Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 33 (17.8.1934)
- Date
- 1934-08-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Sejtg » medanischen Bevölkerung kommt in Beschimpfungen der Juden zum Ausdruck. Aus Sfax werden einige kleinere Zwischenfälle infolge der erregten Atmosphäre gemeldet. Letzte Meldung: Dank den energischen behördlichen Maßnahmen ist in Algerien in den letzten Tagen die Ruhe wiederhergestellt, so daß der Belagerungszustand nunmehr aufgehoben werden konnte. Der algerische Generalgouverneur Carde hat an das Innenministerium in Paris einen ausführlichen Bericht über Entstehung und Verlauf der antisemitischen Ausschreitungen gesandt. Darin wird mitgeteilt, daß bei den Verhandlungen mit dem Generalgouverneur der Führer der Mohammedaner eine Er-' klärung abgegeben habe, in der die schärfste Mißbilligung der Ausschreitungen zum Ausdruck gebracht und versichert wurde, daß von seiten der Muselmanen allesgeschehen werde, um die Wiederkehr solcher Ereignisse zu verhüten. Der Generalgouverneur nahm die Erklärung entgegen und forderte energisch, daß diesen Worten auch die Taten folgen sollen. Der Abordnung der jüdischen Gemeinde hat der Generalgouverneur die Versicherung gegeben, daß alle Schuldigen unnachsichtlich zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Von den Führern der Judenschaft verlange er, daß sie Maßnahmen zur Beruhigung der Bevölkerung treffen. Der Generalgouverneur schließt seinen Bericht mit der Ueberzeugung, daß beide Parteien die feierlich eingegangenen Verpflichtungen halten werden. Putschnachklänge* Ein jüdisches Todesopfer. In der letzten Nummer der „Wahrheit" hatte ich bemerkt, es sei leider in Oesterreich Prinzip, beim Tode verdienstvoller Juden in der Oeffentlichkeit ihr Judentum zu verschweigen. Das tragische Geschehen der letzten Juliwoche hat ein, neues Illustrationsfaktum für diese Behauptung gebracht. Wäre es nicht angezeigt gewesen, in aller Oeffentlichkeit zu betonen, der Student Hermann E i ß 1 e r, zu dessen Opfertod der Sicherheitsminister Major Fey am offenen Grabe so schöne Worte fand, sei Jude gewesen? Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und viele Christen gefragt, ob sie dies wüßten, aber keiner hatte es den Artikeln der Blätter entnehmen können, daß in den Sturmtagen als einziger Student ein junger Jude freiwillig sein Leben dem Vaterlande darbrachte. Chlothilde Benedikt * Rintelen wird Nichtarier. Nehmen wir an, Dr. Rintelen würde von der schweren Schuld, die auf ihm lastet, sich freimachen können, was natürlich nicht anzunehmen ist, und nehmen wir weiter an, er würde dorthin gehen, wohin ihn sein braunes Herz zieht, in die Hauptstadt des „Dritten Reiches", nach Berlin. Er müßte doch froh sein, sollte man glauben, dem Lande entronnen zu sein, das ihn und sein großes Führertalent so gröblich mißverstanden hat. Was dann aber geschieht, das ist für ihn schrecklich. Er wird hinaustreten in die Stadt, auf den Kurfürstendamm, er wird seine wahren Freunde sehen. Und sie, von denen er erwartet hat, daß sie ihn mit einem munteren Heil Hitler! begrüßen werden, sie werden sich abwenden. Die Frauen, die kessen Berliner Frauen, schauen durch ihn hindurch, als ob er Glas, als ob er Luft, als ob er nicht da sei. Und irgendeiner von den alten Kameraden, dem er zufällig begegnet und dem er auf die Schulter klopft, wird zurückzucken und lässig sagen, daß er sich mit Juden jungen nicht zu unterhalten wünsche. Es wird vielleicht einige Tage dauern, aber dann wird es auch Dr. Rintelen begreifen . . . Der Mann, dessen Blut seit dem 29. Juli in seinen Adern rollt, heißt Ignaz