Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 31 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064534--19853-3085035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 9 2er der ersten Instanz schwer belastet und deshalb Tvnrde er zumTode verurteilt. Dieses furchtbare Urteil hat einen Sturm des Entsetzens in der ganzen jüdischen Welt ausgelöst. Allgemein war die Erregung darüber, daß •durch das Urteil einüs palästinensischen Gerichtshofes ein Jude zum Mörder seines eigenen Bruders auf heiligem Boden gestempelt wurde. Die ersten palästinensischen Rabbiner und prominente Persönlichkeiten des Landes stellten sich an die Spitze der Protestbewegung gegen dieses Urteil und sandten Hilferufe in alle Welt, die dort entsprechendes Gehör fanden. Wir glauben nicht, daß sich die palästinensische Berufungsinstanz, die sich nunmehr mit dem traurigen Fall befaßt hat, durch diesen Entrüstungssturm beeinflussen ließ, aber er war imponierend in seiner Einmütigkeit, die nur durch verwerfliche Eskapaden der linken Zionisten gestört wurde; wurde doch wenige Tage vor dem freisprechenden Urteil der in ganz Palästina affichierte Aufruf des Oberrabiners Kook und der anderen prominenten Persönlichkeiten mit folgendem Text überklebt: „Wehe dem Volk, dessen Priester Mörder schützen!" Nun ist Stavsky freigesprochen. Aber Beruhigung ist deshalb im Lande, wie aus den obigen Meldungen hervorgeht, doch nicht eingetreten. Den Grund für die neuerliche Aufregung bildet die Begründung des freisprechenden Urteiles. Diese Begründung macht die Genugtuung zunichte, die man allgemein anläßlich des Freispruches empfand und die sich vielfach auch in stürmischen Freudenszenen manifestierte. In dieser Begründung wird nämlich die Stavsky allein belastende Aussage der Gattin Arlosoroffs, bekanntlich der einzigen Tat- •zeugin, dadurch erhärtet, daß ausdrücklich betont wird, daß diese Aussage nicht als erschüttert anzusehen ist; ja es wird wörtlich gesagt, daß diese Aussage vor einem englische Gericht zur Verurteilung ausgereicht hätte. Das palästinensische Recht aber schreibt für eine solche Verurteilung einen zweiten Zeugenbeweis vor und dieser zweite Zeugenbeweis ist nicht erbracht worden. Das Berufungsgericht hat also Stavsky nicht freigesprochen, weil es von seiner Unschuld überzeugt war oder weil es annahm, daß ein anderer der Mörder Arlosoroffs ist, vielleicht der vielgenannte berüchtigte Araber Abdul Medschid, um dessen neuerliches Mordgeständnis es merkwürdig still geworden ist, sondern nach formal-rechtlichen Prinzipien, die allein in Palästina, nicht aber in England gelten. Diese Begründung wirkt konsternierend und muß vor allem jene erschüttern, die auf einen absoluten Sieg ihrer Sache glaubten. Ein solcher Erfolg ist nicht zu verzeichnen und deshalb konnte auch das freisprechende Urteil die erregten Gemüter in Palästina nicht beruhigen. Konnte man vor dem Urteil von der Zerstörung eines Hauses hören, das Revisionisten gebaut haben, von der Zerstörung des Fundaments einer Synagoge, von Arbeitern, die von einem Baugerüst von andersdenkenden Arbeitern auf die Straße geworfen wurden, so erreichen uns jetzt Nachrichten von Steinwürfen jugendlicher sozialistischer Zionisten gegen die Fenster der Synagoge, in der Abraham Stavsky am Sabbath nach seinem Freispruch das „Gomel"-Gebet, das Dankgebet für die Errettung aus schwerer Gefahr verrichten wollte. Stavsky ist aus schwerer Gefahr errettet worden. Das jüdische Palästina aber schwebt nach wie vor in der schweren Gefahr, durch die innere Parteizerklüftung zugrunde zu gehen. Zionisten verhindern jüdische Einheit. Warschau, im Juli. (J. T. A.) Im Hause der Warschauer Jüdischen Gemeinde hat in den letzten Tagen eine Beratung polnisch-jüdischer Führer stattgefunden, deren Ziel es war, eine autoritative Repräsentanz der gesamten polnischen Judenheit zur Vertretung der, jüdischen Interesseji in Polen in dieser Zeit jüdischer Not zu schaffen. Einberufen wurde die Konferenz durch eine in der Zeit der schlimmsten antijüdischen Ausschreitungen der jetzt verbotenen Radikal-Nationalen geschaffene „Vierer-Kommission". In der Beratung haben die Sprecher a 11 e r jüdischen Gruppen in Polen in Erklärungen die Notwendigkeit der Schaffung einer gesamt jüdischen Repräsentanz betont. Die Vertreter der Agudas Jisroel, des Misrachi, der Volkspartei, der Revisionisten, der Judenstaatspartei