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Die Wahrheit · 1934-08-31 · Heft 35 (31.8.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 35 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT deras aus der Volksgemeinschaft der Umwelt bedeutet nicht nur eine These gegen den Antisemi-. tismus, sondern auch eine weise Absage an den jüdischen Nationalismus, der sich voll Unverstand ständig mit ätzendem Hohn gegen die jüdischen Assimüanten wendet, die sich als Volksgenossen ihrer nichtjüdischen Landsleute fühlen. Die von dem Anthropologen Dr. Ignaz Zollschan, der ein sehr interessantes Referat über Rassefragen hielt, angeregte Untersuchung der Rassehlehre von einem politisch objektiven, rein wissenschaftlich eingestellten Gelehrtenforum müßte nicht nur den antisemitischen, sondern auch den jüdischnationalen Standpunkt vom Primat des Blutes über Milieu, Muttersprache und Kultur als unhaltbar entlarven ... timtiiimm»MMtnmnnmiiMiniimMit Der Boykott Eine der wichtigsten Entschließungen der Genfer Weitkonferenz war die, den Boykott gegen .i: deutsche Waren fortzusetzen. Es mag im Detail strittig sein, ob es klug ist, den Kampf auf jenes Transfer-Abkommen auszudehnen, das den nach Palästina auswandernden deutschen Juden die Mitnahme ihres Vermögens in Form deutscher Industrieprodukte gestattet — im großen und ganzen muß man aber den „dringenden Appell an alle, die für Freiheit, Gerechtigkeit für alle Rassen, Religionen und Völker kämpfen, den Boykott mit aller Energie fortzusetzen und zu organisieren", wärmstens befürworten. Denn er ist die einzige wirksame Waffe, die uns Juden gegen das Hitler-Regime zu Gebote steht. Schon haben der Osaf höchstpersönlich und sein Reichsbankpräsident durch verschiedene Anspielungen verraten, wie empfindlich diese Waffe Hitler-Deutschland trifft Weniger ernst zu nehmen sind die bei dieser Gelegenheit ausgesprochenen Drohungen mit Repressalien gegen die deutschen Juden zu nehmen. Denn wir wissen aus wiederholten AeuBerungen nationalsozialistischer Führer, daß sie keinen Unterschied zwischen „guten" und „bösen" Juden machen. Es wäre also naiv, zu erwarten, daß die deutschen Juden von der Beendigung des Boykotts eine mildere Behandlung erwarten dürften. Das gerade Gegenteil ist richtig: Von schonungsloser Durchführung des Boykotts-ist der Niederbruch des Nazi-Regimes und so das Ende aller Leiden für die deutschen Juden zu erhoffen. Daher kann es nur eine Losung geben: Fortetzung des Kampfes bis zum bitteren Ende... Es ist wahrhaftig nicht Schadenfreude aus niedriger Bosheit, die uns diese Parole ausgeben läßt Die Gefühle, die uns in dem uns aufgedrängten Kriege gegen Nazi-Deutschland beseelen, hat in schöner, eindrucksvoller Form der Dichter Schalom Asch auf der Genfer Konferenz in die Worte gefaßt: „Wir glauben an den schließlichen Sieg der Gerechtigkeit und daß das Unrecht seine Vernichtung in sich selbst trägt. Wir sind genug Verfolgungen im Verlauf unserer Geschichte ausgesetzt gewesen, aber noch niemals hat eine Großmacht den Kampf gegen uns zur Basis seiner gesamten Politik gemacht und den gesamten Regierungsapparat in den Dienst des Kampfes gegen uns gestellt Wir sind stolz darauf, daß alle reaktionären Mächte der Welt uns verfolgen; die Geschichte wird später unseren bescheidenen Anteil an der Abwehr dieser reaktionären Mächte der Welt anerkennen. Wir müssen an den Sinn unserer Existenz glauben: es kann keine sinnlose Laune der Geschichte sein, daß wir bis heute existieren. Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wir haben der Welt nicht nur früher Religionen gegeben, das Judentum trägt auch heute noch ewige ethische Werte in sich. Unser Schicksal ist ein Teil des Schicksals der Menschheit Die Judenhedt muß den Mut haben, dies der Welt zu sagen. Wir proklamieren nicht unsere Auserwähltheit aber wir glauben, daß jeder Mensch mit Rechten und Pflichten geboren wird. Auch das Judentum hat Anspruch, auf eine gleichberechtigte Stellung in der Welt Ich rufe ihm zu: „Erfasse den Sinn Deiner Existenz und begreife den Sinn Deiner Leiden!" Cafe Pension Echstein Semmerlng Die Macht des Schlagwortes. Sir John Simon, der englische Außenminister, wird mancherorts, vor allem in Deutschland, gelegentlich als Jude oder Halbjude bezeichnet Wie die Dinge heute in der Welt liegen, kann das politische Erschwerungen zur Folge haben. Es ist daher verständlich, daß der ohnehin genug angefeindete Träger des verwirrenden biblischen Namens wenigstens diese Angriffe loszuwerden suchte. Er richtete am 4. August ein Schreiben an die „Times", in dem er feststellte, daß seine Ahnenreihe kein einziges jüdisches Mitglied enthalte. Ueberraschenderweise aber bediente er sich auch des Ausdruckes, er sei von „rein arischer englischer Rasse". Er tat das, obwohl, wie wir letzthin meldeten; erst einige Tage vorher, wie oben erwähnt, Professor Sir G. E. Smith den Unsinn des Rassenbegriffes „arisch" gekennzeichnet hatte — ganz zu schweigen von der bekannten Villenpension Kreuzberg Breitenstein a. Sennertag flOSO a) Tel.: Breitenstein 11 — Leitung: Frau Lola Soft/// Herrliche Lage, erstklassige (streng rituelle) Verpflegung bei mäßigen Preisen. QeSHaet auch wMaread dar Feiertag» (Gelegenheit zum Beten). Auf Wunsch Prospekt Tatsache, daß sogar der deutsche Rassen-Papst Prof. Günther „der Verwendung des Wortes arisch entschieden widerraten" hat. Infolgedessen erschien am 7. August ein neues Schreiben in den „Timesf", unterzeichnet von den drei neben Q. E. Smith maßgebendsten englischen Anthropologen. Es hatte folgenden Wortlaut: „Die Verwendung des .Wortes „arisch" in dem Brief Sir John Simons, der in Ihrer Nummer vom 4. August erschienen ist, brauchte nicht kommentiert zu werden, wenn das Wort nicht von einem Minister der englischen Krone geschrieben worden wäre. Die Anthropologen haben längst festgestellt daß es zwar erlaubt sein mag. von arischen Sprachen zu sprechen; daß die Verwendung des Wortes aber unerlaubt ist, wenn eine westeuropäische Rasse damit bezeichnet werden soll . . . Wir stellen nicht in Frage, daß der Staatssekretär der. Auswärtigen Angelegenheiten berechtigt war, einen Irrtum über seine Vorfahren zu berichtigen. Indessen finden wir es bedauerlich, daß er sich eines wissenschaftlichen Ausdrucks irrigerweise in einem Sinne bediente, der so große politische Schäden in. Deutschland angerichtet hat Gegen diesen illegitimen Gebrauch des Wortes protestieren wir. . A. C. Haddon. F, Gowland Hopkins. J. B. S. Haidane. . Die drei Gelehrten protestierten mit Recht. Ueber eine so. entscheidende Frage im politischen und geistigen Leben des heutigen Europa möchte man einen der entscheidendsten Lenker eines der entscheidendsten Staaten immerhin so weit orientiert wissen, daß er nicht, und sei es auch nur aus Gedankenlosigkeit, die wunde Stelle so berührt, als wisse er gar nicht um ihre Empfindlichkeit. Um offen zu sein, kann man nicht verschweigen, daß einer der heute maßgebenden englischen Konservativen ganz sicher nicht in den Lapsus dieses Liberalen verfallen wäre. Jedoch zeigt sich hier nur die ungeheure Macht des Schlagwortes. Ertönt es zum ersten Male, so weiß jeder: es ist sinnlos. Je häufiger es wiederholt wird, um so mehr verliert sich allmählich die Frage nach dem Sinn. Nach dem zehntausendsten Hören triumphiert beim schwachen Zeitgenossen das Wort vollkommen. Er benutzt es, Sinn hin, Sinn her, weil es