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Die Wahrheit · 1934-08-17 · Heft 33 (17.8.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 33 (17.8.1934)
Date
1934-08-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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•w: RESTAURANT D1LLET im beslrcnommlerte Küche Reichhaltige Menüs ä S 1.90 und 2.60. Sehweohater Brün H., Banuiicr>PavtfstalU. 3 (nächst Saiztorbrficke)_Telephon A 41-0-25 alehem ha-archivar . . ani schoel () liktob elav. b'simcha schamati hejoto () . . ." So wie ich jene beiden Talmudstellen aus Raumrücksichten nur möglichst knapp behandeln konnte, so beschränke ich mich auch hier auf die notwendigsten Korrekturen, deren Stellen ich durch Klammern 0 anzeichne: wehinneni — kitbe — enam (enemo nur biblisch-poetisch) — scholet bahem — ela nimzaim — mebakkesch — ki atta. Des Hebräischen Kundige, und ich hoffe bestimmt auch Sie, sehr geehrter Herr Professor, werden es hiernach begründet finden, daß ich, wie Sie es ausdrücken, Ihnen „die Fähigkeit bestreite, über den Talmud ein objektives Urteil zu fällen". Um aber auf Ihr Gleichnis zurückzukommen, erlaube ich mir nochmals, Ihnen für Ihre Wanderungen auf dem Gebiete des Talmuds einen Führer zu empfehlen. Ohne Führer übersieht man leicht Wichtiges und was man sieht, sieht man oft in ungünstiger Beleuchtung. Auf Bergpartien stürzt man gar mitunter unversehens in Gletscherspalten. Das gilt von dem nicht selten schwierigen Gelände des Talmuds in solchem Maße, daß Talmudisten (Berakot 47 b) den Grundsatz aufstellten: „Umgang mit Gelehrten ist mehr wert als Bücherwissen." Und da Sie betonen, Ihre Talmudkenntnis „nicht als Jude, sondern als Christ" erworben zu haben, so sei mir gestattet, Sie, wenn Sie Joh. Chr. Wagen seil aus der „Geschichte der Stadt Wien", 5. Bd., oder sonst nicht bereits kennen sollten, auf diesen Christen hinzuweisen, der vor mehr als 250 Jahren in Wien gelebt, als Schüler jüdischer Talmudgelebrter und im Verkehr mit ihnen der beste christliche Talmudkenner seiner Zeit geworden ist Wagenseil ging im Wiener Ghetto ein und aus. Später, als Professor nach Deutschland berufen, korrespondierte er noch — in fließendem Hebräisch — mit seinen jüdischen Freunden. Die kündigten ihm aber die Freundschaft, als er sich eines Tages als Antisemit entpuppte. Aber gerade darum, weil er als Judenfeind auftrat, ist das, was er trotzdem über Talmud und Judentum im allgemeinen geschrieben hat, als Beweismaterial um so höher zu schätzen. In einer seiner Schriften empört sich Wagenseil darüber, daß „man die Juden ohne Grund blutig schiäst, auf der Straße mit Kot, Steinen. Schneebällen bewirft und mit Wasser begießt, ihren Gottesdienst gewaltsam stört, sie vieler Verbrechen fälschlich bezichtigt, sonderlich aber, daß sie Christenblut zu ihrem Bedürfnis haben müssen, daß man sie, soviel man kann und mag, bestiehlt, übervorteilt und betrügt, auch sich dessen sogar öffentlich berühmt, daß man sie vor Gericht ungerecht behandelt, ihnen die Bärte anzündet, mit ihnen ärger als mit Hunden verfährt" In einer anderen erzählt er. daß ihn oft christliche Kaufleute versicherten, daß ein Jude in seinen Wechseln und anderen Verbriefungen unbedingt zuverlässig sei; es wäre ja auch „sonst um seinen Kredit und all sein Heil und Wohlfahrt geschehen". Besonders