Karpeles. Er wohnt in einer Seitengasse der Taborstraße. Ist von Beruf Dienstmann und ansonsten mosaischer Religion. Wie das kam? Am 29. Juli erklärte der behandelnde Arzt, daß Rintelen nur noch durch eine Bluttransfusion gerettet werden könne. Nach kurzer Konsultation wurde die Blutsklasse des Patienten festgestellt, ein Blutspender geholt, eben der jüdische Dienstmann Ignaz Karpeles — in der Frühe des 30. Juli ist Rintelen operiert worden. Mit Erfolg, in vier Wochen wird er, so heißt es im letzten Bulletin, das Bett verlassen können. Die österreichische und außerdeutsche Presse hat über den Anteil Ignaz Karpeles an Rintelens Leben bereits berichtet — noch schweigen die reichsdeutschen Blätter. Aber sie werden losbrechen voll heiligen Zorns. Sie werden nach Rache schreien! Denn was diesem aufrechten Nationalsozialisten, diesem Edelmann aus altem westfälischen Geschlecht geschehen ist, das hat nicht seinesgleichen in der Weltgeschichte. Die Wiener Aerzte, schlimmer denn Henkersknechte, haben einen Mann geschändet, der nach gut teutonischer Meinung besser war als irgendeiner im Donauraum. Sie haben sein Blut vergiftet, sie haben — die Feder zittert Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art ll.f Rotenkreuzgasse 3 Tel. A 43-5-37 in unserer Hand — sie haben einen arischen Edeling auf operativem Wege zum Nichtarier gemacht. Denn so sehr alle wahrhaft Deutschen mit Rintelen fühlen — die Tatsache steht fest, an ihr ist nicht zu rütteln: der weiland österreichische Botschafter in Rom, der Vertraute der deutschen Regierung und stramme Antisemit ist zum Bastard geworden. Sein Blut ist zersetzt, sein Denken verwirrt, sein Wollen muß einen anderen verräterischen Weg nehmen, er war ein deutscher Mann, in den Augen Julius Streichers ist er ein Lump geworden. Anton Rintelen, der Führer der österreichischen Nationalsozialisten, muß also aus dem Lande seiner Sehnsucht emigrieren. In deutschen Landen ist für ihn, den Nichtarier, kein Platz. Er kann nicht Nachtwächter werden, geschweige denn ein Amt bekleiden, das seiner Vorbildung, seiner Karriere, seinem Ehrgeiz entspricht. Um Hindenburgs Tod. Die letzte Lektüre. Wie aus Neudeck gemeldet wurde, hatte Hindenburg vor seinem Tode noch einmal in einem Spruchbuche gelesen und den folgenden Spruch unterstrichen: „Mit der einen Hand führten sie das Schwert, mit der anderen arbeiteten sie." Wo steht dieser Spruch? Der Spruch — oder doch ein inhaltlich gleichbedeutender Spruch — steht in der Bibel, im Alten Testament; aber nicht in den allbekannten, in jedem Gesangbuch und Gebetbuch verzeichneten Büchern, den Psalmen etwa oder den großen Propheten. Nein, er findet sich in dem weniger bekannten Buche des N e h e m i a, des Sohnes Hachalja, des Mundschenk beim König Artaxerxes in Susa der Stadt (Neh. cap. IV, II). Und er spricht von den geringen LeopoldslHdter Tempelverein „AESCHEL 4WHOHOM", IL. Pazmanitengasse 6, Telephon R 47-8-63. Zur Erinnerung an die Einweihung des Tempels findet am 1. Selichot-Tage (2. September) eine Stiitungstrauunjj iür Waise im Tempel. II., Pazmanitengasse 6. statt. Bewerber wollen ihre Gesuche an die Tempelkanzlei bis 26. August einsenden. Der Vorstand. Hand taten sie ihre Arbeit und mit der anderen rührten sie das Schwert . . . Es ist gewiß für uns bewegend, daß Hindenburg auf seinem Totenbett von einem jüdischen Bibelwort so tief berührt wurde, daß die Hand des Todesnahen die Worte, die über Jahrtausende zu ihm drangen, unterstrich. * Die Aerzte. Ueber die Einstellung des „Great old Man" Deutschlands zum Antisemitismus ist man nie recht klar geworden; aber sämtliche vier