Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 30 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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tHE WAHRHEIT Die Jadentragödie in der Türkei Jüdische Flüchtlinge aus Thrazien, die in Saloniki eintrafen, erzählen, daß entgegen der offiziellen Mitteilung der türkischen Regierung, daß die aus Türkisch-Thrazien vertriebenen Juden in ihre Heime zurückgeführt werden sollen, von einer solchen Wiedergutmachungsmaßnahme bisher gar nichts zu merken ist, sondern daß im Gegenteil weitere jüdische Massen aus Thrazien flüchten, weil sie unter dem dort herrschenden antisemitischen Terror nicht leben können. Die antijüdische Aktion ging auf zweierlei Weise vor sich. Einerseits gingen die Behörden in manchen Orten mit der restlosen Austreibung der Juden vor, anderseits hetzten antisemitische Agitatoren die Bevölkerung in den Orten, in denen eine offizielle Judenaustreibung noch nicht ausgesprochen worden war, gegen die Juden auf, so daß diese dem gegen sie entfesselten gefährlichen Terror freiwillig (!) wichen. Der Stamm der Bachi- Bouzouks und die in die Städte strömende Dorfbevölkerung griffen jüdische Passanten in den Straßen der Städte mit den Rufen „Tod den Juden!" an. Zahlreiche Juden, Männer, Frauen und Kinder, wurden schwer mißhandelt und zum Teil verstümmelt. Den flüchtenden Juden wurden die Habseligkeiten und das Bargeld geraubt. Mehrere jüdische Mädchen wurden verschleppt, ihr Schicksal ist unbekannt. Jüdische Kinder, die auf der Flucht von ihren Eltern getrennt wurden, irren in den Wäldern Thraziens umher. Der Berner „Bund" berichtet aus Istanbul, daß die Judenaustreibungen aus den Grenzgebieten am Aegäischen Meere auf die in der Türkei augenblicklich sehr angewachsenen Kriegsbefürchtungen zurückzuführen sind. Die Türkei rechnet mit einem baldigen Kriege, wobei hauptsächlich Italien als Gegner genannt werde. In der europäischen Türkei leben gegenwärtig 80.000, in der asiatischen Türkei 78.000 Juden. Der türkische Ministerrat befaßte sich in einer außerordentlichen Sitzung mit der Austreibung der Juden aus Türkisch-Thrazien. Den Vorsitz führte der Ministerpräsident Ismet Pascha. Innenminister Shukry Bey; der sich nach den Dardanellen und nach Ost-Thrazien begeben hatte, um die Lage an Ort und Stellle zu untersuchen, erstattete dem Ministerrat Beilicht Nach der Sitzung wurde eine offizielle Erklärung veröffentlicht, die zeigt, daß man allmählich geneigt ist, den Ernst der Lagie und die Größe der Katastrophe zuzugeben. In dem Bericht wird erklärt, daß die seit dem Kriege unter der türkischen Bevölkerung bestehende antijüdische Stimmung kürzMch durch antijüdische Bewegungen in anderen Ländern verschärft wurde, wozu noch der Umstand beitrug, daß die Juden in der europäischen Türkei immer noch darauf bestehen, eine andere als die Landessprache (nämlich spaniolisch statt türkisch) zu sprechen. Die Regierung mißb-illige auf das schärfste antisemitische Gefühle und werde mit allen, die sich nach dieser Richtung schuldig gemacht haben, streng verfahren. Die Juden, die ihre Heimatorte verlassen haben, können, sofern sie es wünschen, dahin zurückkehren. In Kirklisse wurden der Bürgermeister, der Polizeichef und der Präsident der Handelskammer als an dem antijüdischen Feldzug mitschuldig veir haftet. In einem zweiten offiziellen Bericht wird zugegeben,- daß allein in Kirklisse 65 jüdische Häuser geplündert, bzw. zerstört wurden und daß aus dieser Stadt 3000 Juden nach Istanbul flohen. Die Ausschreitungen in Kirklisse hatten den Charakter eines Judenpogroms angenommen. Im Gebiet von AdrdanopeJ wurden mehrere türkische Beamte unter, der Beschuldigung, Exzesse gegen die Juden arrangiert zu haben, verhaftet, ein Distriktsgouverneur wurde vom Amte suspendiert Aehnliche Btrafaktionen ergriff die Regierung in Chanak und im Gebiet van Smyrna. Im Hause des Poüzeikommandanten von Kirklisse wurde sehr viel geraubtes jüdisches Eigentum gefunden und, wie amtlich mitgeteilt wird, den jüdischen Besitzern zurückerstattet. Daily Express weiß aus Istanbul zu berichten, daß deutsche Ingenieure und Techniker, die von der türkischen Regierung in der europäischen und in der asiatischen Türkei beschäftigt werden und die sich