rühmt Wagenseil die jüdischen Aerzte als „erfahren und treu" und wie sie sich „der Christenkurierung äußerst angelegen sein lassen", der christlichen Patienten wegen sogar das Sabbatgebot verletzen, was sie sonst auch um den Preis ihres Lebens nicht tun würden. „Der Juden Talmud", sofern die Mischnah in Betracht kommt, ist, nach Wagenseiis Urteil, „ein von Fabeln und Torheiten, auch Lästerungen gegen den Herrn Christum gänzlich befreites und über die Maßen herrliches Werk". Aber auch aus der Gemara sei zu ersehen, daß die Juden, wie zu allen Zeiten, „in Apologien. Gleichnissen. Rätseln und lehrreichen Fabeln vor anderen Nationen Meister gewesen". jSie bieten das wirksamste Mittel gegen Melancholie, „haben aber das Gute an sich, daß sie kein böses Geschwätz, so gute Sitten verderbet, sondern wie zur Lust dienende, also auch zu Tugend und Ehrbarkeit anweisende Sachen enthalten, welches mit anderer Völker Erzählungen und Mythologiis nicht so beschaffen". Wagenseil beruft sich auf „des großen Grotius" Schrift von der Wahrheit der christlichen Religion, „daß die Juden weder falschen Göttern dienen, noch sich mit Mord oder Ehebruch und dgl. beflecken, sondern mit Beten und Fasten Gott zu versöhnen suchen". „Und sollte wohl," fährt er fort, ..in der ganzen Christenheit nur eine einzige Stadt oder auch ein Dorf zu finder sein, von demmandiesesmitgleichemFug rühmen könnte? Es wären aber die Juden gar zu glückselig, wan nit auch je zuweilen irgendein Boswicht oder Uebeltäter sich unter ihnen finden sollte, welches zwar sehr selten geschieht und wegen der Ungewohnheit in keine Achtung gezogen werden kann. Kaum aber ein einziger Jude einmal etwas begangen, so wird die Schuld der ganzen in der Welt befindlichen Judenschaft beigelegt und auf die vergangene, gegenwärtige und alle künftige Zeiten gezogen und müssen alle Juden dessen immerdar entgelte n." Sie werden mir, sehr geehrter Herr Professor, zugestehen, daß solche Worte eines solchen Gegners, Worte, die aus weltbekannten Werken sich vervielfachen lassen, geeignet sind, in den Augen der Juden, die zum großen Teil dem Talmud für die Erhaltung ihres Stammes und Glaubens und Trost in ihrem schweren Dulderdasein Dank wissen, das Ansehen dieses Werkes — einer längst vergangenen Zeit und durchaus nicht frei von längst überholten Anschauungen — womöglich noch zu steigern. Und wenn Sie mich auf das Neue Testament verweisen, so bin ich Ihnen nur dankbar für diesen Anlaß zu bekennen, daß wir Juden den Ehrgeiz haben, nicht nur wie gute Christen, sondern womöglich besser als die besten nach alldem zu leben, was das Christentum an Gutem und Schönem von seiner jüdischen Mutter empfangen hat. Erst kürzlich las ich Papinis „Lebensgeschichte Christi", dieses hinreißend geschriebene Meisterwerk eines echten Dichters, mit wahrem Stolz auf den kernjüdisch-talmudischen Geist, den so manche dieser Seiten ausstrahlt. Wie gern möchte man als Jude unter solchem Eindruck jedem Christen die Bruderhand hinstrecken mit einem herzlichen: Soyons amis, Cinna! Als ständiger Rezensent des Kitteischen „Theologischen Wörterbuches zum Neuen Testament" bin ich mir aber auch doppelt der Vorsicht bewußt, die bei der Beurteilung von Schriften Verwöhnte Strohwitwer speisen vorzüglich im IttD RESTAURANT HOTEL STEFANIE TttÖ IL, Taborstrafic 12, Tel. R «6-5-57 Reichhaltige Menüs von S 1.60 anfw. Täglich frische Fische. Speisen am Rost. Schöner schattiger Garten einer anderen Religion auf Schritt und Tritt geboten ist. Fast jedes Wort erfordert da zu seinem gründlichen Verständnis ein Spezialstudium. Und an jedem dieser Worte hängen doch Tausende gläubiger Menschenherzen. Deshalb verüble ich es Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, durchaus nicht, wenn Sie in Ihren Aufsätzen dem Talmud, wie ich ihn verstehe, meines Erachtens nicht ganz gerecht geworden sind. Irren ist menschlich. Dafür erhoffe ich von Ihrer Talmudschrift mehr Vorsicht und — Rücksicht. In omnibus Caritas! Und so darf ich zum Schlüsse mit der Bitte um Verzeihung, wenn eines oder das andere meiner Worte Sie — wahrhaft unabsichtlich! — verletzt haben sollte, wohl den Wunsch verbinden, daß unsere Kontroverse gute Früchte tragen möge im Sinne des Talmudwortes (Abot V, 7): „Jede Kontroverse um der guten Sache willen bringt Heil von Bestand." Mit dem Ausdrucke der Hochachtung Dr. Max GrunwakL Der Posrom von Constantine. Die durch die JTA einlaufenden Schilderungen über die Einzelheiten der blutigen Ereignisse in Constantine geben das Bild eines furchtbaren Pogroms, bei dem in bestialischer Weise eine große Anzahl Juden, darunter Frauen und Kinder, niedergemetzelt wurde. Man nimmt an, daß gewerbsmäßige Hetzer die Arrangeure sind. Die Leichen der Opfer, unter denen Greise und Kinder sind, weisen fürchterliche Verletzungen auf. So sind an manchen Leichen eine Unzahl von Messerstichen über den ganzen Korper, bei anderen eingeschlagene Schädel zu sehen. Die Zahl der Toten, die offiziell mit 27 und die der Verletzten, die mit etwa 20 angegeben wird, dürfte laut privaten Mitteilungen wesentlich hoher sein. Die angegriffenen Juden hatten sich verzweifelt gewehrt, konnten aber ihrem schrecklichen Schicksal nicht entgehen, da nicht rechtzeitig Hilie kam. ~~ Am 8. August wurden in Constantine die bei den Pogromausschreitungen getöteten Juden beigesetzt. Auf Anweisung von behördlicher und jüdischer Seite geschah die Beisetzung in aller Stille unter Bewachung durch Militär und Polizei. Ueber die furchtbaren Einzelheiten der Schreckenstage meldet der nach Constantine entsandte JTA-Vertreter:-^ r- Als ich in Constantine eintraf, bot sich mir ein Bild des Schreckens. Ich sah jüdische Mädchen mit abgeschnittenen Brüsten, kleine jüdische Kinder mit tödlichen Messerstichen, ganze Familien, die, in ihre Häuser eingeschlossen, mit diesen zu- TAPEZIERER ZERKOWITZ Werkstätte für moderne Möbel sowie aller Reparaturen in bester Ausführung und Material Spezialist Im Tapezieren von Wohnungen und Lokalen unter Garantie. I., Neutorgasse 18. Tel. U 23-8-28. Wohnung: Tel. U 22-7-31 Werkstätte: I., Seitenstettengasse 2_ sammen verbrannten, alte gTaubärtige Juden mit Wunden übersät. Es wird Tage dauern, bevor die Welt ein Bild all der Scheußlichkeiten erhält, die wahrend des Pogroms sich ereigneten. Die Listen der Toten und Verwundeten, die in die Hunderte gehen, ist noch nicht endgültig zusammengestellt, aber die Hospitäler sind überfüllt mit jüdischen Opfern und ihre Tore belagert mit Ehefrauen und Müttern, die erfahren wollen, ob ihre verschwundenen Männer und Kinder unter den Toten und Verwundeten sind oder ob sie aus der Stadt geflohen und noch nicht