Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 32 (3.8.1934)
- Date
- 1934-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Zionistische UnverantwortlichkeiL Zu den von uns eingehend gewürdigten Bemühungen der polnischen Judenschaft um die Schaffung einer jüdischen Generalrepräsentanz für Polen — begrüßenswerte Bestrebungen, die bekannttermaßen von den Allgemeinen Zionisten zerschlagen wurden — nimmt auch die Wiener „J üdische Presse" in bemerkenswerter Weise Stellung. Einleitend gibt das Blatt zunächst eine üebersicht über den eigentlichen Beratungskomplex, die — im schärfsten Gegensatz zu den zionistischen J TA-Berichten — erst einen Blick hinter die Kulissen gestattet und so manchen, sonst unerklärlichen Zusammenhang aufhellt. Man erfährt also zunächst, daß erst eine geschickte Vermittlungsaktion der Aguda imstande war, die beiden repräsentativsten Exponenten der zionistischen Bewegung, die Allgemeinen Zionisten und die Revisionisten, zu gemeinsamer Beratung zusammenzuführen. Denn die Revisionisten hatten es vorerst schroff abgelehnt, mit den Allgemeinen Zionisten an ein und demselben Tisch zusammenzusitzen (!!!) Die ultimative Forderung der Allgemeinen Zionisten an die Aguda, daß diese ihre Parlamentsabgeordneten aus dem Regierungsblock zurückziehen müsse, andernfalls sie keiner jüdischen Einheitsfront beitreten könnten —, dieses unerhörte Ansinnen wies der Vorsitzende der Aguda in Polen, 1. M. Lewin, in ebenso würdiger wie feierlicher Weise zurück, wobei er naturgemäß auch jedwede Verantwortung für das Scheitern der Konferenz ablehnen mußte. Nach diesem interessanten Einblick in die ehrlichen Bemühungen aller ernsthaften jüdischen Kreise zur Schaffung einer jüdischen Einheitsrepräsentanz in Polen setzt sich die Wiener „Jüdische Presse" in einer vernichtenden Kritik mit den zionistischen Sabotagemethoden auseinander. Das Blatt schreibt: „Es ist keine angenehme Aufgabe, sich mit den politischen Methoden der zionistischen Parteien in den verschiedenen Ländern abzugeben. Es ist aber leider nicht zu umgehen, daß man ab und zu die Dinge etwas niedriger hängt, um den politischen Laien zu zeigen, wie alles Geflunker der Zionisten von der „Einheit" des Judentums, vom „nationalen Ehrgefühl" usw. nur leerer Schall ist und die wirkliche Triebfeder allen zionistischen Handelns das Parteiinteresse ist. Während in Oesterreich die Zionisten durch eine Zufallsmehrheit ans Ruder gekommen sind und nun das Recht für sich usurpieren, das „Gesamtjudentum" zu vertreten und jeden Versuch einer selbständigen Regung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als Verrat verschreien wollen, liegt ihnen die Einheit, dort wo sie von einer religiösen Mehrheit geschaffen wird, sehr wenig am Herzen. Daß aber die Herren für die Sprengung dieser Einheit eine so verdrehte Argumentation wie die in Warschau suchen, zeigt, daß diese Herren mit ihrem politischen Latein sehr rasch zu Ende sind, wenn sie dasselbe nicht in einer Volksversammlung, sondern in einer Konferenz ernster Menschen verwenden wollen. In Polen haben sich seinerzeit die Zionisten in ihrem blinden Machthunger mit Deutschen und Ukrainern, mit den fanatischesten Judenfeinden, zur Erlangung einiger schäbiger Mandate verbunden. Die Orthodoxie, die dort wie überall zum obersten Grundsatz ihrer politischen Einstellung Loyalität dem Staat und der Regierung gegenüber hat, hat sich dem Regierungsblock angeschlossen. Daß diese Politik, abgesehen davon, daß sie religiösdieeinzigmögliche war, sich auch politisch als überaus klug erwiesen hat, läßt die Herren Zionisten nicht zur Ruhe kommen. Die Zionisteii wissen, daß das polnische Judentum seine verhältnismäßig ••günstige politische Situation nur der Arbeit der ägudistischen Politiker zu verdanken hat und daß ihre unglückselige „Minderheitspolitik" nicht nur die zionistischen Träger der Politik, sondern auch das gesamte polnische Judentum an den Rand des Abgrundes gebracht hätte. Wenn ihnen also schon keine Lorbeeren im politischen Leben Polens blühen, so wollen sie wenigstens um jeden Preis das Wasser