nebenbei, zum Teil sogar im Hauptberuf, als deutsche nationalsozialistische Propagandisten betätigen, es verstanden haben, die lokalen türkischen Beamten zu der antisemitischen Aktion der Austreibung zu bewegen. Türkische Beamte wurden direkt zu dem Zwecke bestochen, um antijüdische Aktionen bei der Bevölkerung auszulösen. Man erwartet, daß die türkische Regierung, die nun gegen die Beamten vorgeht, auch Maßnahmen zur Unterdrückung der Nazipropaganda ergreifen werde. Strohwitwer, Ächtung! Der beliebte Treffpunkt aller Strohwitwer ist das Restaurant Hotel Stefanie, Wien II., Taborstraße 12, der durch seine vortreffliche Küche bei billigen Preisen und durch den angenehmen Aufenthalt im schönen und schattigen Garten eine große Anziehungskraft ausübt. E. Stavsky rehabilitiert. Sensationelle Wendung in der Mordaffäre Arlosoroif. Für Montag war die Berurungsverhandlung in dem Prozeß festgesetzt, doch ersuchte die Stadtverwaltung von Tel-Aviv um einen kurzem Aufschub wegen der für den Begräbnistag des Dichters Bialik angesetzten Landestrauer. An die Stelle der Berufungsverhandlung dürfte aber jetzt eine Wiederaufnahme des Verfahrens treten. Der Verteidiger des Hauptzeugen in dem Prozeß, des wegen einer anderen Straftat eingekerkerten Arabers Abdul Medschid, der angesehene arabische Anwalt Dr. Eljash, gab nämüch Samstag vor Gericht die eidesstattliche schriftliche Erklärung ab, daß sein Klient sich schuldig bekenne, zusammen mit Issa Durbisch am 16. Juß des Vorjahres in Tel-Aviv den Mord an Dr. Arlosoroff begangen zu haben: Durbisch habe den Schuß abgefeuert, er selbst habe dabei dem Dr. Arlosoroff ins Gesicht gefeuchtet. Die beiden Araber waren kurz nach dem Morde verhaftet worden und hatten ein Geständnis abgelegt. Bald darauf wiederriefen sie es aber, und sagten vor der Polizei aus, die beiden gleichfalls verhafteten Revisionisten Stavsky und Rosenblaftt hätten sie im Gefängnis mit je tausend Pfund bestochen, damit sie die Schuld an dem Morde auf sich nehmen. Bei dieser Aussage blieben sie auch vor dem Untersuchungsrichter und im Prozeß. In) der eidesstattlichen Versicherung des Anwaltes bezeichnet Abdul Medschid jetzt seine Anschuldigung gegen die Mftverhafteten als erfunden. Die englische Polizei unter dem Kommandanten Spie hat daraufhin die Nachforschungen erneut aufgenommen. Palästina-Nachrichten. Der Distriktskommissär von Jerusalem ordnete die Schließung der von den Moslems vor einigen Monaten ausgebrochenen Tür an der Klagemauer an mit der Begründung, daß die Oeffnung dieser Tür einen Bruch des Status quo bedeutet -* Der Führer' der palästinensischen Äguda Rabbi Moses Blau hatte eine längere Unterredung mit dem Einwanderungskommissär Mr. Müs wegen verschiedener Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., RolMkreuzgasie 3 Tal. A4S-S-37 Erleichterungen für Rabbinerzertifikate. Mr. Müs versprach, das überreichte Memorandum einem eingehenden Studium zu unterziehen und den Wünschen der Aguda weitmöglichst nachzukommen. * Im Mai wanderten in Palästina 2109 Personen, unter ihnen 2035 Juden, zu ständigem Aufenthalt ein. Unter den eingewanderten Juden waren 355 Kapitalisten mit einem Mindestvermögen von je 1000 Pfund. * Im House oi Lords gab die Königliche Kommission bekannt daß der König die von beiden Häusern angenommene Palästina-Anleihe-Bill sanktioniert hat wodurch die Bill Gesetzeskraft erlangt hat Auf Grund des Bescheides der Palästina-Regierung, daß bis zu einer gewissen Zahl Palästina-Einwohner ihre im Auslande lebenden Bräute ungeachtet der geltenden Einwanderungsbestimmungen nach Palästina bringen können, hat das Palästina-Amt in Warschau die erste Gruppe von 22 Bräuten, die sich zu ihren Verlobten nach Palästina begeben, abgefertigt. Die Mädchen schlössen untereinander Bekanntschaft und kamen überein, die Hochzeit in Palästina gemeinsam zu feiern. * Der Gesamtüberschuß Palästinas am 30. April 1934 betrug 2,634.460 Pfund, der Ueberschuß am 31. März 1934 2,510.932 Pfund, Ende Mai nach amtlichen Angaben 2,820.062 Pfund. In den Monaten April und Mai wurde ein Ueberschuß von 309.130 Pfund erzielt Der Geldumlauf in Palästina betrug am 5. Juli 4,209.664 Pfund. * Der Palästina-Jahresbericht für 1933 zeigt, daß in der Zeit vom 1. April bis