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Die Wahrheit · 1934-07-20 · Heft 30 (20.7.1934) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 30 (20.7.1934)
Date
1934-07-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Kommerzialrat Sigmund Planer begeht am 22. d. seinen siebzigsten Geburtstag. Wer das Vergnügen hat, ihn und sein jugendliches Temperament zu kennen, wird durch diese Mitteilung überrascht sein. Seit 1894 Gesellschafter der Firma Sigmund Planer & Bruder erfreut sich Herr Kommerzialrat Planer in der Geschäftswelt und in der Gesellschaft eines ausgezeichneten Rufes als streng korrekten Kaufmannes und aufrechten, hilfsbereiten Men-' sehen. Seit Jährzehnten wirkt er in hervorragender Weise auf öffentlichem und karitativem Gebiete. Er dürfte wohl, an Dienstjahren gemessen, das älteste Mitglied einer Steuerkommission sein, denn bereits im Jahre 1897 erfolgte seine erste Berufung in die staatliche Steuerschätzungskommission der Leopoldstadt. Was er auf diesem Gebiete für den Staat, aber auch für seine Mitbürger leistete und leistet, verdient ganz besonderer Würdigung. Während des Krieges leistete er als kommerzieller Verwalter das große Kriegsspital in Kaisermühlen und wurde für seine aufopferungsvolle Tätigkeit mit dem Ehrenzeichen vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration und kurz darauf in Anerkennung seines humanitären Wirkens mit dem Titel eines Kaiserlichen Rates ausgezeichnet. In den ersten Nachkriegsjahren war das alte Leopoldstädter Kinderspital in Nöten geraten; da wandte sich die Vereinsleitung an Kommerzialrat Planer, kooptierte ihn in den Vorstand — und es ging rasch wieder aufwärts, dank seiner Energie. Obwohl das Spital vor zehn Jahren von der Stadt Wien übernommen wurde, widmet noch bis zum heurigen Tag Herr Planer seine werktätige Liebe den Pfleglingen und Einrichtungen des Kinderspitals. Aber auch im Rahmen der jüdischen Gemeinschaft stellt Kommerzialrat Planer seinen Mann. Seit Jahrzehnten treues und eifriges Mitglied der Union österreichischer Juden bekleidete er wiederholt bei Kultuswahlen Funktionen im Kandidierungskomitee und gehört seit langem der Schätzungskommission des 1. Bezirkes und dem Zentralvorstande der „Union" an. Beträchtlich ist die Zahl der jüdischen Vereine und Institutionen, für die er jahrein, jahraus Spender mobil zu machen versteht. So rundet sich sein vielseitiges Wirken zu dem Bilde eines Mannes, auf den der Staat, die Stadt und die jüdische Gemeinde mit vollem Rechte stolz sein können. Wir vereinigen uns mit der großen Schar seiner Freunde in dem Wunsche, einen gleich jugendfrischen, nimmermüden, wackeren Planer zu seinem 80. Geburtstag beglückwünschen zu können. Um einer festlichen Geburtstagsfeier aus dem Wege zu gehen, flüchtete Komm.-Rat Planer vorzeitig in die Sommerfrische. Doch seine engere Freundesschar, die hievon erfahren -hatte, kam ihm zuvor und überraschte ihn mit einer Einladung zu einer gemütlichen Geburtstagsfeier," die am letzten Samstag-Abend im Speisesaal des Hotels Stefanie stattfand. Vizepräsident Dr. T i c h o, Reg.-i?at Dr. Lenk, die Herren Nathan Po Hak, Max Kohn (Verein reisender Kaufleute), S. Kohn (Bezirkskommission 1) und Rechtsanwalt Dr. Köhler feierten den Jubilar in — seinem Wesen entsprechenden — vorwiegend launigen Tischreden. — Wie wir erfahren, hat Her* jRomm.-iRat Ptaner anläßlich seines 'Jubeltages eine Reihe von humanitären Vereinen mit Spenden bedacht Juden werden zur Berliner Olympiade gelockt. Dr. Carl Diem, der Generalsekretär des deutschen Olympischen Komitees, .hat einem französischen Journalisten folgendes über die Teilnahme von Juden an der Berliner Olympiade 1936 erklärt: „Das Rassenprinzip besteht nicht mehr für die Vorbereitung und die Organisation der Spiele. Ich kann nur wiederholen, was Dr. Lewald in Wien und in Athen feierlich erklärt hat Alle deutschen und ausländischen Sportsleute und Athleten, die die olympischen Bedingungen erfüllen, werden in Berlin willkommen sein. Wir haben zum Beispiel den jüdischen Sportsmann Rudi Ball zum offiziellen Mitglied der deutschen Eishockeymannschaft berufen. Ferner haben wir vor- Monaten schon die gegenwärtig in Kalifornien studierende Helene Mayer davon verständigt daß sie an die Spitze unserer weiblichen Fechtmannschaft gestellt werden soll. Schließlich