Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 33 (17.8.1934)
- Date
- 1934-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis «fieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die tDanrheil In Deutachland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden Erscheint jeden Freitag MiiiiMimi^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 50. Jahrgang Wien, 17. August 1934 Nummer 33 Hitler — die gekränkte Unschuld. Zum ersten Male hat Hitler sich als guter Prophet erwiesen, zum ersten Male ist eine seiner vielen Weissagungen wirklich in Erfüllung gegangen: Nämlich die Prophezeiung, daß er den alten Hindenburg überleben werde. Mit den Prämissen, aus denen er seinerzeit diese Schlußfolgerung zog, hat es allerdings gehapert. Denn Hitler hatte damals einfach auf seine größere Jugend und ungebrochene Gesundheit gebaut. Inzwischen hat es sich aber, wenn man seinen eigenen Worten glauben darf, herausgestellt, daß er trotz der anderthalb Menschenalter, um die er jünger war, beinahe dem greisen Feldmarschall nach Walhalla voraus geeilt wäre, wenn er nicht rechtzeitig 77 S.-A.-Führer, die ihm nach dem Leben getrachtet haben sollen, ins Jenseits befördert hätte. Hindenburg ist ohne derlei „Vorsichtsmaßregeln" doppelt so alt geworden, wie Hitler jetzt ist, hat zwar mancherlei Gefahren auf den verschiedenen Schlachtfeldern, auf die ihn seine lange Soldatenlaufbahn führte, bestanden, aber seine politische Karriere als Reichspräsident ist niemals von Attentätern bedroht worden. Das ist ein sehr bezeichnender Unterschied zwischen dem Feldherrn, dem seine Kämpfe kriegerische Lorbeeren eintrugen und der gegen seinen Willen in die Politik hineingeraten ist, und dem österreichischen Militärflüchtling, der den Zeitgenossen unter dem Titel „M e i n K a m p f" auf geduldigem Papier die fragwürdigen Geistesergüsse politischen Freibeutertums präsentiert. Hindenburg hat gegen eine Welt bestbewaffneter Feinde höchsten kriegerischen Ruhm geerntet, Hitlers Kampfeseifer entzündet sich an der Wehrlosigkeit seiner Gegner. Sein Lieblingsfeind ist " daher der Jude. Auf den schlägt er immer wieder los, so oft es gilt, politische Blamagen vergessen zu machen, denn der Jude kann nicht zurückschlagen. Die deutschen Juden sehen denn auch mit großer Sorge dem Wechsel in der Reichsleitung entgegen, da an die Stelle des zwar niemals judenfreundlich gewesenen, aber stets pflichtgemäß die verfassungsmäßig garantiert gewesene Gleichberechtigung aller Konfessionen im Reiche wahrenden Hindenburg der gegen den Geist dieser Verfassung tobende Hitler als Reichsoberhaupt tritt. Aber in seinem politischen Programm muß Hitler immer wieder Abstriche vornehmen. Nachdem er nacheinander anf die Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen, auf den polnischen Korridor und auf jeden" deutschen Kolonialbesitz feierlichen Verzicht ausgesprochen hat, muß er nunmehr auch die Gleichschaltung Oesterreichs aufgeben. Die österreichische Legion in Deutschland soll aufgelöst, Herr Habicht verhaftet und Herr Frauenfeld auf der Flucht sein . .. Das klingt sehr erbaulich, aber dem deutschen Nationalsozialismus gegenüber, der als teuerstes Vermächtnis der germanischen Heldensage die — Tarnkappe in sein politisches System eingeführt hat, wäre allzugroße Vertrauensseligkeit sehr verhängnisvoll. Man muß abwarten, was Herr von Papen als Hitlers neuer Gesandter für Oesterreich hier für eine Rolle zu spielen gedenkt. Wenn er etwa, so wie er es seinerzeit in Deutschland bei seinem Kompromiß mit Hitler getan hat, mit dem in Oesterreich herrschenden vaterländischen Prinzip zu einem billigen Frieden auf dem Rücken und auf Kosten der Juden zu kommen glaubt, wird er hoffentlich eine große Enttäuschung erleben. Bundeskanzler Doktor Schuschnigg hat jüngst in Mariazell dem Geist der religiösen Unduldsamkeit eine sehr entschiedene Absage erteilt. Es ist sehr erfreulich, daß die Regierung aus den Tagesereignissen die entsprechenden Konsequenzen zieht. Die Verseuchung von Heer und Polizei mit dem Ungeist und der Bestialität der Hakenkreuzgesinnung, wie sie aus den Putschistenprozessen der letzten Tage erschreckend hervorging, war ein beredtes