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Die Wahrheit · 1934-08-31 · Heft 35 (31.8.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 35 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT J«&J Wohin mit den Flüchtlingen? Dem Amsterdamer „Havas"-Vertreter wird mitgeteilt: In Amsterdam haben sich ohne Bewilligung der zuständigen Behörden zahlreiche Ausländer, größtenteils aus Deutschland geflüchtete Juden, angesiedelt. Nunmehr erhielten 300 dieser Flüchtlinge von der holländischen Polizei den Auftrag, in kürzester Zeit das Land zu verlassen. Diese rigorose Maßnahme ist angesichts der ansonsten so korrekten Haltung Hollands, gegenüber seinen jüdischen Bürgern und angesichts der Gastfreundschaft, die bisher deutsch-jüdische Flüchtlinge gerade in diesem Lande genossen haben, vollkommen unverständlich; man wird die Nachrichten darüber abwarten müssen, welchen Beweggründen diese plötzlich erlassene Anordnung entsprungen ist. Was sagt übrigens der Herr Flüchtlingskommissär dazu? , Der Chef des Ausländer-Departements beim belgischen Justizministerium erklärte dem JTA- Vertreter, Belgien sei nicht mehr in der Lage, weitere Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen. Flüchtlinge, die in Belgien einer Beschäftigung nachgehen, werden sofort des Landes verwiesen, es sei dsnn, daß sie neue Industriezweige in Belgien begründen. Gegenwartig leben in Belgien etwa 1000 bis 1200 Flüchtlinge aus Deutschland. Dieses bürgt... daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Speisen verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! Heimweh in Frankreich! Der nachfolgende Artikel, der bereits vor einiger Zeit geschrieben wurde, ist von trauriger Aktualität angesichts der Tatsache, daß es in den letzten Tagen vor den geschlossenen Türen des „Comite National", der Zentralorganisationen für die Hilfe an deutsch-jüdische Flüchtlinge, zu turbulenten Szenen gekommen ist, deren Zeugen der Oberkommissär des vom Völkerbund eingesetzten Komitees für die deutschen Flüchtlinge Mr. MacDonald und seine Gätin waren. Die Vorgänge sind der letzte Ausläufer einer kaum zu beschreibenden Leidensgeschichte der in Frankreich seit Mai 1933 lebenden 'deutsch-jüdischen Flüchtlinge. Die momentane' Situation dieser Unglücklichen ist verzweiielt und kein Mensch kann voraussehen, wann und wie in dieser Hinsicht Wandel geschaffen zu werden vermag. Paris, im Juli 1934. Es ist nun eineinhalb Jahre her, daß die große Auswanderung der deutschen Juden begann. Die Auswanderung ging verschiedene Wege: die am meisten genannten Länder waren Frankreich, Holland, Palästina. Abgesehen von Palästina, für das alle anderen Länder als Durchgangsstationen dienten, stand Frankreich im Mittelpunkt des Interesses. Paris zeigte sich als der Magnet, als das brennende Licht, das anzog und blendete. Wie viele, die von Paris und in Paris das große Wunder ihres Lebens erwarteten, wurden enttäuscht und erwachten ernüchtert von ihren phantastischen Räuschen, in denen sie von und in Paris Ruhm, Reichtum, überschäumenden Lebensgenuß erwarteten. Die ganze französische Provinz sandte ihre sich begabt dünkenden oder von der Verwandtschaft für begabt gehaltenen Söhne nach Paris, um dort Karriere zu machea Die jungen Mädchen gingen nach Paris und dachten an Pelz, Schmuck und eigenen Wagen. Die Träume zerstoben wie die Sektperlen, die in diesen Träumen ja auch eine Rolle spielten — es blieb nichts von der buntschillernden Seifenblase. Die deutschen Juden, die nach Paris gingen, hatten keine solchen Träume. Sie erwarteten kein Wunder und ihr Gemüt war nicht darauf gestimmt, großen Phantasien nachzuhängen. Sie gingen hin, weil sie mußten, weil man ihren primitivsten Menschenstolz auf das schwerste verwundet hatte. Aber man hatte an eines dabei nicht gedacht. Eine liebenswürdige und gastfreie Aufnahme ist noch lange nicht ein Angebot und gibt kein Anrecht auf Dauerbesuch. Einige Tage, einige Wochen — ja, bitte: „Langen Sie zu. Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären." Aber Monate, ein Jahr, für immer? Viele Juden merkten es bald, manche erst später, einige — übrigens sehr wenige — merkten es nicht. Diese sehr wenigen zählen nicht. Sie zählen nicht als Juden, sie sind eben winzige Bestandteile des internationalen Reisepublikums geworden, das überall zu finden ist, wo es etwas zu sehen und zu erleben gibt. Wie winzig dieser Bestandteil ist, das konnte ich in Monte Carlo feststellen. Unter den reichen Leuten, die in den großen Hotels wohnen und gar unter denen, deren stolze Jachten im Hafen von Monaco schaukeln, Kein einziger Jude. Zumindest kein deutscher Jude. In Nizza einige Leute, die sehr bescheiden von dem leben, WuS s,ie_durch Verkauf ihrer Habe und vielleicht als schmale Rente zu verzehren haben — dafür viele Arme, tur die sich die jüdische Gemeinde bemüht, hilft, so gut sie kann und sieht, daß man sie wieder los wird. Paris war mit den reichen Mitteln, die gespendet wurden, lange Zeit am gastlichsten. Man gab Essen, Wohnung, Kleidung, etwas Geld. Aber das, was man suchte und brauchte: Beschäftigung, Arbeit, Verdienst —• das gab man nicht Das konnte man nicht geben, denn dagegen steht das Oesetz: Ausländer dürfen — von ganz bestimmten Ausnahmen abgesehen — keine bezahlte Stellung annehmen. Frankreich hat auch seine Arbeitslosensorgen, was an Arbeit verlangt wird, soll durch einheimische Kräfte geleistet werden. Damit war der erste Traum ausgeträumt Einigen, besonders qualifizierten Arbeitern, gelang es, die ersehnte carte die travail zu erhalten, den meisten wurde sie verweigert oder nur kurzfristig erteilt und nach Ablauf nicht mehr erneuert Das richtete sich nicht gegen die Juden als solche — das darf betont werden —, sondern war eine für alle Ausländer gültige Maßnahme. . v.c .; Was blieb? Schwarzarbeit ist nicht jedermanns Sache und auf die Dauer auch nicht möglich. Was machen der Kaufmann, der Arzt der Rechtsanwalt der Ingenieur, der Intellektuelle überhaupt? Er sucht Beschäftigung. Hat er etwas Kapital, so sucht er selbständig etwas aufzumachen — irgend ein Geschäft, ein Büro, eine Schule. Ist er der Landessprache vollkommen mächtig, kennt er ein wenig Land und Leute und hat er so viel, um abwarten zu können, dann gelingt es manchem, festen Fuß zu fassen. Sonst kaum. In vielen Amerikageschichten spielt der Greenhorn eine traurige und lächerliche Figur. Er fällt bei der Landung bald „treuherzigen" Landsleuten in die Hände, die ihm durch Versprechungen und faule Geschäfte das Letzte nehmen, was er sich aus der Heimat noch mitgebracht hat. Auch unter den Juden, die nach Paris kamen, fand sich und findet sich noch immer manches Greenhorn, und es fehlt nicht an Ausbeutern — auch unter den Franzosen selbst —, die den unkundigen Eingewanderten, der noch etwas Geld hat als willkommene Beute betrachten. Das Ende ist Verzweiflung. Der Betrogene kann auch nicht so leicht zu Gericht gehen — Prozesse führen, auch strafrechtliche, ist in Frankreich teuer und umständlich. „Warum bin ich nicht doch lieber daheim geblieben?" Man hört jetzt oft diese Klage. Sie wird verstärkt durch das Heimweh. Wenn man erst „draußen" ist, dann wird man sich besonders bewußt, wie sehr man mit Deutschland verwachsen ist, wie sehr man deutsch empfindet — trotz und trotz alledem. Also Rückkehr. Merkwürdig. Es tritt zu gleicher Zeit mit der Sehnsucht nach der deutschen Heimat auch eine Sehnsucht nach dem jüdischen Glauben auf. Leute, die daheim selten, höchstens zu den hohen Feiertagen, in die Synagoge gingen, suchen und finden jetzt den Weg ins Gotteshaus.. Sie lauschen der Predigt — auch wenn sie die Sprache nur unvollkommen verstehen — aber sie hören dieselben Gebete, die sie auch zu Hause gehört haben, das Gebetbuch, das ihnen der Tempeldiener in die Hand drückt, ist vielleicht in Deutschland gedruckt trotz der französischen Uebersetzung. Nicht selten bekommt man auch eines mit deutschem Text. Hier im Gotteshaus findet der landfremde Jude auch eine Heimat — sein religiöse