Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 33 (17.8.1934)
- Date
- 1934-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Ütf.i -'. ." ■ -. Ein Wort über die Ethik des Talmuds an Herrn Theologiejprofessör Dr. Severin Grill 0. Cist. Sehr geehrter Herr Professor! In der „Schöneren Zukunft" vom 22. Juli d. J. beantworten Sie unter dem Titel „Um die Ethik des Talmuds" meinen Offenen Brief in der „Wahrheit" vom 29. Juni. Sie schreiben: „Zu einer objektiven Aussprache über das Thema .Ethik des Talmud' ladet nicht zuletzt der vornehme Ton ein, den Sie in Ihrem Briefe bei aller Gegensätzlichkeit unserer Weltanschauung angeschlagen haben." Dieser Ton ist nicht als mein Guthaben zu buchen. Er kommt auf das Konto des Judentums mit seiner Hochschätzung geistiger Bildung. Beim Anblick eines Vertreters wissenschaftlicher Forschung hat der Jude jedesmal den Segen zu sprechen: „Preis dir, o Herr, der du von deiner Weisheit gegeben Wesen aus Fleisch und Blut!" Das jüdische Religionsgesetz gebietet aber auch, gemäß Leviticus 19, 14, den Ahnungslosen vor einem Fallstrick zu warnen. Und dies allein bestimmt mich, noch einmal mein Wort an Sie zu richten. Und zwar wieder auf diesem Wege. Meine Einladung zu persönlichem Gedankenaustausch hat augenscheinlich bei Ihnen keinen Anklang gefunden. Noch einmal, obwohl Ihre Antwort in die Worte ausklingt: „Ich schließe mit der ergebenen Bitte, auch meinen Ausführungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und zum Abschluß unserer Kontroverse gütigst Römer 9—11 durchlesen zu wollen." Vor einem Ihnen drohenden Fallstrick Sie zu warnen, ist also der Zweck der folgenden Zeilen. Sie künden nämlich „eine demnächst erscheinende Schrift" an, in der Sie noch ausführlicher „vor der Masse der Laien darauf hinweisen wollen, daß der Talmud auch schöne Züge enthält". Dieses „auch" macht mich, wenn ich mir Ihre beiden Zeitungsaufsätze vor Augen halte, besorgt. Besorgt für die Sache, besorgt aber auch — um Sie. Ja, um Sie, sehr geehrter Herr Professor! Der versöhnliche Geist, der aus Ihrer Antwort spricht, bewegt mich dazu. Sie wollen in Ihrer Schrift sicherlich wiederholen und womöglich vermehren, was Sie an weniger ansprechenden Zügen am Talmud entdeckt zu haben glauben. Ihre amtliche Stellung würde Ihren Worten gerade vor der Masse der Laien besondere Autorität verleihen. Vor dem Forum der Wissenschaft würden Sie aber erfahren, was Mendelssohn anwortete, als Friedrich II. ihn wegen der Kritik eines seiner Werke zur Rede stellte: „Wer öffentlich schreibt, muß sich Kritik gefallen lassen, wie der, der Kegel schiebt, das, was der Ansager ausruft." Und die Kritik wird und muß gegen Sie sprechen, wenn Sie ohne fachmännische Beratung sich wieder, auch wenn „mit Vermeidung offensichtlicher Hetzschriften", auf Uebersetzungen — traduttore traditore! — verlassen. Das wird aber mehr Schaden stiften, als alle Nachsicht gegen den Talmud um seiner „auch schönen Züge" willen nützen kann. Der Gesamteindruck, den Sie vom Talmud gewonnen haben und wiedergeben werden, wird zu agitatorischem Mißbrauch verleiten. Und, sehr geehrter Herr Professor, ich, der ich nicht wie Sie auf ein© „fast 20jährige Beschäftigung" mit diesen Gegenständen, sondern auf ein Mehrfaches davon zurückblicken kann, ich darf Sie wohl erinnern, daß seit dem Mittelalter noch jeder Angriff auf das Judentum in einer Hetze gegen die Geistlichkeit sich fortgesetzt und schließlich zu einer Gefährdung aller staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung geführt hat. Schon aus diesem Grunde ist es meines Erachtens gerade jetzt dringend geboten, daß Christentum und Judentum, die Erben der Propheten, die Großsiegelbewahrer der göttlichen Offenbarung, eng zusammenhalten. Sonst bricht unfehlbar der Damm, der unsere von allen Furien gepeitschte, von allen Dämonen des Hasses aufgewühlte Zeit allein noch vor der Sturmflut des Chaos bewahrt! Den Fallstrick, vor dem ich Sie warnen will, haben Sie unbewußt sich selbst gedreht. Es ist Ihre Ueberzeugung, daß Sie berufen seien, „zum ersten Male" öffentlich