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Die Wahrheit · 1934-07-13 · Heft 29 (13.7.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 29 (13.7.1934)
Date
1934-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nur für die deutsche Währung scheint es keine Erholungsmöglichkeit mehr zu geben. Noch rollt die Mark und bringt in Oesterreich nach wie yor Papierböller zur Entzündung. Aber ihre Golddeckung ist futsch. Durch einen unergründlichen Schacht ist sie unaufhaltsam in jene Tiefen verschwunden, in denen seit undenklichen Zeiten schon der Nibelungenhort ruht. Und auf die bange Sorge der entjudeten deutschen Finanzpolitik, wie man der Mark aus dem Wasser helfen könnte, antwortet aus den Fluten des Rheins bloß ein neckisches „Wigalaweia!" Schon der Königin Kriemhild hat die Ver- Der aus Gründen des Inkrafttretens einer Reihe von Bestimmungen der neuen Verfassung notwendig gewordenen personeilen Veränderung des österreichischen Bundesministeriums hat Bundeskanzler Dr. Dollf uß in einer Weise entsprochen, die als eine Festigung seiner Regierung gedeutet werden muß. So wird die Ernennung des durch seine zielbewußte Energie bekannten Theresienritters Emil Fey zum Generalstaatskommissär. für außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen zur Bekämpfung staatsfeindlicher Bestrebungen bei der Bevölkerung, die schon längst den rücksichtslosesten Kampf gegen die nationalsozialistischen Hehler, das sind christliche Konsumenten, die in jüdischen Geschäften Einkäufe machen. So zu lesen in der letzten Nummer des „Wiener Montagblatt", des allwöchentlichen antisemitischen Ablegers der halboffiziösen „Reichspost". Die naiven, unschuldsvollen christlichen Mitbürger müssen davor gewarnt und behütet werden, sich eines Verbrechens mitschuldig zu machen. Und das tun sie, wenn sie sich von billigeren Einkaufspreisen jüdischer Geschäfte verleiten lassen, dort ihre Einkäufe zu besorgen. Denn diese Träger „blumenreicher Namen, wie Mandelblüh und Rosenzweig" haben die von ihnen feilgebotenen Waren „erschwindelt, weil sie dafür nicht mit Geld, sondern mit einer Freiheitsstrafe zahlten. Für fahrlässige Krida. Es war unrechtmäßig erworbene Ware". Und die christlichen Einkäufer sind eben mitschuldig, „wenn so durch orientalische Praktiken die heimische Wirtschaft zugrundegerichtet wird". Mitschuldig als Hehler an dem Diebstahl, den der jüdische Kaufmann begeht, um billiger sein zu können. Das sind nicht Zitate aus dem „Völkischen Beobachter" des deutschen Naziquickung von Rachepolitik mit dem Plan, in den Besitz des versenkten Nibelungenschatzes zu gelangen, übel angeschlagen. In ihrem blinden Hasse gegen Hagen hat sie mit diesem den letzten Wisser um das Geheimnis des Hortes erschlagen. So hat auch Hitlers blinder Rassenhaß das Deutsche Reich seiner besten Berater und Helfer auf allen Gebieten beraubt. Uraltes Schicksal erhält neuen Sinn, sagenhaftes Geschehnis grauester Vorzeit wird lebendige Gegenwart: Statt roten Goldes bedeckt rotes Blut die Wege der deutschen Politik. Freude wandelt sich in bitteres Leid — „das ist der Nibelungen Not" ... Dr. H. Sp. Terrorakte ersehnt, mit Genugtuung begrüßt werden. Eine innere Stärkung der Regierung bedeutet ohne Zweifel die Heranziehung des dem Landbunde entstammenden österreichischen Gesandten in Berlin Ing. Stephan Tauschitz, der zum Staatssekretär für Aeußeres ernannt wurde. Die neue Regierung, an deren Spitze Bundeskanzler Dr. D o 11 f u ß und Vizekanzler Starhemberg verbleiben, darf in ihrem Kampfe für Oesterreichs Freiheit und gegen die Mordseuche des Hakenkreuzes der Unterstützung aller wirtschaftlich produktiven Bevölkerungsschichten sicher sein. reiches, sondern aus einer gut chiristlichsozialen, in Oesterreich, in Wien erscheinenden Zeitung. Es genügt den Herrschaften nicht, antisemitische „Wegweiser durch die christliche Geschäftswelt" in Massen zu verbreiten, es genügt ihnen nicht, den Ruf „Kauft nur bei Christen, bevorzugt das christlich-deutsche Gewerbe" in allen möglichen Lesarten zu variieren, cäiT"^ Semmering sie meinen, die Zeit sei schon reif, um mit derberen Mitteln die „bodenständige" Bevölkerung gegen die Juden zu haranguieren. Haben die Herrschaften ein