Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 30 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 PALESTINE&.ORIENT LLOYD die WELTORGANISATION £rüit PALÄSTINAREISEN VERTRETUNG FÜR ÖSTERREICH'. REISEBÜRO CITY DR.J. H.KÖRNER WIEN,!. __ KDHLMARKT 8 TtUPHOKOiRrU-Zb-^J» ■nw SEEFELD (TIROL) 1200 Meier Einzigartiger Höhenkurort, intensivste Höhensonne, Wintersport, Pension Geschwister Sehet r, im Hotel Hocnalm, bekannt erstklassige Verpflegung, mäßige Preise, Fahrpreisermäßigung. des Vaterlandes vor Bürgerkrieg und Chaos" heimtragen konnte. Steht er nun wirklich gerechtfertigt da? Noch nie ist die Tatsache, daß der Hitler- Rei'chstag nichts weniger als der wahre Ausdruck der Volksmeinung ist, so sinnfällig in Erscheinung getreten wie bei dieser Gelegenheit. Die Abgeordneten, die Hitler hatte erschießen lassen, sie debattierten im Geiste mit. Ja, sie waren die einzigen, die in dieser Sitzimg überhaupt außer dem Vorsitzenden Goering und dem Reichskanzler in die Debatte eingriffen. Nicht durch Worte, sondern viel emdringli'cher durch ihr Schweigen. Ihr Schicksal war ja eine deutlich© Warnung für die noch am Leben befindlichen „Parlamentanter", etwa gegen Hitler zu stimmen!. Was ihnen in diesem Falle bevorstand, verriet ihnem ein Blick auf die Plätze jener „verhinderten" Kollegen, denen Hitler gerade einen so merkwürdigen Nachruf widmete. Das Nestroy-Wort: „Ich sehe viele, die nicht da sind," bekam einen dämonisch gespenstischen Sinn, der seine Wirkung nicht verfehlte. „Der Reichstag billigte die Erklärung der Regierung ..." Hitler hat diesen Erfolg nicht überschätzt. Die drakonischen Strafen, mit denen er öffentliche Diskussionen über die Vorgänge bedrohte, zeigen, daß er die wahre Volksstämmung kennt. Das Bezeichnendste ist, daß die Leute trotz dieser Strafandrohungen nicht schwiegen und infolgedessen massenhaft die Konzentrationslager bevölkern. Noch schlimmer ist das Fiasko im Ausland. Es hat da von allen Seiten sehr unliebsame Kritiken geregnet. Und Mussolini, das vergötterte Vorbild der Nazis, empfängt gerade den österreichischen Bundeskanzler samt dessen Familie in seiner Sommerresidenz . . . Die Bombern, die man nach Oesterreich geschickt hat, sind aber nicht etwa wirkungslos verhallt, sondern haben — vh Deutschland Schule gemacht. Es gibt dort jetzt täglich Explosionen und ähnliche Sabotageakte der über die Junimorde empörten S.-A.-Maminen. Welch ein Pech. Hitler hat politische Mordbanden in Deutschland organisiert und sie hätten beinahe ihn selbst zur Zielscheibe des politischen Mordes gemacht. Er hat den Papierböllerkrieg erfunden und muß sich seiner jetzt fm eigenen Lande erwehren. Alles, was er gegen andere ersonnen, kehrt sich geheimnisvoll gegen ihn selbst. Wie fatal! Was nützt die grimmigste Unterdrückung des Alten Testaments, wenn dessen unheimlichstes Wort lebendig bleibt: ,.Auge um Auge, Zahn um Zahm . . ." 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Zur Illustrierung dieser behördlichen Bemühungen führte die nationalsozialistische Persönlichkeit die Tatsache an, daß, als der Reichspropagandaminister Dr. Göbbels kürzlich eine seiner antijüdischen Ansprachen hielt, die Polizei überall eine besondere Order erhielt, darauf zu sehen, daß es nicht zu Pogromen komme. Auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiete aber — so fuhr der Staatsfunktionär fort — wird d?e Regierung die bisherige Linie ihrer Politik gegen-die Juden fortsei z.eni die Juden:;we?d|n^weiter aus diesen Bereichen systematisch 'ausgeschaltet werden. Die Regierung wünscht kein Blutvergießen, das der antideutschen Propaganda■'■ in der Auslandpresse Nahrung geben würde; sie zieht die Methode stiller Eliminierung vor. Der Arierparagraph wird auch in Zukunft strengstens angewendet werden. Der Heeresminister hat soeben verfügt, daß auch die im Heer beschäftigten Zivil Beamten und -Angestellten ihre und ihrer Frauen arische Abstammung nachweisen müssen. Soweit der Staatsfunktionär. Aus dieser Darlegung geht hervor, daß der Judenmord im Dritten Reich weiter auf dem