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Die Wahrheit · 1934-08-17 · Heft 33 (17.8.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 33 (17.8.1934)
Date
1934-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Glaubensbrüdern eine rechtlich gesicherte ""Heimstätte ini Heiligen Lande zu scharfen, die größten Opfer bringen, wünscht die Palästina-Regierung, daß die Hauptnutznießer dieser jüdischen Opfer die — Araber sein sollen. Sie läßt die deutschen Juden nur vereinzelt ins Land und denkt gar nicht daran, die türkischen und algerischen Juden etwa gegen palästinensische Mohammedaner auszutauschen. Statt nach dem Vorbild der vor einigen Jaliren erfolgreich durchgerührten, griechisch-türkischen Austauschaktion eine großzügige Sache in Angriff zu nehmen, mit der beiden Teilen geholfen wäre, sucht sie neuestens auf die Juden durch die Weltpresse aller Länder dabin einzuwirken, daß den Arabern in Palästina durch stärkere Heranziehung zu Arbeiten in jüdischen Unternehmungen auf Kosten der jüdischen Arbeitnehmer eine stärkere Position im Heiligen Lande gesichert werde. Diese Propaganda zeigt nicht nur eine erstaunliche Verkennung der jüdischen Psyche, sondern arbeitet auch mit zum Teil unrichtigem Tatsachenmaterial, so daß sich eine überzeugende Wirkung auf Kenner der Verhältnisse kaum erzielen lassen kann. Um die Groteske auf die Spitze zu treiben, stellten sich jüngst sogar die „Wiener Neuesten Nachrichten" gleichfalls in den Dienst dieser Propaganda. Es war höchst ergötzlich zu lesen, wie dieses getarnte Naziblatt mit demselben Elan, mit dem es sonst dafür eintritt, daß die Juden nirgends in der Welt geduldet werden sollen, den Juden in Palästina Duldsamkeit gegenüber den Mohammedanern predigt Nur in holder Liebe und Eintracht mit den Arabern könnte die jüdische Kolonisation gedeihen . . . Unglücklicherweise brachte das Blatt, das ja bei seinen publizistischen Aktionen auch sonst niemals übermäßige Geschicklichkeit verrät, diesen, aus einer Schweizer Zeitung übernommenen Artikel gerade während .des Pogroms in Algerien. Da muß man schon sagen: Die wahre Liebe ist das nicht ... Wie ein wirklicher Prediger edelster Toleranz die Geister in seinen Bann zu ziehen vermag, hat wieder einmal der Münchener Erzbischof, K a r d inal Faul haber gezeigt, der jüngst folgende Kanzelpredigt hielt: „Als ich vor einigen Monaten gegen den unmenschlichen Rassenhaß auftrat, den ein Teil unserer deutschen Brüder betätigt, wollte man mich steinigen. Mein Leben war in größter Gefahr, aber ich fürchte nicht für mich, denn was ich tue, geschieht aus reinster Ueberzeugung. in aller Welt werden die Juden verfolgt, aber die Verfolgungsmethoden in unserem Heimatlande sind eine Schmach und eine Schande für uns. Die Geschichte lehrt uns, daß Gott die Peiniger des jüdischen Volkes immer bestraft hat. Kein Katholik war einverstanden mit den Judenverfolgungen in Deutschland. Als Gott den 30. Juni als Strafgericht für einen Teil der Judenpeiniger sandte, war die Strafe eine wohlverdiente. Katholiken! Brüder! Seht ihr denn nicht ein, daß dies eine Strafe Gottes war? Nicht mit Haß und Verfolgungen wird man die Juden ausrotten. Das alte und älteste Volk der Welt hat schon viel gelitten, es leidet und wird immer leiden, weil es seinem großen Glauben treu geblieben ist. Wir wollen uns ein Beispiel an den Juden nehmen. Wir wollen sie ehren* und schätzen, denn sie haben der Welt das herrlichste und kostbarste Geschenk, die Bibel, gegeben. Klärt eure Brüder auf, daß der Rassenhaß ein wildes und giftiges Gewächs in unserem Leben ist. Rottet das schreckliche und unmenschliche Vorurteil gegen das ewig leidende Volk aus." Mit scharfen Worten haben sich auch die Delegierten einer evangelischen Sekte, die jüngst in Berlin eine internationale Tagung abhielten, gegen den Rassenwahnsinn des Nationalsozialismus