Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 29 (13.7.1934)
- Date
- 1934-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064532--19834-3085014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE WAHRHEIT Chaim Nadiman Bialik gestorben. In der Nacht von Mittwoch, den 4. zu Donnerstag, den 5. Juli ist Chaim Nach man Bialik, der große hebräische Dichter, im Wiener Sanatorium „Auersperg", wo er sich einer Gallen- Steinoperation unterzogen hatte, plötzlich nach einem Anfall von Herzschwäche verstorben. Chaim Nachman Bialik wurde im Winter 1873 als Kind eines armen Dorfschenkers in Wolynien geboren, verlor schon im siebenten Lebensjahre seinen Vater und lernte die Nöte des Lebens in ihrer ganzen Härte kennen. In einem seiner ergreifendsten Gedichte fragt Bialik: „Was ist Jugend, von der man spricht, was ist Liebe, von der ich singen höre?" Mit elf Jahren schon hatte Bialik die Bibliothek seines Großvaters, die nur aus theologisch-rabbinischen Werken bestand, absolviert und wagte sich an Werke wie Maimonides „More nebuchim" und an den „Kusari" des Jehuda halevi heran. Mit dreizehn Jahren war er bereits sich selbst überlassen. Ein Jahr später begann sich bei ihm eine große Wandlung zu vollziehen. Talmud und Kommentatoren befriedigten ihn nicht mehr, die neuen Tendenzen der Haskala (Aufklärungsperiode) lockten ihn. Mit 18 Jahren erlernte er die russische Landessprache. Er zog nach Odessa in der Hoffnung, sich dort ausbilden zu können und studierte dort eifrig die russische und die deutsche Literatur. In Odessa heiratete Bialik. 1905 gründete er zusammen mit Gutmann und T^awnitzki einen hebräischen Verlag für Schulliteratur „Moria" und fand hier Gelegenheit zu fruchtbarer literarischer Tätigkeit. In den folgenden Jahren erreichte Bialik die Höhe seines dichterischen Schaffens. Seine Gedichte wurden in fast alle Kultursprachen übersetzt Die Kämpfe um den Bolschewismus nach dem Kriege kosteten Bialik fast das Leben. Die Offiziere des weißgardistischen Generals Denikin wollten ihn hinrichten, und nur das plötzliche Auftauchen eines russischen Generals rettete ihn. Aber auch unter bolschewistischer Herrschaft wollte Bialik nicht leben, 1921 gelang es ihm mit vieler Mühe, in das Ausland zu gehen. Er lebte eine Reihe von Jahren in Berlin, wo er seine fruchtbare verlegerische Tätigkeit im Verlag „Dwir" fortsetzte. 1924 übersiedelte er nach Palästina und wählte Tel Aviv zu seinem Wohnsitz. Seine Villa in der nach ihm benannten Straße wurde ein Mittelpunkt des Kulturstrebens der palästinensischen Judenheit. Bialik als Lyriker und Erzähler. Bialik hat der toten hebräischen Sprache ihre Elastizität und Ursprünglichkeit wiedergegeben und wurde der Schöpfer einer neuen Natur- und Lebensdichtung. Er sah das Bet-hamidrasch als die reine Quelle des jüdischen Fühlens und Wollens in der Vergangenheit an, er erhob den „Matmid", den ewig Lernenden, zu der Höhe eines für edle Geistigkeit sich Opfernden, fand! aber auch oft scharte und bittere Worte. So als er seine zornbrennenden Pogrom-Gedichte in die Welt schleuderte. Das Gedicht „Be'ir haharega" (In der Stadt des Würgens) schildert mit monumentaler Plastik den Pogrom und geißelt nicht den Urheber des Pogroms, sondern die untätig Duldenden. Bialik verfiel in der Periode der russischen Pogrome nach 1905 einer starken Resignation; eine Reihe von Gedichten leiht der Verzweiflung schärfsten menschlichen Ausdruck. Zu jener Zeit schrieb er aber auch zwei seiner größten