Menetekel. Dazu kam der für den Nationalsozialismus charakteristische Terror, der von-einzelnen österreichischen Großindustriellen auf ihre zahlreichen Untergebenen ausgeübt wurde, und die Entlarvung manch scheinbar harmloser Organisationen. Bekanntlich hat sich vor einiger Zeit ein Verein arischer Rechtsanwälte in Wien konstituiert, der angeblich rein wirtschaftliche, in Wahrheit aber hochpolitische Ziele verfolgte. Einer seiner eingestandenen Hauptzwecke war die Bekämpfung des vorgeblich übergroßen Prozentsatzes jüdischer Rechtsanwälte. Nunmehr hat sich dieser Verein als ausgesprochene Nazizelle entpuppt! Eine große Anzahl seiner führenden Mitglieder hat im Zusammenhang mit dem Juli-Putsch das Recht auf weitere Berufsausübung verwirkt. Ihre Kanzleien wurden geschlossen — an Stelle der erstrebten Erhöhung tritt eine neuerliche Verminderung des Prozentsatzes arischer Rechtsanwälte ein, ohne daß man den bösen Juden auch nur die geringste Schuld an dieser Entwicklung beimessen kann, da es sich ohne jüdische Intervention, sondern ganz von selbst herausgestellt hat, wo die eigentlichen Schädiger des Standes und des Staates zu finden sind. Für Herrn Hitler ist diese Gestaltung der Dinge sehr unerfreulich. Nicht nur in Oesterreich hat seine Propaganda ein blamables Fiasko erlebt. Sogar aus mazedonischen* Kreisen wurde dieser Tage in der europäischen Presse ein Protest dagegen veröffentlicht, daß man die Methoden Hitlers als „balkanisch bezeichne. Sie Mitglieder und Freunde der „Union" Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater Äussfellungsstr. (vis~ä-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. lllluillilllllinH Rasiere Dich gut und billig Oeslerretclilsclies ünäMäls faDriKal Ueberau erhältlich entsprächen bloß dem afrikanischen Kannibalismus. Der härteste Schlag ist wohl die Abkehr des faschistischen Heimatlandes Italien vom faschistischen Deutschland. Ein richtiger Ersatz scheint noch nicht gefunden zu sein, es wird immer einsamer um den Herrn des Dritten Reiches — Herr Hitler hat alle Ursache, gegenüber der wachsenden Erbitterung, die sein politisches System allenthalben weckt, die gekränkte Unschuld zu spielen. Welche Bewandtnis es in Wirklichkeit mit dieser „Unschuld" hat, zeigt sich sehr kraß dort, wo das Hakenkreuz statt der sonst üblichen Niederlagen gelegentlich Triumphe feiert. Ein ganz großer Erfolg war jüngst der Hitlerei in Algerien beschieden, wo aus einem geringfügigen Anlaß ein furchtbarer Pogrom ausbrach, dessen systematische Brutalität ganz offenkundig die Hitler-Schule verrät. Ganze Familien der Juden wurden ausgerottet, das jüdische Besitztum durch vorbereitete Benzinkannen vernichtet, viel blühendes, friedliches Leben bestialisch zerstört. Kein Wunder, daß Herrn Streicher in Nürnberg, diesem enfant terrible des deutschen Nationalsozialismus, das Herz im Leibe lacht . . . So verhängnisvoll sich aber auch die deutsche Hetzpropaganda und die rollende Mark auswirkt, muß doch die Tatsache nachdenklich stimmen, daß sich jetzt gerade in mohammedanischen Ländern die größte Empfänglichkeit für die Judenhetze zeigt. Während sich ganz Europa, Nord- und Südamerika mit wachsendem Grausen vom Hitlerismus abwendet, triumphiert er just in jenen Ländern, in denen vor Jahrhunderten die jüdischen Flüchtlinge vor den Verfolgungen der christlichen Kirche gastfreundlichste Aufnahme fanden. Vor einigen Wochen wurden die türkischen Juden aus Thrazien vertrieben, jetzt werden die algerischen Juden grausam hingeschlachtet. Beide Fälle stellen sich als das tragische Ende eines Jahrhunderte alten Freundschaftsverhältnisses zwischen Mohammedanern und spaniolischen Juden dar. Es wäre absurd, diese Wandlung der islamitischen Mentalität ausschließlich der Hitler- Propaganda zuzuschreiben. Die Ursachen liegen tiefer und man kennt auch die Quellen dieser neuen Feindschaft. Sie fließen aus Palästina, wo der Zionismus zum ersten Male in der Weltgeschichte politische Gegensätze zwischen Mohammedanern und Juden geschaffen hat. Daß diese Gegensätze sich ständig verschärfen, ist ohne Zweifel die Schuld der britischen Mandatarmacht. Während die Juden der ganzen Welt, um ihren von Verfolgungen heimgesuchten