ein objektives Urteil über den Talmud abzugeben. Gerade diese Ueberzeugung aber, die ich als durchaus ehrlich und s u bjektiv fest gegründet erkenne, halte ich für Pflicht, Ihnen zu erschüttern und als obunhaltbar zu erweisen. (Heiligenkreuz). „Sie bestreiten die Richtigkeit PALESTINE&.ORIENT LLOYD die WELTORGAN ISATION äFün PALÄSTINAREISEN Sie schreiben: meiner Zitate. Ich behaupte, daß die zitierten Stellen Erubin VI, 1, Kidduschim (soll heißen: Kidduschin, so schon in meinem Offenen Brief berichtigt) 4, 13 der Sache nach das besagen, was ich erklärt habe." Somit bleibt mir nichts anderes übrig, als diese Zitate hier allgemein verständlich zu machen. Der Talmudtraktat Erubin handelt von der religionsgesetzlichen Bestimmung, daß man wohl am Sabbat nur innerhalb des privaten Wohnbezirkes Gegenstände tragen dürfe. Doch können jüdische Nachbarn, die sich unter dieses Gebot stellen, durch eine Vorkehrung (Erub) ihre Wohnungen zu einem Bezirke vereinen, auf den das Verbot des Tragens am Sabbat ebensowenig wie auf den Wohnbereich eines einzelnen Juden Anwendung findet. An der zitierten Stelle VI, 1 disputieren nun Gelehrte darüber, ob sich auch die Wohnung eines Heiden, also eines Menschen, für den jenes Sabbatgebot ja gar nicht gilt, zu einer solchen Wohnungseinheit hinzuziehen lasse. Da aber doch bei einem Heiden diese selbstverständliche Voraussetzung, der Consensus omnium für diesen Fall, nicht statthaben kann, konnte auch in jener Diskussion die Majorität natürlich nicht anders als negativ entscheiden. Im Verlauf dieser Kontroverse wird nun von einem der Disputierenden gelegentlich eine Meinung zitiert, daß der Hot eines Heiden als Viehstall zu betrachten sei. Unverständlich ist es mir, wie Sie, Herr Professor, hier das „Haus eines Nichtjuden" haben entdecken und entgegen meiner Berichtigung jetzt noch immer aufrecht erhalten wollen. Aber selbst dann, wenn hier „das Haus eines Nichtjuden" stünde, würde jeder, der den Orient kennt und jemals eine Felachenbehausung gesehen hat, in dieser Bezeichnung nur die Wiedergabe des wahren Tatbestandes und absolut keine Herabsetzung von Christen oder anderen Nichtjuden erblicken können. Doch heißt es, ich wiederhole es, in Wirklichkeit hier nicht „dirat goj" (Wohnung eines Heiden), sondern „chatsero scheJ goj" (Hof eines Heiden). Und nun zur anderen Stelle, die Sie ungeachtet meines Einwandes „in der Sache" zutreffend wiedergegeben haben wollen. Kidduschin IV, 13 lehnt — wohlgemerkt: in jüdischen Schulen — Junggesellen als Schullehrer ab. Hier ist, wie ich schon im Offenen Brief feststellte, nicht mit einer Silbe von Nichtjuden die Rede, fjcft Am supüedeu^ mit JMet liama. 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Da es nun nicht, wie Sie anzunehmen scheinen, einen „amtlichen" und einen nicht amtlichen Talmud gibt und diese beiden von Ihnen zitierten Stellen in allen (übrigens was Ihnen entgangen ist, durchwegs gleichpaginierten) Ausgaben, auch in der von Ihnen benützten Goldschmidtschen Uebersetzung übereinstimmend lauten, kann ich, wie gesagt, beim besten Willen keinen sachlichen Grund entdecken, weshalb Sie an Ihrer unbegründeten Auffassung festhalten. Erklären kann ich mir diese Beharrlichkeit nur aus einer subjektiven Einstellung. Althergebracht ist ja in gewissen Kreisen ein Vorurteil, das durchaus in jüdischen Religionsquellen absprechende Urteile über das Christentum voraussetzt. Ich könnte Ihnen nun eine Menge von Aussprüchen rabbinischer Autoritäten anführen, die die Grundlosigkeit dieser Voreingenommenheit beweisen. Doch hat schon vor vierzig Jahren einer der führenden Geister der jüdischen Orthodoxie, Rektor D. Hoffmann in Berlin, erschöpfend „Ueber das Verhältnis der Juden zu Andersgläubigen" und ganz speziell über den Ihnen so christenfeindlich erscheinenden Schulchan aruch geschrieben. Nur einen streng traditionstreuen Altonaer Juden aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, den Rabbiner Jakob Emden, bitte ich zu beachten. Er schreibt in Uebereinstimmung mit anderen Autoritäten: „Kein Jude hält einen Christen