haben wir eben erst sechs hoffnungsvolle athletische Begabungen eines jüdischen Sportklubs ausgewählt, die an den demnächst beginnenden olympischen Vorbereitungskursen für Deutschland teilnehmen werden. Sie sehen also, mit wetcher Loyalität Deutschland seine in Wien eingegangenen olympischen Verpflichtungen zu halten gewillt ist." Im Gefühl, daß der Judenpunkt der Angelpunkt für das Gelingen der Berliner Olympiade ist beeilen sich di« deutschen Sport-Propagandisten, Versprechungen zu machen, deren Erfüllung gar nicht in ihren Händen liegt. Wie z. B. können diese Herren die persönliche Sicherheit der Helene Mayer garantieren, gegen die von der Nazi-Presse heftig gehetzt worden ist? Unbeschadet der von Dr. Diem genannten Beispiele kann selbstverständlich keine Rede davon sein, daß die Juden im deutschen Sport vollberechtigt seien. Aus der jüdischen Gelehrtenwelt. Vor einigen Monaten wurde der bekannte Wiener Psychiater und frühere Leiter der neurologischen Abteilung am Krankenhaus der Gemeinde Wien, Universitätsprofessox Dr. Martin Pappenheim, nach Tel Aviv berufen, wo er als Privatarzt praktiziert Nunmehr wird geplant, an der Universität Jerusalem eine psychiatrische Lehrkanzel zu schaffen, dse Prof. Pappenheim, der als Forscher und Praktiker in den Gelehrtenkreisen Europas und Amerikas hohen Ruf genießt, übertragen werden soll. * Der letzte Prag er Ministerrat hat acht Ernennungen von Professoren an der Prager deutschen medizinischen Fakultät, darunter von zwei Juden, genehmigt: Zum besoldeten Extraordinarius und definitiven Leiter der Kinderklinik wuirde Prof. Berthold Epstein, zum besoldeten außerordentlichen Professor Ludwia Freund ernannt. Der jüdische Historiker Prof. Simon Dubnow, der im vorigen Jahr aus Berlin nach Riga übersiedelt war, hat nunmehr nach Ueberwindung gewisser Paßschwierigkeiten — Dubnow ist litauischer Staatsbürger — den polnischen Kurort Druskanik aufgesucht. Der Verband der jüdischen Schriftsteller in Polen hatte bei den Behörden die Erteilung des Aufenthaltsrechtes an Professor Dubnow durchgesetzt. Dubnow beabsichtigt, sich in Wilna niederzulassen. * Der ehemalige leitende Arzt des Städtischen Institutes für Geisteskranke in Berlin Dr. B. Götz, der sich soeben mit seiner Gattin nach Palästina begab, bat dem Kunstgewerbe-Museum in Prag seine ganze aus Berlin herübergebrachte Sammlung kunstgewerblicher Arbeiten, an 1100 Inventarnummern, zum Geschenk vermacht * In Paris verstarb die Tochter Albert Einsteins, Frau Dr. Ilse Kays er, die Frau des deutschen Literaturhistorikers Dr. Rudolf Kayser, im 36. Lebensjahre. Sie lebte eine Zeitlang unter der Hitlerherrschaft in Berlin und weilte gerade in Einsteins Wohnung, als eine Gruppe S. A.-Leute brutal in die Wohnung eindrang, sie ausplünderte und große Verwüstungen in der Wohnung anrichtete. Die brutale Behandlung, die ihr selbst durch die Eindringlinge zuteil wurde, hat Frau Dr. Ilse Kayser in starke Erregung versetzt und ihren Gesundheitszustand derart ungünstig beeinflußt daß. ihr früher Tod wohl auf dieses Erlebnis zurückzuführen ist. Nach dem erwähnten Ueberfall ging das Ehepaar Kayser nach dem Auslande und lebte in Paris. » J ■ ',v Der Dozent der Philosophie an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Prof. Julius Guttmann. ist an die Universität Jerusalem berufen worden. * Die Königliche Akademie der Wissenschaften (Reale Accademia d'Italia) hat den jüdischen Sanskrit-Forscher Dr. Umberto N o r s a in Anerkennung seiner Leistungen durch Uebersetzung wertvoller Sanskritschriften und von Werken der klassischen ungarischen Literatur ins Italienische durch Verleihung eines hohen Geldprejses ausgezeichnet Dr. Umberto Norsa, der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Mantua ist hat bestimmt daß diese Geldsumme an die Armen der Stadt Mantua verteilt werde. * Dem Rechtsanwalt am Landgericht Berlin Dr. Ernst rrankenstein wurde die hohe Auszeichnung der Ernennung zum Kommandeur des Ordens der italienischen Krone zuteil. Frankenstein gilt als Aufruft Juden in öffentlichen Diensten! Die Veränderungen in unserem Lande haben auch Eure Position zum Teil In Mitleidenschaft gezogen. Gebet Cure Anschrift bekannt dem Sekretariate der Union österreichischer Juden, K, Berggasse 4. einer der besten Kenner des italienischen Rechtes in Deutschland