Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 35 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dleeer Nummer 30 Groschen In Deutschland verboten! ie wcmrheif mit den Veröffent Hebungen der „Union österreichischer Juden" PALESTINE&ORIENT LLOYD die WELTORGANISATION ^für PALÄSTINAREISEN Erscheint jeden Freitag VERTRETUNG FÜR■ Österreich: REISEBÜRO CITY 0R.J.H.K0RNE« \ 'WIEN,!. . KOHLMARKT 8 TELEPHON NR.U-26-+-29 MlMiBlIM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 31. August 1934 Nummer 35 Auf dem Wege zum jüdischen Weltkongreß. Die dritte Jüdische Weltkonferenz in Genf hat ihre Arbeiten programmgemäß am 23. August beendet, nachdem sie beschlossen hatte, den Ersten Jüdischen Weltkongreß für August 1935, unbeschadet der noch immer gegen die Kongreß-Idee sich geltend machenden Opposition seitens mehrerer jüdischer Organisationen, einzuberufen. Dabei wurde festgestellt, daß der Kongreß sich nicht mit Fragen religiöser Natur befassen wird. Während die Antisemiten schon seit Jahrzehnten ihre Gläubigen mit der vollendeten Tatsache einer jüdischen Weltverschwörung' ängstigen, die auf einer raffiniert ausgebauten, alle Juden umfassenden Organisation beruht, deren Leitung in geradezu dämonisch-genialer Weise die strengen „Führer'-Prinzipien des Faschismus mit den demokratischen Formen des Parlamentarismus vereint und in den famosen „Protokollen der Weisen von Zion" sogar schon ein stenographisches Sitzungsprotokoll dieses jüdischen Geheimparlaments besitzt, hinkt die nüchterne Wirklichkeit des jüdischen Lebens den Phantasieprodukten unserer Feinde so weit nach, daß es in den letzten Jahren dreier Weltkonferenzen bedurfte, um einen jüdischen Weltkongreß erst in das Gebiet der — Möglichkeit zu rücken. Dezidiertere Feststellungen wären auch heute noch vielleicht allzu optimistisch, da schon die erste Weltkonferenz, die im Jahre 1932 getagt hat, den Beschluß faßte, den Weltkongreß spätestens für den Sommer 1934 einzuberufen. Aber selbst wenn der diesmal in Aussicht genommene Einberufungstermin von 1935 wirklich eingehalten wird, sind dem Kongreß wesentlich bescheidenere Ziele gesteckt als die Aufrichtung einer jüdischen Weltherrschaft. Seine Hauptaufgabe wird vielmehr in der dringend notwendig gewordenen Abwehr einer antisemitischen Weltherrschaft bestehen, und diese Diskrepanz zwischen dem von judenfeindlichen Verleumdern ausgetüftelten Programm der „Weisen von Zion" und dem realen Diskussionsstoff des mit so vieler Mühe zustandegekommenen Kongresses — wenn er zustandekommt! — wird vielleicht der Welt, die leichtgläubig den Lügen der Hakenkreuzler auf den Leim ging, die Augen öffnen. Mit Vehemenz trat in der Schlußsitzung der heurigen Genfer Konferenz der Repräsentant des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens, Oberrabbiner Commodore Dr. Angelo Sacerdoti, jenen entgegen, die befürchten, daß die Einberufung des Weltkongresses den Schein der Berechtigung der von unseren Gegnern verbreiteten Lebende von einer jüdischen Internationale erwecken könnte: „Gerade weil, was immer wir sagen und tun mögen, die Legende geglaubt wird, daß die Juden von einem zentralen Organ geführt werden, ist die einzige uns übrig bleibende Möglichkeit die: dieses Organ zu schaffen, statt glauben zu lassen, daß es in geTieimer und verdächtiger Form besteht." Auch die übrigen Ausführungen des Oberrab-. biners von Rom waren recht beachtenswert: „Der Jüdische Weltkongreß ist eine gebieterisfche-Hotwendigkeir. In einer Welt,; in der Organisation alles bedeutet, ist es absurd, isoliert bleiben und die Notwendigkeit eines zentralen Organes des Judentums nicht fühlen zu wollen. Wo gibt es eine nationale oder religiöse Kollektivität, die ohne eine zentrale Führung imstande wäre, die gemeinsamen Kräfte in bestimmte Bahnen zu lenken, sie jedem Teil der Gesamtheit zur Verfügung zu stellen, um so zur allgemeinen Vervollkommnung beizutragen? Als glühender Bekenner der von Jerusalem ausgegangenen Religion und als ein Sohn Roms, der Stadt, die eben jetzt neue Formen des Rechts ausarbeitet, sage ich: Möge das Judentum seine geistige Einheit wiederfinden, möge es der Welt noch einmal den Glauben an Gerechtigkeit, Wahrheit, an den einig-einzigen Gott schenken!" Die Notwendigkeit eines jüdischen Weltkongresses wurde auch von der „Wahrheit" von Anbeginn verfochten und schon die erste, vor zwei Jahren von Amerika ausgegangene Anregung zur Schaffung eines solchen hat uns veranlaßt, die Richtlinien herauszuarbeiten, die allein diesem Kongreß ein gedeihliches Wirken sichern würden. Ausgehend von der Erfahrung, daß schon vor dem Weltkrieg der Gedanke eines jüdischen Weltkongresses erwogen worden, aber schließlich, nach mannigfachen Vorbesprechungen, an Differenzen ideologischer Natur gescheitert war, schrieben wir in unserer Nummer vom 