und der wirtschaftlichen Verbände erklärten ihr bedingungsloses Eintreten in die Repräsentanz. Der Sprecher des Zionistischen Zentralkomitees betonte wohl ebenfalls die dringende Notwendigkeit der Schaffung einer gesamtjüdischen Repräsentanz, erklärte aber, die Zionisten müßten als Voraussetzung für ihr Eintreten in die geplante jüdische Repräsentanz die Bedingung stellen, daß dieser Repräsentanz nur diejenigen Parteien angehören sollen, die nicht an außerjüdische Faktoren gebunden sind. Der Redner erklärte, daß er eine Mitbeteiligung der Agudas Jisroel ablehnen würde, da die auf das Programm der A g u d a h gewählten Sejm- Deputierten sich der Regierungsfront angeschlossen haben. Er, der Redner, zweifle nicht daran, daß die Agudah subjektiv eine rein jüdische Politik führen wolle, da die Agudah jedoch an den Regierungsblock gebunden ist, sei sie in ihrer Handlungsfreiheit beschränkt. Der Redner appellierte an die Agudah-Vertreter, sich von der Vormundschaft des Regierungsblocks zu befreien, um den Weg für die Schaffung einer gesamtjüdischen Repräsentanz zu ebnen. Der Sprecher der Agudah erwiderte in einer feierlichen Erklärung, die Agudas Jisroel war nie und ist auch jetzt nicht fremden Einflüssen unterworfen. Die Agudah sei nicht gewillt, ihre Abgeordneten aus dem regierungstreuen Klub zurückzuziehen. Die Sprecher der oppositionellen zionistischen Gruppen (Revisionisten und Ju- .denstaatspartei) versuchten in ihren, Reden, die Agudah dahin zu beeinflussen, sich einer jüdischen Repräsentanz, der die offiziellen Zionisten nicht, angehören sollen, anzuschließen. Die. Agudah-Vertreter erklärten aber, daß eine jüdische Repräsentanz ohne die Zionisten eine ungenügende Basis haben und ohne Einfluß und Wirkung -bleiben würde. Die Bernühung.e^ri!iZur Schaffung. , einer Repräsentanz der polnischen . Juden wurden vorläufig aufgegeben. Zionisten, Agudah und Volkspartei lehnten es ab, Vertreter in eine von den übrigen Gruppen geschaffene Kommission zur Fortführung dieser Bemühungen zu entsenden. * Die Verantwortung für das Scheitern der jüdischen Repräsentanz in Polen fällt, selbst nach dem Bericht der zionistenfreundlichen JTA, einzig SCHÖNES ZIMMER eventuell mit Pension für berufstätige Dame oder 1 bis 2 Kinder (bis 16 Jähre) mit Beaufsichtigung bei alleinstehender distinguierter Dame zu vergeben. Referenzen stehen zur Verfügung. Guttmann, Wien II.. Praterstraße 47/11/21 a. und allein auf die Zionisten, da diese ein Zusammengehen mit der Agudah unter Hinweis auf die Bindung dieser Gruppe an den Regierungsblock ablehnten. Ebenso hätte die Agudah doch einwenden können, daß sie Bedenken gegen eine Einbeziehung der Zionisten haben müsse, da die Zionisten noch vor einiger Zeit in schärfster Opposition gegen die Regierung standen und somit der gesamte jüdische Block dadurch belastet werden könnte. Diese Bedenken hat die Agudah im gesamtjüdischen Interesse zurückgestellt. Eine Bindung an den Regierungsbiock, so sagte einer der Agudahredner mit Recht, könne doch unmöglich einen Nachteil für das polnische Judentum bedeuten. Im Gegenteil: was bisher für die Juden Polens erreicht wurde, ist fast ausschließlich auf das Konto der regierungstreuen Agudah zu schreiben, da nur diese Gehör bei der Regierung findet, während zionistische Petitionen von vornherein abgelehnt wurden. Daß die regierungsfreundliche Politik der Agudah Recht behielt, beweist die vor einiger Zeit vollzogene Schwenkung der Zionisten zum regierungstreuen Lager und die Preisgabe der regierungsgegnerischen Haltung. Wenn also die Ziönisteri unter diesem Vorwand die jüdische Repräsentanz ablehnten, so haben sie eine schwere Schuld auf sich geLaden, derentwegen sie vor . dem, gesamten Judentum sich zu verantworten haben werden. ftitWr$IM Wien L, Seitenstettengasse 2, TeL TS ZM.