Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 29 (13.7.1934)
- Date
- 1934-07-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite flf Die Unterbringung von Akademikern aus Deutschland. Der Obarkommissar des Völkerbundes für Auswanderer-Fürsorge James G. MacDonald veröffentlicht Mitteilungen über die Ergebnisse einer am 4. und 5. Juli in London abgehaltenen Tagung der internationalen Sachverständigenkommission für die Probleme der aus Deutschland ausgewanderten Akademiker. Die Kommission bildet einen Teil des vom Oberkommissar geschaffenen Hilfsapparats. Die Verhandlungen standen unter der Leitung des Mitglieds des New Yorker Hilfskomitees für entlassene Gelehrte aus Deutschland Dr. Alfred E. C o h n vom Rockefeller-Institut. Ferner nahmen an den Beratungen der Sekretär des New Yorkei Komitees und Direktor des amerikanischen Instituts für internationales Erziehungswesen Dr. Stephen D u g g a n, Prof. C. S. G i p s o n vom Londoner akademischen Hilfsrat, Dr. Chaim Welzin a n n als Vertreter der Forschungs- und höheren Lehrinstitute Palästinas sowie Vertreter der meisten vom Oberkommissariat des Völkerbundes in verschiedenen Ländern eingesetzten Hilfskomitees für akademische Lehrer und Angehörige der freien Berufe teil. Im Verlauf der Beratungen ergab sich vor allem, daß die meisten der entlassenen Gelehrten und der vorzeitig von den Hochschulen abgegangenen Studenten Stellungen finden können, falls entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt werden; vielen Angehörigen freier Berufe könnte bei Kooperation der verschiedenen Hilfseinrichtungen unter Leitung des Oberkomissariats die Gründung einer neuen Existenz ermöglicht werden. Man erwartet, daß bis Juli 1935 Universitäten und ähnliche Lehranstalten 140 Gelehrte aufgenommen haben werden, weitere 150 werden in Forschungs-Laboratorien von Industrieunternehmungen, in Krankenhäusern usw. Anstellung finden. In den Besprechungen wurde zum Ausdruck gebracht, daß durch die Neugestaltung der Verhältnisse in Deutschland die Gruppe der Akademiker und der Angehörigen freier Berufe am stärksten betroffen worden ist. Ueber 1300 Hochschullehrer und wissenschaftliche Beamte hätten ihre Stellungen verloren; von ihnen seien 600 bis 700 ausgewandert oder dürften innerhalb der nächsten Monate auswandern. Von den Angehörigen der freien Berufe seien 5200 bis 5500 genötigt gewesen, auszuwandern, weil sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen konnten. Etwa 7000 Studenten mußten vor Abschluß ihrer Studien die Universitäten und Hochschulen verlassen. Von ihnen haben sich 1500 bis 1600 nach dem Ausland gewandt. Die Gesamtzahl der Akademiker und Angehörigen der freien Berufe, die vor der Notwendigkeit stehen, sich im Auslande eine neue Existenz zu suchen, betrage somit über 7500. Was die Unterbringung der übrigen Akademiker betrifft, so könne als sicher angenommen werden, daß weitere 130 Gelehrte dank der Tätigkeit von Organisationen wie dem Akademischen Hilfsrat und dem Hilfskomitee für entlassene deutsche Gelehrte mit Hilfe von Zuschüssen werden arbeiten können. Demnach würde bis zum Juli 1935 420 aus Deutschland ausgewanderten Gelehrten die Möglichkeit verschafft worden sein, ihre Arbeit fortzusetzen. Die Kommission habe beschlossen, alle Anstrengungen zu machen, um Forschungsstipendien zu schaffen und Forschungsgemeinschaften zu organisieren. Bei genügender Unterstützung durch die Oeffentliehkeit und gewisse Stiftungen werde auch dadurch eine große Zahl von Wissenschaftlern versorgt werden können. im Anschluß daran schilderte der Oberkommissar die Tätigkeit der verschiedenen Organisationen, die sich mit Akademikerhilfe befassen, wobei er dte Arbeit von HICEM (Verband der jüdischen Gesellschaften für Auswandererhilfe Hias-Ica- Emigdirect) und von Anglo-HICEM bei der Ausnndigmachung von Erwerbsmöglichkeiten in verschiedenen Ländern, sowie die Tätigkeit des Genfer Internationalen Komitees für Hilfe an aus Deutschland vertriebene Angehörige freier Berufe und der „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler im Ausland" besonders hervorhob. Für die Durchführung der Aufgaben der Akademikerhilfe seien für das Jahr 1934/35 und für das folgende Jahr etwa je 100.000 Pfund notwendig. Zum Schluß betonte Oberkommissar MacDonald, daß die Kommission durchaus der Ueberzeugung war, daß die endgültige Lösung des Problems von der Haltung der verschiedenen Regierungen abhängt. Jedes Land müßte eine verhältnismäßig kleine Zahl von Akademikern, Angehörigen freier Berufe und Studenten aufnehmen und ihre Existenz sichern. Hierbei soll es sich um jene Männer handeln, deren Arbeit im Interesse von Forschung und Lehre oder deren berufliche Leistungen nicht entbehrt v/erden können. TAPEZIERER ZERKOWITZ Spezialist im Tapezieren von Wohnungen und Lokalen unter Garantie. Werkstatt» für modern« Möbel sowie aller Reparaturen in bester Ausführung I., Neatorgasse 18 Telephon U 23-8-28 Werksatte: L, Seitenstettengasse 2 Telephon U 22-7-31 Unter dem Vorsitz des jüdischen Parlamentsmitgliedes Major Nathan wurde in L o n d o n eine Aussprache unter dem Motto: „Judentum, wohin?" abgehalten. Unter den Versammelten bemerkte man Ernst Toller und den früheren Intendanten der Preußischen Staatstheater Prof. Leopold J e ß n e r. Wickham Steed sprach sein Bedauern darüber aus, daß der englische Premier Ramsay MacDonald bis jetzt nicht mit einem einzigen Worte die in Deutschland an den Juden verübten barbarischen Akte verurteilt hat. Die Krisis, in der sich das deutsche Judentum heute befindet, berührt die gesamte westliche Zivilisation; will das Judentum diesen Kampf bestehen, so muß es zu innerjüdischer Aufrichtigkeit zurückfinden. Schließt die Reihen, rief Steed, kämpfet für die fundamentalen Rechte aller Menschen, geht uns voran auf dem Wege zu einer besseren Menschheit! Colonel Wedgwood erklärte, Hitler bedrohe nicht allein das deutsche Judentum, sondern er habe sich auch die Juden in allen Ländern zum Ziele seines Angriffes gewählt. Das Anwachsen jener „tierischen Untugend", die Nationalismus heißt, bedroht die Judenheit. Diese muß sich einigen, ihre moralischen Kräfte sammeln und zurückschlagen. Louis Golding sagte, der schlechte Geruch, der aus Berlin kommt, sei schwerer zu ertragen als der Geruch des Mittelalters; es ist ein Geruch von verbrannten Opfern aus Fleisch und Blut, die den Stammgöttern Wotan und Thor dargebracht werden. Gewiß wird Deutschland noch viel der Welt zu geben haben, V wohin? wenn es sich aus den Terror-Fesseln und aus der Narretei, in die es eingesponnen worden ist, befreit haben wird. Der frühere sowjetrussische Justizminister Dr. Steinberg erklärte, das jüdische Volk sei größer als das kleine Palästina, man müsse die jüdischen Positionen in allen Ländern zu halten trachten. „Hier bin ich und hier bleibe ich!" muß die Parole sein. Zum Schluß wurde ein Brief von Stefan Zweig verlesen, der sich mit der Schwierigkeit, eine für das Gesamtjudentum geltende Lösung zu finden, befaßt. Das Judentum sei auseinandergerissen, bildet kein Ganzes mehr; vielleicht sei es auf dem Wege zu einer Ganzheit. Wir müssen, fährt Zweig fort, einen neuen Glauben finden, der uns neue Kraft gibt. Krisen können nie durch äußere Mittel, sondern von innen heraus überwunden werden. Man könne sich darum nicht an ein Stück Land, Palästina, klammern. Wohl sollen Organisation und Kolonisation ermutigt werden, allein Verteidigung nach außen ist nicht innerer Aufbau. Eine Repräsentanz der polnischen Judenheit. Das Präsidium der Warschauer Jüdischen Gemeinde hat Vertreter aller großen jüdischen politischen und wirtschaftlichen Organisationen und der Großgemeinden sowie alle jüdischen Deputierten und Senatoren zu einer Konferenz eingeladen, in der die Frage der Schaffung einer Repräsentanz des polnischen Judentums erörtert werden wird. Wien 1., Seitenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfriedhof, itttl im I. Co?, Tel. U18-0-85 Die Ilahaltbarkeit der nazideutschen Judenpolitik. Der Chefarzt des Knappschaitslazaretts in Beuthen, Dr. Per 1, der jüdischer Abstammung ist, wurde