Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 31 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Pogrome. Der Pogrom in der fränkischen Stadt Günzenhausen Ende März d. J., über den „Die Wahrheit" seinerzeit wiederholt berichtet hat, wurden in Günzenhausen im Anschluß an einen Zwischenfall in dem Gasthaus des Juden Simon Strauß, wo von auswärts eingetroffene jüdische Gäste von Nationalsozialisten überfallen und hinausgeprügelt wurden, sämtliche jüdische Einwohner von Günzenhausen, im ganzen 19 Familien, Männer, Frauen und Kinder, auch Greise und Greisinnen, durch den von Julius Streicher und seine Presse aufgehetzten Teil der Bevölkerung durch die Straßen ins Gemeindehaus geschleift, unterwegs blutig mißhandelt und dann einige Tage lang eingesperrt gehalten. Zwei jüdische Einwohner Gunzenhausens, der 75jährige Rosenberger und der etwa zwanzigjährige Rosenau, wurden bestialisch ermordet Rosenberger wurde mit tödlichen Stichverletzungen auf der Straße, Rosenau an einem Gartenzaun erhängt aufgefunden. Am 18. Juni fand in Ansbach ein Prozeß gegen die Veranstalter des Pogroms statt, in dessen Verfolg der Nazi-Sturmtruppführer Kurt Baer und 18 andere Teilnehmer am Pogrom zu Gefängnisstrafen von drei bis zehn Monaten verurteilt wurden. Baer erhielt als der Anführer die Höchststrafe von zehn Monaten "Gefängnis. Der Prozeß wurde nur darum in Szene gesetzt, weil der Pogrom in der ganzen Welt ein so starkes Aufsehen erregt hatte: und nicht verschwiegen werden konnte. Die Strafe brauchten die Verurteilten nicht abzusitzen. Das Gericht sprach in der Begründung des Urteils die allen Eingeweihten erstaunliche - Meinung aus, daß die beiden Todesopfer des Pogroms „Selbstmord" begangen hätten. Am Sonntag:, den 15. Juli, nachts, geschah in Gunzenhofen folgendes: Der ungeachtet der Verurteilung auf freiem Fuß sieb, befindlich© Sturmtrupp-Führer Kurt Baer drang in das Haus des jüdischen Gastwirts Simon Strauß, den er beschuldigte, daß seine Zeugenschaft am meisten zu seiner Verurteilung beigetragen hat, ein und gab auf Simon Strauß und dessen zu seiner Hilfe herbeieilenden Sohn Julius Strauß mehrere Schüsse ab. Simon Strauß starb nach kurzer Zeit, während Julius Strauß in das Hospital gebracht wurde, wo er seinen Verletzungen erlegen ist Baer, der von der Polizei in Haft genommen wurde, behauptet, in voUtrunkenem Zustande gehandelt zu haben. In der von der Polizei Nürnberg zu diesem Fall herausgegebenen Mitteilung heißt es, daß Baer schon vor längerer Zeit wegen seiher Trunksucht aus der Partei ausgeschlossen worden war. Eingeweihte wissen aber, daß dies nicht der Fall sei. Das Motiv zu der grauenvollen Hat Baers sieht man in dem Umstand, daß der Mörder, ein Proteg6 des Gauleiters Streicher, keine irgendwie ernstliche Strafe zu fürchten braucht In Zürich sind ganz einwandfreie mündliche Nachrichten eingegangen, wonach am 30. Juni in Langsdorf und Hungen, zwei Orten in Oberhessen bei Gießen, im-Verlauf der dort stattgefundenen antijüdischen Ausschreitungen zahlreiche Juden Schuß- und andere Verletzungen erhalten haben. Vater und Sohn der Familie Opppenheimer in Langsdorf wurden von uniformierten SS-Leuten erschossen. Der Ueberfall richtete sich gegen die am Samstag abends aus der der Judenschtaft