gar so gutes Gewissen, lesen sie ausschließlich „blumenreiche" Namen in der Insolvenzenrubrik der amtlichen „Wiener Zeitung" und in den Gerichtssaalberichten? Wir wissen, daß es auch Sünder unter uns Juden gibt und wir wünschten über die Mittel zu verfügen, um diese Schädlinge iÄPäÄSTiDINI IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang an der Wirtschaft und Allgemesnheit ausmerzen zu können, doch nur, wer sich frei von Schuld fühlt, sollte einen Stein, gegen andere" werfen. Doch wozu sich in sachliche Diskussionen einlassen? Diesen Leuten handelt es sich ja nicht darum, einzelne jüdische Schädlinge namhaft zu machen und gebührend zu brandmarken, sondern um Pauschalverdächtigungen gegen die Gesamtheit der jüdischen Kaufmannschaft. Wir könnten uns eigentlich über, derlei giftige Angriffe hinwegsetzen, da wir ja wissen, daß nicht einmal im Nazi-Reich trotz Drohung und Gewalt der christliche Konsument dahin gebracht werden konnte, seihen jüdischen Lieferanten, der ihn bisher solid und preiswert bedient hat, zu meiden, . . . wir könnten uns darüber hinwegsetzen, wenn sich nicht auch hier das System, ein Teil des konzentrischen Runs gegen alle sogenannten jüdischen Positionen im Wirtschaftsleben offenbaren würde. Das Rezept des Ministers Czermak und Genossen, die Juden Oesterreichs auf allen Gebieten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens in die „ihnen gebühreraden Grenzen" zurückzuweisen, scheint getreulich befolgt werden zu sollen. Die jüdischen Aerzte und Medizinstudenten in Oesterreich können bereits ein gar trauriges Lied davon singen. Nicht besser ergeht es den jüdischen Bank-, Industrie- und Handelsangestellten Die ohnehin relativ und absolut geringe Zahl von Juden in öffentlichen Diensten, in Staat und Gemeinden, vermag sich gleichfalls nicht mehr zu halten, sie sind aufs Aussterbe-Etat gesetzt, soferne ihnen nicht gar prompt der Stuhl vor die Amtstüre gesetzt wird. Die Masse der von der Dissimilationspolitik getroffenen jüdischen Staatsbürger, von ihren Stellen und Posten geworfenen Juden steigt in den letzten Monaten von Woche zu Woche, von Tag zu Tag. Oh, wir sind ein Kulturstaat, beleihe kein Nazi-Staat. Bei uns wird, wie dieser Tage ein Minister verkündete, ein rabiater Radau- Antisemitismus nicht praktiziert. Ein derartiger. Antisemitismus bringe, wie er meinte, nur Scheinerfolge, lasse das Wesen des Problems unberührt und ungelöst. Uebrigens hat man ja auch einiges zugelernt und ist durch die traurigen Erfahrungen, die die Nazi-Regierung mit ihrer Festigung der Regierung Doli fuß. Hehler. Peuitleton Der Talmud. Nach einem Urania-Vortrage von Dr. Max G ru n w a 1 d. Mit Bezugnahme auf den „Offenen Brief" in unserer letzten Nummer, wurde aus unserem Leserkreise der Wunsch laut, über das wahre Wesen des Talmuds Näheres zu erfahren. Wir hoffen, durch den Abdruck des folgenden Vortrages diesen Wunsch zu erfüllen. Die Redaktion. An der Erhaltung des jüdischen Volksstammes während zweier Jahrtausende beispielloser Qolusleiden, in denen alle Gewalten dieser Erde zu seiner Ausrottung sich verschworen, wie an dem staunenswerten Oleichmut, mit dem der Jude, umbrandet von den Fluten des Völkerhasses, nicht nur alle Erniedrigungen und Entehrungen durch grauenhafte Gesetze, sondern auch die wildesten Ausbrüche des Fanatismus zur Tierheit entarteter Pöbelmassen geduldig ertrug, ohne der Verzweiflung und dem Lebensüberdruß anheimzufallen, an diesem Wunder der Geschichte hatte wohl der Talmud einen wesentlichen Anteil. Aus diesem Buche strömten dem tausendfach Gequälten und Mißhandelten Trost, Ermunterung und Erhebung zu. vor allem in verschwenderischer Fülle jene geistigen Energien, die ihm den unverwüstlichen Lebensmut bewahrten. Das Land der Väter hatte aller Todesmut seiner Helden vor der erdrückenden Uebermacht römischer Legionen nicht zu retten vermocht Da schuf sich der Volksgenius in dem ererbten Schrifttum eine neue Art Heimat, ein intellektuelles Vaterland. Das war freilich kein voller Ersatz. Allein es hauchte den kommenden Generationen jene wunderbare Seele ein, die sich in allen Nöten noch immer stärker erwies als das härteste Geschick. Diese Entwicklung war aber schon frühzeitig