nach dein Nazisturm in Deutschland a 1 s Nichtarier seines Postens enthoben. Dr. Perl, der nach Polen emigrierte, strengte bei der -Gemischten Kommission die Klage gegen Deutschland an. Die Klage war damit begründet, daß das Vorgehen gegen seine Person den Bestimmungen des Genfer Abkommens nicht entspräche. Die Gemischte Kommission hat sich mit der Klage Dr. Perls bereits wiederholt beschäftigt, aber ihr Urteil steht noch aus. Perl erhielt nun aus Berlin die Nachricht, daß die deutschen Behörden gegen seine Rückkehr nach Beuthen nichts mehr einzuwenden hätten. Perl will jedoch vor seiner Rückkehr noch das Urteil der Gemischten Kommission abwarten. Leider hat die große Mehrheit der von der Entrechtung betroffenen deutschen Juden keine Möglichkeit, Schutz vor irgend einem Gericht zu finden und in den wenigen Fällen, wo es möglich war, ist dieser Schutz in der Praxis sehr problematisch. Trotzdem sind diese Fälle wertvoll als Beleg für die freilich auch sonst deutliche Tatsache, daß das Dritte Reich nur auf Gewalt und nicht auf Recht basiert. '*"■* Gefährliche Namen in Deutschland. Der Reichsminister Dr. Fr ick hat eingehende Anweisungen über dieAenderung von Familiennamen und Vornamen herausgegeben und u. a. bestimmt: „Personen arischer Abstammung, die Namen tragen, die nach „allgemeiner Auffassung jüdisch klingen, können diese Namen ändern. Dahin sollen aber nicht Namen gerechnet werden, die auch von Juden, häufiger aber von Christen gebraucht werden, wie Maier usw. Anträgen von Nichtariern, ihren Namen zu ändern, soll grundsätzlich nicht stattgegeben werden, damit nicht die nichtarische Abstammung verschleiert wird. Nur anstößige jüdische Namen können in andere jüdische Namen umgeändert werden." Diese Anweisung läßt mancherlei Schwierigkeiten ungeklärt, z. B. die, ob der Name des bekannten Redakteurs des „Völkischen Beobachters" Rosenberg zu jenen jüdisch klingenden gehört, die von ihren arischen Trägern geändert werden dürfen, und ob er anderseits von den Juden eben wegen seines berüchtigten Inhabers im Hakenkreuzlager als anstößig abgelehnt werden darf. Die Gefahr, die arischen Christen in Nazi- Deutschland von ihrem Namen droht, beschränkt sich übrigens nicht auf dessen jüdischen Klang. Der ftlüuchener Musikkritiker Schmidt wurde, wie sich jetzt herausstellt, in der letzten Juninacht erschossen, weil er mit einem Namensvetter verwechselt worden war. Bei der Häufigkeit des Namens Schmidt in Deutschland kann sich eine solche Verwechslung leicht katastrophal auswirken. Und was jetzt einem Schmidt passierte, kann nächstens einem Maier zustoßen. Die Träger solcher „Sammelnamen", mögen diese noch so arisch klingen, werden sich deshalb mit der Prickschen Anweisung nicht zufrieden geben, sondern die Möglichkeit suchen, einen individuelleren Namen zu erhalten. Und der Minister wird gut daran tun, diesem Streben zu willfahren, um einer Dezimierung der deutschen Bevölkerung, wenn wieder einmal irgendein Schmidt oder Maier politisch verdächtig ist, vorzubeugen. Gleichzeitig werden auch die Straßennamen rassisch gereinigt: In Breslau wurden nach einer Verfügung des Polizeipräsidenten folgende Straßen umbenannt: rränckelplatz in „Fontaneplatz", die Heinestraße in „Leibnizstraße", die Landsbergstraße in „Friedrich Hebbel-Straße", die Julius Schottländerstraße in „Waldenburgerstraße", die Heimannstraße in „Röntgenstraße", die Oscar Heymannstraße in „Dietrich Eckart-Straße". — Lieb' Vaterland, magst ruhig sein . . . „Hitler'* _ ein Schimpfwort? In einer Sitzung des Gemeinderates von Horesin, einem Dörfchen bei Brünn, rief ein Gemeinderat in der Hitze des Gefechts dem Bürgermeister „Sie Hitler!" zu. Daraufhin klagte der Bürgermeister diesen Zwischenrufer wegen — Ehrenbeleidigung. Das Gericht verurteilte den Gemeinderat zu 24 Stunden Gefängnisstrafe, außerdem muß er sich bei dem Beleidigten öffentlich entschuldigen. Vorläufig hat er berufen, doch wird er kaum behaupten können, daß er seinen Zuruf an den Bürgermeister etwa als Schmei-i chelei habe aufgefaßt wissen wollen.....