Schöpfungen „Mete midbar" (Die Toten der Wüste) und „Megillat ha'esch" (Die Feuerrolle), die Bialik auf der Höhe seines Stils zeigen. Viel Liebe widmete Bialik auch dem jüdischen V o 1 k s 1 i e d e. Viele Motive des Volksliedes sind bei ihm zu Perlen moderner Dichtung geworden. Viele seiner aus der Zeit nach 1908 herrührenden Gedichte verraten einen ganz neuen Menschen, einen tiefen, suchenden Künstler, der um das Höchste ringt. Bialik ist auch als einer der besten Erzäh- 1 e r der neuen hebräischen Literatur anzusehen. Daneben beschäftigte er sich als Uebersetzer und Kritiker. Die Wiener Totenfeier. Die sterblichen Reste Bialiks wurden am 5. Juli mittags dn die ZcremonienhaUe des Wiener Zentralfriedhofes überführt und dort aufgebahrt. Die Ehrenwache hielten die Wiener jüdischen Akademiker. Am 9. Juli, um 12 Uhr mittags, fand eine von der Wiener Kultusgemeinde veranstaltete Leichenfeier auf dem Friedhof statt Die Totengebete wurden von Oberrabbiner Doktor Feuchtwang und Oberkantor Matyas gesagt, den Chor bildeten die Rabbiner der Wiener Gemeinde. In stummer Ergriffenheit ging die Trauergemeinde hinter dem Sarg, der zuerst auf den Gottesacker, hierauf in den Arkadenhof des Friedhofsgebäudes selbst gebracht wurde. Einige hundert Verehrer des Toten defilierten vor der irdischen Hülle, die schließlich in den Leichenwagen gehoben und zum Südbahnhof geführt wurde, von wo sie in der Nacht über Triest nach Palästina gebracht wurde, um dort, einer testamentarischen Verfügung gemäß, neben Achad flaam beigesetzt zu werden. In Vertretung der „Union" wohnten u. a. die Herren Dr. 'Ornsteo, Dr. Tacho, Prof. Dr. Stern, Dr. Raumann, Dr. Lenk und Paul Schwarzstein der Trauerfeier bei. Sein Haus in Tel-Aviv hat Bialik der Gemeinde vermacht, die es nach dem Tode seiner Frau übernehmen soll. Bialik starb kinderlos. Lion Feuchtwanger — 50 Jahre alt Lion Feuchtwanger wurde am 7. Juli 1884 in München geboren, feierte daher dieser Tage seinen 50. Geburtstag. Sein erstes Werk, dem ein großer Erfolg beschieden war, ist der Roman „J u d S ü ß", sein letztes der Roman „D i e Geschwister Oppenheim". Entrollte jener ein Bild jüdischer Tragik aus der Vergangenheit, so wurde dieser durch das Erlebnis der Judentragödie in Hitler-Deutschland inspiriert. Das Werden dieses Deutschlands hat er in dem Hitler- Roman „Ein Erfolg" geschildert. Als es Gegenwart geworden war, griff Feuchtwanger in das jüdische Altertum zurück und stellte Josefus F1 avius in den Mittelpunkt seines Romans „Der jüdische Krieg". In Wirklichkeit gilt aber fast sein ganzes literarisches Lebenswerk der plastischen Darstellung des jüdischen Krieges von einst und jetzt. Aus dieser Reihe fällt bloß der Tiroler Roman „Die häßliche Herzogin", der beweist, daß Feuchtwanger auch neutrale Stoffe, die nicht den Juden in ihm inspirierten, mit vollendeter Kunst zu gestalten vermag. Um so ehrender ist es für ihn, daß er sich immer wieder zu solchen Stoffen hingezogen fühlt, die jüdische Probleme, besser gesagt: das jüdische Problem in den Lichtkegel seiner dichterischen Intuition rücken. Unser Chefredakteur Oskar Hirschfeld befindet sich auf einem 14tägigen Urlaub. Aus der jüdischen Gelehrtenwelt. Im Londoner Anglc-Palestine-Club fand ein Abend zu Ehren von Dr. Nathan Birnbaum aus Anlaß des 70. Geburtstages des großen jüdischen Philosophen statt Prof. Attilio Momigliano, der einer in Italien hoch angesehenen rabbinischen Familie angehört, wurde zum Professor für italienische