beider Orte gemeinsam als Gebetstätte dienenden Synagoge in Hungen heimkehrenden Juden. In Hessen, insbesondere in den Landbezirken, herrscht eine ausgesprochene Pogromstimmung. * Die Saarbrückener Wochenschrift „W e s 11 a n d" bringt eine Liste von bisher festgestellten 84 Toten in Deutschland seit der Bartholomäusnacht vom 30. Juni. Als zur „jüdischen Gruppe" zu zählende Tote rechnet die Zeitung: 1. Freiherrri von Guttenberg; 2. Dr. Walter Förster, Rechtsanwalt in Hirschberg; 3. Dr. Zweig, Arzt in Hirschberg; 4. Frau Dr. Zweig in Hirschberg; 5. Dr. Charig, Kaufmann in Hirschberg; 6. Jacobsohn, Kaufmann in Hirschberg; 7. Schiftan, Kaufmann in Landeshut; 8. Dr. Lindemann in Glogau; 9. Dr. Jacobsohn in Glogau; 10. Leo Stein, Sohn des Kommerzienrates und. Juristen Dr. Maximilian Stein in Berlin; 11. Martin Bergmann, Student in Berlin. Zu dieser Liste von „Westland" kommen noch nach den obigen Meldungen folgende jüdische Tote hinzu: 12. Simon Strauß, Gastwirt in Günzenhausen; 13. dessen Sohn Julius Strauß in Günzenhausen; 14. und 15. Vater und Sohn Oppenheimer in Langsdorf. Ehre ihrem Andenken! t * „Hängt die Juden!" Der Stadtrat in Essen a. d. Ruhr, Teerboven, hat die Mitglieder des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde für acht Tage einsperren lasseh, weil sie ein Zirkular an die Gemeindemitglieder verschickten, in dem gebeten wurde, von Fällen, in denen das Lied „Hängt die Juden" von Schulen und geschlossenen Formationen gesungen wird, Mitteilung zu machen, : damit der Vorstand sich beim Ministerium beschweren könne. - , * Hilbert v. Bose. Bekanntlich wurde-:im;Verlauf der von Hitler anbefohlenen Bartholomäusnacht auch der Sekretär und intimste MitarWiter des Vizekanzlers von Papen, Hubert'von Bbse,: ermordet. Hubert v. Bose, ein gelehrter Theologe, beherrschte die hebräische und jiddische Spräche vollkommen. Während des Weltkrieges war er der deutschen Okkupationsarmee in Polen als Chefzensor zugeteilt und zensurierte als solcher auch die jiddisch und hebräisch geschrierjene Presse, die er korrekt behandelte. Er liebte es; sich mit jüdischen Freunden und Bekannten über Probleme des Judentums und der jüdischen Religion zu unterhalten. Stavsky freigesprochen. In der freisprechenden Entscheidung, die der Vorsitzende des-Jerusalemer Appellationsgerichtshofes Oberrichter Ma-cDonnel im Berufungsyerfahren gegen die Verurteilung Abraham Stavskys zum Tode gefällt hat, werden die einzelnen Anfechtungsgrunde erörtert, zum Teil anerkannt, zum Teil abgelehnt Ausschlaggebend für die Freisprechung Stavskys war es, daß das Gericht den vom palästinensischen Recht für die Verurteilung eines Angeklagten vorgeschriebenen ergänzenden zweiten Zeugenbeweis nicht als erbracht erachtete. Dagegen wird in dem neuen Urteil betont daß die Aussage Frau Arlosoroffs, die in Stavsky einen der Attentäter erkannt haben will, nicht als erschüttert anzusehen sei, und daß diese Aussage vor einem Gericht in England zur Verurteilung ausgereicht hätte. Ein Eingehen auf das freisprechende Minderheitsvotum des Mitgliedes des Ässisen-Gerichtslipfes Richter de Valero wird in der Ent- «cheidung des Berufungsgerichtes mit dem Bemerken abgelehnt, daß die Begründung des Minderheitsvotums, es habe sich bei dem