ja nun mal so viel benutzt wird. Feuilleton Jüdisches aus Franzensbad. Ich habe mir in Franzensbad sozusagen Bürgerrecht erworben; zum achten Male verbringe ich meine Ferien in dieser lieblichen Kurstadt Schon beim Verlassen des Zuges schlug mir Franzensbads zärtlich-lächelndes Gesicht entgegen und mein leidendes Herz erfreute sich beim Wiedersehen mit der anmutigen Gartenstadt; buntblühend, in tiefes Grün gehüllt, empfing sie mich. Franzensbad hat zum Unterschied von den anderen Kurorten, den Vorzug, daß man hier auch wirklich ausruhen kann, und wird daher von tierz- und Nervenleidenden gern aufgesucht Franzensbad lockt aber durch seine Quellen und Moorbäder auch Gicht- und Darmleidende aus allen Weltteilen herbei. Auf dem Wege vom Bahnhof durch die herrlichen Alleen und leuchtenden Beeten begrüßte mich mein alter Freund Andreas Frank, eine markante, geradezu originelle Figur, die in das gemütliche Franzensbad großartig hineinpaßt Frank, ein achtzigjähriger strengfrommer Katholik, hat geschäftehalber viele Länder bereist und stand mit vielen Juden im Handelsverkehr. Er kann von Juden nur Gutes sagen und verbringt seine alten Tage mit der Lektüre jüdischer Schriften. Außer der Bibel liest er .täglich einige Abschnitte Grälz's ..Geschichte der Juden" Und findet Interesse für jüdische Probleme. Voll Freude erzählte er mir. daß er nunmehr täglich auch einige Blatt Talmud in deutscher Uebersetzung „lernt". Mich zog es nach dem S c h 1 a d a Franzensbads „Leopoldstadt", dem Theodor Herzl, bei seinem Franzensbader Aufenthalte im Jahre 1904, den Titel JElegance Judaica" verlieh. Es ist der Mittelpunkt und Sammelplatz der strengfrommen jüdischen Kurgäste. Die langbärtigen Juden in ihrer bunten orthodoxen Tracht die hier aus verschiedenen Orten zusammenkommen, sind wie durch ein enges Band zu einer ■traulichen Gemeinschaft verbunden und treiben hier Klatsch und Tratsch, die ihrem Wesen entsprechen: «zahlen entzückende Geschichten von ihren Rabbis und geistigen Führern. Außerdem sind sie bemüht, ihre ■Ueberlegenheit im talmudischen Wissen zu zeigen. Man sieht diese Menschen, die sich meist nach flüchtiger Begegnung auch schon duzen, Kummer und Sorge verbergend, in gemütlicher Stimmung auf den breiten Promenaden und in den Hauptstraßen, den mondänen Damen In „galanter" Weise den Weg freilassend. Sie Stedten iu Ihrer ganzen Aufmachung von den anderen ab. man gafft sie an, sie werden aber von niemandem belästigt und man hört keine verächtliche Bemerkung. Getrübt wurde der Aufenthalt in Franzensbad für die österreichischen Gäste durch die Nachrichten von den traurigen Ereignissen des 25. Juli, die sich schon am frühen Abend wie ein Lauffeuer verbreiteten. Die Trauerkunde von der Ermordung des Bundeskanzlers hat die jüdischen Kurgäste mit großem Schmerze erfüllt. Es weilten hier geistliche Führer aus verschiedenen Gemeinden, so Taglicht Wien, Spiro, Mährisch- Ostrau. Thieberger. Budweis, Nürnberger, Ungarisch- Brod, und der lettländische Deputierte Rabbi Nurock, Riga. Unter den Kurgästen fiel vor allem der greise Wunderrabbi Twersky von Trisk auf. der vor einigen Jahren seine Residenz nach Czenstochau verlegte und dort ein großes Heer von Chassidim befehligt In Wien, wo er einige Wochen verbrachte, konsultierte er einige Herzspezialisten, auf deren Veranlassung er nach Franzensbad zum Kurgebrauch kam. Inmitten einer Gruppe von chassRHschen Juden, denen ich mich häufig anschloß, sieht man den greisen Rabbi in Begleitung seines Sekretärs, eines überaus lustigen „Dalles", den langen Weg zu der Nataliequelle schreiten. Eine ungewöhnlich sympathische Erscheinung von prachtvoller Natürlichkeit präsentiert Rabbi Baruch Halberstamm-Kanner