von den Mühlen der Aguda ablenken. Nur so ist die irrsinnige Zumutung zu verstehen, die die Teilnahme an einer innerjüdischen Gemeinschaftsvertretung von der Aenderung der regierungsfreundlichen Staatspolitik der Orthodoxie abhängig macht. Dort haben die Herren auf Granit gebissen, aber der Antrag war gut, um einmal hineinzuleuchten in den Ideensumpf der zionistischen Politik. Wenn in Oesterreich die Orthodoxie sich aus rein sachlichen, religiösen Gründen gegen die Bevormundung der irreligiösen Zionisten wehrt, so wird von „Verrat" gesprochen. In Polen darf die Einheit um niedriger Parteiinteressen willen gesprengt werden. Das ist jüdischnationale Politik!" * Ein jüdischer Diplomat vermittelt. Seit einigen Tagen weilt in der litauischen Hauptstadt Kaunas der Erste Botschaftsrat der polnischen Botschaft in Paris, MinisterMühlstein, der einer frommen polnisch-iüdischen Familie entstammt und vor einiger Zeit eine Tochter des Barons Maurice de Rothschild geheiratet hat. Der Besuch Mühlsteins in Kaunas — es ist dies der erste Besuch eines polnischen Diplomaten in der litauischen Hauptstadt, da seit dem Entstehen des neuen Polen und des neuen Litauen zwischen diesen beiden Staaten wegen des Streitpunktes Wilna keinerlei offizielle Beziehungen, noch sonst ein Eisenbahn-, Post- oder Handelsverkehr bestehen — hat in der Welt großes Aufsehen erregt Man schreibt Mühlstein die Mission zu, offizielle Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten anzubahnen und setzt viel auf sein diplomatisches Geschick. Minister Mühlstein hielt bereits Besprechungen mit dem litauischen Außenminister Lazarajtis ab und wurde am 27. Juli vom Präsidenten der Litauischen Republik, Smetona, empfangen. Während bis heute die offizielle Version galt, daß Mühlstein nach Litauen gekommen sei, um sich über jüdische kolonisatorische Ziele zu informieren, gibt nun die litauische Presse bereits offiziell zu, daß Mühlsteins Mission der Beilegung des polnisch-litauischen Konfliktes gilt. Die Zeitungen melden, Mühlstein habe konkrete Vorschläge zur Lösung der polnisch-litauischen Streitfrage mitgebracht (Z. T. A.) Wohnzimmer S 210— bestehend aus 1 Kasten, 3türig Vollbau, 1 Lotterbett, 1 runden Tisch und 2 Fauteuils. FERDINAND HOHN, II., TaDorstraße Nr. 22 Nirgends innerjüdischer Frieden. Der vor einigen Tagen in London eingetroffene Ehrenpräsident des American Jewish Congress, Dr. Stephen S. W i s e, sprach in einer Unterhaltung mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur sein Bedauern darüber aus, daß sich der inner jüdische Hader in Palästina nach der Freisprechung Stavskys nicht nur nicht vermindert, sondern sogar verschärft hat. Das Hitlertum, fuhr Dr. Wise fort, hat nicht nur in Deutschland, sondern auch in verschiedenen nichtdeutschen Ländern die Grundlagen des jüdischen Lebens erschüttert. Ich konnte beobachten, wie in den Vereinigten Staaten eine Hitler-Bewegung entsteht und sich entfaltet. Bei alledem ist nirgends eine jüdische Einheitsbewegung bemerkbar, die das jüdische Volk zusammenkitten soll. Die jüdische Arbeiterorganisation Histadruth bildet faktisch die jüdische Regierung in Palästina. Wir haben darum das Recht, von ihr und ihren Anhängern Mäßigkeit und Toleranz zu fordern. Das jüdische Volk erwartet von der Histadruth, daß sie die Würde einer verantwortlichen Regierung wahrt. Aber auch von den Revisionisten hat das jüdische Volk Recht zu fordern, daß sie mehr Mäßigkeit und Ueberlegtheit an den Tag legen. Bei uns in Amerika, schloß Dr. Stephen S. Wise, nähert sich der Gedanke einer jüdischen Einheitsfront der Verwirklichung; wir sind hierin im letzten Jahre weiter gekommen. Die Aktion zum Boykott Hitler-Deutschlands ist aus dem Stadium einer instinktiven Reaktion nur der jüdischen Massen herausgetreten und dringt immer mehr in das Bewußtsein des amerikanischen Volkes ein. na*; RESTAURANT BILLET best renommierte Küche Reichhaltige Menüs ä S 1.90 und 2.60. Schweehater Bräu II.. Hammer-PurfistallH' 3 (nächst Salztorbrflcke)_Telephon A 41-0-25 270 Jahre „jüdischer Herrschaft". In der kleinen oberpfälzischen