Aerzte, die aus Berlin ans Krankenlager Hindenburgs gerufen wurden, sind jüdischer Abstammung, wie die Urologie seit den Tagen ihres Neugründers Leopold v. Di11e 1 und Josef Grünfelds in Wien fast als eine Spezialdomäne des Judentums erscheint. So hat der gegenwärtige Herrscher des 66 Millionenvolkes die ersten Nachrichten, die zu seiner „Thronbesteigung" führten, aus dem Munde eines Judenstämmlings, Sauerbruchs, erhalten. „Pour le Merite". Zu dem in der letzten Nummer unseres Blattes unter obigem Titel erschienenen Aufsatz, der die Heldentaten des jüdischen Fliegerleutnants Wilhelm F r a n k I schilderte, teilt uns Komm.-Rat Albert Fr an kl folgendes mit: „Fliegerleutnant Wilhelm F r a n k 1 entstammt einer alten jüdischen Preßburger Familie. Er führte den Namen seines Großvaters, des Stadtrepräsentanten Wilhelm Frankl, Gründers und langjährigen Präsidenten der israelitischen Religionsgemeinde zu Preßburg. Sein Vater Emil Frankl ging in jüngeren Jahren nach Hamburg, heiratete eine Hamburger Jüdin aus guter Familie, verblieb daselbst und hielt die Beziehungen zum Elternhause in Preßburg immer aufrecht. Er war der Bruder meines Vaters; Leutnant Wilhelm Frankl war demnach mein Cousin. Die Mutter des Leutnants Frankl lebt in Frankfurt, sie war vor nicht zu langer Zeit in Wien zu Besuch bei ihrem Sohne Hermann Frankl, der hier als Kaufmann etabliert ist. Mit Stolz trägt sie den Orden Pour le Merite ihres abgestürzten Heldensohnes und weist darauf hin, daß ihr das Tragen desselben noch vom deutschen Kaiser während des Krieges bewilligt wurde." und verspotteten Juden, die mit Nehemia zurückkamen aus der Gefangenschaft nach Jerusalem und die Mauer, die zertrümmerte, wieder aufbauten und die Tore wieder aufrichteten, die das Feuer zerstört hatte. Sie bauten die Mauern und trugen die Steine heran . . . und mußten sich gleichzeitig wehren gegen die von allen Seiten anstürmenden Widersacher. Und also steht es dort geschrieben: Sie alle, die an der Mauer bauten und die Lasten aufluden und herbeischafften: mit der einen Strohwitwer. Achtuns! Der beliebte Treffpunkt aller Strohwitwer ist das Restaurant Hotel Stefanie, Wien IL, Taborstraße 12. der durch seine vortreffliche Küche bei billigen Preisen und durch den angenehmen Aufenthalt im schönen und schattigen Garten eine große Anziehungskraft ausübt. E. Eigenes jüdisches Referat im Wiener Volksbildnngswesen. Die „Rathauskorrespondenz" meldet: Innerhalb der Wiener Volksbildungsbewegung kommt der besonderen jüdischen Volksbildungsarbeit mit Rücksicht auf die Zahl der jüdischen Bewohner Wiens eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Daher hat der Wiener Volksbildungsrefernt eine eigene Stelle dafür geschaffen und im Einvernehmen mit dem Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde diesen Posten mit Prof. Dr. Kaiman Kupfer, dem langjährigen Religionslehrer an den Mittelschulen und israelitischen Seelsorger, besetzt. Bereits 'bestehende jüdische Bildungsstellen und Körperschaften wurden für die Mitarbeit schon gewonnen. Im Herbst sollen sämtliche jüdischen Volksbildungsinstitute und Volksbildungsvereine herangezogen und neue jüdische Volksbildungskurse gegründet werden, die zur Neubelebung und Förderung der jüdischen Volksbildung im Sinne der Religion und der vaterländischen Aufgaben der Judenschaft führen werden. * Wir registrieren vorderhand obige interessante Meldung ohne jeden Kommentar, da wir die Motive dieser Gründung erst näher kennen lernen wollen. In der nächsten Nummer unseres Blattes wird sich auf Grund eines informativer: Artikels' von Prof. K. Kupfer hierzu Gelegenheit bieten.