Mord an Dr. Arlosoroff um ein versuchtes Sittlichkeits- Attentat gehandelt eine bloße Hypothese sei. In der Entscheidung des Oberrichters Mac Donnel heißt es: „Ich kann nicht der Ansicht zustimmen, daß die Vorinstanz dadurch, daß sie es unterließ, die Einzelheiten des Untersuchungsergebnisses auseinanderzusetzen,, ihr Urteil ungültig gemacht hat, wenn es auch bedauerlich ist, daß sie diese Einzelheiten nicht anführte. Ich kann nicht der Ansicht zustimmen, daß die Identifizierung Stavskys durch Frau Arlosoroff .ungültig gemacht wurde durch die Mithilfe Inspektor Staffords, wenn diese auch "bedauerlich ist. Bei allem Respekt vor dem widersprechenden Urteil eines Assisen bin ich der Ansicht, daß die Annahme sexueller Motive für das Verbrechen eine , bloße Hypothese ist. In England wäre die Zeugenaussage von Frau. Arlosoroff allein ausreichend gewesen, hier aber ist eine" Ergänzung durch einen zusätzlichen Zeugenbeweis erforderlich, und diese ist nicht erfolgt Die Bekundungen der Spurensucher sind,unzureichend und damit fällt auch die Beweiskraft der Schramme ,an Stavskys Hand. Die . Zeugenaussage Mosche Weisers ist widerspruchsvoll. und als Erhärtung unzureichend. Ich kann nicht der Ansicht zustimmen, daß die Erinnerung an einen flüchtigen Augenschein nach drei Wochen ein ausreichender Beweis zur Erhärtung der-Aussage Frau Arlosoroffs ist Da demnach ein-erhärtender Beweis uicht vorhanden ist, kann die Verurteilung aufgehoben werden; der Berufung wird stattgegeben, der Beschuldigte wird.freigesprochen." Die Richter Baker und Dr. Freitäs schlössen sich der Entscheidung des Vorsitzenden an. Josef Kunstad und Frau Erster Kantor der Adas Jisroel, laden alle Bekannten, Freunde und Kollegen zur mne *ia Ihres Sohnes OmSK (Arthur), welche Schabbos Nachmf, Parschas Woess'chanon, den 28. Juli, im Schiff schul um 7« 8 Uhr stattfindet. Droschoh Nachmittagum 7»5 Uhr im Restaurant „Wienea". Keine Beruhigung in Palästina. Bei der Verkündung der Freisprechung Stavskys spielten sich im Gerichtssaal stürmische Szenen ab. Stavsky nahm das Urteil mit dem Rufe „Es lebe Jabotinsky!" auf. Die Angehörigen des Freigesprochenen und viele andere Zuhörer brachen in Freudenträne» aus. •: Die Nachricht von der Freisprechung Stavskys verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Die dichte Menschenmenge, die sich jenseits des umMas Gerichtsgebäude gezogenen Polizeikordon angesajriffielt hatte, nahm die Verkündung des Urteils mit stürmischem Jubel und freudigen Hochrufen a.uf die Richter und Verteidigung auf. In "den Hauptstraßen drängten sich die Menschen, rissen den Zeitungsverkäufern die Sonderausgaben aus der Hand, umarmten und küßten einander. Zu einer spontanen Ansammlung kam es vor dem Hause des Revisionistenführers Rechtsanwalt Avnieli, Herausgebers der revisionistischen Tageszeitung „Hajarden", in dessen Haus sich Stavsky vom Gerichtssaal begab. Die Menge blieb so lange unter Hochrufen auf Stavsky vor dem Hause stehen, bis dieser auf dem Balkon erschien und einige Worte des Dankes an die Versammelten richtete. . Der Sabbath aber, der auf den Tag der Verkündung des freisprechenden Urteils für Stavsky durch das Jerusalemer Oberste Gericht folgte, verlief in Tel Aviv sehr unruhig. Die Nachricht, daß