Stadt Sulzbach, einst Sitz einer berühmten hebräischen Druckerei, in der Bibel- und Talmudausgaben gedruckt wurden, wo bis vor etwa einem Jahr noch 170 jüdische Familien wohnten, leben heute nur noch acht jüdische Menschen. Wie die in Nürnberg erscheinende „Fränkische Tageszeitung" mitteilt, wurde jetzt die Synagoge von der Stadt beschlagnahmt, um in ein Heimatm"useum verwandelt zu werden. „Die jüdischen Kulteinbauten", schreibt das Blatt, „werden abgebrochen. Der Vorhang beim Heiligtum mit den Löwen und der Krone der Hohen Priester, die einer Nachäffung des bayerischen Staatswappens von einst verdammt ähnlich sieht, das mit Goldschrift auf blauem Grund geschriebene Gebet fürKönig Ludwig II., eine bodenlose Heuchelei, da die Juden gerade König Ludwig II. auspowerten, verschwindet. Die bunten hebräischen Sechssterne aus den Glasfenstern weichen einem hellen Licht ujid der Säulenraum im Hauptteil der Anlage und die darum sich ziehende Galerie werden in Abteilungen und Kojen die Heimatschätze Sulzbachs und seiner Umgebung aufnehmen. Zu beiden Seiten sind kleine Höfe, die ebenfalls für Museumszwecke und vermutlich auch für ein Freilichtmuseum Verwendung finden können. In der Nordseite der Mauer ist in Uebermannshöhe der Davidstern mit hebräischen Inschriften. Unter diesem wurden bei freiem Himmel die Juden zur Ehe zusammengegeben. Diesen Stein wollen die Juden heraus haben und Sulzbach wird ihn ihnen gern mitgeben. Nur die hebräische Tafel, die das Baujahr der Synagoge im Jahre 1826 ankündigt, bleibt zur Erinnerung und Warnung für die deutschen Enkel Sulzbachs, nie wieder fremdstämmigen Angehörigen zu trauen. Mit dieser Umgestaltung der Synagoge zum Heimatmuseum sind 270 Jahre jüdischer Herrschaft über eine alte deutsche Stadt zu Ende und Sulzbach-Rosenberg geht in ein neues deutsches Zeitalter." Nazi-Emigranten nehmen jüdisches Geld. Professor Dr. Norman Bentwich, Direktor des Hochkommissariats für deutsche Flüchtlinge, teilte Pressevertretern mit: Infolge der jüngsten Ereignisse in Deutschland befassen sich die Abteilungen des Hochkommissariats nunmehr auch mit der Versorgung dergeflüchtetenNationalsozialisten, die sich der Verfolgung seitens ihrer eigenen Parteiangehörigen entzogen. Es ist zu betonen, daß die Flüchtlingshilfe keineswegs allein auf jüdischer Basis durchgeführt wird. Ein bedeutender Prozentsatz der Flüchtlinge ist christlichen Glaubens; ihm wird aus den gemeinsamen Mitteln genau so geholfen wie den Juden. Holland wehrt sich. Die Erste Kammer der holländischen Generalstaaten (Parlament) hat ein Gesetz zum Schutz der öffentlichen Ordnung angenommen, das u. a. auch schwere Strafen für die Verbreitung antisemitischer Schriften und für aufreizende Reden gegen denjüdischen Teil der Bevölkerung vorsieht. Das Gesetz wurde mit 24 gegen 10 Stimmen beschlossen. Die Gegenstimmen wurden von den sozialdemokratischen Mitgliedern der Kammer abgegeben, die jedoch erklärten, daß sie mit dem gegen die antisemitische Propaganda gerichteten Passus einverstanden seien. Das Gesetz wird von allen maßgebenden holländischen Zeitungen begrüßt. (Z. T. A.) Vandalismus in einer New Yorker Synagoge. Unbekannte Täter haben in der in Westend Avenue gelegenen Ansehe Chesed-Synagoge über hundert Gebetbücher vernichtet und zahlreiche Talessim zerrissen. Es war auch der Versuch gemacht worden, die Synagoge in Brand zu stecken. „Eine wahre Freude". In der Julinummer des berüchtigten Hetzorganes Streichers, „Der Stürmer", wird ausführlich und mit Genugtuung über die Vertreibung der thrazischen Juden berichtet. Es heißt dort: „Die Juden, die seit Jahrhunderten in verschiedenen Ländern des Weltreiches ihr böses Dasein treiben, werden endlich vom gesunden Verstand der Menschen verfolgt. So kam es auch, daß die Juden in der Türkei von ihrem bösen Gewissen und Angst getrieben, ihre Wohnstätten in den Gegenden von Thrazien verlassen und in großen Scharen nach Istanbul emigriert haben. Dieses Ereignis, das für uns eine wahre Freude bereitet hat, ist eine natürliche Strafe des Judentums und die Tatsache, daß die Böse-