Regierungsprogramm steht. Allerdings soll er auf unblutigem Wege erfolgen, nicht etwa, weil die langsame Eliminierung der Juden aus allen Erwerbsmöglichkeiten eine weniger grausame Form des Umbringens darstellt, sondern weil sie, wie die Nazis glauben, weniger Aufsehen in der Umwelt macht. Grotesk ist die Mitteilung, daß zur Paralysierung einer Ministerrede — Polizei aufgeboten werden mußte! Wirtschaftlicher wäre es jedenfalls, wenn eine Regierung, die keine Morde will, einfach ihre Mitglieder zum Verzicht auf Mordhetze anhalten würde. Es soll aber offenbar im Dritten Reiche jeder sein Vergnügen haben: Die Hetzer, zu denen auch die gesamte Regierungspresse gehört, indem man sie nach Belieben hetzen läßt, und die Opfer, indem man sie die Erkenntnis erleben läßt, daß ihnen trotz der blutrünstigen Hetze nichts geschieht. Leider klappt in diesem Punkte der Regierungsapparat nicht ganz. Elemente, die die tiefgründige Staatsweisheit der Führer nicht ganz zu begreifen imstande sind, sitzen immer wieder der Hetze auf und dann kommt es zu Blutvergießen, das den Führern zwar nicht den Appetit und die Nachtruhe raubt, ihnen aber die undankbare Mühe umständlicher Beschönigungsversuche aufzwingt. Die Jadenpoliiik der deutschen Kurorte. Deutsche Juden ausgeschlossen, ausländische Juden willkommen. Seitens der deutschen Regierung sind an alle Fremden Verkehrsstellen und Kurorte Instruktionen ergangen, daß der Touristenverkehr nach Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen mit allen Mitteln zu fördern sei und daß man bei ausländischen Touristen keinen Unterschied zwischen Ariern und Juden machen dürfe. Die Verwaltungen der Kurorte teil nahmen und große, blühende Gemeinden bildeten. Solohe ansehnliche Gemeinden bestanden in den Städten Sura, Nehardea, Pumbadita. Mechusa und in anderen Städten mit bedeutenden Lchrhäusern. Wie in Palästina bildete auch in diesen babylonischen Schulen die Mischnah die Basis einer eifrigen Lehrtätigkeit. So entstand eine doppelte Gemara. ein jerusalemischer oder palästinensischer Talmud als Kommentar zur Mischnah und ein babylonischer Talmud, ebenfalls Kommentar zur Mischnab. Wie R. Jehuda, der Redaktor der Mischnah, zu seiner Zeit, so hat R. Aschi, um zwei Jahrhunderte später, ein noch viel größeres Material bewältigt und zur „babylonischen Gemara" oder dem „babylonischen Talmud" den breiten Grund gelegt. Doch mit einem wesentlichen Unterschiede. In der Mischnah sind die differierenden oder entgegengesetzten Ansichten zumeist ohne Motivierung aneinandergereiht Im Talmud hingegen sind die lebhaften Debatten selbst, wie sie in verschiedenen Generationen um eine und dieselbe Frage sich bewegten, Schicht auf Schicht, abgelagert, zu finden. Die Schlußredaktion des babylonischen Talmuds in der literarischen Form, in der er uns heute vorliegt, ist das Werk der Saboräer von zirka 500 bis .700, die auch ihrerseits viel Neues aufgenommen haben. Der babylonische Talmud ist in ostaramäischer, der palästinensische in westaramäischer Sprache abgefaßt. So flössen im „Meere des Talmuds" zusammen Meinungen, Entscheidungen und Beschlüsse über Gegenstände der Halacha und Gedanken und Lehren über Motive der Aggada von Gelehrten, die während eines ganzen Jahrtausends, von 300 vor bis 700 nach dem Beginn unserer Zeitrechnung, in verschiedenen Ländern und Städten unter verschiedenen Verhältnissen und Zeitströmungen lebten, und zwar in jenem Jahrtausend, das zwei neue Religionen entstehen sah und in der äußeren Gestaltung der Menschheit sowie in der Welt der Geister lange nachwirkende Veränderungen hervorgebracht hat. Im Talmud sind auch Elemente der verschiedensten Wissenschaften enthalten. Um die Sabbatgrenze zu ziehen, auf die sich der Verkehr am Sabbat beschränkt bedurfte man der M a t h e m a t i k. für den Festkalender der Astronomie. In der Optik des Talmuds, der übrigens schon das Fernrohr kennt, wird bereits die in Europa erst durch Leibnitz und Newton im 17. Jahrhundert angeregte Frage behandelt, ob das Licht aus mehreren Farben bestehe. In der M e d i z i n kannte