und ist eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiet des internationalen Privatrechtes, auf dem er vielbeachtete Vorträge als Professor an der Akademie für internationales Recht im Haag gehalten hat * Dr. Willi Michaelis (Leipzig), der bis zum Jahre 1933 Vorsitzender des Deutschen Aerztebundes zur Förderung der Leibesübungen war, ist von dem italienischen Sportärztebund, der „Federazione italiana degli Medici sportivi", zum Ehrenmitglied ernannt worden. Aus der braunen Hölle. Die Geheime Staatspolizei in Berlin hat das Grundstück und die Villa des früheren Polizeivizepräsidenten von Berlin, Dr. Bernhard Weiß, beschlagnahmt. * Eine Krankenschwester des Roten Kreuzes klagte vor dem Arbeitsgericht Frankfurt a. M. auf Zahlung von drei Monatsgehältern im Gesamtbetrag von RM 250.—, weil sie zu Unrecht fristlos entlassen worden sei und daher noch Anspruch auf die Bezahlung der ordnungsmäßigen Kündigungszeit habe. Sie hatte, entgegen einer der Schwesternschaft vom Betriebszellenleiter gegebenen Anweisung, daß keine Rote-Kreuz-Schwester sich von einem nichtarischen Arzt behandeln lassen dürfe, doch bei einem Augen- Seiden die Hilfe eines jüdischen Arztes in Anspruch genommen. Die Klägerin gab zu, daß sie sich beim Wiederauftreten ihres alten Augenleidens von dem fraglichen Arzt behandeln ließ; im übrigen bestritt sie, daß sie anwesend war, als das Verbot bekanntgegeben wurde. Die Parteien einigten sich vergleichsweise. * Laut Beschluß des Hannoverschen Landesgerichtes dürfen jüdische Anwälte, auch wenn sie Frontsoldaten waren, nicht mehr als Schiedsrichter fungieren. Als Grund wird angegeben, daß das Gesetz des nationalsozialistischen Staates auf völligen AusscMuß der Juden aus dem Staatsleben wie aus dem Rechtsteben des Staates abzielt * Die Berliner Anwaftsfcammer bat verfügt, daß. Notare, auch Juden, während ihres Urlaubes sich nur durch Arier, die mit Axierinnen verheiratet sind, vertreten lassen dürfen. Geschäft ist Geschäft! * Außer in Hirschberg haben auch in Glogau und in Landeshut in Schlesien Judenverfolgungen stattgefunden, bei denen der angesehene Jude Rechtsanwalt Dr. Schiftan ermordet wurde. In Glogau wird der Jude Dr. Lindemann vermißt. Dr. Charte in Hirschberg wurde am 30. Juni „zur Vernehmung'4 bestellt Am 1. Juli nachmittags wurde seine Frau angerufen, die Leiche sei zur Beerdigung freigegeben worden. (Dieses barbarische Gesindel darf weiter inmitten Europas hausen und wüten.) * „Der Stürmer" in Nürnberg druckt ein Schreiben des Nürnberger jüdischen Schriftsetzers Philipp Lengyel an den Fachverband der bayerischen Schriftsetzer ab, in dem. Lengyel, der seit 1901, also seit 34 Jahren, dem Fachverband angehörte und Beiträge leistete, bittet, ihm, der Anspruch auf Attersversorgung hat ihn aber unter den heutigen Verhältnissen nicht geltend machen kann, wenigstens die Reisespesen bis zur Grenze in Passau für sich and seine Familie zur Verfügung zu stellen. „Stürmer" äußert seine große Freude, daß mit Lengyel der letzte jüdische Schriftsetzer Bayerns das Land verläßt, und fügt hinzu, die Pikanterie bestehe darin, daß der Obmann der Fachgewerkschaft der bayerischen Schriftsetzer, an die sich Philipp Lengyel gewandt hat, Julius Streicher sei. — (Das ist ein trauriger Triumph, den Herr Streicher da in seinem Blatte feiert, statt vor Scham über das himmelschreiende Unrecht an einem alten Arbeiter in den Erdboden zu versinken! Doch Streicher — und Schamgefühl!) Das Frankfurter Bankhaus Lazar Speyer-EUissen tritt mit dem 1. Oktober ei formelle Liquidation. Man geht wohl in der Annahme nicht fehl, daß der Entschluß mit der Rassenpolitik in Deutschland zusammenhängt Das Haus hat zwar in der allgemeinen Krise auch Verluste und das Geschäft ehre Scbrumpfunigi erlitten, keineswegs aber in dem Maße, daß eine Fortführung nicht mehr möglich gewesen wäre. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Wien I., Kohlmessergasse 4, Telephon U 27-0-65 sucht dringend: a) Stellen für Kontoristen, Buchhalter. Handelshilfsarbeiter. Geschäftsdiener, Packer. Manipttfanten, Inkassanten. Lageristen, b) Arbeit für gewerbliche Fachkräfte aller Art (darunter auch Bäcker. Bauingenieure. Anstreicher) sowie ungelernte Arbeiter. c) handwerkliche Lehrstellen für Knaben und Mädchen.

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