für einen Götzendiener. Der Stifter der christlichen Religion hat der Welt eine doppelte Wohltat erwiesen. Auf der einen Seite hat er mit aller Kraft die Lehre Moses befestigt und ihre ewige Verbindlichkeit mit Nachdruck betont, auf der anderen hat er den Heiden eine große Wohltat erwiesen, indem er den Götzendienst von ihnen entfernte, sie zu den sieben Geboten der Noachiden (nach dem Talmud die Grundgeböte der Menschlichkeit) verpflichtete und ihnen Sittenlehren gab. die an Rigorosität über die Tora hinausgehen. Die christliche Kirche unserer Zeit darf man als einen Verband zur Ehre Gottes bezeichnen, mit dem Zweck, in der ganzen Welt zu verkünden, daß es nur einen Gott gibt, der Herr über Himmel und Erde ist Deshalb hat dieser Verband Bestand, weil seine Mitglieder dem wahren Gott und seiner Lehre Ehre erweisen und seinen Ruhm unter den Völkern verbreiten, die ihn nicht kennen. Der Lohn für diesen edlen Willen wird nicht ausbleiben." Ihre Beschäftigung mit jüdischer Geschichte hat ohne Frage hingereicht, Sie mit dem beispiellosen Leidensschicksal der Juden bekannt z/i machen. Wer könnte es danach nicht menschlich begreiflich finden, wenn man z. B. in den Testamenten der jüdischen Märtyrer der Kreuzzügft. Lieblosigkeiten gegen ihre Verfolger begegnen würde? Aber gerade diese, doch nur für die Hinterbliebenen bestimmten intimen Aufzeichnungen atmen eine Versöhnlichkeit und Menschenliebe, die ich in den Literaturen anderer Völker vergebens gesucht habe. Sie, Herr Professor, brauche ich doch gewiß nicht an die Aussprüche kirchlicher Autoritäten über Heiden, Juden, Ketzer, an die Inquisition und manches andere zu erinnern, wenn Sie gerade dem jüdischen Schrifttum Stellen verargen, die Ihnen lieblos erscheinen. Und selbst wenn Sie solche entdeckt hätten, wo in der Geschichte fände man nicht Menschliches, zumal als Reaktion auf Unmenschlichkeiten? Sie vergleichen sich mit einem Reisenden, der nach langjährigem Aufenthalt in fremdem Lande doch befugt sei, über Land und Leute zu berichten. Lassen Sie, sehr geehrter Herr Professor, mich gleichfalls mit einem Gleichnisse antworten. In einer Gesellschaft erzählte einer von seiner Reise nach Amerika. Er begann mit Hamburg. Zufällig war ein Hamburger zugegen. Der warf ihm ein: „Amerika kenne ich nicht. Aber nach dem, was Sie da von Hamburg erzählten, weiß ich, was ich von Ihrer Schilderung Amerikas zu halten habe." Der Erzähler mag nun wirklich in Amerika gewesen sein. Aber um Land und Leute so kennen zu lernen, daß man nicht wie der berühmte Ploetz- Engländer alle Franzosen nach seinem Pariser Zimmerkellner beurteilt, dazu gehört unbedingt eines: Die Kenntnis der Landessprache. Und ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Professor, vielmals um Verzeihung — aber amicus Plato, magis amica veritas — wenn ich bei meiner Ansicht beharre, daß Sie nicht nur im Talmud, sondern — und das wäre etwa das Hamburg Ihrer Reise — daß Sie überhaupt im Hebräischen nicht so heimisch sind, daß man Ihre Ueberzeugung von Ihrer Berufung zum Kritiker des Talmuds zu Recht bestehen lassen könnte. Diese Feststellung hat, meinem Empfinden nach, durchaus nichts Verletzendes. Ebensowenig, wie wenn man mir etwa den Mangel an dogmengeschichtlichem Wissen vorhielte. Da aber nach Ihrer Zurückweisung meiner Berichtigungen diese, wenn ich mich nicht rechtfertigte, vor der Oeffentlichkeit als unzutreffend erscheinen müßten, sehe ich mich gezwungen, so sehr es mir gegen das Gefühl geht, mich jetzt eines Beweises zu bedienen, den ich in meinem Offenen Briefe in Erwartung privater Begegnung nicht verwendet habe. Am 20. Juni d. J. brachte mir ein Bekannter eine von Ihnen am 18. an ihn gerichtete hebräisch geschriebene Postkarte mit der Bitte, sie ihm zu übersetzen. Es handelte sich um eine Anfrage, ob ein bestimmter Akt sich im Besitz des Heiligenkreuzer Stiftes befinde. Ihre Antwort auf dieser Postkarte lautet: „et miktabo kibbalti b'simcha w'hinne oti () oneh nVhera: k'tube 0 mischpat enemo 0 ba-bibliothek waani lo 0 moschet Ö alehem wanimze'u () ba-archiv umoschel Ö