstützung. (Z. T. A.) ftKffiMtfilHbl Wlea L, SettenrteWong—o 2, TeL C »8.1-28 XL, Zentralfrledhot, mt tm l Ör, TeL D18-0-85 Die Palästina-Regierung hat erklärt sie sei bereit, die wegen illegaler Grenzüberschreitung verhafteten und im Gefängnis von Bethlehem untergebrachten 3£ jüdischen Frauen aus Polen zu befreien, falls diese sich verpflichten, sofort das Land zu verlassen. Palästina-Nachrichten. In den letzten Tagen organisierte sich in Tel Awiw aus den Kreisen der orthodoxen Jugend unter dem Namen „Geduth Hanoar Megine Haschabbath" ein Bund, dessen Zweck es ist die Heiligkeit des S.chabbos zu verteidigen, vor allem in der jüdischen Stadt Tel Awiw und in einer Reihe anderer kleinerer Städte. Der Bund veröffentlicht jetzt einen Aufruf, welcher die gesamte palästinensische Orthodoxie zum Kampfe gegen die Sabbathentweihung in schärfster Weise aufruft und die Boykottierung der Zementfabrik „Nescher". der Produkte der Molkerei „Tenuwah", der Automobilgesellschaft .Jfged" und zum Schluß auch des_Keren Hajessod, Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführungvon Malerarbeiten jeder Art »I., Botankreuzga«« 3_Tel. A 43-5-37 Keren Kajemet. der jüdischen Arbeiterpartei und des Fußballklubs „Makkabi", die den Sabbath trotz aller Warnungen entweihen, fordert. * In jüdischen Kreisen Palästinas wird auf die immer enger sich knüpfenden Verbindungen zwischen arabischen nationalistischen Kreisen in Palästina und deutschen Nazi-Kreisen hingewiesen und erklärt, daß in Palästina eine geheime Nazi-Propaganda- Zentrale besteht, die die Araber gegen die jüdische Bevölkerung aufhetzt Das Anbringen von mit Hakenkreuzen geschmückten Plakaten, in denen zum Boykott der Juden aufgefordert wprd, wird auf die Tätigkeit dieser Zentrale zurückgeführt Wie die JTA erfährt, sind die englischen Regierungskreise auf diese Umtriebe bereits aufmerksam geworden, das Kriminal-Untersuchungs-Departement der Palästina-Polizei ist beauftragt. Verdächtige zu beobachten. Nachdem eben erst die Kischinewer jiddische Tageszeitung .,U n s e r Z e i t" für Paläsüna verboten worden ist, ist nun auch ein auf ein Jahr lautendes Verbot gegen die Kownoer Zeitung Jörnen t" ausgesprochen worden. In der jüdischen Oeffentljchkeit erregt die ^ensur gegen die ausländische jüdische Presse Aufsehen. DQüicnisdics KOnlgslicht tjlflBIlM Seit vielen Jahren das anerkannt beste Victor Jacobson gestorben. Dr. Victor Jacobson, der bekannte zionistische Politiker, ist in Bern, wo er sich vorübergehend aufhielt, plötzlich von einem Unwohlsein befallen worden und verstarb kurz darauf an Herzschlag. Dr. Victor Jacobson, der in zionistischen Kreisen der „Botschafter der zionistischen Bewegung'* genannt wurde, wurde 1869 in Simferopol (Krim) geboren und schloß sich schon als Student der zionistischen Bewegung an. Seit dem III. Zionistenkongreß gehörte er ständig dem Aktions-Komitee an. 1906 wurde er zum Leiter der Beiruter Filiale der Anglo Palestine Company, 1908 zum politischen Vertreter der Zionistischen Organisation in Konstantinopel ernannt. Auf dem XL Zionistenkongreß wurde er in das engere Aktions- Komitee gewählt, seither hat er die zionistische Außenpolitik stark beeinflußt Nach Kriegsausbruch übernahm er neben Motzkin die Leitung des Kopenhagener Büros der Zionistischen Organisation und hat 1918 das ..Kopenhagener Manifest" erlassen. In dem gleichen Jahre ging er afis Mitglied des engeren Aktions-Komitees nach London, legte aber 1921 sein Amt nieder. Seit 1923 war er Vertreter der Zionistischen Exekutive in Paris und beim Völkerbund in Genf. Die sterblichen Reste des so