zurückgekehrt sind. Das Judenghetto gleicht einem Trümmerhaufen und ist von Militär stark bewacht. Die meisten Häuser sind gänzlich verödet. Zwei der bekanntesten jüdischen Familien, Haiini und Dadoun, sind vollkommen ausgerottet. Der jüdische Buchdrucker Attali, dessen sämtliche Kinder getötet wurden und der selbst, ebenso wie seine Frau, schwer verwundet ist, erzählte mir, die von den Arabern während des Pogroms verübten Brutalitäten wären fürchterlicher gewesen als die spanische Inquisition. Ich selbst sah zwei jüdische Mädchen, denen die Brüste abgeschnitten worden waren und die mit dem Tode rangen. Die Behörden sind der Ansicht, daß die Ordnung nunmehr bereits vollkommen wieder hergestellt ist. Die Lage ist aber noch immer äußerst gespannt. Deshalb bleiben die Läden an den Fenstern der jüdischen Häuser weiterhin geschlossen. Die Aerzte in den überfüllten Krankenhäusern erklären, sie hätten selbst im Kriege nicht so gräßliche Verletzungen gesehen wie bei den Opfern des Massakers. Aus den noch immer einlaufenden -Schilderungen der Entsetzen erregenden Niedermetzelung der Juden in Constantine und den umliegenden Orten ist zu ersehen, daß dieser Pogrom die in Algier, Tunis und Französisch-Nordafrikä bisher öfter aufgetretenen antijüdischen Ausschreitungen an Furchtbarkeit weit übertrifft. Als Ursache der antisemitischen Ausschreitung gen bezeichnet die französische Presse der Linken die faschistische Propaganda, während die Presse der Rechten sie in religiösem Fanatismus und kommunistischen Treibereien sieht. Die Londoner „Times" erklärt in ihrem Bericht über die Vorfälle in Algerien, das Massaker sei offenkundig planmäßig vorbereitet gewesen. Das sei daraus zu ersehen, daß die Mohammedaner, um keinen Verdacht zu erwecken, zu zwei bis drei Mann ins Judenviertel kamen. In dem Bericht der „Times" heißt es weitet, die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser seien systematisch angegriffen, geplündert und beschossen worden, die Bewohner habe man auf die Straße geschleppt und dort ohne Rücksicht auf Altep und Geschlecht wie Schafe hingeschlachtet. Der Generalgouverneur von Algerien, C a r d e, hat einen Appell an die Bevölkerung erlassen, den Frieden aufrechtzuerhalten. Es wurde eine Sammlung für die Familien der Opfer eröffnet. Photographische Aufnahmen, die aus Constantine eintreffen, zeigen das jüdische Viertel in einem Zustand unbeschreiblicher Verwüstung. Juden wandern wehklagend unter den Ruinen ihrer Häuser umher. Die Straßen sind besät mit zertrümmerten Möbelstücken und von den Plünderern zurückgelassenen Gegenständen. Truppen graben Leichen aus den Trümmern. Militärpatrouillen sind auf der Wacht, um Plünderungen der verlassenen Häuser zu verhüten. Die gesamte jüdische Bevölkerung ist ruiniert. Der durch die Plünderungen angerichtete Sachschaden wird amtlich auf mehr als 50 Millionen Francs geschätzt. In Tunis wird befürchtet, daß die algerischen Unruhen auch auf die Mohammedaner in Tunis übergreifen könnten. Es werden entsprechende Vorbeugungsmaßnahmen getroffen. Die feindselige Stimmung mancher Kreise der moham- Abgebauter Bankbeamter sucht wegen trister wirtschaftlicher Lage jede jede nur mögliche Stellung, Unter nArbeitswillig" an das Sekretariat der „Union«« IX., Berggasse 4

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