Literatur an der Universität in Florenz ernannt. * Jüngst starb in Paris Frau Marie Curie, die Entdeckerin des Radiums. Sie war jüdischer Abstammung. * Der Senat der Universität Lüttich hat dem holländisch-jüdischen Pharmakologen Prof. Dr. L. van 11 a 11 i e, Inhaber der Lehrkanzel für Pharmakologie an der Leydener Staats-Universität das Ehrendoktorat verliehen. * Professor Samoilowitsch, der berühmte russische Arktisforscher. wurde zum FühTer der Arktis-Expedition ernannt die an Bord des Dampfers „Sedov" den mittleren Teil des Kurischen Meeres erforschen will. Die Exkursion verließ Leningrad am 9. Juli. * Prof. Salvatore Ottolenghi, der Begründer der anthropologisch-biologischen Bewegung in der Kriminologie, ist in Rom 73jährig verstorben. Er war seinerzeit Assistent des weltberühmten Kriminologen Oesare Lombroso, der ebenfalls Jude war. Jüdische Wohltätigkeit. Vor einigen Tagen hat der 70jährige Mr. William Edward Meyerstein, ein gewesener Börsensensal, dem Midlessexhospitai in England persönlich 100.000 Pfund Sterling überbracht, die größte Summe, die je ein englisches Hospital von einem Wohltäter erhielt. Meyerstein ist ein intimer Freund und Berater des Herzogs Arthur von Connaught Enkels der Königin Viktoria, dos Protektors des Spitales. Eines der drastischesten Beispiele, wie wenig England die seit Cromwell den Juden gewährte Gastfreundschaft zu bedauern hat. Ein jüdisches Zinsengesetz. Von Chajim Bloch. Die judengegnerische österreichische Presse machte sich in der letzten Zeit wieder die alten Kampfmethoden August Rohlings zu eigen, Zitate aus dem Talmud und dem späteren rabbinischen Schrifttum zu mißdeuten und zu verstümmeln, um sie zu giftgeschwollenen Anklagen zu verwenden. Nun wirft sich die Frage auf: Lohnt es sich, auf diese Fälschungen zu reagieren? Ein bedeutender Wiener Gelehrter brachte mir gegenüber die Meinung zum Ausdrucke, daß man darauf kein Wort entgegnen soll: „Lasse den Betrunkenen, denn er wird schon selbst fallen." (Sabbat, 32a.) Er hält jede Rechtfertigung auf eine antisemitische Anklagefür überflüssig und nicht zweckentsprechend. Andere wieder finden es unrichtig, sich gegenüber diesen Beschuldigungen gleichgültig zu verhalten, es soll vielmehr auf jede Verleumdung, und möge sie noch so töricht sein, entgegnet werden. Ich kann mir nicht helfen, ich gehöre zu den Anhängern der Abwehr. Die letzthin in antisemitischen Blättern gemachten Bemerkungen, daß sich „Juda in Schweigen hüllt", haben mich in dieser meiner Anschauung bestärkt. Im Zusammenhang mit den Beschimpfungen der „Judenbanken", war auch von dem „Gebot" der Juden, die Christen durch Wucher und Bezinsung auszubeuten und an den Bettelstab zu bringen, die Rede. Es ist überaus ergötzlich, wie sich die Herren als „Talmudgelehrte" und „Kenner des Judentums" gebärden. Indessen ist es dem schriftkundigen Juden ein Leichtes, die Spuren zu verfolgen, woher die mißdeuteten, oft verstümmelten Talmudzitate stammen. Vor allem aus dem „Handbuche der Judenfrage" von Theodor Fritsch. ' Dieser verstand zwar kein Wort Hebräisch und holte seine „Texte" aus dem „Zitatenschatz" August Rohlings, der die hebräischen Schriftzeichen wohl kannte, aber ihren Sinn nicht verstand; er schrieb seine Zitate aus Eisenmengers „Entdecktes Judentum" ab. Nun zum eigentlichen Gegenstand. Zunächst eine richtige Uebersetzung der das Zinsengebot betreffenden hebräischen Texte nach Luther: „Wenn dein Bruder verarmt und neben dir abnimmt, so sollst du ihn aufnehmen, als einen Fremdling oder Gast, daß er lebe neben dir. Und du sollst nicht Wucher von ihm nehmen noch Uebersatz. Denn du sollst ihm dein Geld nicht auf Wucher leihen, noch deine Speise auf Uebersatz austun." (3. Mos. 35—38.) Das Verbot wird im 5. Mos. 23. 