-2& XL, ZentraltrledJaof, Kttt Im I. (ff, TeL ü 18-0-6S Lösungsmöglichkeitendes Emigrantenproblems* In einer in London abgehaltenen Pressekonferen« berichtete der Oberkommissär für die deutschen Flüchtlinge James G. MacDonald über die bisherigen Ergebnisse der Arbeit zur WiederseQhaftmachung und wirtschaftlichen Eingliederung der im letzten Jahre aus Deutschland geflüchteten Personen, erörterte die Möglichkeit der endgültigen Lösung des Auswandererproblems und stellte eine Berechnung der Kosten der in nächster Zeit nach dieser Richtung zu treffenden Malnahmen an. Der Oberkommissar erklärte, die Zahl derjenigen, die bereits endgültig eine Heimstätte gefunden haben, werde auf über 20.000 geschätzt. Palästina sei da? Hauptniederlassungsland für jüdische Flüchtlinge; abr gesehen von den Tausenden, die unmittelbar aus Deutschland ihren Weg in dieses Land gefunden haben, sei man monatlich etwa hundert Personen behilflich, aus denjenigen Ländern Europas, in denen sie vorübergehend Aufenthalt genommen haben, nach Palästina auszuwandern. Annähernd 1500 Personen seien in den letzten sechs Monaten von den beiden wichtigsten jüdischen Auswanderer-Hilfsorganisationen, H1CEM und Anglo-HICEM, nach Palästina und nach anderen überseeischen Ländern weitergeleitet worden. Etwa 600 voji diesen seien nach Palästina gegangen. Weitere 600 Personen wurden durch die beiden Verbände in verschiedene europäische Länder zu dauernder Niederlassung gebracht. Die erwähnten und andere Organisationen bemühen sich, Unterbringungsmöglichkeiten in Handel, Industrie und Landwirtschaft in allen Ländern ausfindig zu machen, die für Einwanderung in Betracht kommen; Dagegen haben sich die von Zeit zu Zeit auftauchenden Projekte für Massensiedlung in weniger entwickelten Ländern als undurchführbar erwiesen. Zu ihrer Verwirklichung wären so große Summen erforderlich, wie man sie unmöglich aufbringen könnte. Außerdem aber seien die meisten dieser Siedlungsprojekte unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht als Wirtschaftlich gesund anzusehen. Anschließend an diese allgemeinen Feststellunge« machte Oberkommissar MacDonald Mitteilungen Ober die dieser Tage in London abgehaltene. Beratung einqr Emigrations-Sachverständigenkommission. Dabei habe es sich nur um die in Handel, Industrie und Landwirtschaft Tätigen und die Büroangestellten gehandelt, nicht aber um Akademiker und Intellektuelle, für die besonr dere Pläne entworfen wurden. Die von den Organisationen betreuten Auswanderer dieser Art seien nach Beruf und Eignung für die Auswanderung klassifiziert worden. Es habe sich ergeben, daß für sofortige Auswanderung insgesamt etwa 4500 Menschen geeignet sind, von denen etwa ein Fünftel Nichtjuden sind. Die durchschnittlichen Kosten des Transports in überseeische Länder und des Unterhalts bis zur Eingliederung in das wirtschaftliche Leben des neuen Landes seien mit 50 Pfund pro Kopf berechnet worden, betrügen also insgesamt 225.000 Pfund. Diese Summe würde es ermöglichen, das Emigrationsproblem in seinem gegenwärtigen Stand fast in vollem Umfang zu lösen. Gleichzeitig seien jedoch die Komitees in fast allen an Deutschland angrenzenden Ländern bei der Fortsetzung der unbedingt notwendigen direkten Unterstützungsarbeit durch Mangel an Mitteln schwer behindert Diese Unterstützungarbeit müsse fortgesetzt werden, bis jene Auswanderer, die in den Ländern ihres jetzigen Aufenthaltes wirtschaftlich nicht eingegliedert sind, weitergeleitet - werden können. Die Kommission, fuhr . der Oberkommissar fort, habe es dem High Commissioner überlassen, gemeinsam mit den wichtigsten Organisationen, die sich mit der Fürsorge für jüdische und nichtjüdische Auswanderer befassen, die Möglichkeit zu prüfen, wie die großen Mittel aufgebracht werden sollen, die für diesofortige Auswanderung notwendig sind; allgemein war man der Ansicht, daß zwar die Hauptlast von den privaten Organisationen getragen werden muß, daß aber auch aus öffentlichen Mittein ein Beitrag zu den Kosten geleistet werden sollte. Regelung, der Paßfrage. Oberkommissar MacDonald wies darauf hin. - daß eine der Aufgaben, der er sich sofort nach seiner Ernennung gewidmet habe, die Beschaffung von Identitäts¬ und Reiseausweisen für die Auswanderer sei. Daß viel» der aus Deutschland Ausgewanderten keinen gültigen Paß hatten, habe eine ernste Schwierigkeit gebildet Zunächst habe man daran gedacht ein neues Dokument nach der Art des für russische und armenische Flüchtlinge ausgegebenen „Nansen-Passes" zu schaffen, habe aber dann eine einfachere Lösung gefunden. Auf der Jänner-Sitzung der Ständigen Kommission des Verwaltungsrates des Flüchtlings-Oberkommissariates war vorgeschlagen worden, daß die Staaten, in denen die Ausgewanderten sich derzeit aufhalten. Bewerbern deutscher Staatsangehörigkeit oder Staatenlosen, die keinen gültigen Paß haben, ein „Identltäts- und Reise-Dokument" ausfolgen, wie es auf einer Konferenz der Verkehrsorganisation des Völ-