man bereits Sektionen an Menschenleichen, während Galen noch an Affen Anatomie studiert, ferner eine gewisse Antisepsis bei Operationen, den Kaiserschnitt und eine Hygiene, die selbst unsere heutige Praxis, z. B. in der Ausdehnung der Fleischbeschau auch auf das Geflügel, übertrifft Mütter- und Säuglingsschutz waren dem Talmud geläufig und eine bis ins einzelne durchgeführte Technik der Armenpflege. Aus der Jurisprudenz des Talmuds erwähne ich die b edingte Verurteilung, den verschärften Schutz des Hausgehilfen, so daß schon die Hausfrauen im Talmud jammern: „Wer einen Dienstboten aufnimmt, setzt sich einen Tyrannen ein." Dem Arbeiter wird ein Streikrecht zuerkannt, mit der Begründung: „Ein Vertrag gewinnt Gültigkeit nur, wenn er im Stande freier Entschließung beider Parteien verabredet wird. Der Arbeiter steht aber nicht in der freien Entschließung, sondern unter dem Zwange der Not" Auf das schwerste verurteilt wird unlauterer Wettbewerb, ja Uebervorteilung jeglicher Art. Von besonderem Interesse sind die Normen der talmudischen Halacha in bezug auf Verteuerung der Lebensmittel und Kettenhandel. Der Gerichtshof soll für die Verkaufspreise Aufseher bestehen, die strenge darauf zu achten haben, daß der Verkäufer nicht mehr als ein Fünftel des Kaufpreises profitiere. Dies gilt aber nur für Gebrauchsartikel wie Mehl und Oel. bei Luxusartikeln iedoch, wie für Parfüm, Weihrauch u. dgl., darf auch mehr verdient werden. Auf Zinsennehmer, Maßverkleinerer, Preistreiber, auf sie alle bezieht sich das Wort des Propheten Arnos: „Gott schwört bei der Ehre Jakobs, daß er ihre Taten niemals vergessen wird." Ein Lebensmittelausfuhrverbot lautet: „Es ist verboten, aus dem Lande (Palästina) auszuführen: Lebensmittel wie Wein. Oel, Meh." R. Juda Ben Betira will die Ausfuhr von Wein gestatten, weil diese Ausfuhr nur dazu beitragen kann, die Unzucht zu vermindern. Der klaffende Gegensatz zwischen talmudischem und römischem Recht stammt aus dem Gegensatze im Eigentumsbegriff. Das römische Recht proklamiert das unbeschränkte Recht des Besitzes. Von diesem starren Eigentumsbegriff des Römers hat die europäische Rechtsprechung ihren Ausgang genommen. Daher das Wort von der „Heiligkeit des Eigentums". Leute, denen sonst auf der ganzen Welt nichts heilig ist, schwärmen für die „Heiligkeit des Eigentums". Das jüdische Recht kennt kein absolutes Eigentum. Gott ist Eigentümer der Welt, er hat die Erde den Menschen übergeben, die haben sie aber auf menschliche Weise unter sich verteilt, so daß viele dabei leer ausgingen. Der Arme hat somit einen Rechtsanspruch auf Unterstützung. So finden wir denn in der Mischna den denkwürdigen Satz: „Wer da spricht, mein ist mein und dein ist dein, der redet nach der Art der Sodomiten." Beachtung verdient auch das talmudische Kriegsrecht. Schon die Bibel verbietet ausdrücklich, einer belagerten Stadt die Nahrung zu entziehen. So befiehlt der Talmud dezidiert, Quellen und Fruchtbäume den Belagerten zu erhalten. Saul hatte mit seinem und seiner Dynastie Untergang dafür zu büßen, daß er die Leute von Nob bestrafte, weil sie seinen Freund David vor dem Verhungern gerettet hatten. Und für alle Zeit soll das Volk Moab, obwohl stammesverwandt, von Israel ausgeschlossen bleiben, weil es sich mit dem Schandmal der Aushungerung des Feindes befleckt hat. Soviel von der Halacha, dem gesetzlichen Teil des Talmuds. Kasuistik ist die jedem Juristen geläufige Methode, den Buchstaben des Gesetzes dialektisch auf den vorliegenden Kasus anzuwenden. Im Talmud müssen aber alle Ergebnisse der Dialektik zurücktreten vor drei alles beherrschenden Rücksichten: 1. Chilhil haschem, d. h. „Entweihung des göttlichen Namens" durch eine Tat. die dem Judentum Schande bereitet 2. mipne darke schalom, d. s. Konzessionen um des friedlichen Zusammenlebens mit den nichtjüdischen Nachbarvölkern willen, und 3. dina d'malchuta dina, d. h.: entstehen in gewissen Belangen Konflikte zwischen dem religiösen Gesetz und dem des Staates, so hat das Staatsgesetz den Vortritt. (Schluß folgt.) *smm*i«rv> m**mm ^v-^-.