zum 31. Dezember für das Department für öffentliche Arbeiten 790.085 Arbeitstage geleistet worden sind, von denen auf jüdische Arbeit 68.982 Arbeitstage entfallen. Die Gesamtlohnsumme betrug 125.615 Pfund, davon wurden 28.993 Pfund für jüdische Arbeit bezahlt. * Auf Vorschlag eines lokalen Komitees wurde im Monat April eine zeitlich begrenzte Verordnung zur Verhinderung der Erhöhung von Mieten für Wohnräume in den größeren Städten erlassen. Nach Schätzungen des Komitees betrug die Erhöhung der im Jahre 1934 für Wohnräume in Tel Aviv geforderten Mieten gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt 40 bis SpozIalluMM dp «oll* ud StriokgMM Moritz Nagel "Wien, 2. Bez., TaborslraAe Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden _Telephon A 45-8-69_ 50 Prozent Bezüglich Haitas hat das Komitee keine Schätzung der Mietensteigerung vorgenommen, jedoch bemerkt daß die Mieten, die seit Ende 1029 ziemlich niedrig waren, vom Juli v. J. an jäh zu steigen begannen. . Laut einer Aufstellung des Einwanderungsbüros der Jewisli Agency kamen im ersten Halbjahr 1934 mindestens 15.U0O Juden als Einwanderer nach Palästina und siedelten sich hier an. Unter diesen, waren etwa 3000 Kapitalisten, die mindestens sechs Millionen Piuna Kapital ins Land brachten. * Bialiks Bestattung i'and am 16. Juli nachmittags in Tel-Aviv statt, bämtliche Geschäfte waren zum Zeichen der Trauer geschlossen. UeberaM in der Stadt waren die Betriebe für zwei Stunden stillgelegt. Viele Tausende Leidtragende schritten hinter dem Sarge des toten Dichters. Judische Kongresse in London. In London fanden dieser Tage zwei jüdische Kongresse von internationaler Bedeutung statt Eine Weltkonferenz des religiösliberal eni Judentums beschäftigte sich ausschließlich mit der Erhaltung und Stärkung des Judentums durch die innere Aufbaukraft der Religion, im besonderen der liberalen Religionsauffassung. Mehr Gewicht auf die äußere Taktik dem Antisemitismus, besonders in Deutschland, gegenüber, legte eine Tagung des Jewi&h Board of Deputies, in der die Frage, ob man auf die deutsche Regierung einen Druck auszuüben versuchen sollte, Gegenstand heftigster Debatten war, in der das Für und Wider eifrig besprochen wurde. Genier jüdische Konferenz vom 20. bis 23. August Vom Comite des Delegations Juives wird mitgeteilt, daß die nach Genf einberufene Jüdische Konferenz zur Vorbereitung des Jüdischen Weitkongresses nicht, wie früher angekündigt, vom 6. bis 9. August, sondern vom 20. bis 23. August i.i Genf stattfinden wird. Die Verschiebung des Datums der Konferenz geschah auf Wunsch der amerikanischen Delegierten, die sich nur zum zweitgenannten Termin vollzählig einfinden können. Ungarische Hakenkreuzpartei verboten. Der ungarische Innenmmister Keresztes- Fischer hat durch eine Verordnung jede Organisationstätigkeit der ungarischen Pfeilkreuzparte} bis auf weiteres verboten. Die Behörden haben sich davon überzeugt, daß diese Partei ihre Organisationsarbeit in einer Richtung betreibt, die offenkundig gegen die Staatsgesetze verstößt. Nach dem Inhalt des für die Parteimitglieder herausgegebenen Reglements hat die Partei ihre Mitglieder in Formationen organisiert, die durchaus militärischen Charakter hatten. Die Polfzei wurde angewiesen, die Auflösung dieser unrechtmäßigen Formationen durchzuführen. Die ungarische Presse begrüßt diese Maßregeln mit Zustimmung. Die Blätter weisen darauf hin, daß solche Organisationen im ungarischen politischen Leben nicht geduldet werden könnten, um so weniger, da sie bloß eine schlechte Kopie ausländischer Formationen darstellten und trotz ihrer Bedeutungslosigkeit zur Unruhestiftung geeignet wären. VERBAND DER SABBATFREUNDE „SCHOMRE SCHABBOS" II., Leopoldsgasse 16_Telephon A 46-0-15 Bewilligte Heimaufenthalte werden seitens der Krankenkassen in einen baren Zuschuß zu einem freien Aufenthalt umgewandelt wenn triftige Gründe es dem betreffenden Krankenkassenmitglied unmöglich machen, das Krankenkassenheim in Anspruch zu nehmen. Der Verband der Sabbatfreunde macht darauf aufmerksam, daß der Nachweis streng religiösen Lebenswandels nunmehr auch als ein solcher triftiger Grund angesehen wird. Nähere Auskünfte im Verbandssekretariat. IL, Leopoldsgasse 16. Telephon A 46-0-15.