Stavsky nach Tel Aviv gekommen war, um sich in der Großen Synagoge zur Thora-Vorlesung aufrufen zu lassen und bei dieser Gelegenheit das „G o m e 1"» Gebet für die Errettung aus Todesgefahr zu .sprechen und daß er aus diesem Anlaß der Gegenstand von Ehrungen seitens derjenigen Kreise der Tel Aviver Gemeinde, die in ihm ein unschuldiges Opfer eines schweren Verdachtes sehen, sein wird, hat in den Kreisen der Histadruth Haowdim und namentlich in den Jugendkreisen der sozialistisch gesinnten Arbeiterschaft tiefes Mißfallen hervorgerufen. Es zeigt sich — wie auch schon aus einem vom Zentralkomitee der Palästinensischen Arbeiterpartei herausgegebenen Aufruf hervorgeht— , daß die Arbeiterschaft in Stavsky und Rosenblatt noch immer . diel Mörder Q r. Är.l b.s o r o f f s sieht und sich dabei auch auf die' Begründung des freisprechenden Urteils seitens; dös Obersten Gerichtes stützt, welches die Zeugenaussage der Frau Sima Arlosoroff als wahr anerkannte und das freisprechende Urteil nur wegen des Fehlens des im Gesetz vorgeschriebenen zweiten Tatzeugen fällte. Die Erregung machte Sich darin Luft, daß eine Gruppe jugendlicher Arbeiter Steine durch die Fenster in dii.e Große Synagoge während des Gottes? dien stes warf, was unter den in der Synagoge Anwesenden, die hierin eine Entweihung des S a Imbaths sahen, Empörung hervorrief. In der Synagoge anwesende Anhänger der Histadruth versuchten, Stavsky daran zu hindern, dem Aufruf zur Thora-Vorlesung Folge zu leisten. Dabei kam es zu einem Zusammenstoß und einige Synagogerihesüchef,; unter ihnen der Polizeikorpora#Silberg, wurden leicht verletzt. Die Polizei .hat einige der Steinwerfer vor der Synagoge festgestellt und kündigt deren Verhaftung an. Verstärkungen von Polizeioffizieren und -.'Mannschaften wurden nach Tel Aviv zur Aufrechterhaltung der Ruhe gesandt Die Polizeiautoritäten erklären, di* Situation zu beherrschen, die aber immerhin als ernst anzusehen sei. Am Nachmittag des Sabbathtages fanden Zusammenstöße zwischen Revisionisten und sozialistischen Arbeitern in den Straßen von Tel Aviv statt, wobei eine Person durch einen Steinwurf am Kopf ernstlich verletzt wurde. Sechs Personen, die leichtere Verletzungen erlitten, wurden an der Verbandsstation verbunden. *' '■ S t a v s k y i s t f r e i. 13 Monate sind vergangen, bis der jüdischen Welt, die diesen Abschluß des Jerusalemer Gerichtsverfahrens erwartete, die Nachricht zukam, daß die Annahme, der Jude Stavsky sei einer der Mörder des Juden Dr. Arlosoroff, unberechtigt ist Daran konnte und wollte niemand glauben. Denn Mord ist keine jüdische Sache. Und selbst fanatischer Parteihaß hat bisher selten Juden zu der Schändlichkeit verführt gegen den eigenen Bruder die Hand zum mörderischen Schlage zu erheben. Die palästinensische Justiz war mehr als ein Jahr lang anderer Meinung. Sie vermeinte, in Stavsky einen der Mörder Arlosoroffs gefaßt zu haben, der in Gemeinschaft mit arideren Revisionisten die ruchlose Tat begangen hat. Diese angeblichen Mittäter wurden rechtzeitig als unschuldig erkannt, Achi Meir noch im Verlaufe des Prozesses vor der ersten Iristanz freigelassen, Zwi Rosenblatt durch das Urteil derselben freigesprochen. Nur Abraham Stavsky erschien nach der Ansicht der Mehrzahl der Rieh-