20. Mai 1932: „Der Jüdische Weltkongreß', vorausgesetzt, daß er zustandekommt, wird nur dann segensreiche Arbeit leisten können, wenn er sich auf den Standpunkt der jüdischen Abwehrvereine stellt und sich ausdrücklich auf den Schutz der bürgerlichen Rechte der Juden beschränkt unter Ausschluß aller Momente, die innerhalb der jüdischen Parteien und Richtungen strittig sind. Sollte dies der Fall sein, dann könnte man darüber sachlich diskutieren, ob die Schaffung der Institution des ständigen Jüdischen Kongresses mit einer öffentlichen Tribüne nötig ist, oder ob: nicht der andere Vorschlag — dem übrigens zeitlich die Priorität gebührt —, wonach zunächst eine Spitzenorganisation der bereits bestehenden jüdischen Abwehrvereine und -Organisationen in die Wege geleitet werden soll, viel leichter, rascher und einfacher der Verwirklichung zugeführt werden könnte." Nunmehr hat die Genfer- Konferenz Programm und Zielsetzung des Weltkongresses in folgender, einstimmig angenommener Resolution festgelegt: „Es handelt sich um die Schaffung einer permanenten Repräsentanz des jüdischen Volkes in der Welt, die die Aufgabe haben wird, hn Namen des gesamten Judentums seine gemeinsamen Interessen zu verteidigen und die Rechte der Jüdischen Gemeinschaften, wo immer sie bedroht sind, zu schützen. Es ergibt sich aus dieser Zielsetzung, daß der Weltkongreß und die von ihm gewählten Instanzen keinesfalls die Aufgabe und die Kompetenz haben werden, sich mit den Fragen der inneren Politik der jüdischen Gemeinschaften in ihren verschiedenen Ländern, sowie mit Problemen der innerjüdischen Arbeit in den Ländern zu befassen.'« Während die Frage der Kongreß-Taktik also in unserem Sinne erledigt worden ist, ist unsere Anregung über die B i l d u n g ctes Kongresses leider unberücksichtigt geblieben. Der jüdische Weltkongreß soll nämlich nach dem Vorbild der Völkerbundversammlung aus Wahlen in den einzelnen Ländern hervorgehen. Wir sind überzeugt, daß die Wähler überall doch nur die längst bewährten und bekannten Funktionäre der jüdischen Abwehrvereine aller Richtungen in den Kongreß entsenden werden, so daß der Wahlakt überflüssig und angesichts der heute in vielen Ländern maßgebenden Auffassung auch g e- »üSiereDidißutundDIIlifi Ocstcrreldilsdies QDaüffifs-rommrat Ueberau erhältlich fähr lieh erscheint. Viele Repräsentanten des italienischen Judentums, die in der faschistischen Partei eine Rolle in der Politik ihres Landes spielen, werden nicht sehr erbaut über die Zumutung sein, sich um eine innerjüdische Funktion auf demokratische Art zu bewerben. Dasj zweideutige Licht, in das sie durch diesen Zwang geraten, kann sie mindestens ebenso leicht in den Verdacht der Unverläßliclikeit bringen wie die Untreue gegenüber dem demokratischen Prinzip, deren Folgen Stephen W i s e in den schwärzesten Farben ausgemalt hat. Alle Achtung vor der demokratischen Unbeirrtheit dieses Amerikaners, aber der Dank, den die Juden der Demokratie schulden, darf nicht in Undank gegen solche Staatsmänner ausarten, die Nichtdemokraten sind, aber trotzdem die Gleichberechtigung der Juden wahren. Wahlen haben nur dort einen praktischen Sinn, wo verschiedene Weltanschauungen um den Vorrang in einem Vertretungskörper kämpfen, aber nicht dort, wo Vertreter aller Anschauungen sich zu gemeinsamem Wirken zusammenfinden sollen. Und gerade d a s ist das Hauptproblem für den Weltkongreß, wenn er seiner Aufgabe gerecht werden soll. Die Zusammensetzung der Genfer Konferenz ließ in dieser Hinsicht viel zu wünschen übrig. Man sah und hörte dort hauptsächlich Zionisten. Es kann aber nicht die Aufgabe des Weltkongresses sein, bloß den Rededrang und den Geltungstrieb der Zionistenführer in den Pausen zwischen zwei Zionistenkongressen zu befriedigen. Soll die Diskussion der jüdischen Not und der Rettung aus dieser Not ernst genommen werden, dann wird sie sich von derPhrase des Allheilmittels .Palästina" emanzipieren müssen, einer Phrase, die um so merkwürdiger wirkt, je deutlicher sie von der Sabotage der britischen Mandatarmacht ad absurdum geführt wird. Man muß der letzten Genfer Konferenz Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß dort auf dem Wege zu dieser Emanzipation allerhand geleistet worden ist. Wenn wiederholt Redner aus dem zionistischen Lager die Notwendigkeit verfochten, die in Osteuropa wirtschaftlich, in Deutschland politisch entwurzelten Juden nicht nur in Palästina, sondern auch in anderen Ueberseestaaten anzusiedeln, so bedeutet dies den Bruch des zionistischen Totalitätsprinzips in bezug auf Palästina. Den Vogel schoß Stephen S. W i s e mit der gegen Hitler-Deutschland gerichteten Erklärung ab: „Wo Juden nicht mehr Volksgenossen sind, dort sind sie Parias." Diese von uns Assimilanten übernommene Warnung vor den Gefahren freiwilligen oder unfreiwilligen Abson-