vorbereitet worden. Bei der Offenbarung am Sinai hatte Gott mit Israel einen „Bund" geschlossen, von dem es wörtlich (3. B., M. 19, 5) heißt: „Ihr sollt meinen Bund hüten, daß Ihr mein Eigentum seid vor allen Völkern." Oder: „Ihr sollt mir ein priesterliches Reich sein, ein heilig Volk." Israel ist Gottes Eigentum, das ist der Sinn, das der Gedanke der „Auserwähltheit"; darum seine sittliche Verpflichtung zur Heiligkeit. „Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin ich. Euer Gott" (3. B., M.30, 2). Gott ist der Inbegriff der sittlichen Idee und hat Israel als sein Eigentum erkoren, um die sittliche Idee im Leben zu verwirklichen, durch die Ausführung des Gesetzes. Als Esra um die Mitte des 5. Jahrhunderts mit den Exulanten nach Judaa kam. ging er mit Entschiedenheit daran, Kenntnis der Lehre Moses im Volke zu verbreiten und sie als religiöse Praxis durchzusetzen. Er schuf die bis dahin dem Altertum ganz fremde Einrichtung eines allgemeinen Bethauses zugleich als Stätte öffentlicher Belehrung, — die älteste menschliche Institution, die sich ununterbrochen bis auf die Gegenwart erhalten hat —, das Vorbild der Kirche und Moschee: die Synagoge. Aus dem Vorrecht der Priester und Leviten, das Gotteswort zu lehren, machte Esra eine gemeinsame Pflicht des ganzen Volkes. Nach dem Abschlüsse des Kanons kam die Zeit der Sopherim, jener Gelehrten, durch die gewisse religiöse Ideen, wie der Glaube an Unsterblichkeit, die Lehre von der Wiederauferstehung, die messianischen Hoffnungen, eine bestimmte Gestalt erhielten. Aber nicht hierin, nicht in der exakten Formulierung abstrakter Ideen und Glaubenssätze lag die eigentliche Bedeutung dieser Zeit, ihrer Einstellung und Leistung. Der kühle klare Gedanke, die blutleere Theorie, das geprägte Wort reichten nicht hin, als Zeichen einer Lebensgemeinschaft mit gleichem Ziel, eines .Gottesvolkes zu dienen. Sondern alles, was in den Geistern flutete, das sollte als Tat zutage treten. Einen Zwang, so und nicht anders zu denken; kannte man nicht, sondern nur die Pflicht: so und nicht anders zu handeln. Em Handeln, gewertet nach der Liebe, die ihm innewohnt. Religion und Moral sollen nicht bloße theoretische Lehrsätze sein, die in der Luft schweben, sondern reale Lebensinhalte, die in zahlreichen Institutionen ausgeprägt und so, über und durch das gesamte Leben verzweigt, zur greifbaren Wirklichkeit werden. Die sittliche Idee sollte nicht „reines Denken" bleiben, sondern im Werden der Dinge, in den Umgestaltungen der materiellen Welt sich auswirken. Den Menschengeist befriedigt nicht das reine Denken, ebensowenig die Seele, die nach Leben dürstet, der abstrakte Glaubenssatz; eine Vereinigung wollte man herbeiführen zwischen der Welt der Ideen und der des realen Tuns. Weiter ging man zunächst nicht. Für das Gesetz Gründe zu suchen, lag abseits von der herrschenden Geistesrichtung. Nur wie das Leben sich nach dem Gesetz normiere, wie das Gesetz ausgeführt werde, das war der zentrale Zielpunkt der Lehrer wie der Lernenden. Das Gesetz Gottes soll das Leben sein, so fordert es die Lehre Moses (Lev. 18, 5, Deut. 30, 15—20). Das ganze Leben mußte sich dem Gesetze gemäß gestalten; staatlich und gesellschaftlich, in Gesetzgebung, Justiz, Administration und Gemeindeleben, ja bis in alle Einzelheiten des Privatlebens mußte dem heiligen Gesetz zu entsprechen gesucht werden. Eine Handhabe hierzu bot das ungeschriebene Gesetz, das von altersher im Volke lebte und schon vom Pentateuch vorausgesetzt wird. Er' gibt Gesetze ohne Anweisung über die Technik ihrer Ausführung, so für die Mesusa, das Schächten beim Opfern usw. Und blicken wir über den Pentateuch hinaus in die übrigen Bücher der Propheten, so begegnen uns hier und da schon Spuren einer religiösen Praxis, von der der Pentateuch nichts meldet Der Prophet Arnos spricht von einem Verbot am Sabbath Handel zu tre&en. Jeremia von einem anderen, am Sabbath Lasten zu tragen. Beides suchen wir im Pentateuch vergebens. Neben der schriftlichen Lehre ging somit eine mündliche Ueberlieferung einher. Für das Vorhandensein dieser Tradition haben wir heute noch andere historische Belege. In den jüdt-

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