ausgesprochen. Wenn so absprechende Kritiken im Herzen des Deutschen Reiches laut werden, dürfte Hitlers bewährt seit Jahrhunderten bei Erkrankungen der Blutgefäße, Arterienverkalkung, Gelenksrheumatismus, Nervenleiden, bei Stoffwechselerkrankungen, wie Gicht und Erkrankungen der Luftwege Kur-Methoden: Trink- und Bade-, Kaltwasser,- elektrische Kuren und Röntgenbehandlung Mäßige Preist für Logis und Verpflegung Auch rituell-koschere Restaurants Freude über seinen großen Triumph in — Afrika einigermaßen getrübt werden. Es ist wirklich für einen Staatsmann nicht sehr erhebend, wenn er bei Buchung seiner Erfolge feststellen muß, daß er wahrhaftig — eine gekränkte Unschuld ist. Völlige Rühe in ganz Österreich. Vom Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde erhalten wir folgende Mitteilung: Die Flut beunruhigender Berichte, welche durch die erschütternden Ereignisse des 25. Juli ausgelöst wurde, hat auch unter den Wiener Juden eine gewisse Nervosität hervorgerufen. Es ist uns eine Mitteilung zugekommen, wonach jüdische Sommergäste persönlichen Belästigungen ausgesetzt gewesen sein sollen. Diese Mitteilung hat uns bestimmt, sofort bei den zuständigen Stellen Erkundigungen einzuziehen. Wir sind auf Grund der uns zugekommenen authentischen Berichte in der Lage, dem jüdischen Publikum folgendes mitzuteilen: „In allen österreichischen Sommerfrischen und Kurorten herrscht völlige Ruhe. Das ein- Caf€ Pension Echsteln Pemmering heimische Publikum hat sich gegenüber den jüdischen Sommergästen vollkommen einwandfrei verhalten, die lokalen Behörden, sowie das Hotel- und Gastgewerbe zeigten überall das aufrichtige Bestreben, allen Kurgästen ohne Unterschied mit dem größten Entgegenkommen zu begegnen. Es besteht für das jüdische Publikum kein wie immer gearteter Anlaß zu irgend welchen Bedenken, österreichische Fremdenverkehrsorte aufzusuchen und dort den Urlaub zu verbringen." Kritik an Hitler in Polen verboten. Laut den bestehenden Gesetzen Polens darf kein Angriff gegen das Haupt eines ausländischen Staates gemacht werden, obwohl es erlaubt ist, Mitglieder seiner Regierung zu kritisieren. Gemäß dieser Verfügung ist die jüdische Presse Polens von den Behörden gewarnt worden, nicht Adolf Hitler anzugreifen, da er jetzt das offizielle Haupt des deutschen Reiches ist. Feuilleton Der kleine Hausierer von der Alserstraße. Täglich auf meinem Heimwege sehe ich zwischen Laudongasse und Skodagasse ein uraltes Mämichen. Um die Schulter trägt er einen schweren Hausiererkasten an einem Riemen befestigt. Auf einen Stock gestützt, schleppt er sich mühsam dahin, fast zusammenbrechend ob seiner Last. Oft sitzt er auch auf einem Bänkchen an der Ecke der Straße. Gutmütig leiht ihm der Dienstmann seinen Platz, er hat eine mitleidige Seele. Sie sind Gefährten, diese beiden Menschen aus verschiedenen Welten! Der eine stark von robuster bäuerlicher Gestalt, der andere ein schwaches Männchen, aus dessen fahlem Gesicht jahrtausendalte Melancholie blickt. Wir sind hart geworden in der Großstadt. An allen Straßenecken sehen wir Gestalten des Elends und gar oft wenden wir den Blick ab von diesen unglücklichen Menschen. Es ist vielleicht die Schmach über die Erniedrigung der Menschheit, die wir brennend empfinden, vielleicht die Scham über unsere Ohnmacht, das Elend nicht bannen zu können. Die gequälte Seele hat als einzige Waffe diese Abwehr gefunden! Diesmal aber war es anders. Dieser arme unglückliche Mensch sprach bezwingend .zu meinem Herzen. Hier wollte ich wirklich versuchen, Schicksal zu spielen. Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich ging auf ihn zu. Ein freundliches Lächeln geht über die müden Züge. Er hält mir seine Waren hin zum Kauf, doch als er sieht, daß ich sie unbeachtet lasse, mustert er mich mit erschrecktem, ängstlichen Blick. Rasch spreche ich ein paar beruhigende Worte, der Alte versteht sie nicht Ich erhebe immer mehr meine Stimme — er versteht mich nicht. Wir waren bald von Neugierigen umringt Viele der Umstehenden kannten den Alten. Sie kannten sein mühseliges Leben und erklärten mir seine Angst. Oft schon hatte man ihn angehalten, an der Rechtmäßigkeit der Ausübung seines Gewerbes gezweifelt. „Der Gewerbeschein ist in Ordnung" stammelt der Greis mit flehendem Ausdruck in den Augen. Sein Hausierschein bestünde zu Recht, versichert er mir. Der Alte hat sein Gehör vollkommen verloren. Trotzdem stellte ich in kurzer Zeit Namen und Adresse des Mannes fest. Ich ging, nachdem ich ihm eine Münze in die Hand gedrückt hatte, mit dem festen Vorsatze nach Hause, alles aufzubieten, um hier zu helfen. Meine Freunde sagten mir ihre Hilfe zu. In einer Woche schon sollte mein Schützling in einem Altersheim untergebracht sein. Es war ein eiskalter Wintertag und bangen Herzens eilte ich seinem Standplatz zu. Ich war in Sorge um den Alten. Wird er noch da sein? Trotzt der alte, gebrechliche Körper allem Unbill von Kälte und Wind? Ein bißchen Freude wollte ich in dieses arme Leben bringen. Wird ihn meine frohe Botschaft noch rechtzeitig erreichen? Doch schon an der Ecke der Straße erscheint seine winzige Silhouette und von weitem winken wir uns zu. Wir sind gute Freunde geworden. Die Verständigung geht von statten und stolz und beglückt teile ich ihm mit, daß nun alle Sorgen vorüber sind. Nun soll er ein friedliches Heim haben, Nahrung und Pflege, keine Sorgen um das Morgen, ein Ausruhen nach so viel Plage! Ganz warm wurde mir ums Herz. Morgen schon wollte ich ihn begleiten^ mich an meinem Werk und an seinem Glück erfreuen. Doch der Alte schüttelte den Kopf: „Ich habe eine Frau und eine Tochter zu Hause. Wer wird für die Beiden sorgen, wenn ich fortgehe, wenn ich nicht mehr erwerben könnte? Meine Frau ist krank, was soll aus ihr werden? Nein, ich werde diese beiden Menschen nicht verlassen!" Voll Energie und Haltung brachte er die letzten Worte heraus. Erstaunt starrte ich ihn an und fügte mich wortlos. Es war mir, als ob ich einem Wunder begegnet wäre. Noch niemals fand ich so viel Selbstverleugnung und Opfermut. Zum Abschied drückte ich ihm voll Bewunderung die kleine Greisenhand. Mich trieb, es in seine Wohnung. Tiefstes Elend! Die Frau krank im Bette, die Tochter, halb erblindet, tastet im Zimmer umher. Armut und Leid atmet die Wohnung und durch die trüben Scheiben dringt kein Sonnenstrahl. Wenn der Alte müde und erschöpft abends heimkehrt, ist sein Kommen wohl der einzige Lichtblick im Leben dieser armen Geschöpfe. Jetzt erst habe ich ihn ganz verstanden. Seine Aufgabe ist noch nicht erfüllt. Hut ab vor diesem mutigen kleinen Hausierer! Mein täglicher Weg führt mich nicht mehr an ihm vorüber, aber trotzdem suche ich ihn auf und gehe zu ihm, wie zu einem lieben Verwandten. Vergessen auch Sie ihn nicht, die Sie durch diese Straße gehen. Erinnern Sie sich meines armen tapferen Freundes. Täglich gegen Mittag finden Sie ihn dort, nur nicht am Samstag — da feiert auch er. Der kleine jüdische Hausierer ist treu in seiner Liebe zu seiner Familie, fanatisch in wahrster Pflichterfüllung, treu dem alten Glauben seiner Väter, ein Symbol eines der Besten des Judentums. Immer noch ruhelos, immer noch im Kampfe stehend, trotz Alter und Gebrechlichkeit aufrechtbleibend, sein Schicksal und seine Mühen selbstbestimmend. Stolz und ungebrochen in seinem Wollen, ist er ein Wahrzeichen unseres Glaubens, der ihm die Kraft gibt, ohne zu wanken das Elend mutig zu ertragen und nicht zu verzweifeln. Es gibt viele unbekannte Märtyrer, die bis zum letzten Atemzug den anderen dienen. Sie scheiden aus diesem Leben und niemand kennt sie. Nur zwei der Aermsten legen zur Erinnerung ein Steinchen vom Wege auf ihr Grab. Stella Oppenheim".

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