20—21 wiederholt: „Du sollst von deinem Bruder nicht Wucher nehmen, weder mit Geld noch mit Speise, noch mit allem, damit man wuchern kann. Von dem Fremden magst du Wucher nehmen, aber nicht von deinem Bruder." Wir sehen gleich hier, daß Martin Luther es nicht als ein Gebot aufgefaßt hat, beim „Fremden" Zinsen zu nehmen, sondern als eine freiwillige Handlung. In der Tat dehnten die maßgebendsten Autoren des Talmuds das Zinsenverbot auch . auf den „Fremden" aus. (Vgl. beispielsweise Makkoth 24a; Baba mezia 70a.) Dieser Ansicht begegnen wir noch im Mittelalter, und zwar in einer Stelle Thosophat zu Baba mezia 70b. Die Stelle ist an und für sich interessant, weil ihr Inhalt gewissermaßen auf die gegenwärtige Zeit einen Schimmer wirft. Es heißt dort: Daß man heutzutage das Zinsenverbot gegen Fremde für statthaft hält, geschieht wegen der vielen Abgaben, die wir Regenten und Fürsten leisten müssen, damit sie uns am Leben lassen. Wir weilen unter den Völkern und man versagt uns jeden Erwerb. Wie groß ist die Bitternis, die in dieser Begründung liegt! Die Ansicht Maimonides, daß das Zinsennehmen vom „Fremden" nicht nur erlaubt, sondern auch geboten sei, wird von anderen Lehrern, vor allem von RAbD und RMbN, nicht geteilt und selbst der Schulchan Aruch. der gewöhnlich das letzte entscheidende Wort zu sprechen hat, erklärt: „Nach der Thorah ist das Zinsennehmen bei einem Heiden erlaubt, die Weisen aber verboten es". (Vgl. Jorah Deah 159,1.) Diese grundsätzliche Meinungsverschiedenheit entstand dadurch, weil die Worte: „lanochri taschich", die Maimonides mit „von den Fremden sollst du Zinsen nehmen" übersetzte, bei den anderen, so bei Nachmanides als „von den Fremden magst du Zinsen nehmen" herauskommen. Die „Zinsenfrage" war vor mehr als fünf Jahrzehnten von dem obgedachten Professor August Rohling aufs Tapet gebracht worden, der vor allem statt des Wortes „Nochri" glatt „Christ" oder „Nichtjude" und statt „magst", wie Luther, „sollst" setzte. (Ausgerechnet darin gab er Maimonides recht!) In dem von Rohling gegen Dr. Joseph S. Bloch geführten Verleumdungsprozeß wurde er aber eines Besseren belehrt. Dr. Bloch wies auf eine Stelle bei Rabbi Jizchak Abarbanel (16. Jahrhundert) hin. In seinen Erklärungen zum 5. Buch Mos. befaßt sich dieser berühmte Schriftausleger mit der Zinsenfrage ziemlich gründlich und kommt zum folgenden Ergebnis: „Das Buch Sifri lehrt, daß es ein Gebot sei, den Fremden zu bezinsen, welcher Ansicht Maimonides und R. Levi ben Gerschon gefolgt sind. Allein der Talmud entscheidet, es sei kein Gebot sondern Erlaubnis zur Lebensfristung und alle Gesetzlehrer haben nach dieser Meinung entschieden. Wenn wir nun bekennen, daß das Zinsennehmen an sich häßlich ist, so ist es doch nur erlaubt bei dem Fremden. Fremder ist aber nicht der Nichtjude gemeinhin, sondern diejenigen, die Gott im Himmel fremd sich erweisen, das sind die Abgefallenen und die außerhalb der Religion stehenden. Da die Nachkommen Edoms in der Schrift nicht Fremde, sondern unsere Brüder geheißen werden, ist dieser daher eingeschlossen in dem Verbot den „Bruder" zu bezinsen. In gleicher Weise sind die Israeliten, Mohammedaner und die übrigen Völker uns nicht fremd."