plötzlich Verblichenen zionistischen Führers wurden, dem Wunsche des Verstorbenen gemäß, in Genf, der Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit beigesetzt. An dem Begräbnis, welches am Sonntag, den 26. August, auf dem jüdischen Friedhof in Genf stattfand, nahm als Vertreter der Zionistischen Exekutive Berl Locker teil. Dr. Weizmann nahm in ergreifenden Worten von seinem ältesten persönlichen Freunde Abschied. SVkeatex und Xunsi Einen grandlosen Erfolg errangen kürzlich auf einem sehr gut besuchten Abend jüdische Schauspieler aus Deutschland. Sie brachten Autoren zum Vortrage, die im „Dritten Reich" verfemt sind, bei jedem Publikum von Kultur aber die Wirkung erzielen müssen, die sich an diesem gediegenen Abend einstellte. Dies war ein Verdienst der Künstler, die die mitunter sehr schwierige Interpretation der Werke der Herrn Hitler unbequemen Schriftsteller vornahmen. Sie taten dies in erstklassiger und durchaus einfühlender Weise. Insbesondere brillierte Steffi Mann mit reizenden Vorträgen von Erich Kästner. Man kennt die Künstlerin, die aus einer hochragenden Karriere in Deutschland durch die „Gleichschaltung" herausgerissen wurde, iti Wien bereits als Star des „Theaters der 49" und der Kleinkunstbühne „Regenbogen". Hatte man da Gelegenheit, ihr starkes dramatisches und kabarettistisches Talent zu bewundern, so war man an dem erwähnten Abend von ihrem rezitatorischem Können begeistert. Auch Max Grünberg, der Tucholsky und Toller vortrug, gefiel sehr; seine Vorträge waren von ungeheurer Wucht. Es wurden auch zwei packende Szenen aus Tollers „Maschinenbauer" gegeben, die das Publikum mitrissen. In würdiger, dabei ansprechender Weise konferierte Georg Braun. Der Abend ließ den Wunsch offen, die so vielseitigen Künstler, die Judenhaß aus ihrer Bahn gerissen hat, noch recht oft te! ähnlichen Veranstaltungen wirken zu sehen. o. h. irailll d^tom. Man achte auf die gas. gvsch. Mark* „Hyglm. KSalgsHdH" irad Nkm Schulz Fabrik und Büro: Hflan xnr.« Talaphan R33-1-S7 Semeindeehronik, Zürich. Am 1. September feiert die Jüdische Gemeinde Zürich das 50jährige Bestehen ihrer Synagoge durch einen Festgottesdienst. 1862 wurde die Israelitische Kultusgemeinde Zürich von zwölf Männern begründet 1879 wurde der Bau der Synagoge von achtzig Mitgliedern beschlossen. 1884 ist sie eingeweiht worden. „Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz" weist darauf hin, daß es in Zürich schon im Mittelalter eine Synagoge (vielleicht auch mehrere „Judenschulen") gab. Der Chronist Ulrich schreibt: „Zu derselben Zeit, 1344, waren viel Juden in der Stadt Zürich, und daran eine Synagoge gehabt welche genannt wird die Judenschul." Moskau. Anläßlich der bevorstehenden hohen jüdischen Feiertage hat in der Presse die um diese Zeit übliche antireligiöse Kampagne eingesetzt Bemerkenswert ist diesmal die Forderung, daß in dem „autonomen jüdischen Gebiet" niemals eine Synagoge, ein Beth Hamidrasch oder ein Cheder errichtet werden dürite. In der Sowjetunion müßten die Wurzeln der Religion zum Verdorren gebracht werden. Warschau. In der Sommerfrische Otwozk bei Warschau verstarb im Alter von 73 Jahren der in dar Chassidim-Welt außerordentlich populär gewesene Rabbi von Radzymin Aaron Menachem Guterman. An der in Warschau stattgefundenen Bestattung des Verstorbenen nahmen über 20.000 Personen, unter ihnen zahlreiche Cbassidim-Rabbis und Orfsrabbiner aus allen Teilen Polens, teil. Rabbi Guterman. der zu Lebzeiten eine Reihe religiöser Schriften veröffentlichte, hinterließ zahlreiche Schriften im Manuskript die jetzt herausgegeben werden sollen.