Heimat. Er befindet sich im Gottesreich, er ist in Gottesland, in dem alle Juden Landsleute sind. Die jüdische Einwanderung hat die Zahl der rituellen Restaurants, der jüdischen Hotels, der Schlächterläden und Bäckereien sowie natürlich auch der jüdischen Buchhandlungen vermehrt — hier fanden manche auf der neuen Erde eine neue Existenz. Die meisten deutschen Juden gehen aber nicht in die koscheren Restaurants, weil sie koscher, essen wollen, sondern weil sie dort Leidensgenossen treffen, mit denen sie Erfahrungen und Ratschläge — leider meist recht wertlose — austauschen können. Und man geht in den jüdischen Laden, weil man dort deutsch reden, weil man seine Muttersprache hören kann und hören will. Die deutschen Emigranten sind zum allergrößten Teil — und das muß immer wieder festgestellt werden — unglückliche, vertriebene oder doch sich vertrieben fühlende Menschen, Verzweifelte, die den fleißigen Ameiseu gleichen, denen man ihren mühselig aufgerichteten Bau zerstört hat, und die nun hin- und herrennen und nach irgend einer Möglichkeit suchen, irgendwie und irgendwo festen Fuß zu fassen und aufs neue zu arbeiten. Sie sind keine Politiker, sie verbreiten keine Gerüchte, sie sind arme Ameisen, die keinen Bau mehr haben — so ist die große Masse der Emigranten. Dann gibt es einige Dutzend „Intellektuelle", die politisieren. Ferner einige Dutzend jener übler Gestalten, die man als den „Kurfürste-ndammtyp" gekennzeichnet hat. Diese — wirklich sehr wenigen und wenig — Juden, die gehen in keine Synagogen und in keine jüdischen Lokale. Sie haben keinen Pfennig übrig für jüdische Not und haben kein jüdisches Herz für jüdisches Elend. Sie sitzen in den teueren Cafes und Restaurants und machen sich durch ihr Benehmen und ihr oft komisches Französisch lächerlich. Da sie jedoch auffallen und — abermals leider — als Juden erkannt und gekannt werden, so sind es wieder die Sünden einiger ganz weniger, für die alle anderen — die weitaus überwiegende Mehrheit — zu dulden und zu leiden hat Die deutschen Juden in Frankreich tragen ein doppeltes Leid: sie leiden.als Juden, weil sie arm sind und Arbeit suchen müssen. Sie leiden aber auch als Deutsche, und sie leiden fast weniger um ihres Judeseins willen als um ihres Deutschtums willen, das sie nicht verleugnen können und — sei es wie es sei — auch nie verleugnen wollen. Und das ist eine Tragik voll grausamster Bitterkeit! Danzig bleibt antisemitisch. Die Boykotthetze gegen Juden in Danzig dauert unentwegt an. Die wiederholte Entschließung der Regierung, daß sie einen Boykott der jüdischen Wirtschaftskrise nicht dulden wird, wird von der nationalsozialistischen Partei, die in Danzig völlig autonom arbeitet und lediglich auf Weisungen von Berlin hört, nicht im geringsten befolgt. So hat soeben der Gauleiter Forster in einer Versammlung wiederum ausdrücklich erklärt: „Wer bei Juden kauft oder sich mit Juden einläßt, ist als Verräter an der Partei und am Nationalsozialismus anzusehen." Es ist klar, daß unter diesen Umständen die offiziellen Erklärungen der Regierung jeden Sinn verlieren, das gesamte politische Leben Danzigs wird eben von der Partei beherrscht. In jüdischen Wirtschaftskreisen gibt man sich deshalb kaum irgendwelchen Hoffnungen über eine Besserung der Lage der Juden in Danz i g hin.__ Die antijüdischen Unruhen in Litauen« Auf eine Anfrage der Jewish Telegraphic Agency an die litauische Regierung betreffend die in den letzten Tagen in Schaulen, Rassein, Ponewesch und Kurschani stattgefundenen judenfeindlichen Ausschreitungen teilte die Regierung mit, die „sogenannten antijüdischen Angriffe" seien durch Personen, die ein Interesse daran haben, die traditionell guten Beziehungen zwischen Litauern und Juden zu stören, stark übertrieben worden. Niemand sei ernstlich verletzt worden. Die Regierung sei entschlossen, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln eine Wiederholung ähnlicher Vorfälle zu verhindern. J

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