Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 29 (13.7.1934)
- Date
- 1934-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 „Kanaille bleibt Kanaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille." Und Friedrich Nietzsche, der trotz seines bekannten Kampfes gegen den Judenhaß ein Halbgott der deutschen Antisemiten ist, schrieb den Satz, der die moderne Psychologie aufs tiefste beeinflußt hat: „Sollte Wagner ein Semite sein? Jetzt verstehen wir seine Abneigung gegen die Juden." Diese Nietzsche-Einsicht wird von anderen abgewandelt. Keinem Geringerem als dem berühmten Genfer Psychologen Charles Ba udoin „ist es verständlich, daß ein besonders brutaler Antisemitismus bei solchen Individuen bestehen kann, die mehr oder weniger entfernten jüdischen Ursprungs sind oder zu sein fürchten." Andere Mitarbeiter werden noch viel deutlicher und persönlicher. Der französische Schriftsteller Han Ryner aktualisiert Nietzsches Mißtrauen gegen den Judenhasser Wagner so: „Kann Hitler zum Beispiel seine Genealogie weit genug zurückverfolgen, um uns über die „Tugend" aller seiner weiblichen Ahnen befriedigende - 3xh Am zufrieden^ "l jhU JJixe* üfouua. Das sagen alle unsere Kunden. III Ihre Möbel sind geschmackvoll JJ| und zeigen persönlichen III Charakter. III Möbelhaus zum 3)iana=fBad «i //., Gredlerstraße Nr. 10—1 Minute vom Diana- ■! Bad — Fernruf A 48-106 ||| Auskunft zu geben? Kann man überhaupt so tief hassen, wenn der Feind nicht in einem selbst steckt?" Aber nicht nur in der Abwehr sind die Beantworter, die alle oder fast alle Nichtjuden sind, einig, sondern weitergehend auch in der Beschreibung der gesellschaftlichen Funktion des Antisemitismus. Das berühmte alte Wort des österreichischen Sozialdemokraten Engelbert Pernerstorfer, daß der Antisemitismus der „Sozialismus der dummen Kerle" sei, klingt ebenso in den schon historischen Aeußerungen Max Nordaus und Masaryks an, wie in den neuesten Urteilen der hier befragten Soziologens* ~- Am auffallendsten an allen Antworten ist dies: Benn. fraiienlKU&adi Tafzmannsdorii (Burtfenlaiid) j Mineral-, Moor- und natürliche Kohlen' | sänrespradelbäder. Billiger Pensionspreis! 1 inklusive Heilbäder. — Auskünfte und Prospekte: Kur-| Sdirektion oder Kurkommission, Bad Tatzmanns-g "darf, Burgenland, und in allen Fremdenverkehrsbüros.« Zwei rituelle Restaurants. | <•••••...•••••••••••••••••••••••••••••••••••■•■•■•■•••••••••••••••••»* J i daß sie gar nicht mehr versuchen, mit den Behauptungen der Antisemiten zu diskutieren. Der große Rieh et, Professor am Pariser Institut, ist einer der wenigen, der es noch nicht aufgegeben hat. Im allgemeinen macht man gar nicht mehr den Versuch. Man scheint resigniert zu der Ansicht gelangt zu sein, die der belgische Schriftsteller Marcel van Di est so ausdrückt: „Die schwerwiegendsten Argumente haben und die Bestien keine Wirkung. _ Heinz Raabe. Wahre Nächstenliebe. Wie die englisch-evangelische Zeitschrift „English Churchman" mitteilt, hat der Evangelische Weltbund (World's Evangelical Alliance) einen Aufruf an die Christenheit gerichtet, in den Kirchen kollektive Gebete für die Juden zu verrichten. Der vom Bischof von Worcester verfaßte Aufruf wurde von einer Reihe von Kirchenführern unterzeichnet. In dem Aufruf wird u. a. erklärt, es sei heute ein bedauernswertes Wiederaufleben des Antisemitismus festzustellen. Der Schlüssel zur Lösung des Problems liege in der Hand der chrisdichen Kirche, doch habe diese bisher ihre Aufgabe nicht erfüllt. Die Christenheit stehe in der Schuld der Juden, sie verdanke ihnen ihr Schrifttum. Das Alte Testament sei in allen seinen Teilen, das Neue Testament bis auf wenige Abschnitte, ein jüdisches Buch oder vielmehr eine Sammlung jüdischer Bücher. Das Christentum stehe in der Schuld der Juden für die Zeugenschaft, die diese durch alle Zeiten hindurch für das Dasein Gottes und die Wahrheit der Gotteslehre abgelegt hätten. Und wie habe man ihnen diese Schuld gezahlt! mumv Mitglieder und Freunde der „Union" SffiäSSÄSK Sommermonate jeden Mittwoch, ab 7 Uhr abends, im reservierten Teil des 2. Kaffeehauses, Prafer-Hauptallee (Straßenbahn-Haltestelle