von Czychöw, Enkel des .berühmten Sandzer Raw und Sprößling der Rabbidynastie Hager. Einige Wochen weilte hier auch der' Herausgeber der „Laubhütte", Dr. Jakob Mayer aus Hamburg mit seiner Mutter, Witwe nach dem unvergeßlichen Regensburger Rabbiner Dr. Seligmann Meyer, Begründer des genannten im 51. Jahrgang stehenden Orthodoxen-Blattes. Palästina stellt eine stattliche Anzahl von Kurgästen bei und jede Kurliste weist einige Gäste aus Jerusalem,. Haifa und Tei-Aviv aus, die in den größten Luxus-Hotels Wohnung nehmen. Sie stehen alle noch unter dem Eindruck des Hinscheideos Bialiks, den sie abgöttisch geliebt und verehrt haben. Jeden Montag findet im Restaurant „Fürstenhof" ein Gastspiel der „Jüdischen Kleinkunstbühne" statt, bei welcher die Wiener Künstler M. Weitz, Hilde DuKtzkaja, Ida Zwilling und A. Bell durch ihre künstlerischen Leistungen zum Lachen zwingen; es ist bestimmt nicht ihre Schuld, daß viele Gäste das Lachen verlernt haben. Die Sensation der heurigen Saison bildete das Konzert Vittoria Weinbergs. In Jerusalem geboren, entwickelte er sich in Italien zu einem berühmten Baratonisten, .Bei der dem Konzert angeschlossenen Biallk-Gedenkfcier sprach Prof. Dr. Cardio l aus Prag dem Heimgegangenen Dichter, der im Unglücksjahr 1914 in Franzensbad zur Kur weilte, ergreifende Gedenkworte. Die Freundlichkeit der Franzensbader Bevölkerung den jüdischen Kurgästen gegenüber verdient besonders hervorgehoben zu werden. Zu der Gedenkfeier für die Komponisten Smetana und Dvorak, die der Franzensbader „Deutsche Bildungsausschuß'', eine ausgesprochen nationale Vereinigung, veranstaltet hat, überreichte mir der Obmann Prof. Dr. Voit eine Vorzugskarte. Die Direktion des Stadttheaters stellte mir eine Ehrenkarte für die Saison aus. Ich konnte feststellen, daß unter den nach Franzensbad kommenden Gästen keine Neigung zum Rassen¬ oder religiösen Haß herrscht Im Warteraum des mich behandelnden Kurarztes Dr. Beermann traf ich viele christliche Patienten, die diesen Arzt konsultierten, obwohl es ihnen nicht unbekannt ist daß er Jude ist Ich besuchte den ältesten Franzensbader, den 90jährigen Ritter von Wiedermann, der die Gelassenheit des Altösterreicher bewahrt hat und unterhielt mich mit ihm lange. Er hob die Verdienste der jüdischen Kurärzte für die Entwicklung Franzensbads hervor. In rührender Ehrfurcht sprach er von den Kurärzten Friedrich Boschan und Ludwig Fürst, die, vor mehr als sechs Jahrzehnten gestorben, heute fast vergessen sind. Er jedoch entsinnt sich ihrer noch. Beide erfreuten sich der größten Beliebtheit „Um ist die Zeit", meinte R. von Wiedermann, „wo zwischen Juden und Christen Eintracht herrschte, wo nur die Begabung und nicht die Rasse für die Bewertung eines Menschen entscheidend war. Auf den Namen des Dr. Ludwig Fürst wurde im Jahre 1871 von Freunden und Verehrern ein Haus gestiftet worin seit zwei Jahren das Städtische Museum, die Bibliothek und das Archiv untergebracht sind. Die hier in den letzten Tagen stattgefundene Kultuswahl lief nicht ohne schwere Kämpfe ab. Der zum Rabb. Dr. Spitzer in Gegnerschaft stehenden Partei kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie in der Saazer „Bäder-Zeitung" einen Artikel inspirierte, der eine schwere Beleidigung des Rabbiners und des Kultusvorstandes bedeutete. Die Wahl seihst endete mit einem Sieg der Rabbiner-Partei. Darf ich den Egerer Oberkantor Armin Wiikowitsch übergehen? Er ist Mitarbeiter verschiedener jüdischer Blätter, auch. der. „Wahrheit", und genießt als Reporter des „Franzensbader Tagblattes" großes Ansehen aller auch aichtjüdischen Kreise. Franzensbad, im August 1934 - Chajim Bloch.

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