Hauptallee), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. Iii Storeng SEE FE LD (TIROL) 1200 Meier Einzigartiger Höhenkurort, intensivste Höhensonne, Wintersport, Pension GescbwislerScbeer, im Hotel Hochalm, bekannt erstklassige Verpflegung, mäßige Preise, Fahrpreisermäßigung. Art der Judenverfolgung gemacht hat, klüger geworden. Wozu Lärm und Spektakel, wenn es auch in „Ruhe und Ordnung", wenn es auf kaltem Wege geht. Wir Juden sind eine Minderheit, eine schwache Minderheit in allen Staaten. Die Mehrheit, die ehr äst liehe Mehrheit, bestimmt Politik und Haltung gegenüber den Juden. Jeder Staat hat die Juden, die er verdient. Mögen die verantwortlichen Männer unseres Vaterlandes sich diese Wahrheit vor Augen halten. Internationale Enquete über den Judenhaß. Einigen Priestern, Politikern, Soziologen und Journalisten Amerikas, Afrikas und 14 europäischer Länder wurden die beiden Fragen vorgelegt: Was ist das Wesen des Antisemitismus, welche Stellung nehmen Sie selbst zum Antisemitismus ein? Die Antworten derer, die sich an der Enquete beteiligten, sind eins in der Abwehr einer Geistesverwirrung, die den großen französischen Schriftsteller Georges Duhamel zu dem Bekenntnis treibt: „Ich denke an diese ganze Schande, an dieses ganze Elend. Ich bin unglücklich, ein Mensch zu sein." Der Sammlung dieser zeitgenössischen Aeußerungen, die unter dem Titel „Weltgericht über den Judenhaß" (im Michael Kacha-Verlag Prag) erschienen sind, hat man sehr geschickt charakteristische Bekenntnisse einiger großer Toter vorangestellt, die von den deutschen Antisemiten für sich in Anspruch genommen werden. Der Diktator Bonaparte zum Beispiel schrieb 1808 an den Düsseldorfer GroGrabbiner: „Ich bin nicht froh darüber, daß die jüdischen Gemeinden in meinem Reiche sind, denn durch ihre ethnischen Besonderheiten formen sie einen Fremdkörper im einheitlichen Volkskörper der Nation. Aber ich könnte es mit meiner ganzen Lebensphilosophie nicht vereinbaren, sie wegen ihrer Rasse und Religion zu verfolgen." Der Historiker M o m m s e n, der in den offiziellen Reden der deutschen Antisemiten gewöhnlich als der Mann fungiert, der in den Juden ein „Ferment der Dekomposition" entdeckte, ist hier mit dem unbekannteren, aber sehr kennenswerten Ausspruch vertreten: sehen Papyris, die man in Aegypten entdeckt hat, finden wir Ehegesetze, die eine ganz selbständige Tradition darstellen. Die schriftliche und diese mündliche Lehre gelten beide als göttliche Offenbarung. Und nun ein Fortschritt, den die neue Zeit bedingte. Die neue Zeit hatte neue Verhältnisse geschaffen, neue Lebens- und Rechtszustände erzeugt. Die erforderliche Regelung dieser neuen Gegebenheiten sollte nun durch Anwendung des Schriftwortes auf sie gefunden werden. Alles, was man als vernunftgemäß erkannte und als normativ anerkannte, suchte man auch durch das göttliche Gesetz zu begründen. Die Schriftforschung und Bibelauslegung erstreckten sich sohin bis auf dlas Einzet.iste und Kleinste. Findet sich im Pentateuch ein Gedanke, der auch anders hätte ausgedrückt werden können, ein Satz, der schärfer oder kürzer hätte lauten dürfen, ein Wort, das überflüssig scheint, ein auffallender Buchstabe, ein stilistisches Hüfswort, — das alles, dachte man, kann nicht Zufall, es muß Absicht sein, es muß auf ein neues Gesetz, eine neue Verordnung hindeuten; all das sind bedeutsame Fingerzeige zur Fortentwicklung des Gesetzes und seiner Anwendung auf die neuen praktischen Bedürfnisse. Das auf Esra zurückgehende Streben, die Lehre in allen Schichten des Volkes zu verbreiten, wurde von reichem Erfolg gekrönt Krämer, Schuster, Schneider, Schmiede, Schwimmlehrer, Holzhacker, alles drängte sich in die Lebrhäuser, in denen unablässig das Gotteswort verkündet und erklärt, das schriftliche und mündliche Gesetz gelehrt wurde. Das Volk wurde, wie es das Schriftwort fordert, wirklich „e i n Keich von Priestern und ein heiliges Volk", indem selbst die ursprünglich nur den Priestern vorgeschriebenen kultischen Reinheitsgesetze auch von den Laien befolgt wurden. Das Volk wurde zu einer großen heiligen Bruderschaft, die sich absonderte von der heidnischen Umgebung, absonderte auch von jenen Elementen der eigenen Volksgemeinschaft, die den Anschluß, an diese Umgebung befürworteten oder aus ^Gleichgültigkeit sich dieser Bruderschaft und ihren Satzungen nicht anschlössen. Die Genossen der Bruderschaft führten den Namen „Abgesonderte\ hebräisch Peruschim (gräzisiert: Pharisäer), nach der Auslegung der Gegner wohl in dem spöttischen Sinne „Sonderlinge". Obwohl sie nichts so scharf verpönten als Heuchelei, wurde doch sogar von manchen unter ihnen die fromme Lebensform als scheinheilige Maske mißbraucht, so daß sie selbst scheinheiliges Wesen als pharisäisch bezeichneten, ähnlich wie etwa in den Predigten deutscher Theologen von pfäffischem Wesen die Rede ist. Die Pharisäer betonten die bindende Geltung und verpflichtende Kraft der mündlichen Lehre. Sie haben nach bestimmten Methoden der Schriftdeutung zwischen schriftlicher und mündlicher Lehre eine Harmonie hergestellt. Die mündliche Lehre stieg von Tag zu Tag in der Gunst des nationalen Geistes, weil sie dem Schaffensdrang und dem geistigen Bedürfnis nach neuen Inhalten Spielraum gewährte, neuen Ideen die Piorte weit offen hielt. Sie fand aber heftige Gegnerschaft bei denen, deren Standes- und Familieninteressen dadurch bedroht waren. — beim Priesteradel. Die Sadduzäer und ihre Häupter, der Priesteradel, bestanden auf alleiniger und ausschließlicher Geltung der schriftlichen Thora und deren strengster und wörtHchster Anwendung. Der Grund lag klar zutage. Das biblische Priestergeset'z hat das O b e rpriestertum mit den höchsten Würden ausgezeichnet, mit Purpur und Diadem geschmückt. Der Tod des Hohenpriesters begründete eine neue. Epoche, brachte dem Flüchtling in einer der Zuiluchtsstädte Amnestie. Dem erblichen Priestertum war die religiöse Leitung des Volkes und das Lehramt übertragen. Es hatte, wie die Schrift (Lev. 10, 11) sagt, „zu unterscheiden zwischen rein und unrein, zwischen Geweihtem und Ungeweihtem, zu unterweisen die Kinder Israels in allen Satzungen, die Gott durch Mose angeordnet (Maleachi 2. 6, 7)". Zudem war der Priester auch der oberste Richter, an den allein man in allen zweifelhaften Fällen appellierte (Deut 17, 19). Nach der Entwicklung aber, die das religiöse Leben nunmehr genommen hatte, war die Auirechterhaltung und Ausübung vieler dieser Privilegien unmöglich geworden. Die Kenntnis der Religion und des Gesetzes, die angestrengte Geistesarbeit, emsiges Studium erforderte, stand allen Laien frei. Die Schrittgelehrsamkeit der Laien wurde normgebend, der Priester hörte bald auf, Führer und Lehrer zu sein, und sank zum Funktionär des Tempels herab. Daher der grimmige, unversöhnliche Haß des sadduzäischen Priesteradels gegen das mündliche Gesetz, dessen Träger und Lehrer ojt aus den untersten Schichten des Volkes emporgestiegen waren und unter denen beinahe jedes gangbare Handwerk sich vertreten fand. Die Geschichtsquellen berichten über blutige Kämpfe zwischen Sadduzäern und Pharisäern, zwischen den Anhängern der ausschließlichen Geltung der schriftlichen Lehre und den Verteidigern der Mitherrschaft des mündlichen Gesetzes: es war ein Kampf um Stammes- und Standesvorrechte. Der Talmud ist somit ein Werk demokratischen Geistes. Er ist nichts weniger als priesterfreundlich, er ist, im Jargon moderner Politik gesprochen, geradezu „antiklerikal". Und diese Tendenz äußert sich drastisch in verschiedenen Lehrsätzen des Talmuds, z. JB.: „Ein gelehrter Bastard steht höher als ein unwissender Hohenpriester" oder: „Einen Priester soll man nie mit weltlicher Macht bekleide n". Will man sich ein objektives Urteil über das Wirken der Pharisäer bilden, so ist es zweckdienlich, auf einen merkwürdigen Satz im Neuen Testament hinzuweisen. Die Autoren des Neuen Testamentes waren ja gleichfalls heftige Gegner der Pharisäer. Dennoch wird (Matthäi XXIII. 2) vom Stifter des Christentums berichtet, er habe dem Volke und seinen Jüngern ausdrücklich anbefohlen: .Auf Moses Stuhl sitzen die Schrittgelehrten und Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, daß ihr halten sollt, das haltet und tuet!" Es ist endlich an der Zeit, den herkömmlichen Begriff von den Pharisäern einer gründlichen Berichtigung zu unterziehen.__ (Fortsetzung folgt.>